12 Französische Zustände, II,
kurz, die Pariser Luft bekomme ibm schlecht. Der eigentliche Nivaldes Obelisken von Luxor ist noch immer die Colonnc VendSme,Steht sie sicher? Ich weiß nicht; aber sie steht ans ihrem rechtenPlatze, in Harmonie mit ihrer Umgebung. Sie wurzelt treu imnationalen Boden, und wer sich daran hält, hat eine feste Stütze.Eine ganz feste? Nein, hier in Frankreich steht nichts ganz fest.Schon einmal hat der Sturm das Kapital, den eisernen Kapitalmann,von der Spitze der Bendömesäule herabgerissen, und im Fall dieKommunisten ans Regiment kämen, dürfte wohl zum zweiten Maledasselbe sich ereignen, wenn nicht gar die radikale Glcichheitsrascreidie Säule selbst zu Boden reißt, damit auch dieses Denkmal undSinnbild der Ruhmsucht von der Erde schwinde; kein Mensch undMcnschenwerk soll über ein bestimmtes Kommunalmaß hervorragen,und der Baukunst ebensogut wie der epischen Poesie droht der Untergang, „Wozu noch ein Monument für ehrgeizige Völkermörder?"hörte ich jüngst ausrufen bei Gelegenheit des Modellkonkurses fürdaS Mausoleum des Kaisers; „das kostet das Geld des darbendenVolkes, und wir werden es ja doch zerschlagen, wenn der Tag kommt!"Ja, der tote Held hätte in Sankt Helena bleiben sollen, und ich willihm nicht dafür stehen, daß nicht einst sein Grabmal zertrümmertund seine Leiche in den schönen Fluß geschmissen wird, an dessenUfern er so sentimental ruhen sollte, nämlich in die Seine! Thiershat ihm als Minister vielleicht keinen großen Dienst geleistet.
Wahrlich, er leistet dem Kaiser einen größeren Dienst alsHistoriker, und ein solideres Monument, als die Vendömesänle unddas projektierte Grabmal, errichtet ihm Thiers durch das großeGeschichtsbuch, woran er beständig arbeitet, wie sehr ihn auch diepolitischen Tageswehen in Anspruch nehmen.
Dieses Werk, wie mir sein Buchhändler versichert, der den größtenTeil davon in Händen hatte, ist in der jüngsten Zeit sehr fort-geschritten. Sein Buchhändler ist Herr Dnbvchet, einer der edelstenund wahrhaftigsten Männer, die ich kenne; die Böswilligkeit wirdmir daher einräumen müssen, daß ich nicht ans unlauterer Quelleberichte. Andere glaubwürdige Personen, die in Thiers' Nähe leben,haben versichert, daß er Tag und Nacht mit seinem Buche beschäftigtsei. Ihn selbst habe ich seit seiner Rückkehr aus Deutschland nichtgesehen, aber ich höre ebenfalls mit Freude, daß er durch seinendortigen Aufenthalt nicht bloß seine historiographischen Zwecke erreicht,sondern auch eine bessere Einsicht in die deutschen Zustände gewonnenhabe, als er während seines Ministeriums beurkundete. Mit großerVorliebe und entschiedenem Respekt spricht er vom deutschen Volke,und die Ansicht, die er von unserem Vaterlande mitgebracht, wird gewißgedeihlich wirken, gleichviel ob er wieder ans Staatsrudcr gelangt odernur den Griffel der Geschichte in der Hand behält , , ,