Über die französische Böhne. 187
größere Vollkommenheit verleihen, wenn man sagte: das deutsche Volkgleicht einem Zopf von dreißig Millionen zusammengeflochtenen Haaren,welcher in einem großen Milchtopfe seelenruhig herumschwimmt. DieHälfte des Bildes könnte ich beibehalten und das französische Lebenmit einem Milchtvpfc vergleichen, worin tausend und abertausendFliegen hineingestürzt sind, und die einen sich ans den Rücken derandern emporzuschwingen suchen, am Ende aber doch alle zu Grundegehen, mit Ausnahme einiger wenigen, die sich durch Zufall oderKlugheit bis an den Rand des Topfes zu rudern gewußt, und dortim Trockene», aber mit nasse» Flügel», herumkriechen.
Ich habe Ihnen über den socialen Zustand der Franzosen, ausbesonderen Gründen, nur wenige Andeutungen geben wollen: wiesich aber die Verwickelung lösen wird, das vermag kein Mensch zuerraten. Vielleicht naht Frankreich einer schrecklichen Katastrophe.Diejenigen, welche eine Revolution anfangen, sind gewöhnlich ihreOpfer, und solches Schicksal trifft vielleicht Völker ebenso gut, wieIndividuen. Das französische Volk, welches die große RevolutionEuropas begonnen, geht vielleicht zu Grunde, während nachfolgendeVölker die Früchte seines Beginnens ernten.
Aber hoffentlich irre ich mich. Das französische Volk ist dieKatze, welche, sie falle auch von der gefährlichsten Höhe herab, dennochnie den Hals bricht, sondern unten gleich wieder auf den Beinen steht.
Eigentlich, liebster Lewald, weiß ich nicht, ob es nnturhistvrischrichtig ist, daß die Katzen immer auf die vier Pfoten fallen und sichdaher nie beschädigen, wie ich als kleiner Junge einst gehört hatte.Ich wollte damals gleich das Experiment anstellen, stieg mit unsererKatze aufS Dach und warf sie von dieser Höhe in die Straße hinab.Zufällig aber ritt eben ein Kosak an unserem Hause vorbei, die armeKatze fiel just auf die Spitze seiner Lanze, und er ritt lustig mit demgespießten Tiere von daunen. — Wenn es nun wirklich wahr ist,daß Katze» immer unbeschädigt auf die Beine fallen, so müssen sie sichdoch in solchem Falle vor den Lanzen der Kosaken in acht nehmen . . .
Ich habe in meinen vorigen Briefen ausgesprochen, daß es nichtder Politische Znstand ist, wodurch daS Lustspiel in Frankreich mehrals in Deutschland gefördert wird. Dasselbe ist auch der Fall in betreffder Tragödie. Ja, ich wage zu behaupten, daß der politische ZustandFrankreichs dem Gedeihen der französischen Tragödie sogar nachteiligist. Der Tragödiendichter bedarf eines Glaubens au Heldentum, derganz unmöglich ist in einem Lande, wo die Prcßfrciheit, repräsentativeVerfassung und Bourgeoisie herrschen. Denn die Prcßfrciheit, indemsie täglich mit ihren frechsten Lichtern die Menschlichkeit eines Heldenbeleuchtet, raubt seinem Haupte jenen wohlthätigen Nimbus, der ihmdie blinde Verehrung des Volkes und des Poeten sichert. Ich willgar nicht einmal erwähnen, daß der Nepublikanismus in Frankreich