18t) Französische Zustände. II.
knnst, denn sie schlagen ja doch alle Paraden durch. Jeder Beninsmuß studiert und nur nach dem beurteilt werden, was er selbst will.Hier gilt nur die Beantwortung der Fragen: hat er die Mittel, seineIdee auszuführen? Hat er die richtigen Mittel angewendet? Hierist fester Boden. Wir modeln nicht mehr an der fremden Erscheinungnach unseren subjektiven Wünschen, sondern wir verständigen unsüber die göttgcgebencn Mittel, die dem Künstler zu Gebote stehenbei der Berauschaulichnng seiner Idee. In den rentierenden Künstenbestehen diese Mittel in Tonen und Worten. In den darstellendenKünsten bestehen sie in Farben und Formen. Töne und Worte,Farben und Formen, das Erscheinende überhaupt, sind jedoch nurSymbole der Idee, Symbole, die in dem Gemiite des Künstlers aus-steigen, wenn es der heilige Weltgeist bewegt, seine Kunstwerke sindnur Symbole, wodurch er andern Gemütern seine eigenen Ideenmitteilt. Wer mit den wenigsten und einfachsten Symbolen dasMeiste und Bedeutendste ausspricht, der ist der größte Künstler.
Es dünkt mir aber des höchsten Preises wert, wenn die Symbole,womit der Künstler seine Idee ausspricht, abgesehen von ihrer innerenBedeutsamkeit, noch außerdem an und für sich die Sinne erfreuen,wie Blumen eines'Selams, die, abgesehen von ihrer geheimen Be-deutung, auch an und für sich blühend und lieblich sind und ver-bunden zu einem schönen Strauße. Ist aber solche Zusammeustimmnngimmer möglich? Ist der Künstler so ganz willcnSfrci bei der Wahlund Verbindung seiner geheimnisvollen Blumen? Oder wählt undverbindet er nur, was er muß? Ich bejahe diese Frage einer mystischenUnfreiheit. Der Künstler gleicht jener schlafwandelnden Prinzessin,die des Nachts in den Gärten von Bagdad mit tiefer LiebeSweisheitdie sonderbarsten Blumen pflückte und zu einem Selam verband,dessen Bedeutung sie gar nicht mehr wußte, als sie erwachte. Dasaß sie nun des Morgens in ihrem Harem, und betrachtete dennächtlichen Strauß und sann darüber nach, wie über einen vergessenenTraum, und schickte ihn endlich dem geliebten Kalifen. Der feisteEunuch, der ihn überbrachte, ergötzte sich sehr an den hübschen Blumen,ohne ihre Bedeutung zu ahnen. Harun Alraschid aber, der Be-herrscher der Gläubigen, der Nachfolger des Propheten, der Besitzerdes Salomonischen Rings, dieser erkannte gleich den Sinn deS schönenStraußes, sein Herz jauchzte vor Freude, und er küßte jede Blume,und er lachte, daß ihm die Thränen herabliefcn in den langen Bart.
Ich bin kein Nachfolger des Propheten und besitze auch nichtden Ring SalomoniS, und habe auch keinen langen Bart, aber ichdarf dennoch behaupten, daß ich den schönen Selam, den uns Decampsaus dem Morgcnlande mitgebracht, noch immer besser verstehe, alsalle Eunuchen mitsamt ihrem Kislar-Aga, dem großen Oberkenner,dem vermittelnden Zwischenlänfer im Harem der Kunst. Das Ge-