176 Französische Zustande. II.
Sie wissen, wie ich vom Bundestag, ohne daß ich darum nachgesuchthätte, beim jungen Deutschland angestellt wurde, und wie ich bisauf heutigen Tag vergebens um meine Entlassung gebeten habe.Bergebens schreibe ich die demütigsten Bittschriften, vergebens behaupteich, daß ich an alle meine religiösen Irrtümer gar nicht mehr glaube...Nichts will fruchten! Ich verlange wahrhaftig keinen Groschen Pension,aber ich möchte gern in Ruhestand gesetzt werden. Liebster Freund,Sie thun mir wirklich einen Gefallen, wenn Sie mich in ihremJournal gelegentlich des Obskurantismus und Servilismns beschuldigenwollten; das kann mir misten. Von meinen Feinden brauche icheinen solchen Liebesdienst nicht besonders zu erbitten, sie verleumdenmich mit der größten Zuvorkommenheit.
... Ich bemerkte zuletzt, daß die Franzosen, bei denen dasLustspiel mehr als bei uns gedeiht, nicht eben ihrer politischen Frei-heit diesen Vorteil beizumessen haben; es ist mir vielleicht erlaubt,etwas ausführlicher zu zeigen, wie es vielmehr der sociale Zustandist, dem die Lnstspieldichter in Frankreich ihr Suprematie verdanke».
Sie wissen, was ich unter „socialem Zustand" verstehe. Essind die Sitten und Gebräuche, das Thun und Lassen, das ganzeöffentliche wie häusliche Treiben des Volkes, insofern sich die herrschendeLebensansicht darin ausspricht. Selten behandelt der französischeLustspieldichter das öffentliche Treiben des Volkes als Hanptstoff, erPflegt nur einzelne Momente desselben zu bcnnsten; ans diesem Bodenpflückt er nur hie und da einige närrische Blumen, womit er denSpiegel umkränzt, aus dessen ironisch geschliffenen Facetten uns dashäusliche Treiben der Franzosen cntgcgenlacht. Zwar sind es Zerr-bilder, die uns dieser Spiegel zeigt; aber wie alles bei den Franzosenauss heftigste übertrieben und Karikatur wird, so geben unS dieseZerrbilder dennoch die unbarmherzige Wahrheit, wenn auch nicht dieWahrheit von heute, doch gewiß die Wahrheit von morgen. Einegrößere Ausbeute findet der Lustspieldichter in den Kontrasten, diemanche alte Institution mit den heutigen Sitten, und manche heutigeSitten mit der geheimen Denkweise des VolkeS bildet, und endlichgar besonders ergiebig sind für ihn die Gegensätze, die so ergötzlichzum Borschein kommen, wenn der edle Enthusiasmus, der bei denFranzosen so leicht auflodert und ebenfalls leicht erlischt, mit denpositiven, industriellen Tendenzen des Tages in Kollision gerät. Wirstehen hier ans einem Boden, wo die große Despotin, die Revolution,seit fünfzig Jahren ihre Willkürherrschaft ausgeübt, hier niederreißend,dort schonend, aber überall rüttelnd an den Fundamenten des gesell-schaftlichen Lebens; — und diese GleichheitSwnt, die nicht das Niedrigeerheben, sondern nur die Erhabenheiten abflachen konnte; dieser Zwistder Gegenwart mit der Vergangenheit, die sich wechselseitig ver-höhnen, der Zank eines Wahnsinnigen mit einem Gespinste; dieser