94 Französische Zustünde. II.
heilenden Denker in Frankreich, aber diese Armut ist bei ihnen nichtblaß ein Antrieb zu tieferer Fvrschnng und ein stärkendes Stahlbadder Geisteskräfte, sondern sie ist auch eine empfehlende Annonce fürihre Lehre, und in dieser Beziehung gleichfalls von providentiellerBedeutsamkeit. In Deutschland wird der Mangel an irdischen Güternsehr gemütlich entschuldigt, und besonders das Genie darf bei unsdarben und verhungern, ohne eben verachtet zu werden. In Eng-land ist man schon minder tolerant, das Verdienst eines Manneswird dort nur nach seinem Einkommen abgeschätzt, und Zrocv inuclris Irg rvortü?" heisit buchstäblich' „Wieviel Geld besitzt er, wievielverdient er?" Ich habe mit eigenen Ohren angehört, wie in Florenzein dicker Engländer ganz ernsthaft einen Franziskancrmöuch fragte,wieviel es ihm jährlich einbringe, daß er so barfüßig nnd mit einemdicken Strick um den Leib herumgehe? In Frankreich ist es anders,und wie gewaltig auch die Gewinnsucht des Jndustrialismns um sichgreift, so ist doch die Armut bei ausgezeichneten Personen ein wahrerEhrentitel, und ich mochte schier behaupten, daß der Reichtum, einenunehrlichen Verdacht begründend, gewissermaßen mit einem geheimenMakel, mit einer Isvis natu, die sonst vortrefflichsten Leute beHafte.Das mag wohl daher entstehen, weil man bei so vielen die un-sauberen Quellen kennt, woraus die großen Reichtümer geflossen.Ein Dichter sagte, „daß der erste König ein glücklicher Soldat war!— in betreff der Stifter unserer heutigen Finanz-Dynastien dürfennur vielleicht das prosaische Wort aussprechen, daß der erste Bankierein glücklicher Spitzbube gewesen. Der Kultus des Reichtums istzwar in Frankreich so allgemein, wie in andern Ländern, aber esist ein Kultus ohne heiligen Respekt; die Franzosen tanzen ebenfallsum das goldene Kalb, aber ihr Tanzen ist zugleich Spott, Persiflage,Selbstvcrhöhnung, eine Art Cancan. Es ist dieses eine merkwürdigeErscheinung, erklärbar teils aus der generösen Natur der Franzosen,teils auch aus ihrer Geschichte. Unter dem alten Regime galt nur dieGeburt, nur die Ahncnzahl gab Auschen, und die Ehre war eineFrucht des Stammbaums. Unter der Republik gelangte die Tugendzur Herrschaft, die Armut ward eine Würde, und, wie vor Angst,so auch vor Scham, verkroch sich das Geld. Aus jeuer Periodestammen die vielen dicken Soustücke, die ernsthaften Kupfermünzenmit den Symbolen der Freiheit, sowie auch die Traditionen vonpekuniärer Uneigennützigkeit, die wir noch hcutigestages bei denhöchsten Staatsvcrwaltern Frankreichs antreffen, wie z. B. bei Mols,bei Guizot, bei Thiers, dessen Hände ebenso rein sind, wie die derNcvolutionsmänner, die er gefeiert. Zur Zeit des Kaisertums flo-rierte nur der militärische Ruhm, eine neue Ehre ward gestiftet, dieder Ehrenlegion, deren Großmeister, der siegreiche Imperator, mitVerachtung herabschaute auf die rechnende Krnmergilde, auf die