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10 (1898) Französische Zustände : 2
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Französische Zustande. II.

gegengesctzten Seilen angegriffen, und mährend die ganze Glaubcns-armee mit fliegenden Kreuzfahnen, unter Anführung des Erzbischofsvon Chartres, gegen ihn vorrückt, stürmen auf ihn los auch dieSansculotten des Gedankens, brave Herzen, schwache Köpfe, mit PierreLeroux an ihrer Spitze. In diesem Kampf sind alle unsere Sieges-wünfche für Cousin; denn, wenn auch die Bevorrechtung der Uni-versität ihre Melstände hat, so verhindert sie doch, daß der ganzeUnterricht in die Hände jener Leute fällt, die immer mit unerbittlicherGrausamkeit die Männer der Wissenschaft und des Fortschrittes ver-folgten, und solange Cousin in der Sorbonne wohnt, wird wenigstensdort nicht, wie ehemals, der Scheiterhaufen als letztes Argument, alsultima, ratio, in der Tagespolemik angewendet werden. Ja, erwohnt dort als Gonfalvnicrc der Gedankenfreiheit, und das Bannerderselben weht über dem sonst so verrufenen Obsknrantenneste derSorbonne. Was unS für Cousin noch besonders stimmt, ist dieliebreiche Perfidic, womit man die Beschuldigungen des Pierre Le-roux auszubeuten wußte. Die Arglist hatte sich diesmal hinter dieTugend versteckt, und Cousin wird wegen einer Handlung angeklagt,für die, hätte er sie wirklich begangen, ihm nur Lob, volles ortho-doxes Lob von der klerikalen Partei gespendet werden mußte; Janse-uisten ebensowohl wie Jesuiten predigten ja immer den Grundsatz,daß man um jeden Preis das öffentliche Ärgernis zu verhindernsuche. Nur das öffentliche Ärgernis sei die Sünde, und nur diesesolle man vermeiden, sagte gar salbungsvoll der fromme Mann, denMolisre kanonisiert hat. Aber nein, Cousin darf sich keiner so er-baulichen That rühmen, wie man sie ihm zuschreibt; dergleichenliegt vielmehr im Charakter seiner Gegner, die von jeher, um denSkandal zu hintertreiben oder schwache Seelen vor Zweifel zu be-wahren, es nicht verschmähten, Bücher zu verstümmeln oder ganzumzuändern oder zu vernichten, oder ganz neue Schriften untererborgten Namen zu schmieden, so daß die kostbaren Denkmale undUrkunden der Vorzeit teils gänzlich untergegangen, teils verfälschtsind. Nein, der heilige Eifer des Bücherkastriercns und gar derfromme Betrug der Interpolationen gehört nicht zu den Gewohnheitender Philosophen.

Und Victor Cousin ist ein Philosoph in der ganzen deutschenBedeutung des Wortes. Pierre Leronx ist es nur im Sinne derFranzosen, die unter Philosophie vielmehr allgemeine Untersuchungenüber gesellschaftliche Fragen verstehen. In der That, Victor Cousinist ein deutscher Philosoph, der sich mehr mit dem menschlichen Geiste,als mit den Bedürfnissen der Menschheit beschäftigt, und durch dasNachdenken über das große Ego in einen gewissen Egoismus geraten.Die Liebhaberei für den Gedanken an und für sich absorbierte beiihm alle Seelenkräste, aber der Gedanke selbst interessierte ihn zu-