132 Französische Zustände. II.
am Fenster sitzen nnd den drolligen Zug vorüberfliegen sehe». Ihretlknhe nnd Schönheit bildet mit demselben einen ungemein reizendenKontrast. Sic lächeln nicht; diese Impertinenz zu Pferde mit demnebenher laufenden Hundcgehorsam ist ihnen ein gewähnter Anblick,und wir fühlen uns dadurch um so wahrhafter versetzt in das Vater-land des Absolutismus.
Nur der Künstler, der zugleich Bürger eines Freistaats ist,konnte mit heiterer Laune dieses Bild malen. Ein anderer, als einFranzose, hätte stärker und bitterer die Farben aufgetragen, er hätteetwas Bcrlinerblau hineingemischt, oder wenigstens etwas grüneGalle, nnd der Grnndton der Persiflage wäre verfehlt worden.
Damit mich dieses Bild nicht noch länger festhält, wende ichmich rasch zu einem Gemälde, worauf der Name
Lcssor c
zu lesen war, nnd das durch seine wunderbare Wahrheit nnd durcheinen Luxus von Bescheidenheit und Einfachheit jeden anzog. Manstutzte, wenn man vorbeiging. „Der kranke Bruder", ist es imKatalog verzeichnet. In einer ärmlichen Dachstube, auf einem ärm-lichen Bette, liegt ein siecher Knabe und schaut mit flehenden Augennach einem roh hölzernen Kruzifixe, das an der kahlen Wand be-festigt ist. Zu seinen Füßen sitzt ein anderer Knabe, niedergeschlagenenBlicks, bekümmert nnd traurig. Sein kurzes Jäckchen nnd seineHöschen sind zwar reinlich, aber vielfältig geflickt und von ganzgrobem Tuche. Die gelbe wollene Decke ans dem Bette, nnd wenigerdie Möbel, als vielmehr der Mangel d-rsclben, zeugen von bangerDürftigkeit. Dem Stoffe ganz anpassend ist die Behandlung. Dieseerinnert zumeist an die Bettclbilder des Murillv. ScharfgcschnitteneSchatten, gewaltige, feste, ernste Striche, die Farben nicht geschwindehingefegt, sondern ruhigkiihn aufgelegt, sonderbar gedämpft nnddennoch nicht trübe; den Charakter der ganzen Behandlung bezeichnetShakespeare mit den Worten: ,bbs mocksstx ob natura." Umgebenvon brillanten Gemälden mit glänzenden Prachtrahnien, mußte diesesStück um so mehr auffallen, da der Rahmen alt und von angeschwärztem Golde war, ganz übereinstimmend mit Stoff nnd BeHandlung des Bildes. Solchermaßen konsequent in seiner ganzenUmgebung, machte dieses Gemälde einen tiefen melancholischen Eindruck auf jeden Beschauer, nnd erfüllte die Seele mit jenem nnncnnbaren Mitleid, daS uns zuweilen ergreift, wenn wir ans demerleuchteten Saal einer heiteren Gesellschaft plötzlich hinaustreten ansdie dunkle Straße, und von einem zerlumpten Mitgeschöpfe angeredetwerden, das über Hunger und Kälte klagt. Dieses Bild sagt vielmit wenigen Strichen, und noch viel mehr erregt es in unsererSeele.