164 Französische Zustände, Ik,
dieses Salons nur ein halbwcg vernünftiges Urteil zu fällen. Bisjetzt einPfand ich nur ein Mischeliagen sondergleichen, wenn ich dieGemächer des Louvre durchwandeltc. Diese tollen Farben, die allezu gleicher Zeit aus mich loskreischcn, dieser bunte Wahnwitz, dermich von allen Seiten angrinst, diese Anarchie in goldenen Rahmen,macht auf mich einen peinlichen, fatalen Eindruck, Ich quäle michvergeben?, dieses Chaos im Geiste zu ordnen und den Gedanken derZeii darin zu entdecken, oder anch nur den verwandtschaftlichen Charakterzng, wodurch diese Gemälde sich als Produkte unserer Gegenwartkundgeben. Alle Werke einer und derselben Periode haben nämlicheinen solchen Charakterzug, da? Malerzcichen dcS Zeitgeistes, Z, B,auf der Leinwand des Wattcanx, oder deo Bonchcr, oder des Vanlvo,spiegelt sich ab das graziöse gepuderte Schäferspiel, die geschminkte,tändelnde Leerheit, das süßliche Reifrockglück des herrschenden Pvmpa-dourtnms, überall hellfarbig bebänderte Hirtenstttbe, nirgends einSchwert, In entgegengesetzter Weise sind die Gemälde des Davidund seiner Schüler mir das farbige Echo der republikanischen Tugend-Periode, die in den imperialistischen KriegSrnhm überschlägt, und wirsehen hier eine forcierte Begeisterung für das marmorne Modell,einen abstrakten frostigen Verstandcsrausch, die Zeichnung korrekt,streng, schroff, die Farbe trüb, hart, unverdaulich: Sparianersnppen,WaS wird sich aber unseren Nachkommen, wenn sie einst die Gemäldeder heutigen Maler betrachten, als die zeitliche Signatur offenbaren?Durch welche gemeinsame Eigentümlichkeiten werden sich diese Bildergleich beim ersten Blick als Erzeugnisse aus unserer gegenwärtigenPeriode ausweisen? Hat vielleicht der Geist der Bourgeoisie, derJndustrialismus, der jetzt das ganze sociale Leben Frankreichs durch-dringt, auch schon in den zeichnenden Künsten sich dergestalt geltendgemacht, daß allen heutigen Gemälden das Wappen dieser neuenHerrschaft aufgedrückt ist? Besonder? die Heiligenbilder, woran diediesjährige Ausstellung so reich ist, erregen in mir eine solche Ver-mutung, Da hängt im langen Saal eine Geißelung, deren Hauptfigurmit ihrer leidenden Miene dem Direktor einer verunglückten Aktien-gesellschaft ähnlich sieht, der vor seinen Aktionären steht und Rechnungablegen soll; ja, letztere sind auch auf dem Bilde zusehen, und zwarin Gestalt von Henkern und Pharisäern, die gegen den Ecce-Homoschrecklich erbost sind und an ihren Aktien sehr viel Geld verloren zuhaben scheinen. Der Maler soll in der Hauptfigur seinen Oheim,Herrn August Leo, Porträtiert haben. Die Gesichter auf den eigentlichhistorischen Bildern, welche heidnische und mittelalterliche Geschichtendarstellen, erinnern ebenfalls an Kramladen, Börsenspekulation,Merkantilismus, Spießbürgerlichkeit, Da ist ein Wilhelm der Erobererzu sehen, dem man nur eine Bärenmütze aufzusetzen brauchte, under, verwandelte sich in einen Nationalgardisten, der mit musterhaftem