186 Französische Zustünde. H,
samkeit, welche wir Sentimentalität nennen. Sentimentalität ist dieVerzweiflung der Materie, die sich selber nicht genügt und nach etwasBesserem ins unbestimmte Gefühl hinausschwärmt. — Und in derThat, ich habe gefunden, daß es eben die sentimentalen Autorenwaren, die zu Hause, oder wenn ihnen der Wein die Zunge gelösthatte, in den derbsten Zoten ihren Materialismus auskramten. Dersentimentale Ton, besonders wenn er mit patriotischen, sittlich religiösenBettelgedanken verbrämt ist, gilt aber bei dem großen Publikum alsdas Kennzeichen einer schönen Seele!
Frankreich ist das Land des Materialismus, er bekundet sich inallen Erscheinungen des hiesigen Lebens. Manche begabte Geisterversuchen zwar seine Wurzel auszugraben, aber diese Versuche bringennoch größere Mißlichkeiten hervor. In den aufgelockerten Bodenfallen die Samenkörner jener spiritualistischen Irrlehren, deren Giftden socialen Zustand Frankreichs aufs unheilsamste verschlimmert.
Täglich steigert sich meine Angst über die Krisen, die diesersociale Zustand Frankreichs hervorbringen kann; wenn die Franzosennur im mindesten an die Zukunft dächten, könnten sie auch keinenAugenblick mit Ruhe ihres Daseins froh werden, lind wirklich freuensie sich dessen nie mit Ruhe. Sie sitzen nicht gemächlich am Bankettedes Lebens, sondern sie verschlucken dort eilig die holden Gerichte,stürzen den süßen Trank hastig in den Schlund, und können sichdem Genüsse nie mit Wohlbehagen hingeben. Sie mahnen mich anden alten Holzschnitt in unserer Hansbibel, wo die Kinder Israelvor dem AuSzug aus Ägypten das Passahfest begehen, und stehend,reisegerüstet und den Wanderstab in den Händen, ihren Lämmerbrateuverzehren. Werden uns in Deutschland die Lcbenswonnen auch vielspärlicher zugeteilt, so ist es uns doch vergönnt, sie mit behaglichsterRuhe zu genießen. Unsere Tage gleiten sanft dahin, wie ein Haar,welches man durch die Milch zieht.
Liebster Lewald, der letzte Vergleich ist nicht von mir, sondernvon einem Rabbinen; ich las ihn unlängst in einer Blnmenleserabbinischer Poesie, wo der Dichter das Leben des Gerechten miteinem Haare vergleicht, welches man durch die Milch zieht. Anfangskotzte ich ein bißchen über dieses Bild, denn nichts wirkt erbrcchlicherauf meinen Magen, als wenn ich des Morgens meinen Kaffee trinkeund ein Haar in der Milch finde. Nun gar ein langes Haar, welchessich sanft hindurchziehen läßt, wie das Leben des Gerechten! AberdaS ist eine Idiosynkrasie von mir; ich will mich durchaus an dasBild gewöhnen, und werde es bei jeder Gelegenheit anwenden. EinSchriftsteller darf sich nicht seiner Subjektivität ganz überlassen, er mußalles schreiben können, und sollte es ihm noch so übel dabei werden.
Das Leben eines Deutschen gleicht eineni Haar, welches durchdie Milch gezogen wird. Ja, man könnte der Vergleichnng noch