Uber die französische Böhne. 169
Baum ganz mit Blüten bedeckt, und sieht aus wie ein alter gepuderterGroßvater, der ruhig und lächelnd in der Mitte der blonden Enkelsteht, die lustig um ihn hernmtanzen. Manchmal überschüttet er sie»eckend mit seinen weißen Flocken. Aber dann jauchzen die Knabennm so brausender. Streng ist es untersagt, bei Prügelstrafe unter-sagt, an dem Glockenstrang zu ziehen. Doch der große Junge, derden übrigen ein gutes Beispiel geben sollte, kann dem Gelüste nichtwiderstehen, er zieht heimlich an dem verbotenen Strang, und dannertönt die Glocke wie großväterliches Mahnen.
Späterhin, im Sommer, wenn der Baum in ganzer Grüneprangt und das Laubwerk die Glocke dicht umhüllt, hat ihr Tonetwas Geheimnisvolles, es sind wunderbar gedämpfte Laute, undsobald sie erklingen, verstummen plötzlich die geschwätzigen Vögel, diesich ans den Zweigen wiegten, und fliegen erschrocken davon.
Im Herbste ist der Ton der Glocke noch viel ernster, noch vielschauerlicher, und man glaubt eine Geisterstimme zu vernehmen.Besonders wenn jemand begraben wird, hat das Glvckengeläute einenunaussprechlich wehmütigen Nachhall; bei jedem Glockenschage fallendann einige gelbe kranke Blätter vom Baume herab, und diesertönende Blätterfall, dieses klingende Sinnbild des Sterbens, erfülltemich einst mit so übermächtiger Traner, daß ^ ich wie ein Kind weinte.Das geschah voriges Jahr, als die Margot ihren Mann begrub. Erwar in der Seine verunglückt, als diese ungewöhnlich stark aus-getreten. Drei Tage und drei Nächte schwamm die arme Frau inihrem Fischerboote an den Ufern des Flusses herum, ehe sie ihrenMann wieder aufsischeu und christlich begraben konnte. Sie wnschihn und kleidete ihn und legte ihn selbst in den Sarg, und auf demKirchhofe öffnete sie den Deckel, um den Toten noch einmal zu be-trachten. Sie sprach kein Wort und weinte keine einzige Thräne;aber ihre Augen waren blutig, und nimmermehr vergesse ich diesesweiße Steingesicht mit den blutrünstigen Augen...
Aber jetzt ist ein schönes Friihlingswctter, die Sonne lacht, dieKinder jauchzen, sogar lauter als eben nötig wäre, und hier in deinkleinen DorfhänSchen, wo ich schon voriges Jahr die schönsten Monatezubrachte, will ich Ihnen über das französische Theater eine ReiheBriefe schreiben, und dabei, Ihrem Wunsche gemäß, auch die Bezügeauf die heimische Bühne nicht außer Augen lassen. Letzteres hatseine Schwierigkeit, da die Erinnerungen der deutschen Bretterwelttäglich mehr und mehr in meinem Gedächtnisse erbleichen. VonTheaterstücken, die in der letzten Zeit geschrieben worden, ist mirnichts zu Gesicht gekommen, als zwei Tragödien von Jimnermann:„Merlin" und „Peter der Große", welche gewiß beide, der „Merlin"wegen der Poesie, der „Peter" wegen der Politik, nicht aufgeführtwerden konnten . . . Und denken Sie sich meine Miene: in. dem