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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
Seite
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17V Französische Zustande. II.

Pakete, welches diese Schöpfungen eines lieben grasten Dichters ent-stielt, fand ich einige Bande beigepackt, welcheDramatische Werkevon Ernst Raupach" betitelt waren!

Von Angesicht kannte ich ihn zwar, aber gelesen hatte ich nochnie etwas von diesem Schoßkindc der deutschen Theaterdircktivnen.Einige seiner Stücke hatte ich nur durch die Buhne kennen gelernt,und da weist man nicht genau, ob der Autor von dem Schauspieler,oder dieser von jenem hingerichtet wird. Die Gunst des Schicksalswollte es nun, daß ich in fremdem Lande einige Lustspiele dcSDoktors Ernst Raupach mit Muße lesen konnte. Nicht ohne Anstrengung konnte ich mich bis zu den letzte» Akten durcharbeiten.Die schlechten Wiste möchte ich ihm alle hingehen lassen, und amEnde will er damit nur dem Publikum schmeicheln; denn der armeHecht im Parterre wird zu sich selber sagen:Solche Wiste kann ichauch machen!" und für dieses befriedigte Selbstgefühl wird er demAutor Dank wissen. Unerträglich war mir aber der Stil. Ich binso sehr verwöhnt, der gute Ton der Unterhaltung, die wahre, leichteGesellschastssprache ist mir durch meinen langen Aufenthalt in Frankreich so sehr zum Bedürfnis geworden, daß ich bei der Lektüre derRaupachschen Lustspiele ein sonderbares llbelbcsiudcu verspürte. DieserStil hat auch so etwas Einsames, Abgesondertes, Ungeselliges, dasdie Brust beklemmt. Die Konservativ» in diesen Lustspielen ist erlogen, sie ist immer nur bauchreduerisch vielstimmiger Monolog, einödes Ablagern von lauter Hagestolzen Gedanken, Gedanken, die alleinschlafen, sich selbst des Morgens ihren Kaffee kochen, sich selbst rasieren,allein spazieren gehen vors Brandenburger Thor, und für sich selbstBlumen Pflücken. Wo er Frauenzimmer sprechen läßt, tragen dieRedensarten unter der weißen Musselinrobe eine schmierige Hose vonGesundheitsflanell und riechen nach Tabak und Juchten.

Aber unter den Blinden ist der einäugige König, und unterunseren schlechten Lustspieldichtern ist Raupach der beste. Wenn ichschlechte Lustspieldichter sage, so will ich nur von jenen armen Teufelnreden, die ihre Machwerke unter dem TitelLustspiele" ausführenlassen, oder, da sie meistens Komödianten, selber aufführen. Aberdie sogenannten Lustspiele sind eigentlich nur prosaische Pantomimenmit traditionellen Masken: Väter, Bösewichter, Hofräte, Chevaliers,der Liebhaber, die Liebende, die Soubrette, Mütter, oder wie siesonst benannt werden in den Kontrakten unserer Schauspieler, dienur zu dergleichen feststehenden Rollen, nach herkömmlichen Thpen,abgerichtet sind. Gleich der italienischen Maskenkomödic ist unserdeutsches Lustspiel eigentlich nur ein einziges, aber unendlich variiertesStück. Die Charaktere und Verhältnisse sind gegeben, und wer einTalent zu Kombinationsspielen besitzt, unternimmt die Zusammen-setzung dieser gegebenen Charaktere und Verhältnisse, und bildet daraus