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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
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Über die französische Blihne. 189

nissen, die man gewöhnlich einer kleinlichen Beharrlichkeit, wo nichtgar den schmutzigsten Lastern verdankt, im Gcldbesitz, ihre letztenGründe findet.

Wenn man diese neue Aristokratie genau betrachtet, gewahrtman dennoch Analogien zwischen ihr und der früheren Aristokratie,wie sie nämlich kurz vor ihrem Absterben sich zeigte. Der GeburtS-Vorzug stützte sich damals ans Papier, womit man die Zahl derAhne», nicht ihre Bortresflichkcit, bewies. Es war eine Art GebnrtS-Papiergeld und gab den Adligen unter Ludwig XV. und Ludwig XV>.ihren sanktionierten Wert, und klassifizierte sie nach verschiedenenGraden des Ansehens, in derselben Weise, wie das heutige Handels-Papiergeld den Industriellen unter Ludwig Philipp ihre Geltung giebtund ihren Rang bestimmt. Die Beurteilung der Würde und die Ab-messung deS Grades, wozu die papiernen Urkunden berechtigen, über-nimmt hier die Handelsbvrse, und zeigt dabei dieselbe Gewissenhaftig-keit, womit einst der geschworene Heraldiker im vorigen Jahrhundertdie Diplome untersuchte, womit der Adlige seine Vorzüglichkcit doku-mentierte. Diese Geldaristokraten, obgleich sie, wie die ehemaligenGeburtsaristvkratcn, eine Hierarchie bilden, wo immer einer sich besserdünkt als der andere, habe» dennoch schon einen gewissen kFprit äseorps, sie halten in bedrängten Fällen solidarisch zusammen, bringenOpfer, wenn die Korpvrationsehre ans dem Spiele steht, und, wieich höre, errichten sie sogar Unterstütznngsstifte für heruntergekommeneStandcSgcnvsscn.

Ich bin heute bitter, teurer Freund, und verkenne selbst jenenGeist der Wohlthätigkeit, den der neue Adel, mehr als der alte, anden Tag giebt. Ich sage: an den Tag giebt, denn diese Wohlthätig-keit ist nicht lichtscheu und zeigt sich am liebsten im hellen Sonnen-schein. Diese Wohlthätigkeit ist bei dem heutigeil Geldadel, was beidem ehemaligen Geburtsadcl die Herablassung war, eine löblicheTugend, deren Ausübung dennoch unsere Gefühle verletzte und unsmanchmal wie eine raffinierte Insolenz vorkam. O, ich hasse dieMillionäre der Wohlthätigkeit noch weit mehr, als den reichen Geiz-hals, der seine Schätze mit ängstlicher Sorge unter Schloß und Riegelverborgen hält. Er beleidigt uns w.miger, als der Wohlthätigc,welcher seinen Reichtum, den er durch Ausbeutung unserer Bedürf-nisse und Nöten nnS abgewonnen hat, öffentlich zur Schau stellt unduns davon einige Heller als Almosen zuwirft.

Fünfter Brief.

Mein Nachbar, der alte Grenadier, sitzt heute nachsinnend vorseiner HauSthür; manchmal beginnt er eins seiner alten bvnapartisti-schcn Lieder, doch die Stimme versagt ihm vor innerer Bewegung;