Kmistberichte uns Paris. 135
Europas gänzlich erloschen, sogar in katholischen Ländern, nnd dochschien das Kostüm der Zeitgenossen gar zu nnmalerisch, um Dar-stellungen aus der Zeitgeschichte und aus dem gewöhnlichen Lebenzn begünstigen. Unser moderner Frack hat wirklich so etwas Grund-prosaisches, daß er nur parvdistisch in einem Gemälde zu gebrauchenwäre.*) Die Maler, die ebenfalls dieser Meinung sind, haben sichdaher nach malerischeren Kostümen umgesehen. Die Vorliebe fürältere geschichtliche Stoffe mag hierdurch besonders befördert wordensein, und wir finden in Deutschland eine ganze Schule, der esfreilich nicht an Talenten gebricht, die aber unablässig bemüht ist,die heutigsten Menschen mit den heutigsten Gefühlen in die Garderobedes katholischen und feudalistischen Mittelalters, in Kutten nndHarnische, einzukleiden. Andere Maler haben ein anderes AuSkunfts-mittcl versucht; zu ihren Darstellungen wählten sie Volksstämme,denen die herandrängende Civilisation noch nicht ihre Originalitätnnd ihre Nationaltracht abgestreift hat. Daher die Scenen aus demTiroler Gebirge, die wir auf den Gemälden der Münchener Malerso oft sehen. Dieses Gebirge liegt ihnen so nahe, nnd das Kostümseiner Bewohner ist malerischer, als das unserer Dandies. Daherauch jene freudigen Darstellungen ans dein italienischen Volksleben,das ebenfalls den meisten Malern sehr nahe ist, wegen ihres Aufent-haltes in Rom, wo sie jene identische Natur und jene uredleMcnschenfvrmen und malerische Kostüme finden, wonach ihr Künstler-herz sich sehnt.
Robert, Franzose von Geburt, in seiner Jugend Kupferstecher,hat späterhin eine Reihe Jahre in Rom gelebt, nnd zu der ebenerwähnten Gattung, zu Darstellungen ans dem italienischen Volks-leben, gehören die Gemälde, die er dem diesjährigen Salon geliefert.Er ist also ein Genrcmaler, höre ich die Zunftmeister aussprechen,nnd ich kenne eine Frau Historienmalerin, die jetzt über ihn dieNase rümpft. Ich kann aber jene Benennung nicht zugeben, weiles im alten Sinne keine Historienmalerei mehr giebt. Es wäre garzu vag, wenn man diesen Namen für alle Gemälde, die einen tiefen
") Hier folgt in dein ältesten Abdruck die Stelle: „Noch unlängst stritt ichdeshalb mit einem Philosophen aus Berlin, einer Stadt in Preußen, welchermir die mystische Bedeutsamkeit des Fracks und die natnrhistorische Poesie seinerForm erklären wollte. Er erzählte mir folgenden Mythos: Der erste Mensch seinicht unanständig kleidlos, sondern ganz eingenäht in einen Schlafrock erschaffenworden, und als nachher ans seiner Nippe das Weib entstand, sei auch vorn ausseinem Schlafrock ein großes Stück geschnitten worden, welches dem Weibe alsSchürze dienen mußte, so daß der Schlafrock durch jenen Ausschnitt ein Frackwurde nnd dieser in der weiblichen Schürze seine natürliche Ergänzung fand.Troß dieser schönen Entstehung des Fracks nnd seiner poetischen Bedeutung einerErgänzung der Geschlechter, kann ich mich doch nicht mit seiner Form befreunden,-auch die Maler teilen mit mir diese Abneigung, und sie haben sich nach malerischerenKostümen umgesehen." Der Herausgeber.