18l) Französische Zustünde, II,
Ich aber greife wieder zur Feder, um über das französischeTheater meine verworrenen Gedanken in einem noch verworrenerenStile nieder,zukritzeln. Schwerlich wird in dieser geschriebenen Wildniseiwas zum Vorschein kommen, was für Sie, teurer Freund, bclehrsamwäre, Ihnen, dem Dramaturgen, der daS Theater in allen seinenBeziehungen kennt und den Komödianten in die Nieren sieht, wieuns Menschen der liebe Gott; Ihnen, der Sie ans den Brettern, diedie Welt bedeuten, einst gelebt, geliebt und gelitten haben, wie inder Welt selbst der liebe Gott: Ihnen werde ich wohl weder überdeutsches noch französisches Theater viel Neues sagen können! Nurflüchtige Bemerkungen wage ich hier hinznwcrfen, die ein geneigtesKopfnicken von Ihnen erschmeicheln sollen.
So, hoffe ich, findet Ihre Beistimmnng, was ich im vorigenBriefe über das französische Lustspiel angedeutet habe. Das sittlicheVerhältnis, oder vielmehr Mißverhältnis zwischen Mann und Weibist hier in Frankreich der Dünger, welcher den Boden des Lustspielsso kostbar befruchtet. Die Ehe, oder vielmehr der Ehebruch ist derMittelpunkt aller jener Lnstspielrakctcn, die so brillant in die Höheschießen, aber eine melancholische Dunkelheit, wo nicht gar einenüblen Duft zurücklassen. Die alte Religion, daS katholische Christen-tum, welche die Ehe sanktionierte und den ungetreuen Gatten mitder Hölle bedrohte, ist hier mitsamt dieser Hölle erloschen. Die Moral,die nichts anderes ist als die in die Sitten eingewachsene Religion,hat dadurch alle ihre Lcbenswnrzeln verloren, und rankt jetzt mißmutig welk an den dürren Stäben der Vernunft, die man an dieStelle der Religion aufgepflanzt hat. Aber nicht einmal diese armselig wurzellose, nur ans Vernunft gestützte Moral wird hier gehörigrespektiert, und die Gesellschaft huldigt nur der Konvcnicnz, welchenichts anderes ist, als der Schein der Moral, die Verpflichtung einersorgfältigen Vermeidung alles dessen, was einen öffentlichen Skandalhervorbringen kann; ich sage: einen öffentlichen, nicht einen heimlichenSkandal, denn alles Skandalöse, was nicht zur Erscheinung kommt,existiert nicht für die Gesellschaft; sie bestraft die Sünde nur inFällen, wo die Zungen allzu laut murmeln. Und selbst dann gicbtes gnädige Milderungen, Die Sünderin wird nicht früher ganzverdammt, als bis der Ehegatte selbst sein Schuldig ausspricht. Derverrufensten Messaline öffnen sich die Flügelthore deS französischenSalons, so lange das eheliche Hornvieh geduldig an ihrer Seitehineintreibt. Dagegen das Mädchen, daS sich wahnsinnig großmütig,weiblich anfvpfernngsvoll in die Arme des Geliebten wirft, ist ans immerans der Gesellschaft verbannt. Aber dieses geschieht selten, erstens weilMädchen hierzulande nie lieben, und zweitens weil sie im Licbesfallcsich sobald als möglich zu verheiraten suchen, um jener Freiheit teilhastz» werden, die von der Sitte nur den verheirateten Frauen bewilligt ist.