Kunstberichte aus Paris. 139
Menge etwas unförmlich protestierte, als sie jüngst die Kirchendemolierte und die Heiligenbilder in der Seine schwimmen lehrte.Robert ist ein Franzose, nnd er, wie die meisten seiner Landsleute,huldigt unbewußt einer noch verhüllten Doktrin, die von einemKampfe des Geistes mit der Materie nichts wissen will, die deinMenschen nicht die sicheren irdischen Genüsse verbietet und dagegendesto mehr himmlische Freude ins Blaue hinein verspricht, die demMenschen vielmehr schon auf dieser Erde beseligen mochte, und diesinnliche Welt ebenso heilig achtet wie die geistige; denn „Gott istalles, was da ist." Roberts Schnitter sind daher nicht nur sünden-los, sondern sie kennen keine Sünde, ihr irdisches Tagwerk ist Andacht,sie beten beständig, ohne die Lippen zu bewegen, sie sind selig ohneHimmel, versöhnt ohne Opfer, rein ohne beständiges Abwaschen, ganzheilig. Daher, wenn auf katholischen Bildern nur die Köpfe, alsder Sitz des Geistes, mit einem Heiligenschein umstrahlt sind unddie Vergeistigung dadurch symbolisiert wird, so sehen wir dagegenauf dem Rvbertschen Bilde auch die Materie verheiligt, indem hierder ganze Mensch, der Leib ebensogut wie der Kopf, vom himmlischenLichte, wie von einer Glorie, umflossen ist.
Aber der Katholizismus ist im neuen Frankreich nicht bloßerloschen, sondern er hat hier auch nicht einmal einen rückwirkendenEinfluß ans die Knust, wie in unserem protestantischen Deutschland,wo er durch die Poesie, die jeder Vergangenheit innewohnt, eineneue Geltung gewonnen. Es ist vielleicht bei den Franzosen einstiller Nachgrimm, der ihnen die katholischen Traditionen verleidet,während für alle andern Erscheinungen der Geschichte ein gewaltigesInteresse bei ihnen auftaucht. Diese Bemerkung kann ich durch eineThatsache beweisen, die sich eben wieder durch jene Bemerkung erklärenläßt. Die Zahl der Gemälde, worauf christliche Geschichten, sowohldes Alten Testaments als des Neuen, sowohl der Tradition als derLegende, dargestellt sind, ist im diesjährigen Salon so gering, daßmanche Unter-Unterabteilung einer weltlichen Gattung weit mehrStücke geliefert, und wahrhaftig bessere Stücke. Nach genauer Zählungfinde ich unter den dreitausend Zdnmmcrn des Katalogs nur nenn-undzwanzig jener heiligen Gemälde verzeichnet, während allein schonderjenigen Gemälde, worauf Sccnc» aus Walter Scotts Romanendargestellt, über dreißig gezählt werden. Ich kamt also, wenn ichvon französischer Malerei rede, gar nicht mißverstanden werden,wenn ich die Ausdrücke „historische Gemälde" und „historische Schule"in ihrer natürlichsten Bedeutung gebrauche.
Drln r o ch e
ist der Chorführer einer solchen Schule. Dieser Maler hat keineVorliebe für dte Vergangenheit selbst, sondern für ihre Darstellung,