182 Französische Zustände. H.
Die Passion, wie sie sich in der sranzösischen Tragödie gebärdet,jener unaufhörliche Sturm der Gefühle, jener beständige Donner undMist, jene ewige Gemütsbewegung ist den Bedürfnissen des französische»Publikums ebenso sehr angemessen, wie es den Bedürfnissen einesdeutschen Publikums angemessen ist, daß der Autor die tollen Aus-brüche der Leidenschaft erst langsam motiviert, daß er nachher stillePausen eintreten läßt, damit sich das deutsche Gemüt wieder sanfterhole, daß er unserer Besinnung und der Ahnung kleine Ruhestcllcngewährt, daß wir bequem und ohne Übereilung gerührt werden. Imdeutschen Parterre sistcn friedliebende Staatsbürger und Regiernngs-beamte, die dort ruhig ihr Sauerkraut verdauen möchten, und obenin den Logen sistcn blauäugige Töchter gebildeter Stände, schöneblonde Seelen, die ihren Strickstrumpf oder sonst eine Handarbeitins Theater mitgebracht haben und gelinde schwärmen wollen, ohnedaß ihnen eine Masche fällt. Und alle Zuschauer besitzen jene deutscheTugend, die unS angeboren oder wenigstens anerzogen wird, Geduld.Auch geht man bei uns inS Schauspiel, um das Spiel der Komödianten,oder, wie wir uns ausdrücken, die Leistungen der Künstler zu be-urteilen, und letztere liefern allen Stoff der Unterhaltung mauserenSalons und Journalen, Ein Franzose hingegen geht ins Theater,um daS Stück zu sehen, um Emotionen zu empfangen; über dasDargestellte werden die Darsteller ganz vergessen, und wenig ist über-haupt von ihnen die Rede, Die Unruhe treibt den Franzosen insTheater, und hier sucht er am allerwenigsten Ruhe, Ließe ihm derAutor nur einen Moment Ruhe, er wäre kapabel, Azvr zu rufen,was auf deutsch pfeifen heißt. Die Hauptaufgabe für den französischenBühnendichter ist also, daß fein Publikum gar nicht zu sich selber,gar nicht zur Besinnung komme, daß Schlag ans Schlag die Emo-tionen herbeigeführt werden, daß Liebe, Haß, Eifersucht, Ehrgeiz,Stolz, Uoint ckllwnnonr, kurz alle jene leidenschaftlichen Gefühle, dieim wirklichen Leben der Franzosen sich schon tobsüchtig genug ge-bärden, auf den Brettern in noch wilderen Rasereien ausbrechen.
Aber um zu beurteilen, ob in einem französischen Stück dieÜbertreibung der Leidenschaft zu groß ist, ob hier nicht alle Grenzenüberschritten sind, dazu gehört die innigste Bekanntschaft mit deinfranzösischen Leben selbst, das dem Dichter als Borbild diente. Umfranzösische Stücke einer gerechten Kritik zu unterwerfen, muß mansie mit französischem, nicht mit deutschem Maßstab? messen. DieLeidenschaften, die uns, wenn wir in einem umfriedeten Winkel deSgeruhsamen Deutschlands ein französisches Stück sehen oder lesen,ganz übertrieben erscheinen, sind vielleicht dem wirklichen Leben hiertreu nachgesprochen, und was uns im theatralischen Gewände sogrenelhast unnatürlich vorkommt, ereignet sich täglich und stündlichzu Paris in der bürgerlichsten Wirklichkeit, Rein, in Deutschland