über die französische Böhne. 173
„Das ist ja ganz vortrefflich, soeben ist ein berühmter Zahnarzt vonSt, Petersburg bei mir eingekehrt, und wenn Sie an der Tabled'hote speisen, werden Sie ihn sehen," Ja, dachte ich, ich will erstmeine Henkersmahlzeit halten, che ich mich anfs Armcsünderstühlchensehe. Aber bei Tische fehlte mir doch alle Lust zum Essen, Ichhatte Hunger, aber keinen Appetit, Trotz meines Leichtsinns konnteich mir doch die Schrecknisse, die in der nächsten Stunde meinerharrten, nicht aus dem Sinne schlagen. Sogar mein Lieblingsgericht,Hnmmelfieisch mit Tcltvwcr Räbchen, widerstand mir. Unwillkürlichsuchten meine Augen den schrecklichen Mann, den Zahnhenker ausSt, Petersburg, und mit dem Instinkte der Angst hatte ich ihn baldunter den übrigen Gästen herausgefunden. Er saß fern von miram Ende der Tafel, hatte ein verzwicktes und verkniffenes Gesicht,ein Gesicht wie eine Zange, womit man Zähne auszieht. Es warein fataler Kauz, in einem aschgrauen Rock mit blitzenden Stahlknöpfen. Ich wagte kaum, ihm ins Gesicht zu sehen, und als ereine Gabel in die Hand nahm, erschrak ich, als nahe er schon meinenKinnbacken mit dem Brecheisen, Mit bebender Angst wandte ichmich weg von seinem Anblick und hätte mir auch gern die Ohrenverstopft, um nur nicht den Ton seiner Stimme zu vernehmen. Andiesem Tone merkte ich, daß er einer jener Leute war, die inwendigim Leibe grau angestrichen sind und hölzerne Gedärme haben. Ersprach von Rußland, wo er lange Zeit verweilt, wo aber seine Kunstkeinen hinreichenden Spielraum gefunden. Er sprach mit jenerstillen impertinenten Zurückhaltung, die noch unerträglicher ist, alsdie volllnuteste Aufschneiderei, Jedesmal wenn er sprach, ward mirflau zu Mute und zitterte meine Seele, Ans Verzweiflung warfich mich in ein Gespräch mit meinem Tischuachbar, und indem ichdem Schrecklichen recht ängstlich den Rücken zukehrte, sprach ich auchso selbstbctänbeud laut, daß ich die Stimme desselben endlich nicht mehrhörte. Mein Nachbar war ein liebenswürdiger Mann, von dem vor-nehmsten Anstand, von den feinsten Manieren, und seine wohlwollendeUnterhaltung linderte die Peinliche Stimmung, worin ich mich befand.Er war die Bescheidenheit selbst. Die Rede floß milde von seinen sanft-gewölbten Lippen, seine Augen waren klar und freundlich, und als erhörte, daß ich an einem kranken Zahne litt, errötete er und bot mirseine Dienste an, lim Gotteswillcn, rief ich, wer sind Sie denn? „Ichbin der Zahnarzt Meier aus St, Petersburg," antwortete er. Ichrückte fast unartig schnell mit meinem Stuhle von ihm weg, undstotterte in großer Verlegenheit: Wer ist denn dort oben an der Tafelder Mann im aschgrauen Rock mit blitzenden Spicgelknöpfen? „Ichweiß nicht," erwiderte mein Nachbar, indem er mich befremdet ansah.Doch der Kellner, welcher meine Frage vernommen, flüsterte mir mitgroßer Wichtigkeit ins Ohr: „Es ist der Herr Theaterdichter Ranpach,"