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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
Seite
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Kunstlieriitite ans Paris. 143

In einem von den dämmernden Sälen Whitchalls, auf dunkel-roten Sammetstiihlen, steht der Sarg des enthaupteten Königs, unddavor steht ein Mann, der mit ruhiger Hand den Deckel aufhebtund den Leichnam betrachtet. Jener Mann steht dort ganz allein,seine Figur ist breit unterseht, seine Haltung nachlässig, sein Gesichtbäurisch ehrenfest. Seine Tracht ist die eines gewöhnlichen Kriegers,puritanisch schmucklos; eine lang herabhängende dunkelbraune Sammctwcste, darunter eine gelbe Lederjacke; Neiterstiefel, die so hoch herauf-gehen, daß die schwarze Hose kaum zum Vorschein kommt; gner überdie Brnst ein schmntziggclbcs Degengehänge, woran ein Degen mitGlockcngriff; auf den knrzgeschnittenen dunkeln Haaren des Hauptesein schwarzer ansgekrttmptcr Hut mit einer roten Feder; am Halseein übergeschlagenes weißes Kräglein, worunter noch ein StückHarnisch sichtbar wird; schmutzige gelblederne Handschuhe; in dereinen Hand, die nahe am Degengriffe liegt, ein kurzer, stützenderStock, in der andern Hand der erhobene Deckel des Sarges, worinder König liegt.

Die Toten haben überhaupt einen Ausdruck im Gesichte, wo-durch der Lebende, den man neben ihm erblickt, wie ein Geringerererscheint; denn sie übertreffen ihn immer an vornehmer Leidenschafts-losigkeit und vornehmer Kälte. Das fühlen auch die Menschen, undans Respekt vor dem höheren Totenstande tritt die Wache ins Ge-wehr und präsentiert, wenn eine Leiche vorübergetragcn wird, undsei es auch die Leiche des ärmsten Flickschneiders. Es ist daher leichtbegreiflich, wie sehr dem Oliver Cromwell seine Stellung ungünstigist bei jeder Vergleichung mit dem toten Könige. Dieser, verklärtvon dem eben erlittenen Martyrtume, geheiligt von der Majestätdes Unglücks, mit dem kostbaren Purpur am Halse, mit dem Kußder Melpomene ans den weißen Lippen, bildet den herabdrückcndstcuGegensatz zu der rohen, der lebendigen Pnritanergestalt. Auch mitder äußeren Bekleidung derselben kontrastieren ticsschneidcnd bedeutsamdie letzten Prachtspuren der gefallenen Herrlichkeit, das reiche grün-seidene Kissen im Sarge, die Zierlichkeit des blendendweißen Leichen-Hemds, garniert mit Brabanter Spitzen.

Welchen großen Weltschmerz hat der Maler hier mit wenigenStrichen ausgesprochen! Da liegt sie, die Herrlichkeit deS Königtums,einst Trost und Blüte der Menschheit, elendiglich verblutend. Eng-lands Leben ist seitdem bleich und grau, und die entsetzte Poesiefloh den Boden, den sie ehemals mit ihren heitersten Farben ge-schmückt. Wie tief empfand ich dieses, als ich einst um Mitternachtan dem fatalen Fenster der Whitehnll vorbeiging und die jetzigekaltfeuchte Prosa von England mich dnrchfröstelte! Warum war abermeine Seele nicht von ebenso tiefen Gefühlen ergriffen, als ich jüngstzum erstenmal über den entsetzlichen Platz ging, wo Ludwig XVI.