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10 (1898) Französische Zustände : 2
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Kunslberichte ans Paris. I4Z

giebt, einige nüchterne Bacchanten der Vernunft, die in ihrem logischenWahnsinn uns alle Ehrfurcht, die das uralte Sakrament des König-tums gebietet, aus der Tiefe unserer Herzen herausdisputieren mochten.Indessen, die trübe Ursache der Schmerzen nennen wir keineswegsein Plagiat, noch viel weniger ein Verbrechen, und am allerwenigsteninfam; wir nennen sie eine Schickung Gottes. Würden wir dochdie Menschen zu hoch stellen und zugleich zu tief herabsehen, wennwir ihnen so viel Riesenkraft und zugleich so viel Frevel zutrauten,daß sie aus eigener Willkür jenes Blut vergossen hätten, dessenSpuren Chateaubriand mit dem Wasser seines schwarzen Waschbeckensvertilgen will.

Wahrlich, wenn man die derzeitigen Zustände erwägt und dieBekenntnisse der überlebenden Zeugen einsammelt, so sieht man, wiewenig der freie Menschcnwille bei dem Tode Ludwigs XVI. vor-waltete. Mancher, der gegen den Tod stimmen wollte, that dasGegenteil, als er die Tribüne bestiegen und von dem dunkeln Wahn-sinn der politischen Verzweiflung ergriffen wurde. Die Girondistenfühlten, daß sie zu gleicher Zeit ihr eigenes Todesurteil aussprachen.Manche Reden, die bei dieser Gelegenheit gehalten wurden, dientennur zur Selbstbctäubung. Der Abbe Sieycs, angeekelt von demwiderwärtigen Geschwätze, stimmte ganz einfach für den Tod, undals er von der Tribüne herabgestiegen, sagte er zu seinem Freunde:„Rai vots Is, mort saus püruss." Der böse Leumund aber miß-brauchte diese Privatäußcrung; dem mildesten Menschen ward alsparlamentarisch das Schreckenswvrt „In rnort oans pbrass" auf-gebürdet, und es steht setzt in allen Schulbüchern, und die Jungenlerncn's auswendig. Wie man mir allgemein versichert, Bestürzungund Trauer herrschte am 21. Januar in ganz Paris, sogar diewütendsten Jakobiner schienen von schmerzlichem Mißbehagen nieder-gedrückt. Mein gewöhnlicher Kabriolcttführcr, ein alter Sansculotte,erzählte mir, als er den König sterben sah, sei ihm zu Mute ge-wesen, „als würde ihm selber ein Glied abgesägt". Er setzte hinzu:„Es hat mir im Magen weh gethan, und ich hatte den ganzen Tageinen Abscheu vor Speisen." Auch meinte er, „der alte Veto" habesehr unruhig ausgesehen, als wolle er sich zur Wehr setzen. Soviel ist gewiß, er starb nicht so großartig wie Karl I., der erst ruhigseine lange protestierende Rede -hielt, wobei er so besonnen blieb,daß er die umstehenden Edclleute einige Male ersuchte, das Beil nichtzu betasten, damit es nicht stumpf werde. Der geheimnisvoll ver-larvtc «Scharfrichter von Whitchall wirkte ebenfalls schauerlich poetischer,als Samson mit seinem nackten Gesichte. Hof und Henker hattendie letzte Maske fallen lassen und es war ein prosaisches Schauspiel.Bielleicht hätte Ludwig eine lange christliche Verzeihungsrede gehalten,wenn nicht die Trommel bei den ersten Worten schon so gerührtHeine's Wer le. X. Bd. 10