Über die französische Bühne.
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Das ist es. Bei uns in Deutschland, wie auch in England undandern germanischen Ländern, gestattet man den Madchen die größt-mögliche Freiheit, verehelichte Frauen hingegen treten in die strengsteAbhängigkeit und unter die ängstlichste Obhut ihres Gemahls. Hierin Frankreich ist, wie gesagt, das Gegenteil der Fall, junge Mädchenverharren hier so lange in klösterlicher Eingezogenheit, bis sie ent-weder heiraten, oder unter strengster Aussicht einer Verwandten indie Welt eingeführt werden. In der Welt, d. h. im französischenSalon, sitzen sie immer schweigend und wenig beachtet; denn es isthier weder guter Ton, noch klug, einem unverheirateten Mädchenden Hvf z» machen.
Das ist es. Wir Deutsche, wie unsere germanischen Nachbarn,wir huldigen mit unserer Liebe immer nur unverheirateten Mädchen,und nur diese besingen unsere Poeten; bei den Franzosen hingegenist nur die verheiratete Frau der Gegenstand der Liebe, im Leben,wie in der Kunst.
Ich habe soeben ans eine Thatsache hingewiesen, welche einerwesentlichen Verschiedenheit der deutschen Tragödie und der französischenzum Grunde liegt. Die Heldinnen der deutschen Tragödien sind fastimmer Jungfrauen, in der französischen Tragödie sind es verheirateleWeiber, und die komplizierteren Verhältnisse, die hier eintreten, er-öffnen vielleicht einen freieren Spielraum für Handlung und Passion.
Es wird mir nie in den Sinn komme», die französische Tragödieaus Kosten der deutschen, oder umgekehrt zu preisen. Die Litteratnrund die Kunst jcdce> Landes sind bedingt von lokalen Bedürfnissen,die man bei ihrer Würdigung nicht unberücksichtigt lassen darf. DerWert deutscher Tragödien, wie die von Goethe, Schiller, Kleist,Jmmermann, Grabbc, Ochlenschläger, Uhland, Grillparzer, Wernerund dergleichen Großdichlcrn besteht mehr in der Poesie, als in derHandlung und Passion. Aber wie köstlich auch die Poesie ist, sowirkt sie doch mehr auf den einsamen Leser, als ans eine großeVersammlung. Was im Theater ans die Masse des Publikums amhinreißendsten wirkt, ist eben Handlung und Passion, und in diesenbeiden excellieren die französischen Tranerspicldichtcr. Die Franzosensind schon von Natur aktiver und passionierter als wir, und es istschwer zu bestimmen, ob es die angeborene Aktivität ist, wodurch diePassivu bei ihnen mehr als bei uns zur äußeren Erscheinung kommt,oder ob die angeborene Passion ihren Handlungen einen leidenschaft-licheren Charakter erteilt und ihr ganzes Leben dadurch dramatischergestaltet als das unsrige, dessen stille Gewässer im ZwangSbcttc desHerkommens ruhig dahinfließen uud mehr Tiefe als Wellenschlagverraten. Genug, das Leben ist hier in Frankreich dramatischer, undder Spiegel des Lebens, das Theater, zeigt hier im höchsten GradeHandlung und Passion.
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