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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
Seite
171
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Über die französische Bühne. 171

ein scheinbar nenes Stück, ungefähr nach demselben Verfahren, wieman im chinesischen Puzzlespiel mit einer bestimmten Anzahl ver-schiedenartig ausgeschnittener Holzblättchen allerlei Figuren kombiniert.Mit diesem Talente sind oft die unbedeutendsten Menschen begabt,»nd vergebens strebt danach der wahre Dichter, der seinen Geniusnur frei zu bewegen und nur lebende Gestalten, keine konstruiertenHolzfignren, zu schaffen weiß. Einige wahre Dichter, welche sich dieundankbare Mühe gaben, deutsche Lustspiele zu schreiben, schufeneinige neue komische Masken; aber da gerieten sie in Kollision mitden Schauspielern, welche, nur zu den schon vorhandenen Maskendressier!, nm ihre Ungclchrigkcit oder Lernfanlheit zu beschönigen,gegen die neuen Stücke so wirksam kabalierten, daß sie nicht auf-geführt werden konnten.

Vielleicht liegt dem Urteil, das mir eben über die Werke deSUr. Raupach entfallen ist, ein geheimer Unmut gegen die Persondes Verfassers zu Grunde. Der Anblick dieses ManneS hat micheinst zittern gemacht, und, wie Sie wissen, das verzeiht kein Fürst.Sie sehen mich mit Befremden an, Sie finden den I)r. Raupach garnicht so furchtbar, und sind auch nicht gewohnt, mich vor einemlebenden Menschen zittern zu sehen? Aber es ist dennoch der Fall,ich habe vor dem Ür. Raupach einst eine solche Angst empfunden,daß meine Knie zu schlottern und meine Zähne zu klappern begannen.Ich kann, neben dem Titelblatt der dramatischen Werke von ErnstRaupach, das gestochene. Gesicht des Verfassers nicht betrachten, ohnedaß mir noch jetzt das Herz in der Brust bebt . . . Sie sehen michmit großem Erstaunen an, teurer Freund, und ich höre auch nebenIhnen eine weibliche Stimme, welche neugierig fleht:Ich bitte, er-zählen Sie . . ."

Doch das ist eine lange Geschichte, und dergleichen heute zu er-zählen, dazu fehlt mir die Zeit. Auch werde ich an zu viele Dinge,die ich gerne vergäße, bei dieser Gelegenheit erinnert, z. B. an dielrüben Tage, die ich in Potsdam zubrachte und au den großenSchmerz, der mich damals in die Einsamkeit bannte. Ich spaziertedort mutterseelenallein in dem verschollenen Sanssouci, unter denOrangenbäumen der großen Rampe . . . Mein Gott, wie nnerguicklich,poesielos sind diese Orangenbäume! Sie sehen aus wie verkleideteEichbüschc, und dabei hat jeder Baum seine Nummer, wie ein Mit-arbeiter am Brockhausschen Konversationsblatte, und diese numerierteAbitur hat etwaS so PfiffigLangweiligeS, so korpvralstöckigGezwuugeues!Es wollte mich immer bedüuken, als schnupften sie Tabak, dieseOrangenbäume, wie ihr seliger Herr, der alte Fritz, welcher, wie Siewissen, ein großer HervS gewesen, zur Zeit als Ramler ein großerSichler war. Glauben Sie beileibe nicht, daß ich den Ruhm Friedrichsdes Großen zu schmälern suche! Ich erkenne sogar seine Verdienste