Die parlamentarische Periabe deS Biirgrrköiiigtnms. 71
Sankt war nur dessen Titnlarobcrhaupt, ungefähr wie der jedes-malige König van Hannover innncr den Titel eines RektvrS derUniversität Georgia ?l»gnsta führt, ivährend Se, Magnificenz, derzeitliche Prvrektvr zu Güttingen, die wirkliche Rektoratsgewalt aus-übt. Trotz der offiziellen Machtvollkommenheit Svults war von ihmnie die Rede; nur daß zuweilen die liberalen Blätter, wenn sie mitihm zufrieden waren, ihn den Sieger von Tvnlonsc nannten; hatteer aber ihr Mißfallen erregt, so verhöhnten sie ihn, steif und festbehauptend, daß er die Schlacht bei Toulouse nicht gewonnen habe.Man sprach nur von Guizot, und dieser stand während mehrerenJahren im Zenith seiner Popularität bei der Bourgeoisie, die vonder Kricgslust seines Borgängers ins Bvckshvrn gejagt worden; esversteht sich von selbst, daß der Nachfolger von Thiers noch größereSympathie jenseits deS Rheins erregte. Wir Deutschen konnten demThiers nicht verzeihen, daß er uuS aus dem Schlaf getrommelt,aus unserem gemütlichen Pflauzcnschlaf, und wir rieben uns dieAugen und riefen: „Vivat Guizot!" Besonders die Gelehrtensangen das Lob desselben in Pindarschcn Hymnen, wo auch diePrvsodic, das antike Silbcnmaß, treu nachgeahmt war, und ein hierdurchreisender deutscher Professor der Philologie versicherte mir, daßGuizot ebenso groß sei wie Thicrsch. Ja, ebenso groß wie mein lieber,mcnschenfrenndlichcrFreundThiersch, der Verfasser der besten griechischenGrammatik! Auch die deutsche Presse schwärmte für Guizot, und nichtbloß die zahmen Blätter, sondern auch die wilden, und diese Be-geisterung dauerte sehr lange; ich erinnere mich, noch kurz vor demSturz des vielgefeiertcn Lieblings der Deutschen fand ich im radi-kalsten deutschen Journal, in der „Speicrcr Zeitung", eine ApologieGuizots aus der Feder eines jener Tyranncrfresser, deren Tomahawkund Skalpiermesscr keine Barmherzigkeit jemals kannte. Die Be-geisterung für Guizot ward in der „Allgemeinen Zeitung" fiirnehm-lich vertreten von meinem Kollegen mit dem Vcnuszcichen und vonmeinem Kollegen mit dein Pfeil*); erstcrer schwang das Weihranch-saß mit sacerdotaler Weihe, letzterer bewahrte selbst in der Ekstaseseine Süße und Zierlichkeit; beide hielten aus bis zur Katastrophe.
Was mich betrifft, so hatte ich, seitdem ich mich ernstlich mitfranzösischer Litteratur beschäftigt, die ausgezeichneten VerdiensteGuizots immer erkannt und begriffen, und meine Schriften zeugenvon meiner frühen Verehrung des weltberühmten ManueS. Ichliebte mehr seinen Nebenbuhler Thiers, aber nur seiner Persönlichkeitwegen, nicht ob seiner Gcistesrichtuug, die eine borniert nationaleist, so daß er fast ein französischer Altdeutscher zu nennen wäre,während Guizots kosmopolitische Anschauungsweise meiner eigenen
') Baron von Eckstein und IZr. Scnffcrt. Der Heransgever,