Die parlamentarische Periode des Bürgerköniptnms. 11
Glauben an ihre Dauer schwindet schau ihre beste Stütze. Wird ersich halten? Jedenfalls glaube, ich, daß er sich die nächste Sitzunghindurch halten wird, sowohl der Obelisk als Guizot, der mit jenemeine gewisse Ähnlichkeit hat, z. B, die, daß er ebenfalls nicht ansseinem rechten Platze steht. Ja, sie stehen beide nicht auf ihremrechten Platz, sie sind herausgerissen ans ihrem Zusammenhang, un-gestüm verpflanzt in eine unpassende Nachbarschaft. Jener, derObelisk, stand einst vor den lotosknäufigcn Riesensttulen am Eingangdes Tempels von Lnxvr, welcher wie ein kolossaler Sarg aussieht,und die ausgestorbene Weisheit der Borwelt, getrocknete Königs-lcichcn, einbalsamierten Tod enthält. Neben ihm stand ein Zwillings-brudcr von demselben roten Granit und derselben pyramidalischcnGestalt, und ehe man zu diesen beiden gelangte, schritt man durchzwei Reihen Sphinxe, stumme Rätseltierc, Bestien mit Menschen-köpfcn, ägyptische Doktrinäre. In der That, solche Umgebung warfür den Obelisken weit geeigneter als die, welche ihm auf der PlaceLouis Quinze zu teil ward, dem modernsten Platz der Welt, demPlatz, wo eigentlich die moderne Zeit angefangen und von der Ver-gangenheit gewaltsam abgeschnitten wurde mit frevelhaftem Beil. —Zittert und wackelt vielleicht wirklich der große Obelisk, weil es ihmgraut, sich auf solchem gottlosen Boden zu befinden, er, der gleichsam einsteinerner Schweizer in Hieroglyphen-Livree jahrtausendelang Wachehielt vor den heiligen Psorten der Pharaonengräbcr und des abso-luten Mumicntnms? Jedenfalls steht er dort sehr isoliert, fastkomisch isoliert, unter lauter theatralischen Architekturen der Neuzeit,Bildwerken im Rokokogcschmack, Springbrunnen mit vergoldetenNajadcn, allegorischen Statuen der französischen Flüsse, deren Piedcstaleine Portierloge enthalt, in der Mitte zwischen dem Are de Triomphe,den Tnilericn und der Chambre des Deputss — ungefähr wie dersacerdotal tiefsinnige, ägyptisch steife und schweigsame Guizot zwischendem imperialistisch rohen Svult*), dem merkantilisch slachtopfigenHumann, und dem hohlen Schwätzer, Billemain, der halb voltairisch undhalb katholisch angestrichen ist und in jedem Fall einen Strich zu viel hat.
Doch laßt uns Guizot beiseite setzen und nur von dem Obe-lisken reden; es ist ganz wahr, daß man von seinem baldigen Sturzespricht. Es heißt: Im stillen Sonnenbrand am Nil, in seinerheimatlichen Ruhe und Einsamkeit, hätte er noch Jahrtausende ans-recht stehen bleiben können, aber hier in Paris agitierte ihn der be-ständige Wetterwechsel, die fieberhaft ausreibende, anarchische Atmo-sphäre, der unaufhörlich wehende fcuchtkalte Klcinwind, welcher dieGesundheit weit mehr angreift, als der glühende Samum der Wüste;
*1 In der frauzvsisthcn Ausgabe findet sich noch der Zusatz' „der wenig vonKunst versteht, aber ein grosser Liebhaber von Mnrillos ist, die nichts kosten."
Der Herausgeber.