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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
Seite
183
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Über die französische Bühne. 183

ist es unmöglich, sich von dieser französischen Leidenschaft eine Vor-stellung zu machen. Wir sehen ihre Handlungen, wir hören ihreWorte, aber diese Handlungen und Worte setzen uns zwar in Ver-wnndernng, erregen in uns vielleicht eine ferne Ahnung, aber nimmer-mehr geben sie unS eine bestimmte Kenntnis der Gefühle, denen sieentsprossen. Wer wissen will, was Brennen ist, muß die Hand insFeuer halten; der Anblick eines Gebraunten ist nicht hinreichend,und am ungenügendsten ist es, wenn wir über die Natur der Flammenur durch Höreusagen oder Bücher unterrichtet werden. Leute, dieam Nordpol der Gesellschaft leben, haben keinen Begriff davon, wieleicht in dem heißen Klima der französischen Sozietät die Herzen sichentzünden, oder gar während den Juliustagcn die Köpfe von dentollsten Sonnenstichen erhitzt sind. Hören wir, wie sie dort schreien,und sehen wir, wie sie Gesichter schneiden, wenn dergleichen Glittenihnen Hirn und Herz versengen, so sind wir Deutschen schier verwundertund schütteln die Köpfe, und erklären allcS für Unnatur oder Wahnsinn.

Wie wir Deutsche in den Werken französischer Dichter den unauf-hörlichen Sturm und Drang der Passion nicht begreifen können, sounbegreiflich ist den Franzosen die stille Heimlichkeit, das ahnungS-und erinnerungssüchtige Traumleben, das selbst in den leidenschaftlichbewegtesten Dichtungen der Deutschen beständig hervortritt. Menschen,die nur an den Tag denken, nur dem Tage die höchste Geltung zuerkennen und ihn daher auch mit der erstaunlichsten Sicherheit hand-haben, diese begreifen nicht die Gefühlsweise eines Volkes, das nurein Gestern nnd ein Mvrgen, aber kein Heute hat, das sich der Ver-gangenheit beständig erinnert und die Zukunft beständig ahnet, aberdie Gegenwart nimmermehr zu fassen weiß, in der Liebe, wie in derPolitik. Mit Verwunderung betrachten sie uns Deutsche, die wiroft sieben Jahre laug die blauen Augen der Geliebten anflehen, ehewir es wagen, mit entschlossenem Arm ihre Hüften zu umschlingen.Sie sehen uns an mit Verwunderung, wenn wir erst die ganze Geschichteder französischen Revolution samt allen Kommeutarieu gründlich durch-studieren und die letzten Supplemcntbändc abwarten, che wir dieseArbeit ins Deutsche übertragen, che wir eine Prachtausgabe derMenschenrechte, mit einer Dcdikation an den König von Bayern . . .

„O Hund, du Hund — Du bist nicht gesund — Du bist ver-maledeit — In Ewigkeit — Bor deinem Biß — Behüte mich meinHerr nnd Heiland Jesu Christ, Amen!"

Vierter Brief.

. . . Der Herr wird alles zum Besten lenken. Er, ohne dessenWillen kein Sperling vom Dache fällt und der NegicruugSrat KarlStrcckfuß keine» VerS macht, er wird daS Geschick ganzer Völker