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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
Seite
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Über die französische Bahne, 185

unter auch grollend, aber immer lieblich, schön und wahr , . , „Werist das?" flüsterte ich leise, lind sie antwortete: „Es ist mein Bruder,welcher die Geige spielt." Aber bald schwieg draußen die Geige, undstatt ihrer vernahmen wir einer Flöte schmelzend verhallende Töne,und die klangen so bittend, so flehend, so verblutend, und es warenso geheimnisvolle Klagelaute, daß sie einem die Seele mit wahn-sinnigem Grauen erfüllten, daß man an die schauerlichsten Dingedenken mnßtc, an Leben ohne Liebe, an Tod ohne Auferstehung, anThräncn, die man nicht weinen kann . . . „Wer ist das?" flüsterte ichleise. Und sie antwortete: „ES ist mein Mann, welcher die Flöte blast."

Teurer Freund, schlimmer noch als daS Träumen ist das Erwachen.

Wie glücklich sind doch die Franzosen! Sie träumen gar nicht.Ich habe mich genau danach erkundigt, und dieser Umstand erklärtauch, warum sie mit wacher Sicherheit ihr Tagesgcschäst verrichten,und sich nicht auf unklare, dämmernde Gedanken und Gefühle ein-lassen, in der Kunst wie im Leben, In den Tragödien unserer großendeutschen Dichter spielt der Traum eine große Nolle, wovon französischeTraucrspieldlchler nicht die geringste Ahnung haben. Ahnungeil habensie überhaupt nicht. Was der Art in neueren französischen Dichtungenzum Borschcin kommt, ist weder dem Naturell des Dichters noch desPublikums angemessen, ist nur den Deutscheu nachempfunden, ja amEnde vielleicht nur armselig abgestohlen. Denn die Franzosen be-gehen nicht bloß Gedankenplagiatc, sie entwenden uns nicht bloßpoetische Figuren und Bilder, Ideen nnd Ansichten, sondern sie stehlenunS auch Empfindungen, Stimmungen, Sceleuzustände, sie begehenGesühlSplagiatc. Dieses gewahrt man namentlich, wenn einige vonihnen die Gemütsfaselcicu der katholisch-romantischen Schule aus derSchlegclzeit jetzt nachheuchelu.

Mit wenigen Ausnahmen können alle Franzosen ihre Erziehungnicht verleugnen; sie sind mehr oder weniger Materialisten, je nachdemsie mehr oder weniger jene französische Erziehung genossen, die einProdukt der materialistischen Philosophie ist. Daher ist ihren Dichterndie Naivetät, das Gemüt, die Erkenntnis durch Anschauungen unddas Aufgehen im angeschauten Gegenstände versagt. Sie haheu nurReflexion, Passion nnd Sentimentalität.

In, ich möchte hier zu gleicher Zeit eine Andeutung aussprechen,die zur Beurteilung mancher deutschen Autoren nützlich wäre: DieSentimentalität ist ein Produkt deS Materialismus. Der Materialistträgt nämlich in der Seele daS dämmernde Bewußtsein, daß dennochin der Welt nicht alles Materie ist; wenn ihm sein kurzer Verstanddie Materialität aller Dinge noch so bündig demonstriert, so sträubtsich doch dagegen sein Gefühl; es beschleußt ihn zuweilen das geheimeBedürfnis, in den Dingen auch etwas llrgeistiges anzuerkennen; unddieses unklare Sehnen und Bedürfen erzeugt jene unklare Empfind-