Die parlamentarische Periode des BIlrgerkönigtums, 75
»cllen Jurisdiktion unterworfen ist, so leicht heimgesucht werdenkann. Durch diesen wohlthätigen Irrtum entging ich mancher Bös-willigkeit und mancher Ausbeutung von Industriellen, die in geschäft-lichen Konflikten ihre Bevorrechtung benutzt hätten. Ebenso wider-wärtig wie kostspielig wird aus die Länge in Paris der Znstand desFremden, der nicht naturalisiert ist. Man wird geprellt und geärgert,und zumeist eben von naturalisierten Ausländern, die am schäbigstendaraus erpicht sind, ihre erworbenen Befugnisse zu mißbrauchen.Aus mißmiitiger Fürsorge erfüllte ich einst die Formalitäten, die zunichts verpflichten und uns doch in den Stand setzen, nötigenfallsdie Rechte der Naturalisation ohne Zögeruis zu erlangen. Aber ichhegte immer eine unheimliche Scheu vor dem definitiven Akt. Durchdieses Bedenken, durch diese tiefeiugewurzeltc Abneigung gegen dieNaturalisation, geriet ich in eine falsche Stellung, die ich als dieUrsache aller meiner Nöten, Kümmernisse und Fehlgriffe währendmeinem dreinudzwanzigjährigen Aufenthalt in Paris betrachten muß.Das Einkommen eines guten Amtes hätte hier meinen kostspieligenHaushalt und die Bedürfnisse einer nicht sowohl launischen als viel-mehr menschlich freien Lebensweise hinreichend gedeckt — aber ohnevorhergehende Naturalisation war mir der Staatsdienst verschlossen.Hohe Würden und fette Sinekuren stellten mir meine Freunde lockendgenug in Aussicht, und es fehlte nicht an Beispielen von Ausländern,die in Frankreich die glänzendsten Stufen der Macht und der Ehreerstiegen. — lind ich darf es sagen, ich hätte weniger als anderemit einheimischer Scheelsucht zu kämpfen gehabt, denn nie hatte einDeutscher in so hohem Grade, wie ich, die Sympathie der Franzosengewonnen, sowohl in der litterarischcn Welt, als auch in der hohenGesellschaft, und nicht als Gönner, sondern als Kamerad Pflegte derVornehmste meinen Umgang. Der ritterliche Prinz, der dem Throneam nächsten stand, und nicht bloß ein ausgezeichneter Feldherr undStaatsmann war, sondern auch das „Buch der Lieder" im Originallas, hätte mich gar zu gern in französischen Diensten gesehen, undsein Einfluß wäre groß genug gewesen, um mich in solcher Laufbahnzu fördern. Ich vergesse nicht die Liebenswürdigkeit, wvmit einst imGarten des Schlosses einer fürstlichen Freundin der große Gcschicht-schreiber der sranzösischen Revolution und des Empires, welcher da-mals der allgewaltige Präsident deS Conscils war, meinen Armergriff und, mit mir spazieren gehend, lange und lebhaft in michdrang, daß ich ihm sagen möchte, was mein Herz begehre, und daßer sich anheischig mache, mir alles zu verschaffen. — Im Ohr klingtmir noch jetzt der schmeichlerische Klang seiner Stimme, in der NasePrickelt mir noch der Duft des großen blühenden Magnoliabanms,an dem wir vorübergingen, und der mit seinen alabasterweißenvornehmen Blumen in die blauen Lüfte emporragie, so prachtvoll,