Über die französische Bahne, 177
Umsturz aller Autoritäten, der geistigen sowohl als der materiellen;dieses Stolpern über die letzten Triiiniuer derselben; und dieser Blöd-sinn in ungeheuren Schicksalstnndcn, wo die Notwendigkeit einerAutorität fühlbar wird, und Ivo der Zerstörer vor seinem eigenenWerke erschrickt, aus Angst zu singen beginnt und endlich laut auf-lacht , . , Sehen Sie, das ist schrecklich, gewissermaßen sogar ent-setzlich, aber für das Lustspiel ist das ganz vortrefflich!
Nur wird doch einem Deutschen etwas unheimlich hier zu Mute,Bei den ewigen Göttern! wir sollten unserem Herrn und HeilandInglich dafür danken, daß wir kein Lustspiel haben wie die Franzosen,daß bei uns keine Blumen wachsen, die nur einem Scherbenberg,einem Trümmerhaufen, wie es die französische Gesellschaft ist, ent-blühen können! Der französische Lnstspicldichter kommt mir zuweilenvor wie ein Affe, der ans den Ruinen einer zerstörten Stadt sitztund Grimassen schneidet und sein grinsendes Gelache erhebt, wennans den gebrochenen Ogivcn der Kathedrale der Kopf eines wirklichenFuchses herausschaut, wenn im ehemaligen Boudoir der königlichenMaitresse eine wirkliche San ihr Wochenbett hält, oder wenn dieRaben anf den Zinnen des Gildehanses gravitätisch Rat halten, odergar die Hyäne in der Fllrstengrnft die alten Knochen aufwühlt...
Ich habe schon erwähnt, daß die Hauptmotive des französischenLustspiels nicht dem öffentlichen, sondern dem häuslichen Zustandedes Volkes entlehnt sind; und hier ist das Verhältnis zwischen Mannund Frau daS ergiebigste Thema, Wie in allen Lebensbczügen, sosind auch in der Familie der Franzosen alle Bande gelockert undalle Autoritäten niedcrgebrochcn. Daß das väterliche Ansehen beiSohn und Tochter vernichtet ist, ist leicht begreiflich, bedenkt mandie korrosive Macht jenes Kritizismus, der aus der materialistischenPhilosophie hervorging. Dieser Mangel an Pietät gebärdet sich nochweit greller in dem Verhältnis zwischen Mann und Weib, sowohlin den ehelichen als außerehelichen Bündnissen, die hier einen Charaktergewinnen, der sie ganz besonders zum Lustspiele eignet. Hier ist derOriginalschanplatz aller jener Geschlechtskricge, die uns in Deutschlandnur anS schlechten Übersetzungen oder Bearbeitungen bekannt sind,und die ein Deutscher kaum als ein Pvlybins, aber nimmermehrals ein Cäsar beschreiben kann, Krieg freilich führen die beidenGatten, wie überhaupt Mann und Weib in allen Landen, aber demschönen Geschlecht fehlt anderswo als in Frankreich die Freiheit derBewegung, der Krieg muß versteckter geführt werden; er kann nichtäußerlich, dramatisch zur Erscheinung kommen. Anderswo bringtes die Frau kaum zu einer kleinen Emcnte, höchstens zu einer In-surrektion, Hier aber stehen sich beide Ehemächtc mit gleichen Streit-kräften gegenüber und liefern ihre entsetzlichsten Hausschlachten, Beider Einförmigkeit des deutschen Lebens amüsiert ihr euch sehr imHeine's Werke, X, Bd. 12