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10 (1898) Französische Zustände : 2
Entstehung
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Die parlamentarische Periode deS Biirgerkönigtums, 33

haben ein kurze? Gedächtnis und vergessen sogar ihre gerechtestenBefürchtungen, Deshalb treten sie so oft ans als Aktcure, ja alsHauptaktcurc, in der ungeheuren Tragödie, die der liebe Gott aufder Erde auffuhren läßt. Andere Völker erleben ihre große Be-wegungsperiode, ihre Geschichte, nur in der Jugend, wenn sie nämlichohne Erfahrung sich in die That stürzen; denn später im reiferenAlter hält das Nachdenken und das Abwägen der Folgen die Völker,wie die Individuen, vom raschen Handeln zurück, und nur die äußereRot, nicht die eigene Willenssrcude, treibt diese Völker in die Arenader Weltgeschichte, Aber die Franzosen behalten immer den Leicht-sinn der Jugend, und so viel sie auch gestern gethau und gelitten,sie denken heute nicht mehr daran, die Vergangenheit erlöscht inihrem Gedächtnis, und der neue Morgen treibt sie zu neuem Thunund neuem Leiden, Sie wollen nicht alt werden, und sie glaubensich vielleicht die Jugend selbst zu erhalten, wenn sie nicht ablassenvon jugendlicher Bcthöruug, jugendlicher Sorglosigkeit und jugend-licher Großmut! Ja, Großmut, eine fast kindische Güte im Ver-zeihen, bildet einen Grundzug des Charakters der Franzosen; aberich kann nicht umhin zu bemerken, daß diese Tugend mit ihren Ge-brechen ans demselben Born, der Vergeßlichkeit, hervorquillt. DerBegriff „Verzeihen" entspricht bei diesem Volke wirklich dem Worte„Vergessen", dem Vergessen der Beleidigung, Wäre dies nicht derFall, es gäbe täglich Mord und Totschlag in Paris, wo bei jedemSchritte sich Menschen begegnen, zwischen denen eine Blutschuldexistiert. Vor einigen Wochen sah ich einen alten Mann über dieBoulevards gehen, dessen sorglose Physiognomie mir auffiel, „WissenSie, wer das ist?" sprach zu mir mein Begleiter; „das ist Monsieurde Poliguac, derselbe, der am Tvde so vieler Taufende von Parisernschuld ist und auch mir einen Vater und einen Bruder gekostet!Vor zwölf Jahren hätte ihn das Volk in der ersten Wut gern zer-rissen, aber jetzt kann er hier ruhig auf dem Boulevard herumgehen,"Diese charakteristische Gutmütigkeit der Franzosen äußert sich indiesem Augenblick ganz besonders in Bezug ans Ludwig Philipp undseine ärgsten Feinde im Volk, mit Ausnahme der Karlistcu, offen-baren eine rührende Teilnahme an seinem häuslichen Unglück, DieAbtrünnigen haben ihm wieder ihre Sympathien zugewendet, undich möchte behaupten, der König ist jetzt wieder ganz populär. Alsich gestern vor Nvtre Dame die Vorbereitungen zur Leichenfeier be-trachtete und dem Gespräch der Kurzjackcn zuhörte, die dort ver-sammelt standen, vernahm ich unter andern die naive Äußerung: derKönig könne jetzt ruhig iu Paris spazieren gehen, und es würdeniemand auf ihn schießen, (Welche Popularität!) Der Tod desHerzogs von Orleans, der allgemein beliebt war, hat seinem Vaterdie störrigsten Herzen wiedergewonnen, und die Ehe zwischen KönigHe ine 'S Werke, X, Bd. 3