80 Französische Zustände, II,
nicht gar mit den Piken deS Jakobinismns, Der KleruS Witt, wieer es immer wollte, in Frankreich znr Oberherrschaft gelangen, nndwir sind unparteiisch genug, um seine geheimen und öffentlichen Be-strebungen nicht den kleinen Trieben des Ehrgeizes, sondern den un-eigennützigsten Besorgnissen für das Seelenheil des Volkes zuzu-schreiben, Die Erziehung der Jugend ist ein Mittel, wodurch derheilige Zweck am klügsten befördert wird, auch ist ans diesem Wegeschon das Unglaublichste geschehen, und der Klerus mußte not-wendigerweise mit den Befugnissen der Universität in Kollision geraten. Um die Oberaufsicht des vom Staat organisierten liberalenUnterrichts zu vernichten, suchte man die revolutionären Antipathiengegen Privilegien jeder Art ins Interesse zu ziehen, und die Männer,welche, gelangten sie zur Herrschast, nicht einmal die Freiheit desDenkens erlauben würden, schwärmen jetzt mit begeisterten Phrasenfür Lehrfreiheit, nnd klagen über GeisteSmvnopol, Der Kampf mitder Universität war also kein zufälliges Scharmützel, nnd mußte frühoder spät ausbrechen; der Widerstand war ebenfalls ein Akt derNotwendigkeit, und obgleich wider Willen nnd Lust, mußte dennochdie Universität den Fehdehandschuh ausnehmen. Aber selbst denGemäßigtste» stieg bald daS kochende Blut der Leidenschaft zu Hänptc»,nnd es war Michelct, der weiche, mvndscheinsanfte Michclet, welcherplötzlich wild wurde nnd im öffentlichen Auditorium des College deFrance die Worte ausrief: „Um euch fortzujagen, haben nur eineDynastie gestürzt, und ist cS nötig, so werden wir noch sechs Dynastien umstürzen, um euch fortzujagen!"
Daß eben Menschen wie Michclet n»d sein wahlverwandterFreund Edgar Qninet als die heftigsten Kämpen aufgetreten gegendie Klerisei, ist eine merkwürdige Erscheinung, die ich mir nie träumenließ, alS ich zuerst die Schriften dieser Männer laS, Schriften, dieaus jeder Seite Zeugnis geben von tiefster Sympathie für dasChristentum, Ich erinnere mich einer rührenden Stelle der französischen Geschichte von Michelet, wo der Verfasser von der Liebesangst spricht, die ihn ergreife, wenn er den Verfall der Kirche zubesprechen habe; es sei ihm dann zu Acute, wie damals, als er seinealte Mutter Pflegte, die ans ihrem Krankenbette sich dnrchgclcgcnhatte, so daß er nur mit aller ersinnlichen Schonung ihren wundenLeib zu berühren wagte. Es zeugt gewiß nicht von jener Klugheit,die man sonst als Jcsnitismns bezeichnet hat, daß man Leute wieMichelet und Qninet zum zornigsten Widerstand aufstachelte. DerErnst möchte uns schier verlassen, indem wir diesen Mißgriff hervor-heben, zumal in Bezug ans Michclet, Dieser Michelct ist ein ge-borener Spiritualist, niemand hegt einen tieferen Abscheu vor derAufklärung des achtzehnten Jahrhunderts, vor dem Materialismus,vor der Frivolität, vor jenen Boltairianern, deren Nenne noch immer