72 Französische Zustände. II.
Denknngsart näher stand. Ich lichte vielleicht in erstercm mancheFehler, deren man mich selber zieh, während die Tugenden des andernbeinahe abstoßend auf mich wirkten. Ersteren mußte ich oft tadeln,doch geschah es mit Widerstreben; wenn mir letzterer Lob abzwang,so erteilte ich es gewiß erst nach strengster Prüfung. Wahrlich, nurmit unabhängiger Wahrheitsliebe besprach ich den Mann, welcher da-mals den Mittelpunkt aller Besprechungen bildete, und ich referierteimmer getreu, was ich hörte. Es war für mich eine Ehrensache, dieBerichte, worin ich den Charakter und die gvuvcrucmentalen Ideenfnicht die administrativen Akte) des großen Staatsmannes am wärmstenwürdigte, hier in diesem Buche ganz unverändert abzudrucken, ob-gleich dadurch manche Wiederholungen entstehen mußten. Der geneigte Leser wird bemerken, diese Besprechungen gehen nicht weiterals bis gegen Ende des Jahres 1843, wo ich überhaupt aufhörte,politische Artikel für die „Allgemeine Zeitung" zu schreiben, undmich darauf beschränkte, dein Redaelcur derselben in unserer Privat-korrespvudcnz manchmal freundschaftliche Mitteilungen zu machen;nur dann und wann veröffentlichte ich einen Artikel Uber Wissen-schaft und schöne Künste.
Das ist nun das Schweigen, das Nicht schreiben, wovon die„Allgemeine Zeitung" spricht, und das mir als einen Verkauf meinerRedefreiheit ausgedeutet werden sollte. Lag nicht viel näher dieAnnahme, daß ich um jene Zeit in meinem Glanben an Guizvtschwankend, überhaupt an ihm irre geworden sein mochte? Ja, daswar der Fall, doch im März 1848 geziemte mir kein solches GeständniS. Das erlaubten damals weder Pietät noch Anstand Ichmußte mich darauf beschränken, der treulosen Insinuation, weichemein plötzliches Verstummen der Bestechung zuschrieb, in der erwähntenErklärung bloß das rein Faktische meines Verhältnisses zum Guizvtscheu Ministerin entgegenzustellen. Ich wiederhole hier diese That-sachcn. Bor dem 29. November 184l), wo Herr Guizvt das Mini-sterium übernahm, hatte ich nie die Ehre gehabt, denselben zu sehen.Erst einen Monat später machte ich ihm einen Besuch, um ihm da-für zu danken, daß die Kvmptabilitttt seines Departements von ihmdie Weisung erhalten hatte, mir auch unter dem neuen Ministeriummeine jährliche llnterstütznngSpcnsivn nach wie vor in monatlichenTerminen auszuzahlen. Jener Besuch war der erste und zugleich derletzte, den ich in diesem Leben dem illustren Manne abstalictc. Inder Unterredung, womit er mich beehrte, sprach er mit Tiefsinn undWärme seine Hochschätznng für Deutschland ans, und diese An-erkennung meines Vaterlandes, sowie auch die schmeichelhaften Worte,welche er mir über meine eigenen liiterarischen Erzeugnisse sagte,waren die einzige Münze, mit welcher er mich bestochen hat. Niefiel es ihm ein, irgend einen Dienst von mir zu verlangen. Und