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10 (1898) Französische Zustände : 2
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96 Französische Zustände. II.

verständigen, sonder» sie fluchen und schimpfen alsdann wie dieKutscher des Occidcnts. Und dieses klägliche Schauspiel gewährenuns zumeist Theologen und Philosophen, obgleich erstere ans dasDogma der Demut und Barmherzigkeit besonders angewiesen sind,und letztere in der Schule der Vernunft zunächst Geduld und Ge-lassenheit erlernt haben sollten. Die Fehde zwischen der Universitätund den Ultramoutanen hat diesen Frühling bereits mit einer Floravon Grobheiten und Schmähreden bereichert, die selbst auf unserendeutschen Mistbeeten nicht kostbarer gedeihen könnte. Das wuchert,das sproßt, das blüht in unerhörter Pracht. Wir haben weder Lustnoch Beruf, hier zu botanisieren. Der Duft mancher Giftblnmenkönnte uns belaubend zu Kopf steigen nnd uns verhindern, mitkühler Unparteilichkeit den Wert beider Parteien nnd die politischeBedeutung und Bedeutsamkeit des Kampfes zu würdigen. Sobalddie Leidenschaften ein bißchen verduftet sind, wollen wir solche Würdignng versuchen. So viel können wir schon heute sagen: DasRecht ist aus beiden Seiten, und die Personen werden getrieben vonder fatalsten Notwendigkeit. Der größte Teil der .Katholischen, weiseund gemäßigt, verdammt zwar das unzeitige Schildcrhcbcn ihrerParteigenossen, aber diese gehorchen dem Befehl ihres Gewissens,ihrem höchsten GlaubenSgesctz, dem eompoUs rntrarv, sie thun ihreSchuldigkeit, und sie verdienen aus diesem Grunde unsere Ächtung.Wir kennen sie nicht, wir haben kein Urteil über ihre Person, undwir sind nicht berechtigt, an ihrer Ehrlichkeit zu zweifeln . . .

Diese Leute sind nicht eben meine Lieblinge, aber, aufrichtiggestanden, trotz ihrem düstern, blutrünstigen Zelotismus sind siemir lieber als die toleranten Amphibien des Glaubens nnd Wissens,als jene Kunstgläubigen, die ihre erschlafften Seelen durch frommeMusik und Heiligenbilder kitzeln lassen, nnd gar als jene Rcligionsdilcttanten, die für die Kirche schwärmen, ohne ihren Dogmen einenstrengen Gehorsam zu widmen, die mit den heiligen Symbolen nurliebäugeln, aber keine ernsthafte Ehe eingehen wollen, und die manhier eatüoUciuss inarrons nennt. Letztere füllen seht unsere fnshionablcn Kirchen, z. B. Sainte Madclcine, oder Nvtre Dame de Lorettc,jene heiligen BvudoirS, wo der süßlichste Rvkokogcschmack herrscht,ein Weihkessel, der nach Lavendel duftet, reichgepolsterte Betstühle,rosige Beleuchtung nnd schmachtende Gesänge, überall Blumen undtändelnde Engel, kokette Andacht, die sich fächert mit Evcntails vonBvncher nnd Watteau — Pvmpadvnrchristentnm.

Ebenso unrecht wie unrichtig ist die Benennung „Jesuiten",womit man hier die Gegner der Universität zu bezeichnen Pflegt.Erstens giebt es gar keine Jesnitcn mehr in dem Sinne, den manmit jenem Namen verknüpft. Aber wie es oben in der DiplomatieLeute giebt, die jedesmal, wenn die Flutzeit der Revolution eintritt,