I6k> Französisch,' Anstünde. II.
Baumc an der Straße abgebrochen hätte, nin seinen Dnrst zn löschen;und es war gewiß ein heißer Tag im heißen Mesopotamien, undder arme Erzvater Inda lechzte nach einer Erfrischung. Und dannträgt seine Handlung ganz den Stempel des göttlichen Willens, siewar eine provideniielle — ohne jenen großen Dnrst hätte Thamarkein Kind bekommen; dieses Kind aber wurde der Ahnherr Davids,welcher als König über Inda und Israel herrschte, und es wardalso zugleich auch der Stammvater jenes noch größeren Königs mitder Dornenkrone, den jetzt die ganze Welt verehrt, Jesus von Nazareth.
Was die Auffassung dieses Sujets betrifft, so will ich, ohne michin einen allzu homiletischen Tadel einzulassen, dieselbe mit wenigenWorten beschreiben. Thamar, die schöne Person, sitzt an der Landstraße und offenbart bei dieser Gelegenheit ihre üppigen Reize. Fuß.Bein, Knie n. s. w. sind von einer Vollendung, die an Poesie grenznDer Busen quillt hervor aus dem knappen Gewand, blühend, duftig,verlockend, wie die verbotene Frucht im Garten Eden. Mit derrechten Hand, die ebenfalls entzückend trefflich gemalt ist, hält sichdie Schöne einen Zipfel ihres weißen Gewandes vors Gesicht, so daßnur die Stirn und die Augen sichtbar. Diese großen schwarzen Augensind verführerisch wie die Stimme der glatten Satansmuhme. DasWeib ist zu gleicher Zeit Apfel und Schlange, und wir dürfen denarmen Inda nicht deswegen verdammen, daß er ihr die verlangtenPfänder: Stab, Ring und Gürtel sehr hastig hinreicht. Sie hat, umdieselben in Empfang zu nehmen, die linke Hand ausgestreckt, wäh-rend sie, wie gesagt, mü der rechten das Gesicht verhüllt. Diesedoppelte Bewegung der Hände ist von einer Wahrheit, wie sie dieKunst nur in den glücklichsten Momenten hervorbringt. Es ist hiereine Naturtreue, die zauberhaft wirkt. Dem Inda gab der Malereine begehrliche Physiognomie, die eher an einen Faun als einenPatriarchen erinnern dürfte, und seine ganze Bekleidung besteht injener weißen wollenen Decke, die seit der Eroberung Algiers ans sovielen Bildern eine große Rolle spielt. Seit die Franzosen mit demOrient in unmittelbarste Bekanntschaft getreten, geben ihre Malerauch den Helden der Bibel ein wahrhaftes morgeilländisches Kostüm.Das frühere traditionelle Jdcalkvstüm ist in der That etwas abgenutztdurch dreihundertjährigen Gebrauch, und am allerwenigsten wärees Passend, nach dem Beispiel der Venetianer die alten Hebräer ineiner modernen Tagestracht zu vermummen. Auch Landschaft undTiere des Morgenlandes behandeln seitdem die Franzosen mit größererTreue in ihren Historienbildern, und dem Kamele, welches sich aufdem Gemälde des Horace Vernet befindet, sieht man es wohl an,daß der Maler es unmittelbar nach der Natur kopiert und nicht,wie ein deutscher Maler, ans der Tiefe seines Gemüts geschöpft hat.Ein deutscher Maler hätte vielleicht hier in der Kvpfbildnng des