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10 (1898) Französische Zustände : 2
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28 Französische Zustände. II.

zösische Volk erfüllt und nicht bloß schöne Frauenthränen dem Hin-geschiedenen fließen, sondern auch freie Männerthräncn sein Andenkenehren, hält sich die offizielle Trauer schon etliche Zwiebeln vor dieNase, um bctrüglich zu flennen, und gar die Narrheit windet schwarzeFlöre um die Glöckchcn ihrer Kappe, und wir hören bald das tragi-komische Geklingel. Besonders die larmoyante Faselhanselei, lau-warmes Spülicht der Sentimentalität, wird sich bei dieser Gelegenheitgeltend machen. Vielleicht zu dieser Stunde schon keucht Lafitte nachNcuilly und umarmt den König mit deutschester Rührung, und dieganze Opposition wischt sich das Wasser aus den Augen. Vielleichtschon in dieser Stunde besteigt Chateaubriand sein melancholischesFlügelroß, seine gefiederte Rvsinantc, und schreibt eine hvhltöncndeKondolation an die Königin. Widerwärtige Weichlichkeit und Fratze!und der Zwischenraum ist sehr klein, der hier das Erhabene vomLächerlichen trennt. Wie gesagt, vor den Theatern auf den Boule-vards erfuhr man gestern die Gewißheit des betrübsamcn Ereignisses,und hier bildeten sich überall Gruppen um die Redner, welche dienäheren Umstände mit mehr oder weniger Zuthat und Ausschmückungerzählten. Mancher alte Schwätzer, der sonst nie Zuhörer findet,benutzte diese Gelegenheit, um ein aufmerksames Publikum um sichzu versammeln und die öffentliche Neugier im Interesse seiner Rhe-torik auszubeuten. Da stand ein Kerl vor den Varietes, der ganzbesonders pathetisch deklamierte, wie Theramen in der Phädrcn »Iistatt snr son elrar" n. s. w. Es hieß allgemein, indem der Prinzvom Wagen stürzte, sei sein Degen gebrochen und der obere Stumpfihm in die Brust gedrungen. Ein Angenzenge wollte wissen, daß ernoch einige Worte gesprochen, aber in deutscher Sprache. Übrigensherrschte gestern überall eine leidende Stille, und auch heute zeigtsich in Paris keine Spur von Unruhe.

XIUV.

Paris, den Ig. IM IS4S.

Der verstorbene Herzog von Orleans bleibt fortwährend dasTagesgespräch. Noch nie hat das Ableben eines Menschen so all-gemeine Traner erregt. Es ist merkwürdig, daß in Frankreich, wodie Revolution noch nicht ansgcgärt, die Liebe für einen Fürstenso tief wurzeln und sich so großartig manifestieren konnte. Nichtbloß die Bourgeoisie, die alle ihre Hoffnungen in den jungen Prinzensetzte, sondern auch die unteren Volksklasscn beklagen seinen Vertust.Als man das Julinsfest vertagte und auf der Place de la Concordedie großen Gerüste abbrach, die zur Illumination dienen sollten, wares ein herzzerreißender Anblick, wie das Volk sich auf die nieder-gerissenen Balken und Bretter setzte und über den Tod des teuren