Knnstberichte aus Paris. 113
Malers, daß er uns nur den Kopf eines Mannes geinalt hat, unddaß der bloße Anblick desselben uns die Gefühle und Gedanken mit-teilt, die sich in des Mannes Hirn und Herzen bewegen. Im Hinter-gründe, kaum sichtbar und ganz grün, widerwärtig grün gemalt,erkennt man auch den Kopf des Mephistopheles, des bösen Geistes,des Vaters der Lüge, des Flicgcngvttes, des Gottes der grünen Seife.
Gleichen ist ein Seitenstück von gleichem Werte. Sie sitzt eben-falls auf einem gedampft roten Sessel, das ruhende Spinnrad mitvollem Wvcken zur Seite; in der Hand hält sie ein aufgeschlagenesGebetbuch, worin sie nicht liest und worin ein verblichen buntesMnttcrgottcsbildchen hcrvortröstet. Sie hält das Haupt gesenkt, sodaß die größere Seite des Gesichtes, das ebenfalls fast Profil, garseltsam beschattet wird. Es ist, als ob des Fanstcs nächtliche Seeleihren Schatten werfe über das Antlitz des stillen Mädchens. Diebeiden Bilder hingen nahe nebeneinander, und es war um so bemerkbarer, daß ans dem deS Feinstes aller Lichtcsfckt dem Gesichtegewidmet worden, daß hingegen auf Gretchens Bild weniger dasGesicht, und desto mehr dessen Umrisse beleuchtet sind. Letzteres erhieltdadurch noch etwas unbeschrcibbar Magisches. GrctchenS Mieder istsaftig grün, ein schwarzes Käppchc» bedeckt ihre Scheitel, aber ganzspärlich, und von beiden Seiten dringt ihr schlichtes, goldgelbes Haarum so glänzender hervor. Ihr Gesicht bildet ein rührend edleS Oval,und die Züge sind von einer Schönheit, die sich selbst verbergen mochteans Bescheidenheit. Sie ist die Bescheidenheit selbst, mit ihre» liebenblauen Augen. Es zieht eine stille Thräne über die schöne Wange,eine stumme Perle der Wehmut. Sie ist zwar Wolfgang GoethesGrelchen, aber sie hat den ganzen Friedrich Schiller gelesen, und sieist viel mehr sentimal als naiv, und viel mehr schwer idcalisch alsleicht graziös. Vielleicht ist sie zu treu und zu ernsthaft, um graziössein zu können, denn die Grazie besteht in der Bewegung. Dabeihat sie etwaS so Verläßliches, so Solides, so Reelles, wie ein barerLonisdor, den man noch in der Tasche hat. Mit einem Wort, sieist ein deutsches Mädchen, und wenn man ihr tief hineinschaut indie melancholischen Veilchen, so denkt man an Deutschland, an duftigeLindcnbäumc, an HölthS Gedichte, an den steinernen Roland vordem Rathaus, an den alten Konrektor, an seine rosige Nichte, andas Forsthnns mit den Hirschgeweihen, an schlechten Tabak und guteGesellen, an GrvßmntterS Kirchhossgcschichten, an treuherzige Nacht-wächter, an Freundschaft, an erste Liebe und allerlei andere süßeSchnnrrpfeifereien. — Wahrlich, Scheffcrs Gretchen kann nicht be-schrieben werden. Sie hat mehr Gemüt als Gesicht. Sie ist einegemalte Seele. Wenn ich bei ihr. vorüberging, sagte ich immerunwillkürlich: „LiebeS Kind!"
Leider finden wir Schesfers Manier in allen seinen Bildern,