82 Französisch? Zustände. II.
des Friedens, sich in ihrem frommen Eifer weder klug noch sanft-mütig zeigen würden, setzt mich nicht in Verwunderung. Aber eineRegierung, an deren Spitze ein Mann der Wissenschaft, hätte sichdoch milder und vernünftiger benehmen können. Ist der GeistGuizots ermüdet von den Tagcskämpfen? Oder hätten wir uns inihm geirrt, als wir ihn für den Kämpen hielten, der die Eroberungendes menschlichen Geistes gegen Lug und Klerisei am standhaftestenverteidigen würde? Als er nach dem Sturz von Thiers ans Ruderkam, schwärmten für ihn alle Schulmeister Germanins und wirmachten Chorus mit dem aufgeklärten Gelehrtenstand. Diese Hosianna-tage,sind vorüber, und es ergreift uns eine Verzagnis, ein Zweifel,ein Mißmut, der nicht auszusprechen weiß, was er nur dunkel em-pfindet und ahnt, und der sich endlich in ein grämliches Stillschweigenversenkt. Da wir wirklich nicht recht wissen, was wir sagen sollen,da wir an dem alten Meister irre geworden, so dürfte es wohl amratsamsten sein, von andern Dingen zu schwatzen, als von der Tages-politik im gelangweilten, schläfrigen und gähnenden Frankreich. —Nur über das Verfahren gegen Edgar Quinet wollen wir noch unsereunmaßgebliche Rüge aussprechen. Wie den Michelet, hätte man auchden Edgar Quinet nicht so schnöde reizen dürfen, daß auch dieser,jetzt ganz seinem innersten Naturell zuwider, getrieben ward, dasChristkind mitsamt dem Bade auszuschütten und in die Reihen jenerKohorten zu treten, welche die äußerste Linke der revolutionärenArmada bilden. Spiritnalisten sind alles fähig, wenn man sie rasendmacht, und sie können alsdann sogar in den nüchtern vernünftigstenRationalismus überschnappen. Wer weiß, ob nicht Michelet undQuinet am Ende die krassesten Jakobiner werden, die tollsten Ver-nnnftanbeter, fanatische Nachfrevler von Rvbespierre und Marat.
Michelet und Quinet sind nicht bloß gute Kameraden, getreueWaffenbrüder, sondern auch wahlverwandte Geistesgenossen. DieselbenSympathien, dieselben Antipathien. Nur ist das Gemüt des einenweicher, ich möchte sagen: indischer; der andere hat hingegen inseinem Wesen etwas Derbes, etwas Gotisches. Michelet mahnt michan die großblumig starkgewürztcn Ricsengedichte des Mahabarata;Quinet erinnert vielmehr an die ebenso ungeheuerlichen, aberschrofferen und felsenhafteren Lieder der Edda. Quinet ist einenordische Natur, man kann sagen: eine deutsche, sie hat ganz dendeutschen Charakter, im guten wie im üblen Sinne; DeutschlandsOdem weht in allen seinen Schriften. Wenn ich den „Nhasvcr"oder andere Qninetschc Poesien lese, wird mir ganz heimatlich zuMute, ich glaube die vaterländischen Nachtigallen zu vernehmen, ichrieche den Duft der Gelbveiglcin, wohlbekannte Glvckentöne summenmir ums Haupt, auch die wohlbekannten Schellenkappen höre ichklingeln; deutschen Tiefsinn, deutschen Denkerschmerz, deutsche Ge-