174 Französische Zustünde. N.
Zweiter Brief.
. . . Oder ist es wahr, daß wir Deutschen wirklich kein gutesLustspiel produzieren können und auf ewig verdammt sind, dergleichenDichtungen von den Franzosen zu borgen?
Ich höre, daß ihr euch in Stuttgart mit dieser Frage so langehcrnmgeqnält, bis ihr ans Verzweiflung auf den Kopf des bestenLustspicldichters einen Preis gesetzt habt. Wie ich vernehme, gehörtenSie selber, lieber Lcwald, zu den Mannern der Jurh, und dieI. G. Cottasche Buchhandlung hat euch so lange ohne Bier undTabak eingesperrt gehalten, bis ihr euer dramaturgisches Verdiktausgesprochen. Wenigstens habt ihr dadurch den Stoff zu einemguten Lustspiel gewonnen.
Nichts ist haltloser als die Grunde, womit man die Bejahungder oben aufgeworfenen Frage zu unterstützen Pflegt. Man behauptetz. V., die Deutschen besäßen kein gutes Lustspiel, weil sie ein ernstesVolk seien, die Franzosen hingegen wären ein heiteres Volk unddeshalb begabter für das Lustspiel. Dieser Saß ist grundfalsch. DieFranzosen sind keineswegs ein heiteres Volk. Im Gegenteil, ichfange an zu glauben, daß Lorenz Sterne recht hatte, wenn er bchauptete, sie seien viel zu ernsthaft, llnd damals, als Donk seinesentimentale Reise nach Frankreich schrieb, blühte dvrt noch die ganzeLeichtsüßigkcit und parfümierte Fadaise des alten Regimes, und dieFranzosen hatten im Nachdenken noch nicht durch die Guillotine undNapoleon die gehörigen Lektionen bekommen, lind gar jetzt, seit derJulinsrevolution, wie haben sie in der Ernsthaftigkeit oder wenigstensin der Spaßlosigkcit die langweiligsten Fortschritte gemacht! IhreGesichter sind länger geworden, ihre Mundwinkel sind tiefsinnig herabgezogen; sie lernten von uns Philosophie und Tabakrauchern Einegroße Umwandlung hat sich seitdem mit den Franzosen begeben, siesehen sich selber nicht mehr ähnlich. Nichts ist kläglicher als dasGeschwätze unserer Teutvmanen, die, wenn sie gegeir die Franzosenlosziehen, doch noch immer die Franzosen des Empires, die sie inDeutschland gesehen, vor Augen haben. Sie denken nicht daran, daßdieses verändcrnngslustigc Volk, ob dessen Unbeständigkeit sie selberinnner eifern, seit zwanzig Jahren nicht in DenknngSart" und Gefühls-weise stabil bleiben konnte!
Nein, sie sind nicht heiterer als wir; wir Deutsche haben fürdas Komische vielleicht mehr Sinn und Empfänglichkeit als dieFranzosen, wir, das Volk des Humors. Dabei findet man in Deutschland für die Lachlust ergiebigere Stoffe, mehr wahrhaft lächerlicheCharaktere, als in Frankreich, Ivo die Persiflage der Gesellschaft jedeaußerordentliche Lächerlichkeit im Keime erstickt, wo kein Original-narr sich ungehindert entwickeln und ausbilden kann. Mit Stolz