188 Französische Zustünde. II.
die Preßfreiheit benutzt, um alle hervorragende Grüße durch Spötteleioder Verleumdung niederzudrücken und alle Begeisterung für Persöulichkeiten von Grund aus zu vernichten. Diese VerlästernngSlustwird nun aber noch ganz außerordentlich unterstützt durch das so-genannte repräsentative Verfassnngswesen, durch jenes System vonFiktionen, welches die Sache der Freiheit mehr vertagt als befördert,und keine große Persönlichkeiten auskommen läßt, weder im Volkenoch auf dem Throne. Denn diese? System, diese Verhöhnung wahrerVertretung der Nationalintcrcssc», dieses Geniische von kleinen WahlUmtrieben, Mißtranen, Keifsucht, öffentlicher Insolenz, geheimer Feil-heit und offizieller Lüge, demoralisiert die Könige ebenso sehr, wiedie Völker. Hier müssen die Könige Komödie spielen, ein nichts-sagendes Geschwätz mit noch weniger sagenden Gemeinpläpcn beanlWorten, ihren Feinden huldreich lächeln, ihre Freunde aufopfern,immer indirekt handeln, und durch ewige Selbstverleugnung allefreien, großmütigen und thatlnstigen Regungen eines königlichenHeldensinns in ihrer Brust ertöten. Eine solche Vcrklcinlichnng allerGröße und radikale Vernichtung des Heroismus verdankt man aberganz besonders jener Bourgeoisie, jenem Bürgerstand, der durch denSturz der Geburtsaristokratie hier in Frankreich zur Herrschaft ge-langte und seinen engen nüchternen Krämergesinnungen i» jederSphäre des Lebens den Sieg verschafft. Es wird nicht lange dauern,und alle heroischen Gedanken und Gefühle müssen hierzulande, wonicht ganz erlöschen, doch wenigstens lächerlich werden. Ich willbeileibe nicht das alte Regiment adliger Bevorrechtnng zurückwünschen;denn es war nichts als iibcrfirnißte Fäulnis, eine geschmückte undparfümierte Leiche, die man ruhig ins Grab senken oder gewaltsamin die Gruft hineintreten mußte, im Fall sie ihr trostloses Scheinleben fortsetzen und sich stränbsam gegen die Bestattung wehren wollte.Aber das neue Regiment, das an die Stelle des alten getreten, istnoch viel fataler; und noch weit unleidlicher anwidern muß unsdiese nngefirnißte Rohheit, dieses Leben ohne Wohldnft, diese betriebsame Geldrittcrschaft, diese Nationalgarde, diese bewaffnete Furcht,die dich mit dem intelligenten Bajonette niederstößt, wenn du etwabehauptest, daß die Leitung der Welt nicht dem kleinen Zahlensinn,nicht dein hochbesteuerten Rechentalente gebührt, sondern dem Genie,der Schönheit, der Liebe und der Kraft.
Die Männer des Gedankens, die im achtzehnten Jahrhundertdie Revolution so unermüdlich vorbereitet, sie würden erröten, wennsie sähen, wie der Eigennutz seine kläglichen Hütten baut an dieStelle der niedergebrochcnen Paläste, und wie ans diesen Hütten eineneue Aristokratie hcrvorwuchcrt, die, noch unerfreulicher als die ältere,nicht einmal durch eine Idee, durch den ideale» Glauben an fortgezeugte Tugend sich zu rechtfertigen sucht, sondern nur in Erwerb-