Kunstbcrichte aus Paris. 167
Kamels das Sinnige, das Verweltliche, ja das Alttestamentalischehervortreten lassen. Aber der Franzose hat nur eben ein Kamelgemalt, wie Gott es erschaffen hat, ein oberflächliches Kamel, worankein einzig symbolisches Haar ist, nnd welches, sein Haupt hervor-streckend über die Schulter des Juda, mit der größten Gleichgültigkeitdem verfänglichen Handel zuschaut. Diese Gleichgültigkeit, dieser Indifferentismus, ist ein Grnndzug des in Rede stehenden Gemäldes,nnd auch in dieser Beziehung trägt dasselbe das Gepräge unsererPeriode. Der Maler tauchte seinen Pinsel weder in die ätzende Bös-willigkeit Voltaireschcr Satirc noch in die liederlichen Schmntztvpfevon Parny und Konsorten; ihn leitet weder Polemik, noch Jmmvralität; die Bibel gilt ihm so viel wie jedes andere Buch, er betrachtetdasselbe mit echter Toleranz, er hat gar kein Vorurteil mehr gegendieses Buch, er findet eS svgar hübsch und amüsant, und er ver-schmäht es nicht, demselben seine Sujets zu entlehnen. In dieserWeise malte er Judith, Rebekka am Brunnen, Abraham und Hagar,nnd so malte er auch Juda nnd Thamar, ein vortreffliches Gemälde,das wegen seiner lokalartigen Auffassung ein sehr passendes Altar-bild wäre für die Pariser neue Kirche von Notre-Dame de Lorctteim Lorettenguartier.
Horace Vernet gilt bei der Menge für den größten Maler Frank-reichs, nnd ich möchte dieser populären Ansicht nicht ganz bestimmtwidersprechen. Jedenfalls ist er der nationalste der französischenMaler, nnd er überragt sie alle durch das fruchtbare Können, durchdie dämonische Überschwenglichkeit, durch die ewig blühende Selbst-Verjüngung seiner Schöpferkraft. Das Malen ist ihm augeboren,wie dem Seidenwnrm das Spinnen, wie dem Vogel das Singen,nnd seine Werke erscheinen wie Ergebnisse der Notwendigkeit. KeinStil, aber Natur. Fruchtbarkeit, die ans Lächerliche grenzt. EineKarikatur hat den Horace Vernet dargestellt, wie er ans einem hohenRosse^ mit einem Pinsel in der Hand, vor einer ungeheuer langausgespannten Leinwand hinreitet und im Galopp malt; sobald erans Ende der Leinwand anlangt, ist auch das Gemälde fertig. WelcheMenge von kolossalen Schlachtstücken hat er in der jüngsten Zeit fürVersailles geliefert! In der Thai, mit Ausnahme von Österreich undPreußen, besitzt wohl kein deutscher Fürst so viele Soldaten, wiederen Horace Vernet schon gemalt hat! Wenn die fromme Sagewahr ist, daß am Tage der Auferstehung jeden Menschen auch seineWerke nach der Stätte des Gerichtes begleiten, so wird gewiß HoraceVernet am jüngsten Tage in Begleitung von einigen hunderttausendMann Fußvolk nnd Kavallerie im Thale Josaphat anlangen. Wiefurchtbar auch die Richter sein mögen, die dvrten sitzen werden, umdie Lebenden und Toten zu richten, so glaube ich doch nicht, daßsie den Horace Vernet ob der Ungebührlichkeit, womit er Juda und