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10 (1898) Französische Zustände : 2
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46 Französische Zustünde. II.

ein historisches Erwerbnis; sie haben sich im Laufe der Zeit ganzlosgemacht von hemmenden Vorurteilen und Pcdantcreien. Sogeschah es, daß die Emigranten, die während der Revolution zu unsherüberflüchteten, den Wechsel der Verhältnisse so leicht ertrugen, undmanche darunter, um das liebe Brot zu gewinnen, sich aus demStegreif ein Gewerbe zu schaffen wußten. Meine Mutter hat miroft erzählt, wie ein französischer Marquis sich damals als Schusterin unserer Stadt etablierte und die besten Damenschuhe verfertigte;er arbeitete mit Lust, pfiff die ergötzlichsten Liebchen, und vergaßalle frühere Herrlichkeit. Ein deutscher Edelmann hätte unter den-selben Umständen ebenfalls zum Schustcrhandwcrk seine Zuflucht ge-nommen, aber er Hütte sich gewiß nicht so heiter in sein ledernesSchicksal gefügt, und er würde sich jedenfalls auf männliche Stiefelgelegt haben, auf schwere Sporcnstiefel, die an den alten Nitterstand,erinnern. Als die Franzosen über den Rhein kamen, mußte unserMarquis seine Butike verlassen, und er floh nach einer andernStadt, ich glaube nach Kassel, wo er der beste Schneider wurde; ja,ohne Lehrjahre emigrierte er solchermaßen von einem Gewerbe zumandern, und erreichte darin gleich die Meisterschaft — was einemDeutschen unbegreiflich erscheinen dürfte, nicht bloß einem Deutschenvon Adel, sondern auch dem gewöhnlichsten Bürgerkind. Nach demSturze des Kaisers kam der gute Mann mit ergrauten Haaren, aberunverändert jungem Herzeit in die Heimat zurück, und schnitt ein sohochadligcs Gesicht und trug wieder sc. stolz die Nase, als hätte erniemals den Pfriem oder die Nadel geführt Es ist ein Irrtum,wenn man von den Emigranten behauptete, sie hätten nichts gelerntund nichts vergessen; im Gegenteil, sie hatten alles vergessen, wassie gelernt. Die Helden der napoleonischen Kricgsperiode, als sieabgedankt oder auf halben Sold gesetzt wurden, warfen sich ebenfallsmit dem größten Geschick in die Gewerbthätigkcit des „Friedens, undjedesmal wenn ich in das Comptoir von Delloye trat, hatte ich meineliebe Verwunderung, wie der ehemalige Colone! jetzt als Bnchhändlexan seinem Pulte saß, umgeben von mehreren weißen Schnnrrbärten,die ebenfalls als brave Soldaten unter dem Kaiser gefachten, jetztaber bei ihrem alten Kameraden als Buchhalter oder Rechnungs-führer, kurz als Commis dienten.

Aus einem Franzosen kann man alles machen, und jeder dünktsich zu allem geschickt. Aus dem kümmerlichsten Bühnendichter cut-steht plötzlich, wie durch einen Theatercvnp, ein Minister, ein General,ein Kirchenlicht, ja ein Herrgott. Ein merkwürdiges Beispiel derArt bieten die -Transformationen unseres lieben Charles Duveyricr,der einer der erleuchtetsten Dignitare der Saint Simonistischen Kirchewar, und, als diese aufgehoben wurde, von der geistlichen Bühne zurweltlichen überging. Dieser Charles Duvehrier saß in der Salle