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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
Seite
129
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Kmistderichte aus Paris.

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Auch reimen die KerlS mit so drolligen Kapriolen, mit so unerhörtenSprüngen, auch das Pferd wirft die Beine so närrisch geschwinde,daß es halb ans dein Bauch zu kriechen und halb zu fliegen scheint und das alles haben einige hiesige Kritiker am meisten getadeltund als Unnatiirlichkcit und Karikatur verworfen.

Auch Frankreich hat seine stehenden Kunstrecensenten, die nachalten vorgefaßten Regeln jedcS neue Werk bekritteln, seine Obcrkcnncr,die in den Ateliers herumschnüffeln und Beifall lächeln, wenn manihre Marotte kitzelt, und diese haben nicht ermangelt, über Decamps'Bild ihr Urteil zu fällen. Ein Herr Jal, der über jede Ausstellungeine Broschüre ediert, hat sogar nachträglich im Figaro jenes Bildzu schmähen gesucht, und er meint die Freunde desselben zu persi-flieren, wenn er scheinbar demütigst gesteht,er sei nur ein Mensch,der nach Berstandcsbegriffcn urteile, und sein armer Verstand könnein dein Dccampsschen Bilde nicht das große Meisterwerk sehen, dasvon jenen llbcrschwneglichcn, die nicht bloß mit dem Verstände erkennen, darin erblickt wird." Der arme Schelm, mit seinem armenVerstände! er weiß nicht, wie richtig er sich selbst gerichtet! Demarmen Verstände gebührt wirklich niemals die erste Stimme, wennüber Knnstwerke genrteilt wird, ebensowenig, als er bei der Schöpfungderselben jemals die erste Rolle gespielt hat. Die Idee des Kunstwerks steigt ans dem Gemüte, und dieses verlangt bei der Phantasiedie verwirklichende Hilfe. Die Phantasie wirft ihm dann alle ihreBlumen entgegen, verschüttet fast die Idee, und würde sie eher tötenals beleben, wenn nicht der Verstand heranhinkte, und die über-flüssigen Blumen beiseite schöbe, oder mit seiner blanken Garten-schere abmähte. Der Verstand übt nur Ordnung, sozusagen: diePolizei, im Reiche der Kunst. Im Leben ist er meistens ein kalterKalkulator, der unsere Thorheiten addiert; ach! manchmal ist er nurder Fallitenbnchhalter des gebrochenen Herzens, der daS Deficit ruhigausrechnet.

Der große Irrtum besteht immer darin, daß der Kritiker dieFrage anfwirft: WaS soll der Künstler? Viel richtiger wäre dieFrage: Was will der Künstler? oder gar: Was muß der Künstler?Die Frage: Was soll der Künstler? entstand durch jene Knnst-philvsophen, die, ohne eigene Poesie, sich Merkmale der verschiedenenKunstwerke abstrahierten, nach dem Vorhandenen eine Norm füralles Zukünftige feststellten, und Gattungen schieden, und Definitionenund Regeln ersannen. Sie wußten nicht, daß alle solche Abstraktionennur allenfalls zur Beurteilung des NachahincrvolkeS nützlich sind, daßaber jeder Originnlkünstler und gar jede? neue Knnstgenie nach seinereigenen mitgebrachten Ästhetik beurteilt werden muß. Regeln undsonstige alte Lehren sind bei solchen Geistern noch viel weniger an-wendbar. Für junge Riesen, wie Menzel sagt, giebt es keine Fehl-

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