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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
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Dic parlamentarische Periode deS Biirgerkönigtiinis. 61

heilen der Revolution jetzt mehr als je gefährdet durch ein düsterheranziehendes Weltgewitter. Er möchte gleichsam Zeit gewinnen,um die Garben der Ernte unter Dach zu bringen. In der That,die Fortdauer jener Friedensperiode, wo dic gereiften Früchte ein-geschcucrt werden können, ist unser erstes Bedürfnis. Die Saat derliberalen Prinzipien ist erst grünlich abstrakt emporgeschossen, »nddas muß erst ruhig einwachsen in die konkret knorrigste Wirklichkeit.Die Freiheit, dic bisher nur hier und da Mensch geworden, muß auchin die Massen selbst, in die untersten Schichten der Gesellschaft über-gehen und Volk werden. Diese Vvlkwerdung der Freiheit, diesergeheimnisvolle Prozeß, der, wie jede Geburt, wie jede Frucht, alsnotwendige Bedingnis Zeit und Ruhe begehrt, ist gewiß nicht minderwichtig, als es jene Verkündigung der Prinzipien war, womit sichunsere Vorgänger beschäftigt haben. Das Wort wird Fleisch, unddas Fleisch blutet. Wir haben eine geringere Arbeit, aber größeresLeid, als unsere Vorgänger, welche glaubten, alles sei glücklich zuEnde gebracht, nachdem die heiligen Freiheit? und Gleichheitsgcsetzefeierlich proklamiert und auf hundert Schlachtfeldern sanktioniertworden. Ach! das ist noch jetzt der leidige Irrtum so vieler Nevo-lutionsmänner, welche sich einbilden, dic Hauptsache sei, daß einFetzen Freiheit mehr oder weniger abgerissen werde von dem Purpur-niantel der regierenden Macht; sie sind zufrieden, wenn nur dieOrdonnanz, die irgend ein demokratisches Grundgesetz promulgiert,recht hübsch, schwarz auf weiß, abgedruckt steht im „Mouitenr". Daerinnere ich mich, als ich vor zwölf Jahren den alten Lafayette be-suchte, drückte derselbe mir beim Fortgehen ein Papier in die Hand,und er hatte dabei ganz die überzeugte Miene eines Wunderdoktors,der uns ein Universalclixir überreicht. Es war die bekannte Er-klärung der Menschenrechte, die der Alte vor sechzig Jahren ausAmerika mitgebracht und noch immer als die Pnnacee betrachtete,womit man die ganze Welt radikal kurieren könne. Nein, mit deinbloßen Rezept ist dem Kranken noch nicht geholfen, obgleich jenesunerläßlich ist, er bedarf auch der Tausendmischcrei deS Apothekers,der Sorgfalt der Wärterin, er bedarf der Ruhe, er bedarf der Zeit.

Retrospektive Aufklärung.

(August 18S4.)

Als ich in obigem Berichte, vielleicht etwas zu beschaulich in-different, aber mit gutem Gewissen, ganz ohne heuchlerische Tugend-grämclci, über die sogenannte Guizotsche Korruption schrieb, kam esmir wahrlich nicht in den sinn, daß ich selber fünf Jahre späterals Teilnehmer einer solchen Korruption angeklagt werden sollte!