92 Schreiben eines Frauenzimmers
Wie leicht ist aber dieser Fehler zu heben, wenn manmir demjenigen eine Achtung erweise, welcher sich am bestenmich seinem Stande richtete; und wie vieles wurden dieVornehmen (die Vornehmsten berühre ich nicht, denn dieseschranken sich merklich ein) nicht dazu beytragen, wenn sieans dem Lande nicht das Kostbarsie und Prächtigste, son-dern mir dasjenige bewunderten, was jeder durch die Kunstseiner Wirthschaft zur großen Vollkommenheit gebrachthätte? Sie glauben nicht, werthesie Freundin, wie gutich in diesem Stücke von meiner Einfalt gedienet bin. Einjeder, der in unser Haus kömmt, bleibt in seiner Einbil--düng überzeuget, daß er in Ansehung der Kostbarkeiten voruns einen Vorzug habe. Dieser Gedanke schmeichelt ihm,und er ist mit uns als mit Leuten zufrieden, weiche ihmden Rang nicht streitig zu machen gedenken. Aus einergleichen Dankbarkeit sieht unsere Frau Oberhauptmänuinmit einem nicht eifersüchtigen Auge unsere Wirthschaft an.Sie bewundert alles und fühlet sich bep uns weit beque-mer als bei) der Frau Oberamtinännin, deren damastenesBette dem ihrigen Trotz bietet. Wir sind ihre guten Leute,sie geht mit uns, wie mit ihren besten Freunden um, wirsehen sie stündlich, so liebenswürdig, wie sie wirklich ist;und wir genießen der Herzen, ohne uns an den tyranni-schen Zwang der städtischen Rangordnung zu binden.
Gewiß, werthesie Freundin, die Damen ans derHauptstadt sorgen wirklich sehr schlecht für ihr Vergnü-gen, wenn sie ans dem Lande die Nachahmung der Stadtsuchen; das Landleben har was originales, welches sieihm billig zu einer vergnügten Abwechselung lassen sollten.Ich freue mich wenigstens recht, wenn ich in ein wohlein-gerichtctes Bauerhaus komme, die besonder» Vortheileund Erfindungen dieser Familie sehe; und eine Tapete vonFlachs, das schön zubereitet und nett auf einander gelegtist, ergötzet mich da mehr, als eine Imme lies. Das erstewas ich besehe, ist die Milchkammer. Nach dieser beur-
theile