Die parlamentarische Periode des Bürgerkönicitmils. 79
dem Heile seiner Seele alle Erdengüter opfernd, mit ritterlichemMnte bis zum letzten Atemzuge für die Kirche kämpfen werde, gegenSatan und die revolutionären Heiden. Man stürzte ihn vom Thron,eben weil man ihn für einen edlen, gewissenhaften, ehrlichen Mannhielt. Ja, er war es, ebenso wie Ludwig XVI., aber 1839 wäreder blvßc Verdacht ebenfalls hinreichend gewesen, um Karl X. demUntergang zu widme». Dieser Verdacht ist auch der wahre Grund,weshalb sein Enkel in Frankreich keine Zukunft hat; man weiß, daßihn die Geistlichkeit erzogen, und das Volk nannte ihn immer lsxotiß zssuits.
Es ist ein wahres Glück für die Julinsdhnastie, daß sie durchZufail und Zeitumstände diesem tödlichen Verdachte entgangen ist.Der Vater Ludwig Philipps war wenigstens kein Frömmler, dasgestehen selbst seine ärgsten Verleumder. (Nebenbei gesagt, nie istjemand so unerbittlich verleumdet worden, wie dieser unglücklicheFürst.) Er gestattete dem Sohne die freie Ausbildung seines Geistes,und dieser hat mit der Ammcnmilch die Philosophie des achtzehntenJahrhunderts eingesogen. Auch lautet der Refrain aller lcgitimistischcnKlagen, daß der jetzige König nicht gvttcsfürchtig genug sei, daß erinnner ein liberaler Freigeist gewesen, und daß er sogar seine Kinderin Unglauben heranwachsen lasse. In der That, seine Söhne sindganz die Söhne des neuen Frankreich, in dessen öffentlichen Kollegiensie ihren Unterricht genossen. Der verstorbene Herzog von Orleanswar der Stolz der jungen Generation, die mit ihm in die Schulegegangen und wahrhaftig viel gelernt hatte.*) Der Umstand, daßdie Mutter des Kronprinzen von Frankreich eine Protestantin, istvon unabsehbarer Wichtigkeit. Der Verdacht der Bigotterie, der derälteren Dhuastic so fatat geworden, wird die Orleans nicht treffen.
Der Kampf gegen die Kirche wird nichtsdestoweniger seine großepolitische Bedeutung behalten. Wie gewaltig auch die Mach! desKlerus in der letzten Zeit emporblühte, wie bedeutend auch seineStellung in der Gesellschaft, wie sehr er auch gedeiht, so sind dochdie Gegner immer gerüstet, ihm die Stirnc zu bieten, und wennbei nächtlichem Überfall der Liberalisinus sein „Bursche heraus!"ruft, kommen gleich au allen Fenstern die Lichter zum Vorschein,und jung und alt rennt heran mit allen möglichen Schlägern, wo
') In der AngSbnrgcr Allgemeinen Zcttnng lautet der Schluß dieses Ab-sähest „Der Herzog von Remonrs soll ihm nicht nachstehen in ansgclliirter Denk-weise, er soll in dieser Beziehung ganz das Ebenbild seines Vaters sein. Wasvielleicht zur Vermittlung der allzu schroffen Gegcnsäßc beiträgt, ist der Umstand,daß die Mittler des Kronprinzen von Frankreich eine Protestantin ist, sowie esauch von unabsehbarer Wichtigkeit sein mag, daß Ludwig Philipp noch bei Leb-zeiten die Erziehung seines Enkels anordnen konnte. In welcher Weise diesesgeschehen, ist bekannt. Jener der älteren Dunastic so satal gewordene Verdachtvcni selten der vielen, welchen die Religion fremd und ihre Pfleger verhaßt sind,wcrd die Orleans nicht treffen." Der Herausgeber.