133 Französische Zustände. II.
nittlde, wie ich höre, jetzt gestochen wird und vielleicht schon nächstenMonat als Kupferstich nach Deutschland reist, so erspare ich nurjede weitere Beschreibung. Aber ein Kupferstich wird ebensowenig,wie irgend eine Beschreibung, den eigentlichen Zauber des Bildesaussprechen können. Dieser besteht im Kolorit. Die Gestalten, diesämtlich dunkler sind als der Hintergrund, werden durch den Wiedcr-schein des Himmels so himmlisch beleuchtet, so wunderbar, daß siean und für sich in freudigst hellen Farben erglänzen, und dennochalle Konturen sich streng abzeichnen. Einige Figuren scheinen Porträtzu sein. Doch der Maler hat nicht, in der dumm ehrlichen Weisemancher seiner Kollegen, die Natur nachgepinselt und die Gesichterdiplomatisch genau abgeschrieben, sondern, wie ein geistreicher Freundbemerkte, Robert hat die Gestalten, die ihm die Natur geliefert, erstin sein Gemüt aufgenommen, und wie die Seelen im Fegfeuer, diedort nicht ihre Individualität, sondern ihre irdischen Schlacken ein-büßen, ehe sie selig hinaufsteigen in den Himmel, so wurden jeneGestalten in der glühenden Flammentiefe des Künstlcrgemütes sofegfenrig gereinigt und geläutert, daß sie verklärt emporstiegen inden Himmel der Kunst, wo ebenfalls ewiges Leben und ewige Schön-heit herrscht, wo Venns und Maria niemals ihre Anbeter verlieren,wo Romeo und Julie nimmer sterben, wo Helena ewig jung bleibtund Heknba wenigstens nicht älter wird.
In der Farbengebung des Rvbcrtschen Bildes erkennt man dasStudium des Raphael. An diesen erinnert mich ebenfalls die archi-tektonische Schönheit der Gruppierung. Auch einzelne Gestalten,namentlich die Mutter mit dem Kinde, ähneln den Figuren auf denGemälden des Raphael, und zwar aus seiner Vorfrllhlingspcrivde,wo er noch die strengen Typen des Perugino, zwar sonderbar treu,aber doch holdselig gemildert, wiedergab.
Es wird mir nicht einfallen, zwischen Robert und dem größtenMaler der katholischen Weltzeit eine Parallele zu ziehen. Aber ichkann doch nicht umhin, ihre Verwandtschaft zu gestehen. Es ist in-dessen nur eine materielle Formcnverwandtschast, nicht eine geistigeWahlverwandtschaft. Raphael ist getränkt von katholischem Christen-tum, einer Religion, die den Kampf des Geistes mit der Materie,oder des Himmels mit der Erde ausspricht, eine Unterdrückung derMaterie beabsichtigt, jeden Protest derselben eine Sünde nennt, unddie Erde vergeistigen oder vielmehr die Erde dem Himmel aufopfernmöchte. Robert gehört aber einem Volke an, worin der Katholizis-mus erloschen ist. Denn, beiläufig gesagt, der Ausdruck der Charte,daß der Katholizismus die Religion der Mehrheit des Volkes sei,ist nur eine französische Galanterie gegen blotrs Oarns Us Uaris,die ihrerseits wieder mit gleicher Höflichkeit die drei Farben der Frei-heit auf dem Haupte trägt, eine Doppelheuchelei, wogegen die rohe