78 Französische Zustände. 77.
der Lehrfrciheik, ihre eifrige Anpreisung der Freiheit des Unterrichts,für bare Münze nehmen möchten. Das öffentliche Feldgeschrei isthier im Widerspruch mit dein geheimen Gedanken. Gelehrte List nndfromme Lüge. Die wahre Bedeutung dieser Zwiste ist nichts anderes,als die uralte Opposition zwischen Philosophie und Religion, zwischenVernunfterkenntnis und Offenbarnngsglauben, eine Opposition, dievon den Männern der Wissenschaft geleitet, sowohl im Adel wie inder Bürgerschaft beständig gärte, und in den neunziger Jahren denSieg erfocht. Ja bei einigen überlebenden Akteurs der französischenStaatStragödie, bei Politikern von tiefster Erinnerung, erlauschte ichnicht selten das Bekenntnis, daß die ganze französische Revolutionzuletzt doch nur durch den Haß gegen die Kirche entstanden sei, nnddaß man den Thron zertrümmerte, weil er den Altar schützte. Diekonstitutionelle Monarchie hätte sich, ihrer Meinung nach, schon unterLudwig XVI. festsetzen können; aber man fürchtete, daß der streng-gläubige König der neuen Verfassung nicht treu bleiben könne ausfrommen Gewissensskrupcln, man fürchtete, daß ihm seine religiösenÜberzeugungen höher gelten würden, als seine irdischen Interessen— nnd Ludwig XVI. ward das Opfer dieser Furcht, dieses Arg-wohns, dieses Verdachtes! II statt srwpset; das war in jenerSchrcckenszcit ein Verbrechen, ivorauf die Todesstrafe stand.
Obgleich Napoleon die Kirche in Frankreich wieder herstellteund begünstigte, so galt doch sein eiserner Willensstolz für eine hin-längliche Bürgschaft, daß die Geistlichkeit unter seiner Regierung sichnicht allzusehr überheben oder gar zur Herrschaft emporschwingenwürde; er hielt sie ebensosehr im Zaum wie unS andere, und seineGrenadiere, welche mit blankem Gewehr neben der Prozession einher-marschiertcn, schienen weniger die Ehrengarde, als vielmehr die Ge-fangenschastseskvrtc der Religion zu sein. Der gewaltige Imperatorwollte allein regieren, wollte auch mit dem Himmel seine Gewaltnicht teilen, das wußte jeder. Im Beginn der Restauration wurdenschon die Gesichter länger, und die Männer der Wissenschaft fühltenwieder ein geheimes Granen. Aber Ludwig XVIII. war ein Mannohne religiöses Bewußtsein, ein Witzling, der sehr dick war, schlechtelateinische Verse machte nnd gute Leberpasteten aß; das beruhigtedas Publiknin. Man wußte, daß er Krone und Haupt nicht ge-fährden werde, um den Himmel zu gewinnen, nnd je weniger manihn als Mensch achtete, desto größeres Vertrauen flößte er ein alsKönig von Frankreich; seine Frivolität war eine Garantie, dieseschützte ihn selbst vor dein Verdacht, den schwarzen Erbfeind zu be-günstigen, nnd wäre er am Leben geblieben, so hätten die Franzosenkeine neue Revolution gemacht. Diese machten sie unter der Re-gierung Karls X., eines Königs, der Persönlich die höchste Achtungverdiente, und von dem man im voraus überzeugt war, daß er,