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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
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Kunslberichtc au? Paris. 166

Eifer die Wache bezieht, seine Wechsel pünktlich bezahlt, seine Gattinehrt und gewiß das Ehrenlegionskreuz verdient. Aber gar diePorträts? Die meisten haben einen so pekuniären, eigennützigen,verdrossenen Ausdruck, den ich mir nur dadurch erkläre, daß daslebendige Original in den Stunden der Sitzung immer an das Gelddachte, welches ihm das Porträt kosten werde, während der Malerbeständig die Zeit bedauerte, die er mit dem jämmerlichen Lohndienstvergeuden mußte.

Unter den Heiligenbildern, welche von der Mühe zeugen, die sichdie Franzosen geben, recht religiös zn thnn, bemerkte ich eine Samaritanerin am Brunnen. Obgleich der Heiland dem feindseligen Stammeder Inden angehört, übt sie dennoch an ihm Barmherzigkeit. Siebietet dem Durstigen ihren Wasscrkrug, und während er trinkt,betrachtet sie ihn mit einem sonderbaren Seitenblick, der Seitenblick,der ungemein Pfiffig und mich an die gescheite Antwort erinnerte,welche einst eine kluge Tochter Schwabens dem Herrn Superinten-denten gab, als dieser die Schuljugend im Religionsunterrichtexaminierte. Er frng nämlich, woran das Weib ans Samaria erkannthatte, daß Jesus ein Jude war?An der Beschncidung" ant-wortete keck die kleine Schwäbin.

Das merkwürdigste Heiligenbild des Salons ist von HvraceBernet, dem einzigen großen Meister, welcher dicS Jahr ein Gemäldezur Ausstellung geliefert. Das Sujet ist sehr verfänglich, und wirmüssen, Ivo nicht die Wahl, doch gewiß die Auffassung desselbenbestimmt tadeln. Dieses Sujet, der Bibel entlehnt, ist die GeschichteJndaS und seiner Schwiegertochter Thamar. Nach unseren modernenBegriffen und Gefühlen erscheinen uns beide Personen in einem sehrunsittlichen Lichte. Jedoch nach der Ansicht des Altertums, wo diehöchste Aufgabe des Weibes darin bestand, daß sie Kinder gebar, daßsie den Stamm ihres Mannes fortpflanze szumal nach der nlt-hcbräischcn Denkweise, Ivo der nächste Anverwandte die Witwe einesVerstorbenen heiraten mußte, wenn derselbe kinderlos starb, nichtbloß damit durch solche posthnme Nachkommenschaft die Familiengüter,sondern damit auch das Andenken der Toten, ihr Fortleben in denSptttergebvrncn, gleichsam ihre irdische Unsterblichkeit gesichert werde), nach solcher antiken Anschauungsweise war die Handlung derThamar eine höchst sittliche, fromme, gottgefällige That, naiv schönund fast so heroisch wie die That der Judith, die unseren heutigenPatriotismnsgefiihlcn schon etwas näher steht. Was ihren Schwieger-vater Inda betrifft, so vindizieren nur für ihn eben keinen Lorbeer,aber wir behaupten, daß er in keinem Falle eine Sünde beging.Denn erstens war die Beiwohnung eines Weibes, das er an derLandstraße fand, für den Hebräer der Vorzeit, ebensowenig eineunerlaubte Handlung, wie der Genuß einer Frucht, die er von einem