172 Französische Zustande. II,
um die deutsche Poesie, Hat er nicht dem Geliert einen Schimmelund der Madame Karschin fünf Thaler geschenkt? Hat er nicht, umdie deutsche Littcratur zu fordern, seine eigenen schlechten Gedichte infranzösischer Sprache geschrieben? Hätte er sie in deutscher Spracheherausgegeben, so konnte sein hohes Beispiel einen unberechenbarenSchaden stiften! Die deutsche Muse wird ihm diesen Dienst nie vergessen.
Ich befand mich, wie gesagt, zu Potsdam nicht sonderlich heitergestimmt, und dazu kam noch, daß der Leib mit der Seele eine Wetteeinging, wer von beiden mich am meisten quälen könne. Ach! derpsychische Schmerz ist leichter zn ertragen, als der Physische, nndgewährt man mir z, B, die Wahl zwischen einem bösen Gewissenund einem bösen Zahn, so wähle ich ersteres. Ach, es ist nichtsgräßlicher, als Zahnschmerz! Das suhlte ich in Potsdam, ich vergaßalle meine Seelenleiden und beschloß, nach Berlin zu reisen, um mirdort den kranken Zahn ausziehen zu lassen. Welche schauerliche,grauenhafte Operation! Sie hat so etwas vom Gekvpftwerdcn, Manmuß sich auch dabei ans einen Stuhl sehen nnd ganz still haltenund ruhig den schrecklichen Ruck erwarten! Mein Haar sträubt sich,wenn ich nur daran denke. Aber die Vorsehung in ihrer Weisheithat alles zu unserem Besten eingerichtet, und sogar die Schmerzendes Menschen dienen am Ende nur zn seinem Heile, Freilich, Zahnschmerzen sind fürchterlich, unerträglich; doch die wohlthätig berechnendeVorsehung hat unseren Zahnschmerzen eben diesen fürchterlich nncrträglichen Charakter verliehen, damit wir aus Verzweiflung endlichzum Zahnarzt laufen und uns den Zahn ausreißen lassen. Wahrlich,niemand würde sich zu dieser Operation, oder vielmehr Exekution,entschließen, wenn der Zahnschmerz nur im mindesten erträglich wäre!
Sie können sich nicht vorstellen, wie zagen und bangen Sinnesich während der dreistündigen Fahrt im Postwagen saß. Als ich znBerlin anlangte, war ich wie gebrochen, und da man in solchenMomenten gar keinen Sinn für Geld hat, gab ich dem Postillonzwölf gute Groschen Trinkgeld. Der Kerl sah mich mit sonder-bar unschlüssigem Gesichte an; denn nach dem neuen NaglcrschenPostreglement war es den Postillvnen streng untersagt, Trinkgelderanzunehmen. Er hielt lange das Zwölfgrvschenstiick, als wenn eres wöge, in der Hand, und ehe er es einsteckte, sprach er mit weh-mütiger Stimme: Seit zwanzig Jahren bin ich Postillon und binganz an Trinkgelder gewöhnt, und jetzt ans einmal wird uns vondem Herrn Oberpostdirektor bei harter Strafe verboten, etwas vonden Passagieren anzunehmen; aber das ist ein unmenschliches Gesetz,kein Mensch kann ein Trinkgeld abweisen, das ist gegen die Natur!"Ich drückte dem ehrlichen Mann die Hand und seufzte. Seufzendgelangte ich endlich in den Gasthos, und als ich mich dort gleich nacheinem guten Zahnarzt erkundigte, sprach der Wirt mit großer Freude: