I u st u 6 M ö scr s samKtltche Werke. Zwcyter Bau d. Enthaltend dle palriotischen Pl) antasieen Zweyter Band. Berlin und Stettin, bcy Friedrich Nicolai, i 7 9 Z. Patriotische PH,1 ula si c» von Justus Möse r. Zweiter Theil. Herausgegeben von seiner Tochter I. W. I. v. Voigt, geb. Möse r. Dritte verbesserte und vermehrte Aussage» Mit Köingl. Preußischer, Kursachsischer und Kurbrandenl burgischer allergnädigstcr Freyhcit. Berlin, bey Friedrich Nicolai, 1804. Patriotische P h a n t h a s i e n. Zweyter Theil. Vorrede der H e r a u s g e b e r i n n. ^)ch liefere hiemit den andern Band der patriotischen Phantasien, abermals nicht ohne Furcht, in der Auswahl derselben auch solche Stücke mitgenommen zu haben, welche sich zu genau aus das Land beziehen, für welches sie eigentlich allein geschrieben worden. Die Absicht meines Vaters war — doch ich kann diese nicht besser, als mit den Worten ausdrücken, womit er sich in den Beytragen zu den Oßnabrückischcn Intclligcnzblattern selbst erkläret hat — „Gleich anfangs, wie ich die Feder -nigemal „in diesen Beytragen ansetzte, gieng meine „Absicht dahin, durch den Canal derselben „ die Laudtagshandlungen und andre bssentli- „ chen Staatssachcn dem Publikum mitzuthei- „len: und meinen Landesleuten aus dem „Ton, womit der Herr zu seinen Stauden A 2 „ spricht, Vorrede „spricht, und diese ihm antworten; aus den „ Gründen, warum jenes bewilliget und die- „ses verworfen wird; aus der Sorgfalt, wo- „ mit auch die kleinsten Sachen im Staate behandelt werden; aus der Art rmd Weife, „wie man mit den gemeinen Auflagen verjährt, und überhaupt aus jeder Wendung „der Landesregierung und Verfassung, die „vollständigste Kenntniß; und aus dieser eine „wahre Liebe für ihren Herrn, und diejenigen, so ihm rathen und dienen; ein sicheres „ Vertrauen auf ihre Geschicklichkeit und Redlichkeit; und einen edlen Muth beyzubrin- „gen. Jeder Landmann sollte sich hierum „fühlen, sich heben und mit dem Gefühl sei- „ ner eignen Würde auch einen hohen Grad „von Patriotismus bekommen; jeder Hofgehessener sollte glauben, die öffentllchcn Anhalten würden auch seinem Urlheil vorgelegt; „ der Staat gäbe auch ihm Rechenschaft von „seinen Unternehmungen; und zu den Auf- „opferungen, die er von ihm fordere, würde „auch feine Ueberzeugung erfordert; die Gehetze und ihr Geist sollten lebhaft in seine „Seele der Herausgeber»!!!. „ Seele dringen; er sollte die Granzlinie, wo „sich sein Eigcuthum von dem Obercigemhum „des Staats scheidet, mit dem Finger nach- „ weisen können; er sollte sein Auge auch bis „ zum Throne erheben, und mit einem fertigen „ Blick die Blendungen durchschauen können, „ welche ein despotischer Rathgeber zum Nach- „theil seiner und der Deutschen Freyheit, oft „nur mit maßigen Kräften wagt; ihreKin- „ der sollten mit den zehn Geboten auch die „ Gebote ihres Landes lernen, und in allen „Fallen, wo sie einst als Männer gestrafet „werden könnten, auch ein Nrtheil weisen „ können. Es schien mir nicht genug, daß ein „Land mit Macht und Ordnung beherrschet „wird, sondern es sollte dieser große Zweck „auch mit der möglichsten Zufriedenheit aller „derjenigen, um derentwillen Macht und Ordnung eingeführt sind, erreichet werden; der „wichtigste und furchtbarste Staat, der sich „ auf Kosten der allgemeinen Zufriedenheit er- „ halten mußte, war mir dasjenige nicht, was „ er nach der göttlichen und natürlichen Ord- „ nuug sepn sollte ..... A z und Vorrede der Herausgeberinn. und diese Absicht, wenn er sie gleich nicht völlig -'Nullen mögen, hat ihn doch immer zu sehr zu Lokalverbesserungen, die für das Allgemeine minder erheblich sind, hingerissen, mich aber in die Nothwendigkeit gesetzt, einige davon mitzunehmen, nachdem ich einmal eine zwcyte Sammlung versprochen hatte, und dieses Versprechen aus vielen für mich nicht unwichtigen Ursachen gern erfüllen wollte. Indessen schmeichle ich mir doch, daß immer noch einige Leser scyn werden, die dergleichen besondere Naturalien mit in ihre Sammlung zu haben wünschen. Zum Vergnügen derjenigen, welche eine gefallige Kleinigkeit einer ernsthaften Betrachtung vorziehen, habe ich gleichwohl auch verschiedenes mit eingemischt, das ich nach meinem Geschmack ihres Beyfalls Werth geschähet habe. Ist einiges darunter, das weiter nichts, als das Verdienst eines neuen Liedchens hat, das man des Abends, wenn man aus der Operette kommt, noch einmal singt: so ha: doch auch dieses seinen Werth für das Vergnügen dieses Abends, und meine Leser sindl nicht verbunden, sich mehr als einmal daran zu ergötzen. I n n- I!l l! h a l t. I. Von dem Einflüsse der Bevölkerung durch Neben- wohner, auf die Gesetzgebung - Seite r II. Der jetzige Hang zu allgemeinen Gesetzen und Verordnungen , ifl der gemeinen Frcyhcit gefährlich 24 III. Vorschlag, wie der Theurung des Korns am besten auszuweichen - - IV. Ein Patriot muß vorsichtig in seinen Klagen bcy Landplagen seyn - - 4^ V. Die moralischen Vorthcilc der Landplagen 4^ VI. Die liebenswürdige Kokette oder Schreiben einer Dame vom Lande - « - 46 VII. Gedanken über die Getraidcsperre, an den Deutschen VIII. Vorschlag zu einem beständigen Kornmagazin 58 IX. Schreiben eines Kornhändlers > 6e> X. Ein gutherziger Narr bessert sich nie - 64 XI. Die Vorthcilc einer allgemeinen Landcsuniforme, dcklamirt von einem Bürger - 67 XII. Nachschrift < - 77 XIII. Schreiben eines Frauenzimmers über die Natio- nalkleidung - - - 73 XIV. Sie tanzte gut und kochte schlecht s 84 XV. Schreiben eines Frauenzimmers vom Lande an die Frau ... in der Hauptstadt - 87 XVI. Schreiben eines angehenden Hagestolzen 94 XVII. Zwcytes Schreiben des angehenden Hagestolzen 99 XVIII. Also sollte man den Rentekaufvor dem Zinskontrakt wieder einführen? - < lvz XIX. Vorschlag zur Erleichterung de- hofgesesscncn Schuldner - - t 109 XX. Vorschlag zu einem öffentlichen Kirchspielsamte 114 XXI. Die Abmeperung; eine Erzählung 1 "7 A 4 XXII. Innhalt. XXII. Der Verkauf der Frucht auf dem Halme ist eher zu begünstigen als einzuschränken Seite 121 XXIII. Also sollte man die Gemeinschaft der Güter mu tcr den Landlcutcn nicht aufheben? - 125 XXI V. Also sollte mau die römischen Stipulationen wieder einführen? - - 127 XXV. Schreiben über die Cultur der Industrie izo XXVi Beantwortung der Frage: Was muß die erste Sorge zur Bereicherung eines Landes scnn? Die Verbesserung der Landwirthschaft? oder die Bevölkerung des Landes? oder die Ausbreitung dcrHand- lung? Womit muß der Anfang gemachet werden? iz; XXVII. Zur Beförderung einheimischer Wsllcufabrikcn 144 XXVIII. Vom Kcrbstocke « - 148 XXIX. Gedanken über die Abschaffung der Feyertage 150 XXX. Also ist das Brandteweintrinken zu verbieten? 154 XXXI. Vorschlag zu einer Praktika für das Landvolk 158 XXXII. Schreiben eines Ehrenmitgliedes des löblichen Schncidcramrs, über das neulich zu Stande gekommene Ncichsgutachtcn - 162 XXXIII. lieber die zu unfern Zeiten verminderte Schande der Huren und Hurktndcr < 167 XXXIV. Warum die Abdeckerei) in Deutschland ohne Ehre sey? - - - XXXV. Unterschied zwischen der Ehre in großen und in kleinen Städten - - « I7Z XXXVI. Der Galgen ist für uns und für unsre Kinder 174 XXXVII. Der nothwcndige Unterschied zwischen dem Kaufmann und Krämer - ? XXXVIII. Jeder zahle seine Zeche - >82 XXXIX Schreiben einer betagten Jungfer an den Stifter der Wittwenkasse zu *** - 187 XI. Keine Beförderung nach Verdiensten. An einen Officier s < -190 XI.I Sind die Gemeinheiten nach geschehener Thei- lung mit Sreurcn zu belegen oder nicht? ' 44 XIUI Jnnhalt. Xl.Il. Von Real- »nd Personalfreyhcit Seite 205 Xl.III. Vorschlag zu einer Urthelfabrik - 214 Xl.lV. Vorschlag zu einer Sammlung einheimischer Ncchtsfällc > - . 216 XI.V. Der Fricdensadvokat - - 220 XI.VI. Schreiben eines reisenden Parisers an seinen Wirth in Wcsiphalen - » 22k XI.VII. Es ist allezeit sicherer. Original als Copey zu seyn s » » 225 XI. VIII Das leichteste Mittel »m zu gefallen 2Z0 XI.IX. Die mehrsten machen sich lächerlich aus Furcht lächerlich zu werden » - 2Zl 1.. Der Rath einer guten Tante an ihre junge Niece szz 1.1. Amalicns Schreiben über die Lustbarkeiten 2Z5 I.II. Vorschlag zur Veredelung der verlvhrcn gehenden Zeit - s ? 2Z? I.III. Die wahre Gewissenhaftigkeit - 2Z9 I.IV. Ein bewährtes Mittel wider die böse Laune, von einer Diimc auf dem Lande - 242 I.V. Man sollte den alten Geekorden wieder erneuern 245 I.VI. Der Staat mit einer Pyramide verglichen. Eine erbauliche Betrachtung. - - 25Z I.Vll. Das pro und Lontrz der Wochenmärkte 257 I.VIll. Nachschrift » - - 261 I.IX. Johann sey doch so gut! e - 26z I.X. Nachricht von einer einheimischen, beständigen und wohlfeilen Schaubühne « < 267 I.XI. Die Hogarthsche Linie der Schönheit sollte noch weiter angewandt werden - » 272 I.XII. Das natürliche Recht der ersten Mühle, eine Rede auf einem neuen Dorfe in Jamaika gehalten 274 I.XIII. Von der Landesherrlichen Befugniß bey Anlegung neuer Mühlen - - 280 I.XI V. Für die warmen Stuben der Landleute 284 A 5 I.XV. Inn halt. I.XV, Also ist es rathsamer die Wege zu flicken als neu zumachen? - - Seite 287 I.XVI. Umgekehrt: Es ist ralhsamer die Wege zu best fern als auszuflicken 5 - 292 I.XVll. Erinnerung des Altflicksrs zum oorige» Stück 30» ch i^XVIII. Wie viel braucht man, um zu leben? zc>r Z^XIX. Schreiben einer Mutter an einen philosophischen Kiuderlehrcr - - - 3^6 I^XX lieber die Erziehung der Kinder auf dem Lande 31s I^XXl Zufällige Gedanken bey Dnrchlesung alter Bruch- rcgister - - > I.XXII. Vom Glücksspiele am Abend der H. drey Könige - - - Zi6 I^XXIll. Die Ehre nach dem Tode < 317 I^XXIV. Vorschlag zum bessern Unterhalt des Rcichs- kammcrgerichts - - 32s I.XXV. Von dem öffentlichen Credit und dessen großem Nutzen - - - Z24 I.XXVI. Vorschlag zu einer Zettelbank t Z29 I^XXVII. Das englische Gartchcn t ZZZ I.XXVIII. Also ist der Dienstcyd nicht abzuschaffen? 335 I.XXIX. Eine Hypothese zur bessern Aufklärung der alten deutschen Crinnnaljurisdiction - 337 1.XXX Von einer neuen Art kleinstädtischer Politik, so aus dem Accise Fi,ro entstanden - 349 I.XXXI. Der alte Rath » < 352 f.XXXIl. Der junge Rath - , 354 UXXXUl. Die geographische Lage der Stadt Osnabrück 357 -s I^XXXlV. Das abgeschaffte Herkommen. Eine lehrreiche Geschichte. ? , 36s I. Vou Von dem Einflüsse der Bevölkerung durch Ne- beuwohner auf die Gesetzgebung. er Einfluß einer größern Bevölkerung auf die Sitten eines Landes ist ungemein groß; und er verdient die Aufmerksamkeit des Gefetzgebers, weil die Po-- liceygefetze sich mit den Sitten verändern muffen. In einem Lande, wo außer den ursprünglichen Hofgefesse- nen höchstens etwa ein Leibzüchter ») vorhanden ist, und folglich ein jeder von feinem Ackerbau ruhig und gnüglich lebt, ist ein Nachbar dem andern zn asten Pflichten bereit; er ist mitleidig, gastfrei) und nneigennützig, weil jedes Unglück, was da kömmt, heute den einen und morgen den andern trist, und dergestalt die Reihe hält, daß insgemein in fünfzig Iahren jeder so viel Diensie, Freundschaft und Bephülfe von feinen Nachbarn wieder empfängt, als er ihnen erwiesen hat. Hochzeiten, Kindtaufen und Leichen gehen in diesem Zeiträume gegen einander auf, und keiner spricht den andern außer dem Falle einer unvorhergesehenen Roth um etwas an, weil ein jeder, was er gebraucht, selbst zieht und hat. Man kennet in.diesem Lande keine Feld- Holz- oder Eartem diebe, s) Di- Leibzucht ist der Wittwe, oder des Wittwerö Sitz auf jedem Hast'i in eigentlichem Verstände aber, eine Nutzung auf Lebenszeit, ulu-lrustu« «ä äies vitae. 12 Von dcm Einflüsse diel'«', und noch weniger Räuber. Jeder, der einen eignen Hof und einen ehrlichen Namen besitzt, wagt hie- bcy zu viel, und hat auch keine Versuchung zu stehlen, weil er mit allein nothdürstig versorgt ist. Die Kinder einer solchen Nation sind mit keinen schlechten vermischt; sie werden von hofgcsesseuen Vätern und Müttern durch kehre und Leyspiele zur Arbeit und Ordnung erzogen, und man kann sagen, daß in einem solchen Lande Fleiß, Ordnung und Tugend zu Hanse ftp, und daß die alten Deutschen, um die Reinigkeit ihrer Sitten zu erhallen, und Frephe-t und Ordnung zu verknüpfe!!, gar kein besser Mittel wählen konnten, als schlechterdings keine Heuerieute zu dulden, und ihre kleinen Staatskörper aus lauter hofgcsesseuen Mitgliedern zu bilden. In einer solchen Verfassung bedarf es fast gar keiner Gesetze und Strafen. Der kleine Staatskörper gleicht einem würdigen Capittel, wovon jedes Mitglied sich selbst und seine Mitbrüder ehrt; worinn man keinen seiner Pflicht bep Straft des Zuchthauses erinnert; und wo der unfehlbare Verlust der Präbeude, oder die Verweisung aus der Versammlung die größte und empfindlichste Strafe ist. Unfehlbar hatten die Nordischen Nationen den großen Ruhm ihrer Tugenden größtentheils diesen ihren Einrichtungen zu danken; und es ist sehr wahrscheinlich, daß die großen Auswanderungen derselben, nicht sowohl eine Folge ihrer größer» Bevölkerung, als jener Verfassung gewesen, nach welcher sie blos den Hofeserben, und für denselben eines Nachbars Tochter zu Hanse behalten konnten, die übrigen aber alle fünf oder zehn Jahr gleich den Bienen in fremde Lander schwärmen lassen mußten, weil sie keine Städte und keine Nebenwohnungen duldeten, keine Werbungen kannten, uuo keine Schiffahrt hatten, wodurch sie einen Theil der Brut aufopfern konnten. Blos ein Theil der der Bevölkerung :c. der Meeranwohner schwärmte räuberisch zur See, aber auch aus eben dem Grunde, woraus andere zu Laude schwärmten, wel man nämlich ihnen keine Nebenwoh.- nungen im Laude verstauen, und höchstens eine Hütte aus der Küste erlauben mochte. Alle diese großen Vortheile für Tugend, Sitten und Policey verlieren sich, sobald eine starke Bevölkerung durch Städte, Dörfer oder Heuerleute vsrstattct wird. Dergleichen kleine Beywohner haben keine genügsame Holzungen, keinen hinreichenden Acker, und gerathen leicht in die Noch oder in die Versuchung, dasjenige, was ihnen fehlt, zu stehlen oder zu erbetteln. Die Eastfreyheit kann gegen die Menge so vieler kleinen und «„sichern Leute nicht so reichlich mehr ausgeübet werden, als gegen die wenigen hofgesessenen Nachbarn man kann ihm'" auf ihren Hochzeit«,, Kindtanfen und Leichen nicht so nachbarlich zu Hülfe kommen; man kann nicht verlangen, daß sie ihre Kinder so fleißig und rechtlich erziehen sollen, als die alten Hosgesessenen; was man ihnen in Nochsäilen giebt, hat man in gleichen Begebenheiten von ihnen nicht wieder zu erwarten: und Geiz, Mißtrauen und Furcht schleichen sieh in die besten Herzen ein, die sich gegen eine Menge von ungleichen Leuten nicht mehr so öffnen können, als gegen edle Nachbarn, welche der Hülfe nie mißbrauchen, und allezeit im Stande sind, das empfangene durch Gegendienste zu vergüten. Die ganze Gesetzgebung verändert sich; es ist nun nicht mehr das würdige Capitrel, das ans ebenbürtigen Mitgliedern besteht, das durch den Verlust seiner Präbende in den Schranken der Ordnung gehalten werden kann, und eine Verweisung ans der Versammlung für die empfindlichste Strafe hält. Die Nation ist nun mit Flüchtlingen vermischt, die sich aus einer 14 Von dem Einflüsse einer Landesverweisung nichts machen, die durch Galgen und Rad gebändiget werden müssen, und die demun- geachtet immer in der größten Versuchung bleiben, sich dasjenige durch Stehlen und Betteln zu erwerben, was sie sich mit ihrer Hände-Arbeit nicht verschassen können. Der Gesetzgeber, der in dem Falle, wo der Geldreichthum einige Heuerleute erhebt, keine gelindere Mittel gegen die Hofgesessene als gegen die Flüchtlinge gebrauchen kann, vermischt den Menschen mit dem Menschen, und wenn er zuletzt mit einem falschen philosophischen Auge an jedem Menschen gleiche Würde und gleiche Rechte erblickt; wenn er den Menschen vor dem Angesichre Gottes, vor welchem wir alle gleich sind, mit dem Menschen außer diesem Verhältniß verwechselt, aiud solchergestalt seine Verordnungen überall mit Schande und mit Leibes- und Lebensstrafe schärfet: so verlieren sich die Begrisse von Ehre, Tugend und Sitten, und die vorhin so große und edle Nation, die keiner Gesetze bedurfte, die ohne Versuchung und Roth in ihrer Selbstgenügsamkeit ruhig und sicher lebte; die den bloßen Gedanken einer Leibes- und Lebeusstrafe unerträglich fand, verwandelt sich in einen vermischten Haufen von guten und schlechten Leuten, die nun, jcmehr ein unaugefesse- uer Mann Geld, Ehre oder Dienste erhält, gar nicht anders, als tyrannisch behandelt werden kann. Es ist dann kein Vorzug mehr, ein römischer Bürger zu seyn, wenn das Bürgerrecht allem, was auf dem römischen Boden lebt, mitgetheilet werden muß, wenn unter dem Namen von Territorialuuterthanen, Adel, Erbgesessen- heit, Wachsziusigkeit, Erbpacht und Heuer durch einander gemengt, und für diese unähnliche Masse nur einerlei) Recht gewiesen werden kann. Es entstehen dann Philosophen, welche allgemeine Gesetzbücher schreiben, und Regenten, welche dergleichen einführen wollen, und man der Bevölkerung:c, ist man preiset den Staat glücklich, wo die Rechte der Menschen am weitsten ausgedehnet, oder, um die Wahr- hcit deutlich zu sagen, wo jeder Laudeseiugescsscner von aller seiner Würde, die er aus dem ursprünglichen Ver- ein hatte, beraubet, und der Regent allein so viel hoher erhoben wird. Dergleichen Betrachtungen haben nun zwar freylich in einer Zeit, wo die vermischte Bevölkerung so sehr überhand genommen hat, und Denkungsart, Philosophie, Religion, Gesetzgebung und politisches Interesse darnach eingerichtet ist/keinen unmittelbaren Nutzen; sie müssen aber demungeachtet nicht unterlassen werden, weil sie zur Naturgeschichte der Staatsverfassung gehören, und uns in vielen Stücken über unsre wahren Vortheile aufklaren, auch gegen die herrschende Mode der allgemeinen Gesetzbücher mit einem gerechten Mißtrauen erfüllen können. Sie müssen besonders gebraucht werden, um die Veränderungen in den Sitten und der Denkungsart, welche durch eine zunehmende Bevölkerung verursacht werden, nicht unbemerkt zu lassen, und um unsere Poli- ceyordnungen darnach einzurichten. Unsere'Absicht verstattet es nicht, uns hierüber weiter herauszulassen. Indessen wollen wir doch eine Veränderung in unfern Policeyanstalten vorschlagen, welche die zunehmende Bevölkerung nothwenbig macht; und diese soll darum bestehen, daß in jedem Kirchspiel sieben geschworne hofgesessene Manner angesetzet oder erwählet werden, von deren Urtheile es abhangen soll: ob dieser oder jener Heuerling im Kirchspiele zu dulden sey ober nicht? Oft und sehr oft sieht mancher einen Hcuermann auf unerlaubten Wegen: er rechnet ihm nach, was er an Holz kaust und verbrennet, was er gewinnet und ven zchrer, was er säet und erndtet: er ist so überzeugt, daß der Von dem Einflüsse der Mann ein Dieb sei), als man nnr immer sepn kann, und alle Haushaltet stimmen mir ihm darum überein. Aber ihn gerichtlich zu überzeugen, den ganzen Beweis zu übernehmen, sich wohl gar einer Injnrienkiage oder allen Folgen des Armenrechrs auszusetzen, das thnt der gute Hanshalter nicht; dafür schweigt er, nno opfert wohl gar dem bösen Manne, der ihm ans mancherlei) Art schaden kann. Ilm diesem Uebel abzuhelfen, ist kein leichter Mittel, als eine Anstalt von obiger Art; oder wenn man diese der Absicht nicht angemessen findet: so lasse man es ge- schehen, daß alle Hosgcsessene der Gemeinheit zusammen.- trete», und mit einer schwarzen und weißen Kugel über die Verweisung eines unangesessenen Mannes aus dem Kirchspiel entscheiden mögen. Man mache es zu einem Grundsätze, daß jeder nnangesessene Mann sich diesem Urlheile unterwerfen solle, sobald er zum erstenmal am Amte einer Dieberezi halben bestrafet worden. Dieses letztere ist nöthig, weil es sonst niemand wagen würde, den Namen eines Henermanns zu einem solchen Scrutiuio aufzusetzen; und der Heuermann, der einmal als Dieb überzeugt und bestrast ist, hat es sich selbst hepzumessen, wenn er eine solche ehrenrührige Untersuchung erleiden muß. Vielleicht denken einige, die Gerechtigkeit werde hierdurch verletzt; und man könne keinen ohne ordentliches Recht des Kirchspiels oder des Landes verweisen. Allein eben hierinn zeigt sich unser Unverstand, und daß wir nicht bemerken, wie den hofgesessenen Unterthanen, oder den ursprünglichen Contrahenten eines Staats, ein ganz ander Recht als jenen Flüchtlingen zu statten komme. Ein Hof- Hesessener muß nie des geringsten Theils seines Eigenrhnms oder seiner Freyheit beraubt werden, ohne eine genaue und vollständige Untersuchung; der geduldete sind ausgenommne Fremde der Bevölkerung:c. Fremde hingegen hat hierauf keinen Anspruch. Wenn in großen Städten ein Bettler auf der Gasse gefunden wird : so schickt man ihn ohne Untersuchung, ob er durch ein großes oder kleines Unglück hiezn gebracht worden, ins Werkhaus ; und man hat im Kriege einen weit kürzern Prozeß wie im Frieden; ja die Roth steigt oft so hoch, daß man das Recht über Leben und Tod zu erkennen, und das Er- kenntniß auf der Steile zu vollstrecken, dem Generalgewaltiger überläßt. So richtig die Grundsätze sind, worauf ein solches Verfahren gebauet ist, eben so richtig sind auch bey zunehmenderBevölkernng durch Heuerleute, die Grundsätze jener Anstalt, und der Heuermann hat sich so wenig als der Soldat zu beklagen, der sich zum Gehorsam gegen vorher bekannte Gesetze verpflichtet hat. Die alten Deutschen behandelten jeden Fremden als einen Knecht ; und wenn die neuern dieses Verfahren barbarisch nennen: so verrachcn sie nur ihre Unwissenheit. Ein Knecht ist derjenige, welcher sowenig ander Gesetzgebenden Macht, als der SteuerbewilligungAntheil hat, und nicht fordern kann, daß man ihn durch seines Gleichen verurthei- len lassen solle. Nach diesem Begriffe sind noch jetzt alle Fremde Knechte; sie müssen das Recht erkennen, was im Lande ist, ohne es mir bewilliget zu haben; sie müssen die Abgaben entrichten, welche allen Fremden, ohne ihre Zustimmung, aufgelegt sind; und man verurtheilt sie durch gesetzte Richter, und erlaubt ihnen nicht, sich auf das Ur- theil ihrer auswärtigen Nechtsgenosscn zu berufen. Ganz anders verhält es sich mit den Hosgesessenen im Staat; diese haben entweder noch jetzt den Genuß obiger alten Rechte, oder ihre natürliche und Verfassungsmäßige Vertretung, und obgleich die Folgen hievon nicht mehr so wichtig sind, wie bey den alten Deutschen: so leuchtet doch der Grund daraus deutlich hervor, daß man Hesge- sesscneu und Henerleuten keinesweges cinerlep Rechte und einerley Form schuldig fty. Mtzsero phaar. ti.ThcU. B Es 18 V-)-: dcm EiuMsse Es verdient dieses um so mehr eine nähere Betrachtung, je offenbarer es ist, daß die Handhabung derCrimi- ual - Iustitz gegen die Henerleute est se viel Taufende erfordere, als Hunderte nöthig sind, nm die Hofgeseffeuen in Zucht und Ordnung zu halten. "An? veird die ganze Iustitzverfassnng mehreutheils von den Hofgeseffeuen getragen, es sei) n?:n, daß solche aus der Steuer, oder aus den Spcrtuln, oder an den Strafgeldern, genommen werde. Zu allen diesen: trägt der Heuermanu das wenigste bey; er leidet lieber am selbe, als daß er sich mit Gelde strafen laßt, anstatt daß der Hofgesessene lieber hundert bezahlt, ehe er sich durch eineLeibesstrase beschimpfen lasse» sollte. Mit welchem Scheine der Billigkeit mögen denn die nnangeseffenen in eine?:? Staat fordern, daß die große Fontaine der Gerechtigkeit für sie eben so springen soll, wie für den hofgesessenen Mann? Und warum geht man nicht ans den Grundsatz unserer Vorfahren zurück, sie als Knechte des Staats oder einer Gottheit, andern Rechten zu unterwerfen, als die Hofgeseffeuen? Die Religion mag den Christcnmenschen noch so sehr veredeln, und das Recht der Menschheit noch so hoch erhoben werden: so gilt doch das eine so wenig als das andre vor dem Generalgewaltigcr; die Ledürfniß der Armee und des Staats entscheidet allein was Recht ist. Also ist eine Kirchspielsanstalt, weiche nicht über die Verweisung eines angesesseuenMaunes, sondern über die Verweisung eines nnangeseffenen und dabei) verdächtigen oder unsicher» Menschen, erkennen soll; keinesweges eine so ganz unförmliche und ungerechte Sache. Religion und Menschenliebe werden hiebcy ihre Würlnng kräftiger zeige?:, als wenn dieselben durch Gesetze und Formen gelenkt oder verhindert werden; und wem: alle halbe Jahr in jedem Kirchspiel eine dazu wohl eingerichtete Predigt gehalten, nach derselben zum Urrheil über die verdächtigen Henerleute. geschritten, und dannstedem Verurtheilten ein halb der Bevölkerung :c. halb Jahr zur Auswanderung erlaubet würde: so glaube ich nicht, daß einer sich mir Billigkeit über eine solche Anstalt beklagen könne. Man denke nicht, daß diese Einrichtimg die unsichem Leute, nur ans einem Kirchspiele ins andre, oder eben über die Gränze, wo sie vielleicht noch gefährlichere Diebe werden würden, treiben möge. Ein benachbartes Kirchspiel wird denjenigen nicht aufnehmen, der auf solche Art aus einem andern verwiesen worden; und es ist zu hoffen, daß auch in andern Ländern eben dergleichen Anstalten getroffen werden würden, sobald man nnr den guten Erfolg davon einsehen würde. Sie scheinet mir wenigstens unendlich besser zu seyn, als unsre jetzige Einrichtung, wo der gefährlichste Mensch, wenn er gleich allen dafür bekannt ist, nicht anders als durch einen förmlichen, weitläufttgen und kostbaren Criminalprozeß verbannet werden kann. Ueberhaupt wird Hey e ner zunehmenden Bevölkerung eine weit genauere Gesetzgebung und eine ungesäumte Handhabung der Gerechtigkeit erfordert. Keine Arbeit hat so natürliche Reizungen und Anlockungen für den unverdorbenen Menschen als der Ackerbau; sie erfordert einen Fleiß, der sich selbst belohnt, und sich durch sich selbst erhält. Vieles wächst dem Ackerbauer ohne Arbeit zu; die Abwechselung derJahrszeikeu unterbricht die schwerere Arbeit durch leichtere, und sie gehl mehrentheils ihren Gang fort, ohne äußerlichen Zwang , besonders wo der Boden ergiebig und alles nicht zu genau gemessen ist. Ganz anders verhält es sich mit der gemeinen Handar- beit, denn von Kunstarbeiten ist die Rede nicht, und denjenigen, so davon leben sollen. Hier ist weit mehr Anstrengung nöthig, die Arbeit belohnt sich nicht so wie jene, es wächst dem Haudarbeiter nichts zu, und einer muß die Minuten beym Spinnrade in Acht nehmen, der sich davon erhalten will. Au einem so geitzige:» Fleiße sind B » nicht 20 Voll dem Einflüsse nicht alle Menschen gebvhren, auch der Beste läßt wohl einmal die Hände sinken, wenn er beständig einem Sklaven gleich arbeiten soll; und der Böse legt sich aufs rauben oder stehlen. Um die Masse von solchen Handarbei- lern in ihren» strengen Laufe zum Ziele zn erhalten, muß der Gesetzgeber gleichsam beständig mit dem Prügel darüber stehen, er muß die Bettler unter ihnen durch Werk- hänser abschrecken, er muß die Allmosen verbieten, er muß die Masse dieses Volks zu einem ganz andern Preise schätzen, wie er vorher seine Landeigenthümer schätzte, er muß nicht zehn Schuldige lausen lassen, um einen Unschuldigen zu retten, wie bey einer mindernBcvölkerung billig Rechtens ist, und großen Endzwecken große Opfer bringen. Gesetzt, die größte Bevölkerung durch Handarbeiter könne nicht erhalten werden, ohne von hundert tausend, fünfzig tausend aufzuopfern; so ist doch das Land, was dieses Opfer bringt, und seinen Endzweck Hey fünfzig tausend fleißigen Handarbeitern erhält, größer und glücklicher alsein Land, worum man ans Furcht vor Dieben und Bettlern dieHeuerleute gm' nicht duldet. Die Engländer opferten im vorigen Kriege i z Matrosen und Schiffsoldaten auf, wovon etwa 1700 im Treffen oder an ihren Wunden fielen, die übrige Menge aber ein Raub der Schiffskrankheiten wurde. Vermuthlich könnte man den Land - Armeen eine gleiche Rechnung machen. Was würde man aber sagen, wenn man um einen Menschen gesund überzubringen, jedesmal hundert einschiffen müßte? und gleichwohl ist dieses beynahe der Fall in obigem Ver- hältniß; und schwerlich wird sich jemals eine erhebliche Bevölkerung durch Handarbeiter erhalten lassen, ohne die Hälfte davon unter der Peitsche des Hungers und der Noth sterben zu lassen. Ein Staat, der zehntausend Ackerhöfe und zwepmal- hundcrt tausend Heuerleute hat, kann nicht allen Armen nnd Kranken auf gleiche Art aushelfen. Ich kenne ein Kirch- der Bevölkerung:c. 21 Kirchspiel, worinn die Bevölkerung eine ganz neue Kirche, eine Vermehrung von drey Predigern, von sechs Schul- meistern, acht Hebammen , zwey Wundärzten, vier Ar.- menhäuseru, zweyen Hospitälern, vier Prokuratoreu :c. erfordert hat. Wenn ich die Rechnung von dem Unterhalte dieser Anstalten nachsehe: so werden nenn Zehntel der Kosten von den Hofgesessenen gelragen, und diese durch Mitleid, durch Andacht, und um grössere Uebel abzuwenden, zur gutwilligen Uebernehmnng dieser Beschwerden bewogen. Wahr ist es, sie gewinnen auf einer Seite dabep, daß sie ihre Ländereyen und Früchte theuer ausbringen können; sie haben in vielen Fällen mehr Hülfe, und man kann zugeben, daß ihnen die Ueberlast bis auf einen gewissen Grad vergütet wird. Aber nun auch einmal angenommen, daß diefeVolksmasse faul wird, daß die Roth den Damm durchbricht, und der ganze Unterhalt der Handarbeiter aufdie Menfchenliebe des Kirchspiels fällt, in welche Verlegenheit wird dann dasselbe nicht gerathen? Die Oberpolizep tritt wohl zu, wenn es auf eines Jahres Mißwachs ankommt; auch das zweyte wird noch wohl gut oder übel ausgehakten. Aber eine muthlofe, trage und schamlose Volksmasse, welche anfangt, Betteln und Stehlen für ein ehrliches Nochmittel zu halten, wird dieLand- eigenthümcr in wenigen Jahren erschöpfen, wo diese nicht ihr Herz verhärten, und Hunderten zum nothwendigeil Exempel, hundert in Elend und Kummer vergehen lassen. Nicht so leicht wird dieserFall unrer rechtlichen Landbesitzern eintreten, die mit keiner fremden Menge untermischt sind; diese können sich frey und ohne Gefahr der süßen Ausbreitung aller wohlthätigen Tugenden überlassen, und sie dürfen nicht fürchten, daß sie dadurch den Hang zur Faulheit und zumBetteln vergrößern werden. Eine große Frage ist es: ob mau jemals den jetzigen an vielen Orten verdorbenen und versunkenen Bauerstand ohne Einführung einer neuen Mannszucht zum Fleiß und B z Zur 22 Von dem Emsiusse zur Ordnung zurück bringen werde? Vormals war es ss, und der hohe Adel hat seineu Ursprung einer vererbten Landhauptmannschaft zu danken; er war zur Erhaltung der Mannszucht angeordnet, und wie alles noch so gieng, wie es nach der reinen Absiebt gehen sollte, mochte ein Bauer aus der HauptNauuschaft, der sich dem Gesöffe ergab, oder jeder schlechter und liederliche Wirth sogleich aufderStelle entweder ans dcrLandkompagnie gestoßen, oder aber auf eine andre Art gezüchtiget werden. Hat man solche Handhabungen guter Sitten und Ordnung bey Landbesitzern nützlich gefunden; um wie vielmehr wird dieselbe gegen »nangefessene Leute nöthig seyu, welche mehrere Roth und Versuchung dulden, mindre Macht und Neitzung zur Tugend haben, und so wenig an ihrer Ehre als an ihren Gütern so viel verlieren können, als achte Landbesitzer und Staatsgenossen. Es ist eine oft gemißbrauchte Regel: man müsse die Leute drücken, um sie fleis- sig zu machen; aber die Wahrheit, fo darum liegt, bleibt allemal richtig, daß die Roth der beste Zuchtmeister, und es fehlerhaft fep, diese zu erleichtern, wann so wie bey Handarbeitern allezeit zu besorgen ist, das Wohlthun neue Müßiggänger macht. Die Forderungen der Roth sind strenger als die Gesetze; man reißt seines Nachbarn Hans nieder, um seines zu retten; aber wehe dem Bösewicht, der das Feuer selbst anlegt, um ein Recht zn dieser Rettung zu erlangen, und der die Roth muthwillig verursachet, um deu Fleiß zu erwecken. Es ist unstreitig hart, die Sünden der Vater an den unschuldigen Müttern und Kindern zu rächen; und wir haben aus einer besoudcrn Menschenliebe fast alle die alten Gesetze gemildert, welche nur einigermaßen dahin würkten. Aber es ist auch sehr hart, daß da, wo zwanzig unangesessene Väter ins Zuchthans kommen, der Unterhalt von Zwanzig Müttern mW hundert Kindern, welche sich ohne ihren Vater nicht ernähren können, dem Kirch- der Bevölkerung:e. 2z Kirehsslel oder dem Staate zur Last falle. Hier fordere die grossere Bevölkerung wiederum eine „othwendige Strenge; sie fordert, daß Mutter und Kinder mit dem Vater, der den Staat unsicher gemacht hat, des Landes verwiesen werben, sollten sie auch gleich darüber im Elende umkommen. Es gehöret dieses zu den nothwendigcn Aufopferungen; welche Religion und Menschenliebe zwar allezeit von selbst mildern werden, die aber doch in den Angen und Anstalten des Gesetzgebers ihre Richtigkeit behalten müssen. Der Gesetzgeber muß, je mehr die Bevölkerung zunimmt, desto strenger seinem Plane nachgehen, er muß das Mitleid und die Menschenliebe nicht mit Anstalten beschweren; sondern diesen die süße und würk- same Frepheit lassen, nach eignen Empfindungen zn handeln , welche zur Zeit der äußersten Roth um so viel wirksamer sepn werden, je minder sie vorher in die gefttzmä- sigen Anstalten cingeflochten worden: Die übrigen Beschwerden, welche die zn starke Bevölkerung im Stifte Osnabrück nach sich zieht, und die noch eine besendre Betrachtung erfordern, sind folgende: Der wahre Landmann reichet bey einer theuren Zeit fast dnrchgehenbs üiit feinem Vorrathe aus ; den vielen Nebenwohnern aber fehlts. Wenn nun diesen durch öffentliche Anstalten geholfen werden muß, es sey mit Fuhren, mit Korn oder mit Gelde; und diese Hülfe wird von der gemeinen Masse aller Kräfte des Staats genommen : so ist offenbar, daß die größte Last davon dem Landbesitzer aufgebürdet werde. Eben so verhält es sich mit den Armen, Fündlingcn, Gebrechlichen, Rasenden und andern dem gemeinen Wesen auf diese oder jene Art zur Last fallenden Personen. Dergleichen Leute finden sich unter den wahren Landbesitzern gar nicht, oder wo sie sich finden: so fallen sie dem gemeinen Wesen nicht zur Beschwerde. Unter den Nebenwohnern und Heuerienten hingegen finden sie sich in B 4 -Men- 24 Der Hang zu allgemcmm Gesetzen Menge; und sie mögen ihren Mangel durch betteln, stehlen, oder aus den Landes - und Kirchspielskassen ersetzet erhalten: so muß der Landbesitzer das mehrste dazu bey- tragen. Unsre Kirchen werden nns fast dnrchgehends zu klein, und es sind deren einige, wo an die fünfhundert Menschen unter einer Predigt auf den Kirchhöfen stehen, um die andre abzuwarten; andre hingegen, wo die Einwohner uur um den vierten Sonntag zur Kirche kommen können, um sich einander Platz zu machen. Den mehrsten Raum nehmen die Ncbcnwohner ein. Wenn aber die Kirche gebauet und erweitert wird: so muß der Landbesitzer Holz, Stein und Lohn bezahlen. Die gemeinen Weiden, Moore und Holzungen werden von Nebenwohnern am mehrsten genutzt; und auch hierunter muß der Landbesitzer leiden. Die Hülfe, die er dagegen von ihnen erhalt, ist gering und kostbar, weil sie die beste Jahreszeit in Holland liegen II. Der jetzige Hang zu allgemeinen Gesetzen und Verordnungen, ist der gemeinen Freiheit gefahrlich. ^ie Herrn beym Generaldepartement möchten gern alles, wie es scheinet, auf einfache Grundsätze znrückgefüh- ret sehen. Wenn es nach ihrem Wunsche gienge, so sollte der Staat sich nach einer akademischen Theorie regieren lassen, und jeder Departementsraih im Stande sepn, nach einem allgemeinen Plan den Lokalbeamten ihre Ausrichtungen vorschreiben zu können. Sie wollten wohl alles mit gedruckten Verordnungen fassen, und nachdem Voltaire es ist der gemeinen Freyhcit gefährlich. 25 es einmal lächerlich gefunden hat, daß jemand seinen Prozeß nach den Rechten eines Dorfs verlohr, den er nach der Sitte eines nahe dabei) liegenden gewonnen haben würde, keine andere, als allgemeine Gesetzbücher dulden; vermnrhlich, um sich die Negierungskuust so viel bequemer zn machen, und doch die einzige Triebfeder der ganzen Staatsmaschiene zu seyn. Nun finde ich zwar diesen Wunsch für die Eitelkeit und Bequemlichkeit dieser Herrn so unrecht nicht, und unser Jahrhundert, das mit lauter allgemeinen Gesetzbüchern schwanger geht, arbeitet ihren Hoffnungen so ziemlich entgegen. In dcrThat aber entfernen wir uns dadurch von dem wahren Plan der Natur, die ihren Reichthum in der Mannichfaltigkeit zeigt; und bahnen den Weg zum Despotismus, der alles nach wenigen Regeln zwingen will, und darüber den Reichthum der Mannichfaltigkeit verlieret. An den griechischen Künstlern lobt mau es, daß sie ihre Werke nach einzelnen schönen Gegenständen in der Natur, ausgearbeitet, und es nicht gewagt haben, eine allgemeine Regel des Schönen festzusetzen, und ihren Meißel nach dieser zn führen. Die römischen Gesetze bewundert man, und muß sie gleich den griechischen Kunstwerken bewundern, weil ein jedes derselben einen einzelnen Fall zum Grunde hat, und allemal eine Erfahrung zur Regel für eine völlig ähnliche Begebenheit darbietet. Man spricht täglich davon, wie nachtheilig dem Genie alle allgemeine Regeln und Gesetze sepn, und wie sehr die neuern durch einige wenige Ideale gehindert werden, sich über das mittelmäßige zn erheben; und dennoch soll das edelste Kunstwerk unter allen, die Staatsverfassung, sich auf einige allgemeine Gesetze zurück bringen lassen; sie soll die nnmannichfaltige Schönheit eines französischen Schauspiels annehmen; und sich wenigstens im Prospekt, im Grundriß und im Durchschnitt auf einem Bogen Papier vollkommen abzeichnen lassen, damit die Herrn bepm D?- B z parte» 26 Der Hang zu allgemeinen Gesetzen partement, mit Hülfe eines kleinen Maasstabs, alle Größen und Höhen so fort berechnen können. Ich will es nicht untersuchen, ob die gelehrte Natur einen Hang zur Einförmigkeit genommen, oder das ruhige Vergnügen, allgemeine Wahrheiten zn erfinden, und Gesetze für die ganze Natur daraus zu machen, diese nnfre neumodische Denknngsart beliebt gemacht, oder auch der Militairstand, worum oft hundert taufend Menschen das Auge auf einen Punkt richten, und den Fuß nach dem nämlichen Takte fetzen müssen, fein Exempel zur Nachahmung empfohlen habe. Mau mag hier annehmen was man will, die Wahrheit bleibt allemal, je einfacher die Gesetze, und je allgemeiner die Regeln werden, desto despotischer, trocrner und armseliger wird ein Staat i>). Ich verlange nicht, daß man dieses auf alle Zweige der Staatsverfassung anwenden solle. Es sind einige und hauptfachlich die Äußerlichen Formalitaten des gerichtlichen Prozesses, der Testamente und Vormundschaften, welche sich mit allgemeinen Gesetzen und Regeln zu einer nothwendigen und glücklichen Einförmigkeit bringen lassen, so daß man aus dem Standort eines Generalju- siitzdepartements ihre Nichtigkeit und Unrichtigkeit zuver- läßig übersehen kann; so weit ist auch der Großkanzler von Cocceji gekommen. Es giebt auch in der Staats- Oekonomie eine Einförmigkeit der Formen, der Tabellen, der Vorstellungen und andrer äußerlichen Umstände, welche die höchste Einsicht erleichtert; und vielleicht ließen sich U) Der Hr. von Montesquieu sagt eben dieses; aber der Äntenr öa la Icheo- >ie -ls5 lojx civiies. sUaNlirea I?s?.) S. 94. in der Vorrede antwortet ihn«: (tuoi, tes t)-ranL aiment leo loix lim^tes! ils an font l'arrne än aekpotil'me! et ie koutien lte l'o;,prellion! autant vauärnir avancer, qua ces animsnx gue >a natura s causam,»-!; ä vivrs lians la n»it riu tererier ne recliercirent rien avec taut s'aräenr gne la lumiere sn säur. sse kuis Nirpris guc ie livre ss air se !VI. t, elti,nable s'ailienrz, contieniie tant so presu^es, cie kopdikmes et s'erreurs. Wrr sollte hier nicht erschweren! und kann man eine gröber« Unwissenheit pcrrathcn. ist der gemeinen Freyheit gefahrlich. 27 sich auch wesentliche Thcile der Polizey, als Maaße und Münzen zn einer Gleichförmigkeit bringen, so groß und so inannichsaltig auch die Schwurigkeiten sind, welche hier dem Auge des theoretischen Projektenmachers entwischen, und den Mann, der in großen Staaten Hand anlegt, verwirren. Allein allgemeine Polizeyordnungen, allgemeine Forstordnungen, allgemeine Gesetze über Handel und Wandel, über Acker - und Wiesenbau und über andre Theile der Staats - und Landeswirthschaft, wenn sie nicht blos theoretische Lehrbücher / sondern wahre in jedem Falle zu befolgende Regeln abgeben, wenn sie brauchbar und zureichend seyn, wenn sie dem Generaldepartement zur Richtschnur dienen sollen, um die Vorschläge, Berichte und Ausrichtungen der Lokalbeamten darnach zu prüfen, zu beurtheilen nnd zu verwerfen, sind mehrentheils stolze Eingriffe in die menschliche Vernunft, Zerstörungen des Privateigenthnms und Verletzungen der Freyheit. Die philosophischen Theorien untergraben alle ursprünglische Contrakte, alle Privilegien nnd Freyhei- ten, alle Bedingungen und Verjährungen, indem sie die Pflichten der Regenten und Unterthancn, und überhaupt alle gesellschaftlichen Rechte, ans einem einzigen Grundsatze ableiten, und um sich Bahn zu machen, jede hergebrachte verglichene und verjährte Einschränkungen, als so viel Hinderungen betrachten, die sie mit dem Fnße oder mit einem systematischen Schlüsse ans ihrem Wege stoßen können. Die Contrakte eines Privatmannes gelten bey Entscheidung einer Streitsache mehr, als gemeine Rechte, ausserordentliche Fälle ausgenommen. Gewohnheiten, Verabredungen und Vergleiche einer Gemeinheit gelten ans gleiche Weise und eben aus demselben Grunde, mehr als Provinzialverordnnngen; und Provinzialabschiede mehr, als allgemeine Landssgcsctze. Dieses ist allemal der natürliche Hang der gesellschaftlichen Rechte gewesen, welchen 28 Der Hang zu allgemeinen Gesetzen welchen man zwar dann und wann ans höher» Ursachen verändert hat, aber doch nicht völlig verlassen kann, ohne den Willen eines einzigen zum Gesetze für alle zu machen. Voltaire hakte nicht nöthig gehabt, die Verschiedenheit der Rechte in zween nahe gelegenen Dörfern lächerlich zn finden; er hatte dieselbe Verschiedenheit in zween unter einem Dache lebenden Familien finden können, wovon das Haupt der einen mit seiner Frau in Gemeinschaft lebt, das andre aber nicht. Wie viel taufend Rechts? fragen entstehen ans dieser einzigen Verschiedenheit, und »nüssen gegen den einen so, und gegen den andern anders entschieden werden, wofern man nicht Glaubiger um ihre Forderungen, Kinder um erworbene Rechte, Mütter um ihre Sicherheit bringen will? Wollte man hier sagen, es wäre besser, daß entweder alle Eheleute in Gemeinschaft, oder alle außer derselben lebten: so würde dieses eine »lnnöthige Einschränkung der Freiheit, und in vielen Fällen, die man hier nicht angeben kann, höchstschädlich seyn. Durch ein allgemeines Gesetz läßt sich aber, wenn einmal die eine Hanshaltung so, und die andre anders lebt, hier gar keine Veränderung wagen, wofern man nicht eine Menge von Ungerechtigkeiten begehen will. Nicht einmal die Erbfolge läßt sich auf eiue plötzliche Art durch ein allgemeines Recht verändern, und in eine Gleich? förmigkeit bringen, ohne sehr viele Familien in Unglück und Verwirrung zn stürzen. Verträge gelten gegen Gesetze, und Besitz und Verjährung haben gleiche Rechte mir Verträgen, und können ohne große Ungerechtigkeiten zu begehen nicht zurückgesetzet werden. In dem ökonomischen Fache veranlassen die Lokalumstände noch eine grössere Verschiedenheit. Wo an einem Orte das Holz gefchonet werden muß, mag es an einem andern verschwendet werden. Wo hier die Viehtrift im Holze schädlich ist, muß sie an einem andern ans höhern Ursachen geduldet werden. Wo hier die Schweine gekraut- ist der gemeinen Freyheit gefährlich. 29 krampset oder gehütet, oder auf dem Stalle gehalten werden müssen, können sie an einem andern ftey gehen —> Wer kann hier eine Eeneralfvrst. oder Marlenordnung machen, und verbieten oder zulassen, ohne dein Privat- Eigenthum und eines jeden Forstes oder dessen Anwohner wahrer Nutzung zu schaden? Zwar lobt man an einer jeden Maschine den einfachen Hebel; und die größte Menge der Wirrungen ist nicht bewundernswürdiger, als wenn sie durch die kleinste Kraft (miuiwuw) hervorgebracht wird. Allein kein vernünftiger Mensch wird läugnen, daß da, wo hundert tausend zusammengesetzte Hebel zugleich das Verdienst der kleinsten Kraft erhalten, die Wirkungen unendlich schöner und größer sepn müssen. Ein Staat, worinn ein jeder der vollkommensten Freyheir genießt, und das allgemeine Beste zugleich im höchsten Grad erhalten wird, ist unstreitig besser, glücklicher und prachtiger, als ein andrer, worinn das letzte mit einer größern Aufopferung der Freyheit aufs theuerste erkauft werden muß. Jener aber wird gewiß eine größere Mannichfaltigkeit in seinen Gesetze» haben, als dieser. Daß bey einem Generaldepartemcnt richtige Charten und Tabellen von allem, was zu seiner Beurtheilung eingeschickt wird, vorhanden sepn müssen, um die Berichte des Localbeamten deutlich verstehen, und seine Gründe prüfen zu können, ist eine Sache für sich; daß dasselbe die Geschicklichkeit, den Fleiß und die Redlichkeit des Lo- calbeamten auf das genaueste controlliren müsse, wird auch wohl niemand in Zweifel ziehen. Allein dieses hindert nicht, daß nicht jeder Forst seine eigne Regeln, jedes Städtchen seine eigne Polizey, und /ede Bauerschaft ihre besondern Rechte, so wie ihre besonder» Vorkheile und Bedürfnisse habc, welche ohne Gewalt unter keine allgemeine Verordnungen gezwungen werden können. Es hindert nicht, daß das Gutachten eines redlichen und ein- sichts- Zo Vorschlag, wie der Theurung des Korns sichtsvollen Localbeamten nicht allemal mehrere Aufmerksamkeit verdiene, als die großen Theorien des Generaldepartements , und wenn ich ein allgemeines Gesetzbuch zu machen hatte: so wurde es darinn bestehen, daß jeder Richter nach den Rechten und Gewohnheiten sprechen sollte, welche ihm von den Eingesessenen seiner Gerichtsbarkeit zugewiesen werden wurden. Dies war das große Mittel, wodurch unsre Vorchhrcn ihre Frepheit ohne Gesetzbücher erhielten; anstatt daß unsre Generalvcrordnun- gen und Gesetze, sobald es zur Anwendung kömmt, immer nicht recht auf den einzelnen streitigen Fall passen, und Natur und Gesetze gegen einander in Prozesse verwickeln. Es ist eine allgemeine Klage des jetzigen Jahrhunderts, daß zu viel Generalverordnungen gemacht, und zu wenige befolget werden. Die Ursache liegt aber aller Wahrscheinlichkeit nach darinn, daß wir zn viel Dinge unter Eine Regel bringen, und lieber der Natur ihren Reichthum benehmen, als unser System ändern wollen. ik°KMk^Z5t^MSKi^WjLk6LZöLk?ZKk?W III. Vorschlag, wie der Theurung des Korus am besten auszuweichen» §)as beste Mittel, einer Theurung des Korns vorzubeug en, oder sich bey einer anscheinenden theureu Zeit zu helfen, scheint mir dieses zu seyq, daß man die Preise sieigen lasse, wie sie wollen, und dem Handel seinen völlig freyen Laus gönne, ohne sich von obrigkeitlichen Anas wegen im geringsten darum zu bekümmern, ober Ausfuhr und Branntweinsbreuuen zu verbieten. So seltsam auch diese Meynung, die übrigens in dem großen Handel zwischen Nationen und Nationen genugsam untersuche ist, mau- am besten auszuweichen. manchem scheinen mochte, da zn gegenwärtiger Zeit O so leicht kein Staat in Deutschland sepn wird, worinn nicht das Gegenkheil und zwar plötzlich gestehen; indem fast alle Obrigkeiten die Ausfuhr des Korns und das Brannt- weinsbrcnnen verboten; viele die Kornspeicher ihrer Un- terthanen oder ihre auf gemeine Kosten unterhaltene Magazine eröffnet, und auf diese Weise dieTheurung zu hemmen, und die sogenannten Kornjuden zur Billigkeit z» bringen gesuchet haben: so glaube ich doch, daß jene Mcpnung allemal solche Gründe für sich habe, weiche überlegt zu werden verdienen: ich will sie also kürzlich anführen und das Urthcil andern überlassen. Jever Mensch, welcher einen Handel unternimmt, macht seine Rechnung zufolge der natürlichen Ungewißheit, welche der Lauf der Handlung mit sich bringt, und ich glaube es als einen gewissen Satz annehmen zu können, daß niemand da leicht mit Korn handeln werde, wo es ein mächtiger, so oft es ihm beliebt, mit Schaden verkaufe!'. kann. Es geschieht zwar oft, daß ein Kaufmann, der zu Grunde geht, seine Waaren wohlfeil und mit Schaden losschlägt, mithin dadurch andern ehrlichen Leuten den Markt verdirbt. Diese wissen aber schon zum voraus, und haben es als eine in den gemeinen Lauf gehörige Unsicherheit berechnet, daß jener es nicht lange aushaken könne. Allein wo ein Staat, der es lange aushalten kann, indem er den Schaden wiederum auf alle Einwohner vertheilet, so handeln will; wo dieser unter dem zu falligen Preis verkauft; wo dieser bestandig mit der Eröffnung seiner ans gemeine Unkosten angelegten Magazine oder der Kornspeicher seiner Einwohner droht; wo dieser den Abgang der Waare selbst durch ein Verbot der Ausfuhr c) 1771, ich bemerke hier das Jahr, warum dieser ' Ulissatz abgedruckt werden, weil Niaii im Jahr 1774. in Frankreich auS eb>n diesen Grundsätzen IN -ä'ernhandlimg frei? gemacht hat. Z 2 Vorschlag, wie der Theurung des Korns fuhr oder des Gebrauchs nach Willkühr entbehrlich machen kann; wo dieser sogar den Kaufmann zwingen will, seinen gemachten Vorrath zu einem ihm vorgeschriebenen Preise zu verkaufen: da machen nothwendig alle Kaufleute ablassen, da kann niemand sich in Vorrath setzen, da muß der Staat, der etwas thun will, auch alles thun, und ganz und gar nicht auf einigen fernem Zufluß dieser Waare durch den Weg der Handlung rechnen. Ein jeder Gesetzgeber, jeder Landstand, jeder Vornehmer, der oft so leicht darauf fällt, die Kornboden den Geringem eröfnen und den überflüßigen Vorrath daraus zu einem sogenannten billigen Preise verkaufen zu lassen, greife hier in sein eignes Gewissen, und frage sich, ob er sich jemals in Vorrath zum Verkauf setzen werde, wenn er dergleichen Eingriffe in fein Eigenthnm zu furchten hat; ob er nicht vielmehr bey der geringsten Furcht, ja bey der Möglichkeit, daß ihm der freye Verkauf durch einen Machtspruch verhindert werden könne, sein Korn losschlagen, und den ersten den besten Preis nehmen werde, ehe er sich aufcine so willkührliche Art behandeln lassen will? Schlägt aber ein jeder Mächtiger seinen Komvomath zur Unzeit los; wagt er es nicht, denselben so lange zu halten, als er es nach dem natürlichen Laufe des Kornpreises rathsam findet: so leidet keiner mehr darunter, als der Staat, der entweder alle Jahre in den letzten Monaten vor der Erndte einige ans dem ordentlichen Laufe der Handlung nicht zu berechnende Theurung dulden, oder sogleich bereit seyn muß, dem Unglücke mit seinem großen Schaden zu wehren. Nichts scheint sich einem Staate mehr zu em- . pfehlen, als ein öffentliches auf gemeine Kosten zu unterhaltendes Magazin, welches bey wohlfeilen Zeiten gefüllet, und wenn der Preis zum Exempel auf einen Thaler für den Hunten steigt, eröfnet wird. Allein den Schaden ungerechnet, weicher dem Staat durch das darimt angelegte Capital, durch den Unterhalt der Gebäude, durch die am besten auszuweichen. die Besoldung der Bedienten, durch die allezeit dabei) einschleichende Betrugerey und durch andre Unglücksfalle daher zuwachst: so kann man sicher darauf rechnen, daß in dem Lande, wo dieses Magazin liegt, das Korn immer hoher im Preise als in andern Landern, alle übrige Umstände gleich genommen, seyn werde; und dieses aus der vernünftigen Ursache, weil der Kaufmann in dem Lande, worin» er durch das 'Magazin auf ewig verhindert wird, den höchsten Preis zu erhalten, es nicht wagen wird, die Gefahr des niedrigsten zu stehen. Der Kornhande! ist so beschaffen, daß neun Jahre Verlust durch ein Jahr Gewinnst ersetzt werden müssen. Hat der Kaufmann nun die Hoffnung nicht, sich durch den höchsten Preis des einen thenren Jahrs schadlos halten zu können: so wird er gewiß die Gefahr der nenn wohlfeilen nicht übernehmen, folglich von diesem Handel ganz ablassen, und wenn die Theuruug einfallt, dem Staate die ganze Anstalt allein zuwalzen. Es sollte daher ein ewiges unveränderliches Gesetz in jedem Staate sepn, daß der Kornpreis, die Umstände möchten kommen wie sie wollten, immer seinen freyen Lauf behalten, nie die Ausfuhr verboten, nie die Kessel versiegelt, nie fremder Vorrath auf Unkosten des Staats angeschafft, nie der Speicher eines Privatmanns eröffnet, und überhaupt nie etwas vorgenommen werden sollte, wodurch der ordentliche Lauf des Handels unterbrochen werden könnte. Wo aber ein solches Gefetz noch nicht vorhanden, oder wo es zwar vorhanden, aber noch nicht genug befestiget und geheiliger ist: da muß freylich die Obrigkeit zutreten, und dem Mangel abzuhelfen suchen. Denn in einem solchen Lande haben die Einwohner natürlicher Weife lange vor eingetretener Thennmg gesagt: Unsrs gnädigste Lanbesherrfchaft hat uns mebrmaleu schon aus der Roth geholfen, und Korn zu einem wohlfeilen Preise verkaufen lassen. Es ist also picht nöthig, daß Mosers phanr.ü.LheU. C wir Z4 Vorschlag, wie der Theurung des Korttv wir bis zur Erndte für uns selbst sorge». Ja wir können unfern Vorrach den minder glücklichen Nachbarn so viel theurer verkaufen. Unsre großen Meyer haben auch noch Vorrath; wird das Land geschlossen, und der Brand- teweinskessel zugeschlagen so muß der Preis wohl herunter gehen. Wir wollen allenfalls den Beamten die Ohren so voll schreyeu, daß sie diese Kornwürmer einmal heimsuchen, und sie zwingen sollen zu verkaufen :c. Der Müller hat gedacht! Warum soll ick Korn anfscbütteu? Die Herrschaft wird etwas ans der Fremde kommen lassen, und solches wenigstens ohne Vorcheil, wo nicht mit Schaden, verkaufen. Dann sitze ich da, und mag die Würmer füttern. Und der Kaufmann hat schon in seinem Geiste den Beamten Hönisch vorgeworfen: Das kommt von euren guten Anstalten; nicht zufrieden damit, daß die Brandteweinskessel versiegelt und die Ausfuhr aus dem Lande verhindert worden, wollt ihr sogar die Aem- tcr und Kirchspiele schließen; ihr wollt die Fuhren, um Korn aus derFremds zu holen, umsonst gebrauchen; ihr wollt euer oder des Landes Geld ohne Zinsen dazu verwenden; ihr wollet den Roggen ausborgen; ihr könnet Zollsreyheireu erlangen. — Da wage es ein Kaufmann, sich in diese Kornhandlung zu mischen. — Wo die Umstände so gelegen haben, wo der Landmann seinen Vorrath aufs theuerste verkauft, und seine geringen Neben- wohner in der Hoffnung, die Landesherrschaft werde sie schon versorgen, Brodlos laßt: da ist es so natürlich als vernünftig, daß die Obrigkeit zutrete, und die Erwartung der Armuth so viel als möglich erfülle. Aber ich sage, die Lage würde nie so kommen, wenn jenes Gesetz immitten, und jedermann vollkommen sicher wäre, daß der Kornhandel nie durch irgend eine mächtige Hand eingeschränket werden könnte. Wann eine Landesherrschaft noch Korn erhalten kann: so kann es auch der Kaufmann bekommen; und da die sogenannten Preiskou- ranten am besten auszuweichen. ranten aus Hamburg, Bremen, Embden und Amsterdam mit jedem Pvsttage zeigen, wie hoch der gemeine Preis sey: so ist bei) einer für alle Kaufleute und für jedermann offen liegenden Spekulation kein außerordentlicher Wucher zu besorgen. Denn jeder wird sein Geld sodann wagen, und keiner dem andern einen gar zu großen Preis genießen lassen, so bald er nicht zu befürchten hat, daß ihm durch eine machtige Hand Einhalt geschehe. In diesem Stück kann man sich auf die Begierde, zu gewinnen, welche allen Menschen eigen und ihnen nicht umsonst gegeben ist, völlig verlassen. Gesetzt aber, ein solcher Entschluß, daß man nämlich von obrigkeitlichen Amtswegen niemals Korn anschaffen und auch niemals den Handel mit demselben einschränken oder schmälern wolle, fände Bedenken, indem die Lage der Umstände solchen nicht gestattete: so scheinet es dennoch immer besser zu sepn, jedem Kirchspiele die Versorgung seiner Einwohner und die dazu erforderlichen Anstalten zu überlassen und auszulegen, als auf gemeinsame Amts - oder Landesanstalten hinaus zu gehen. Denn ei- nestheils ist oft ein Kirchspiel so sorglos, oder dessen Einwohner sind so Geldbegicrig, daß sie alles, was sie nur verkaufen können, auf den theuresten Markt bringen, und für ihre Mireinwohner gar nicht sorgen, anstatt, daß ein andrer christlicher und billiger denkt, und allen seinen Nebenwohuern bestens mit aushilft; anderntheils weiß auch noch oft eins die Scinigen aus seinem eignen versteckten Vorrathe zu rathen, und seine Anstalten ganz wirthschaftlich einzurichten. Wenn nun aber bey allen Anstalten im Großen der Schuldige mit dem Unschuldigen vermischt wird, und dasjenige Kirchspiel, was sich allenfalls noch wohl selbst Helsen könnte, mir den übrigen einen gleichen Antheil an den gemeinen Amts - und Landesbeschwerden übernehmen muß: so verdrießt dieses das gute und haushälterische; es schwächt das Mitleid: C » und z6 Vorschlag, wie der Theurultg des Korns und dasjenige Kirchspiel, was für die Seinigc gewiß gesorgt haben würde, schlagt auch zum rhcuresten auf fremden Markten los, weil es am Ende einerlei) ist, ob es gut oder schlecht gehandelt hat; indem doch allen durch die gemeinschaftliche Anstalt in gleicher Maaße geholfen werden muß. Nicht zu gedenken, daß bey allen großen Anstalten die wahre Bedürfnis; und das Verdienst eines jeden Nothleidenden nicht so genau bcurcheilet werden kann, als bey Anstalten im Kleinen, wo ein Nachbar den andern kennet, und denjenigen, der das Seinige verschwendet, oder theuer verkauft, oder sich selbst noch wohl helfen kann, zurücksetzt, und wo ein jeder, auch feines eignen Vortheils wegen, darauf achter, daß kein Betrug vorgehe, und keiner mehr erhalte, als er zur höchsten Notbonrft gebrauchet. Es gicbt Meyer, die ihreHeuer- leiue und Beywohner auf die gemeine LaudeSaustalt schicken, währender Zeit sie ihren eignen Vorrarh theuer verkaufen ; es giebt Leute, die es wohl bezahlen könnten, und sich doch arm stellen, wenn dieLandcsherrschaft, der Armuth zum besten, einen Vorrath wohlfeil losschlagen läßt; es giebt andre, die unrer eignen oder geliehenen Namen sich mehrmalen zudringen, und hernach mit demjenigen, was sie wohlfeil erhalten, einen Handel treiben. Alles dieses ist der nothwendige Fehler großer Anstalten, wovon ein Kirchspiel, worum einer den andern kennet, nichts zu fürchten hat. Und ich getraue mir zu behaupten, daß 50 Kirchspiele, die zu einer gemeinschaftlichen Fürsorge verknüpft sind, 10000 Malter Korn fordern werden, welche sich einzeln mit 4000 bchelfcn würden. Es sollte also wenigstens ein Gefetz seyn, daß bey einer eintretenden Lheurung jedes Kirchspiel sich selbst zu helfen hätte. Der Edelmann sorget hier im Lande fast dnrchgends für die seinigen, und man könnte die Namen solcher Groß- müthigen nennen, welche ihren Heuerleute!! das Korn beständig am besten auszuweichen. ?7 ständig zu dem Preise geben, wozu es in guten Jahren steht. In dieser Fürsorge ist aber der Edelmann unabhängig, weil er hernach zu keinen gemeinen Anstalten weiter beutragt. Der Landmann hingegen, wenn er auch ans gleiche Weise für seine Henerlcute gesorget hat, muß dem ungeachtet auch noch für seine faulen und schlechten Nachbarn, mit denen er in Gemeinschaft der öffentlichen kästen lebt, sorgen, und Nachbarn gleich fahren und bey- tragen; das fetzt ihn in eine ungleich schlimmere Lage; und wie schlimm muß diese nicht noch werden, wenn er nicht blos zn den Anstalten für sein Kirchspiel, sondern auch zu denen, welche für das Ganze gemacht werden, beytragen mnß? Wenn man noch genauer gehen wollte: so sollten billig diejenigen Landleute, welche für die ihrigen gesorgt haben, von allem ferner» Veytrage zu den Kirchspielsansialten frey seyn. Nur äußert sich dabei) die Schwierigkeit, daß aus solche Art alle Dorfgesessene und Markköt- ter, welche kenntlich keinen Ackerbau und keine Pferde haben, zur Zeit der Roth verlassen seyn würden. Allein hier wäre auch noch wohl Rath zu schaffen , wenn man vorläufig nur eine gewisse Einrichtung machte. In den ältesten Zeiten, und lange vor Carl dem Großen, errichteten dergleichen Leuten Gildonias, oder Gilden, und traten zu ihrer gemeinsamen Vertheidigung, es sey zu Gerichte oder außer Gerichte, unter ihren Beamten zusammen; anstatt daß sie jetzt einzeln ohne gleiche Gewohnheiten (callnluss), ohne Landrecht, ohne Rechtswei- snng dahin leben, in ihren Erbtheilungen, Ausbestattungen und dergleichen unter dem römischen Rechte und seinen Auslegungen stehen, und wenn eine Roth eintritt, ohne Einigkeit und ohne Haupt sich gar nicht zu helfen wissen. Daher sehen wirKötter, die sich frey kaufen und wiederum in den Leibeigenthum laufen, weil sie sich rechtlos dünken, und nun nicht wissen, ob sie mit ihren Weibern C z in z 8 Vorschlag, wie der Theurung des Korns in Gemeinschaft der Güter leben oder nicht; ob sie eine Leibzucht zu gewarten haben, und was sie ihren Kindern mitgeben sollen — welches alles daher kömmt, weil die Heyen oder Hoden ^), worinn diese Leute sich begeben, ihr Band wie ihre courumes verlohren haben, und der Hodepfennig oder der Hodeschilling mit dem Versall der Münze zu sehr heruntergegangen ist, um es der Mühe Werth zu achten, für diese armen Leute ein eignes Recht zu machen. Die Fürsten selbst, welche Colonisten auf dem platten Lande anziehen, scheinen den Vortheil der Hove, oder einer solchen Gilde, ohne welche sich einzelne Leute schwerlich halten, ganz und gar zu mißkennen. Gesetzt nun aber, man zöge diese Leute in jedem Kirchspiel in eine besondre Gilde, unter zween von ihnen erwählten Vorstehern zusammen, und machte eine Vereinigung dahin, daß die Landleute des Kirchspiels ihnen für einen sichern Preis die Kornsuhrcn geben, die Dorf- gesessenen hingegen jedesmal gegen einen sichern Preis die natural Einquartierungen, welche doch insgemein, wenns Infanterie ist, auf das Dorf fällt, tragen müßten, so würde sich schon eine gewisse billige Proportion ausfin- den lassen, nach welcher jeder Landmann im Kirchspiel dieser Gilde helfen müßte; so würde diese Gilde mit vereinten Kräften Geld oder Credit und Bürgen finden, und sich solchergestalt auch retten können. Es sind viele Dinge, die eine Compagnie oder Gilde mit genügsamer Macht unternimmt, ein einzelner Mann aber wohl liegen lassen muß. Das schlimmste bey den Rettungsanstalten zur Zeit der Theurung, ist insgemein die erste Anstalt zum Ankauf des Korns, und die erforderliche geschwinde und vorschüßige Bezahlung. Aber hier tritt nun in guten Staaten die glückliche Fürsorge der Landesherrschaft ein. Diese 6! Man sehe hier unten die Abhandlung, von dem Ursprung und Nutzen der Heven und Hoden. am besten auszuweichen. 39 Diese läßt das Korn auf dem nächsten und wohlfeilsten Orte kaufen, thut den Vorschuß, und borgt dem Kirchspiel oder der Gilde unter ihren Vorstehern oderBürgen. Diese dürfen also nur hinschicken, abholen, und es so vorsichtig vertheilen, daß sie das Geld dafür zur gefetzten Zeit wieder einliefern können. Diese Hülfe kann keine Landesherrschaft einzelnen Menschen angedeyhen lassen; weil sie sich in unendliche Weitlauftigkeit und mit großer Unsicherheit einlassen würde. Allein einer Gilde unter Vorstehern und Bürgen kann sie ohne diese Unbequemlichkeiten desto leichter helfen. Die Erfahrung hat in diesem Jahre gewiesen, daß viele Aemter und Kirchspiele, ohncrachret sie Mangel zu haben schienen, lieber ihren Miteinwohnern aus ihrem eignen Vorrathe mittheilen, und sich so viel sparsamer bchelfen, als die Fuhren zur Abholung des fremden Korns leisten wollten. Andre, welche ins wilde gefordert hatten, traten aus gleicher Ursache zurück, machten es wie jene, und begehrten nur etwas weniges. Andre, worin« die Landleute genug hatten, wollten den Dorfgesessenen nicht aushelfen, und auch nicht für sie fahren. Mancher Landmann, der zwar nichts übrig, aber doch für sich genug hatte, behalf sich sparsamer, und vermischte seinen Roggen mit andern Körnern, um seinen Miteingesessenen auszuhelfen, und sich von der Fuhre zu befreyen. Alle diese Erfahrungen reden das Wort für die Kirchspiels - und gegen die Landesaustalten, und was solchergestalt gesparet worden, ist auch gewonnen. Sie zeigen, daß bei) Landesanstalten mehrentheils nur die schlechtesten Leute auf Kosten der bessern Haushälter zehren, die dreustesten Bettler den bescheidenen Armen verdrängen, und weit grössere Summen ausgegeben werden, als geschehen würde, wenn jedes Kirchspiel sich selbst rathen müßte. C 4 IV. 4Q IV. Ein Patriot muß vorsichtig in seinen Klagen bey Landplagen seyn. Ä8?nu der Pächter über eine schlechte Erndte schreyt, um die Kammer zu hintergehen; wenn der Leibeigene sein Korn für völlig ausgewachsen angiebt, um bey dem Gutsherrn Mitleid zu finden; wenn der Necker eine Theurung prophezeyht, um sein Brod nach der höchsten Taxe zu verkaufen ; wenn endlich alle diejenigen, welche Korn einnehmen und zu verkaufen haben, einen allgemeinen Mangel verkündigen, um ihren Vorrakh zum höchsten Preise auszubringen : so weiß man, warum dieses geschieht. Wenn aber der Mann, der schon viele schlechtere Zeilen ansge- daurct und bey dem allgemeinen Unglück nichts zu gewinnen hat, diesen Klagen gleichgültig beypflichtet; wenn der Christ, anstatt sein Vertrauen auf die göttliche Vorsorge bey solchen Gelegenheiten vor andern zu zeigen, sich den Schwachgläubigsten gleichstellt; wenn sogar der Patriot solche Klagen mit eben der Gelassenheit anhöret, womit der Hosmann die hysterischen Zufälle einer Prinzessin aufnimmt: so geräth man in die Versnchung zu glauben, daß die Vernunft ein überaus mäßiges Geschenk, und das Vergnügen zu klagen und beklagt zu werden, wovon sich sonst nur bequeme und unthätige Seelen hinreisten lassen, auch eine Leidenschaft des edlern Theils der Menschen sey. Es ist eine große und wichtige Pflicht, den Grund oder Ungrund solcherKlagen zu untersuchen, ehe man mit einstimmt. Sind sie nicht gegründet: welche Verantwortung ladet man sich nicht auf, wenn man dergleichen traurige Vorstellungen unbedachtsam mit ausbreiten Hilst; die Einsicht der Obern zn unverdienten Nachlassen, womit nach Ein Patriot muß vorsichtig in seinen :c. 41 nach einer notwendigen Folge andre wieder beschweret werden, verleitet; die Polizey irre niacht, den fleißigen Handwerker drückt, den Wucher befördert, den freudigen Geber schreckt; und einen großen Theil seiner Mitbürger verführt, den Segen Gottes init traurigem Un- danke zu genießen? Sind sie aber gegründet: so ist es allemal auch ein unrühmliches Verfahren, die Zeit, wo man auf Nettnngsmittel bedacht seyn sollte, mit unnüz- zen Klagen zn verlieren. In der Roth zeigt der Weise seine Größe, der Christ sein Vertrauen auf Gott, und der Patriot Arbeit und Dauer; wenn Landplagen herrschen: so ist er froher, eine Thräne zu stillen, als tam send zu vergießen. Wie viele sind aber unter denen, die bisher den Haufen der Klagenden vermehret haben, welche sich rühmen können, den Grund oder Ungrund der Noth, womit uns alle hängende Mauler drohen, untersucht und nach eignen Erfahrungen geurtheilet zu haben? Wer Vorrath hat, macht die Roth groß, wer M^gel leidet, verringert sie, und die Einwohner der Städte, denen das mächtige Herz nicht im Busen schlägt, was den edlen Landmann bey muthigem Sinne erhält, verzagen entweder bei? jedem üblen Anscheine oder rechnen nur den Vor- thell aus, welchen sie vom Steigen und Fallen zu erwarten haben. Wo findet man also den unparthcpischen Zeugen, wenn man nicht aus eigner Erfahrung urtheie len kann? . . . V.Die 42 V. Die moralischen Vortheile der Landplagen. 5? wenn doch erst Ostern ; wenn nnr erst der lange Winter vorüber seyu möchte! sagte im vorigen Herbste ein Heuermann zn mir, der für sich, seine Frau und sieben Kinder, nicht so viel geerndtct hatte, als er bis Martini gebrauchte; dem sein gesaeter Lein nicht aufgegangen war, und den die vorjahrige Theurung bereits außer Stand gesetzt hatte, seinem Wirthe die letztverschienene Heuer zu bezahlen. Nun sprach ich gestern zu ihm: Ostern ist da und der lange Winter vorüber, und ich sehe, ihr lebt doch noch wir eurer Frau und allen euren Kindern! ich glaube zwar wohl, ihr habt euer Brod sauer erworben, aber es wird euch auch nie so gut geschmeckt haben, als diesen Winter, da es das rareste war, was ihr hattet. Ja wohl ist es mir sauer geworden, antwortete er; Sie sehen meine ganze Hütte ledig, meine Fran und Kinder nackend, und mich entkräftet; so sauer ist es uns geworden. Der Flachs, den wir noch hatten, war bald aufgesponnen ; das Pfund Brod galt ein Stück Garn, und unser waren nur drei), die spinnen konnten, und neune die essen wollten. Zur Arbeit außer dem Hanse war keine Gelegenheit, und wie Weyhnachten heran kam, war unser Flachs versponnen und verzehrt; ach, ihr traurige Weyhnachten! Meine Fran hatte ihre Röcke und Mützen bereits versetzt; wir konnten nicht zur Gottes Kirchen zehn. Sonst war nichts im Hause, woraus wir einiges Geld hatten lösen können, außer einer Kuh; ich wollte sie wegführen sie zu verkaufen. Aber meine Fran und Kinder hielten ste fest umarmt, und wir schrien alle und stau- Die moral. Vorthcile der Landplagen. 4 z standen so eine lange traurige Weile. Endlich gieng ich fort, »m den Jammer nicht länger zu erdulden. Ich gieng zwey Stunden, in der Absicht, die Meinigen nicht Hungers sterben zu sehen. Aber es war immer, als wenn mich sechs Pferde zurück zögen; ich mußte wieder zu den Meinigen; und nun kam ich einen angefülleten Backofen vorüber, und die Roth, der süße Geruch und die Gelegenheit, machten mich zum Diebe. So sauer ist es mir geworden! Bey diesem gestohlenen Brodte feyerten wir unser Christfest. Aber nun stand ich des Morgens vor Tage auf, nahm meine Kuh, und brachte sie dem Manne, weichem ich das Brod gestohlen hatte. Mit tausend Thränen bekannte ich ihm meine That, und der Mann, den ich als einen harten und geitzigen Mann gekannt hatte, gab sie mir wieder, und einen Scheffel Roggen dabei). Seitdem hat mir mein Wirth, den ich die vor- jährigeHener noch schuldig bin, und den ich vorhin nicht ansprechen mochte, weil er selbst nichts übrig hat, ausgeholfen. Ach Herr! es giebt doch noch Mitleiden in der Welt, es giebt noch heimliche Tugenden, die man nur zur Zeit der Roth erkennt! Die letzte Anmerkung des guten Mannes gefiel mir; was wollt ihr aber nun anfangen? fuhr ich fort. Ich muß jetzt nach Holland, sagte er, um so viel zu verdienen, daß ich meine Schuld bezahle. Aber ich habe kein Reisegeld, und da ich von allen die ich kenne, schon so viel Gutes empfangen: so mag ich keinen darum ansprechen; ich muß also doch meine Kuh .... Hier konnte er für Schluchzen nicht weiter reden, und manche Thräne rollte von dem abgehärmten Gesichte. — Und wer weiß, ob ich aus Holland wieder komme, da ich mich nach einem so traurigen Winter schwächlich finde, und mich sehr werde anstrengen müssen, um nur erst so viel zu gewinnen, als ich für Korn und Heuer schuldig bin? Ich 44 Die moral. Vottheile der Landplagen. Ich gab ihm zu seiner Reise, zu seiner Erhaltung für seine Kinder, — und nun eilte ich der heimlichen Tugend nachzudenken, welche die Roth in manchen Herzen auf? schließt. Wie groß, wie edel, dachte ich, hat sich bei) der gegenwärtigen Theurnng nicht manches Herz zeigen können? Was für verborgne Quellen, der Tugend hat die Noch nicht eröffnet! und wie vielen Dank sind wir der Vorsehung nicht für diese Prüfung schuldig? hange glückliche und wohlseile Zeiten schläfern den Menschen endlich ein; der Arme wird unerkenntlich, weil ihm leicht geholfen wird, und die leichre Hülfe macht ihn naehlaßig in seiner Arbeit. Der Philosoph spielt mit der besten Welt, uns der Staatsmann mit eitlen Entwürfen. Bios woilü lige Leidenschaften erheben sich aus der Ruhe, und sinken nach einer leichten Befriedigung wieder dahin. Die Tugenden gehen nut den Complimenten ihren ebnen Weg ; nichts zwinget zu Empfindungen und großen Entschlüssen; die öffentliche Vorsorge wird schlaff, und alles geht ff gleichgültig wohl, daß auch selbst das größte Genie nur halb entwickelt wird. Allein wenn die Roth herein bricht, wenn die Gefahr Helden fordert, und ein allgemeiner Jens den Geist aufbietet, wenn der Staat mit seinem Untergange kämpft, wenn die Gefahr desselben sich mit jedem versäumten Augenblicke verstärkt, wenn die schrecklichste Entscheidung nur mit der größten Aufopferung abgewandt werden kann: Dann zeigt sich alles würksam und groß; der Redner wird mächtig, das Genie übertrifft seine eigene Hoffnungen, Much und Dauer begeistern den Freund, Herz und Hand öffnen sich mit gleicher Fertigkeil, Ausführungen folgen auf Entwürfe, und die Seele erstaunet über ihre eignen Kräfte. Sie findet in sich unbekannte Tugenden, erhebt sich und findet neue, und entdeckt auf ihrer Höhe die erweiterten Kränzen ihrer Pflichten. Die vorhin in ihrer Ruhe angebeteten Größen, verschwinden unter Die moral. VorLheile der Landplagen. 4 5 unter ihrem Fluge, und der Mensch zeigt sich als ein der Gottheit würdiges Geschöpf. Wie mancher Saame der Tugend käme vielleicht nie zum keimen, und wie weniger zur Neife: wenn Noch und Unglück nicht wären? Wie vielen har der Anblick eü nes abgezehrten Armen ihr eignes Herz bekannt gemacht? Und wie manchen Armen hat nicht der Hunger mit Gefühl, Dankbarkeit und Begierde zur Arbeit beseelt, wovon er vorhin nur schwache Anfalle hatte? Sollten nicht auch viele unsrer Landleute den Werth der Mäßigkeit und Sparsamkeit besser als vorhin eingesehen, und manche eine Menge von Sachen zu entbehren gelernt haben, welche ihnen sonst durchaus nothwendig schienen? Ich erwähne jetzt nichts von dem politischen Nutzen der Landplagen, er wird zu einer andern Betrachtung führen. Wie nützlich, wie lehrreich, sowohl für das Herz als den Verstand, ist also nicht die jetzige Thcurung? Die gütige Vorsicht scheint es mit Fleiß so geordnet zu haben, daß dergleichen wenigstens eine in jedes Menschen Alter fallen muß. Ohne diese Erwecknng würden viele ein sehr dummes Leben führen. Zwar giebt sich der feinere Theil der Menschen Mühe genug, häusigere Strafen des Himmels zu verdienen, und wenn er hieran nicht genug hat, sich selbst Zu quälen. Allein dessen Gefühl bedarf auch der wenigsten Erwecknngen; und der Himmel braucht eben kein Land zu strafen, um einig? wenige Tho- reu zn züchtigen. Zu groß oder zu fühllos, um bey S nem allgemeinen Unglück zu leiden, überläßt er sie ihrer marternden Einbildung. VI. Die 46 VI. Die liebenswürdige Kokette oder Schreiben einer Dame vom Lande. dachen Sie nicht, mein Schatz, wenn ich Ihnen sage, daß ich im Ernst anfange, kokett zn werden. Seit einem halben Jahre, daß ich jetzt wieder ans dem bände bin, und taglich eine Menge von Armen und Elenden sehe, thue ich fast nichts, als Herzen rühren, Thranen erwecken , entzücken und bezaubern. Den will ich einmal recht heulen lassen, sagte ich gestern zu meinem Manne, der gar nicht wußte, was ich wollte, und flog auf den Platz, um einen alten armen Mann, der kümmerlich nach meinem Fenster sah, selbst zn sprechen. Ich hörte ihm recht freundschaftlich zn, fragte nach allen kleinen Umstanden, die ihn drückten, beklagte ihn bey jeder Stufe seines Unglücks, gab ihm erst etwas für seine Frau, dann für seine Kinder, und befahl zuletzt meinen Leuten, ihm zwei) Scheffel Roggen und ein Glas Brandtewein zir geben. Hier hatten Sie sehen sollen, wie dein guten Kerl die Thranen in feurigen Kugeln von den Wangen herunter rollten; er sieng an zn schluchzen, und nie habe ich ftie feinste Liebeserklärung mit solcher heimlichen Wollust genossen, als die Dankbarkeit dieses Greises. Wie er weggieng, kam ein andrer mit Einem Arme. Guter Freund, sagte ich zu ihm, wo habt ihr euren Einen Arm gelassen? Hier lies ich ihm seine Heldenthaten erzählen, wie er unter dem Herzog Ferdinand gefochten, wie er im Felde acht Tage lang oft nichts als Kartoffeln ans der Asche gegessen, und doch niemals so sehr gehungert hatte, als jetzt. Ich fragte ihn nach allem, was er von dem Herzoge wußte, und freuete mich, daß seineAn- zen immer heiterer wurden, je mehr er von ihm sprach. Durch Die lobenswürdige Kokette oder :c. 47 Durch alles fragen, loben und bedanren, wobey ich ihm zuletzt mit einem nnempfindsamen Blicke sagte-, er wäre wohl in seinen jüngern Iahren ein hübscher Kerl gewesen, und ihm darauf einen Dukaten in die Hand drückte, und einen Scheffel Roggen zu geben befahl, setzte ich den Mann in eine solche Entzückung, daß er mir mit einem Eifer, den ich an einem Prinzen Unverschämtheit genannt haben würde, auf die Hand fiel, und solche küssete, che ich sie wegziehen konnre. Fy! werden Sie sagen, sich von einem Bettler die Hand küffen zu lassen! Ja nun! es ist geschehen, und die Erinnerung macht mich nicht roth. Zwanzigmal gebe ich aber armen Frauensleuten einige Groschen, ohne in die Versuchung zu geratheu, mit ihnen ein bischen zu wimmern und zu seufzen, und ihnen Thrä- nen der Dankbarkeit abzulocken. Mein Mann legt dieses als die offenbarste Probe meiner Koketterie aus, und ich weiß selbst nicht, was ich dazu sagen soll, daß mich eine männlicheThräne mehr rührt, als tausend weibliche. Es sei) aber Koketterie oder geläuterte Eitelkeit, wie Sie das Mitleiden wohl eher genannt haben: so bin ich dergestalt darauf gekommen, daß ich alles Geld, was ich mir ersparen kann, zu Befriedigung dieser meiner Fantasie anwende, und selbst eine große Prinzeßin nicht betrauert habe, nm mir dafür das süße Schauspiel der empfindlichsten Dankbarkeit von sechs Armen zu verschaffen. Doch verschmähe ich auch das Vergnügen nicht, bisweilen einem Dutzend armer Hexen eine dankbare Rührung abzujagen, und mich daran zu ergötzen. Vor acht Tagen kam mein Kammermädchen ganz außer Odem gelaufen und rief: — Gnädige Frau, Gnädige Frau! — Nun, Charlotte ? — Ja ans dem Boden! — Nun was denn auf dem Boden? — Da da liegt noch eine ganze Kammer voll Flachs und die armen Leute haben nichts zu spinnen, weil leider auch der Flachs im vorigen Jahre nicht gerathen. In meinem Leben habe ich keine ange, neh- 4Z Die lobmswürdige Kokette nehmere Zeitung gehöret: ich lief mit dem Mädchen auf den Boden wie eine Närrin, hielt allen meines Mannes Tanten und Großtanten, die den Flachs gcsammlet hatten, eine Standrede, und man mnßte mir dasselbe miteinander in die Scheuer bringen. Hier ließ ich alle Weibslcute ans dem Dorfe zusammen kommen, und theil- re den Flachs ungewogen und ungezählt unter sie aus. Nun das war eine Freude! Aber denken Sie, die guten Weibsen bringen mir das Garn dafür wieder, und verlangen kein Spinngeld, nachdem ich sie bereits mit Korn versorget habe. Ist das nicht auch süß? und kann diese schmeichelhafte Dankbarkeit, ohnerachtet sie nicht von Männern kömmt, nicht immer mit angenommen werden? Der Begierde zu gefallen entwischt nichts, und selbst meinen Vogel habe ich doppelt lieb, weil er mir und keinem andern zufliegt. Ich Hab? mir schon viele sonderbare Ergötzungen auf dem Lande gemacht. Wie ich vor vier Iahren meinen Mann heyrathete, wählte ich mir an meinem Hochzeik- tage sechs arme Inngen und sechs arme Mädchen aus, lies sie auf eine ganz besondre Art kleiden, und ihren Unterricht damit anfangen, daß sie hübsch englisch tanzen lernen mußten. Mein Einfall war damals, den Kleidungen und Köpfen unsers Landvolks eine ganz neue Wendung zu geben; und jene zwölf arme Kinder zu einem solchen Muster zu bilden, welches die Kinder der Reichen im Dorfe einmal gewiß nachahmen sollten. Anfangs hielt man mich für eine Erznärrin. Nachdem man aber allmählich sah, wie gut ich diese armen Kinder in allen Arten ländlicher Arbeit unterrichten lies, und wie flink meine Mädchen in kurzen Röcken auf dem Felde und im Stalle wurden: so fteng jeder an zu stutzen; und nun da ick -uich mit geringen Leuten schwatze, mit ihnen klage, und ihnen dann Korn und Flachs gebe, so bin ich ihr Engel; ich sehe nichts, als gerührte Leute; und was ist aller Schmuck over Schreiben einer Dame vom Lande. 49 Schmuck der Felder, aller Gesang der Nachtigallen, gegen das Vergnügen, vergnügte Lente zn machen? Uebringerin dieses ist eins von diesen meinen Kindern; so nenne ich sie noch immer. Lassen Sie dieselbe einmal das Vieh melken, oder eincButter zurechtmachen. Eine fertigere, reinere und nettere Art zu arbeiten müssen Sie in Ihrem Leben nicht gesehen haben. Etwas Koketterie spielt zwar schon ans dem Fuße; das thnn aber die weißen Strümpfe, so die Madchen sich selbst knütten, und die sie durchaus tragen müssen, weil ich den Glauben habe, daß ein hübscher weißer Strumpf allemal den größten Einfluß auf die moralische Bildung des Menschen habe. Sie erinnern sich noch wohl des witzigen Phili? dors; er hatte keinen Verstand im schwarzen Strumpfe. Ist das nicht Philosophie? Aber mein Schatz, wann wollen Sie zu uns kommen? ich hosse doch nicht, daß Sie das Land fliehen, um den Klagen der Nothleidenden auszuweichen? Diese Ursache fallt bei) mir weg. Bringen Sie allenfalls einige hundert Thaler, die Sie sonst auf Moden verwenden würden, in ihrem grünen Beutel mit, wenn Sie Lust haben, an meinem rührenden Lustspiele Theil zu nehmen; und ich verspreche Ihnen, Sie sollen dafür tausendmal mehr Schmeichelepen zu hören bekommen, als in der Stadt; und wahrhaftig von Leuten, die ganz anders empfinden als alles, was sonst das Glück hat, sich ihrem Fußschemel zn nahen, und dort seine Huldigung in gehöriger Entfernung auf den Knien zu leisten. Der Greis mit dem Barte, mit den dicken rollende,» Thranen, und der zitternden Sprache der Dankbarkeit, was ist das für ein Liebhaber gegen alle ihre hohen Frisuren mit angehängte» Menschenkörpern! Hllllio carisiinm. Mosers pham. II. Theil. D N. S. 5v Die lobenswürdige Koketterie oder:c. N. S. '"Ich weiß nicht, ob Sie den neuen Guckkasten schon gesehen haben, worum man durch das eine Glas alles so sieht, wie eS ist, und durch das andre, wie es se y n sollte. Ich habe sonst eben einen aus England bekommen. Durch das erste Glas sieht man nn- ter andern ein prachtiges Schloß, im besten gothischen Geschmack, mit Graben, Thürmen und Obelisken gestehet, viele beißende Hunde und verhungerte Bettler vor dem Thore, umher eine Menge verfallener Strohhütten und eine Kirche mit herabhangenden Sparren; das Land schlecht gebauet, die Nachbarn mißvergnügt, und mit einem hämischen Blicke auf jede Gelegenheit laurend, dem stolzen Besitzer dieses den Armen und Nothleidenden unzugänglichen Pallastes, einen heimlichen Schaden zuzufügen. Das andre Glas zeigt eine leutselige Edel- fran vor ihrer offnen Thür, wie sie dem einen guten Rath, dem andern Hülfe giebt; ihr Haus ist wie sie, edel und anständig, und von einer Menge schöner Hänser umgeben, die wohlhabenden Einwohnern stigehören müssen. Ueberall sieht man die Freude und segnende Augen, welche mit einem dankbaren Blicke nach der gnten Frau winken. Dort tragen hundert Arme Korn vom Hause weg, hier fahren jubelnde Knechte tausend Fuder wieder hinein Glauben Sie mir, mein Schatz, daß ich recht gesehen habe. Eine Frau war es, obgleich mein Mann mir den Kasten verschoben, und ein rechtes Fratzengesicht, woraus man zur Roth einen Mann machen könnte, vor- gerücket hat. VII. G e- 5t VII. Gedanken über die Getraidesperre, an den Deutschen Briefe eines Deutschen, tiber öffentliche TegensUinde des Vilterlenu dcs. Erste Lieferung! non der Fruchtsperre. Erfurt !772. F2 Gedanken über die Getraidesperre, guten Willen oder seiner Ehrbegierde zn überlassen, die beyde immer, durch die theureu Preise der Nachbarschaft gereizt, mit einer schweren Versuchung zu kämpfen haben würden, so lange die Nachbarschaft nicht für ihn versperret, und damit die Versuchung zur Ausfuhr durch höhere Gewalt abgeschnitten wäre. Ich will Ihnen auch zugeben, daß der Erzvater Noah sehr unvorsichtig gehandelt haben würde, wenn er mehr Menschen und Thiere in seinen Kasten genommen Härle, als er würde haben ausfüttern können; ich will Ihnen zugeben, daß mau in der Huugersnoth seinen Freund fressen, und also auch gewiß verhungern lassen könne; ich will endlich zugeben, daß kein rechtlicher Vater das Lrod vor die Hunde werfe und feine Kinder darben lasse. Allein dariun muß ich Ihnen mit Ihrer Erlaubniß widersprechen, daß irgend ein Land in Deutschland und besonders das Stift (Münster), welches Sie zum Muster anführen, sich in der schrecklichen Alternative, entweder Hungers zu sterben, oder die Kornansfuhr zu verbieten, befunden habe. Sie selbst räumen dieses ein; indem Sie sagen, daß das Korn daselbst bei) verstatleter freycn Ausfuhr nur im Preist gestiegen styn würde; und daß man daßjenige nur theurer aus Holland würde haben wieder kommen lassen müssen, was bey der frcyen Ausfuhr dem Nachbar überlassen styn würde. Die Frage ist also nicht davon: was die Polizey in jenen erschrecklichen Nothfällen, in jenen spekulativifchen Situationen, wo der Sohn seinen Vater vom Brete stürzt, wenn sie beyde sinken müssen; sondern was sie in dem Falle billig zu thun hac: wenn sie z. E. durch eine zeitige Sperrung denHim- ten Roggen zum Thaler herunter halten zu können hofft; Hey verstatteter Ausfuhr aber denselben noch einmal so hoch zn sieigen befürchten muß? Und em den Deutschen. Uni? von diesem Falle, welcher als der gewöhnlichste bey der Frage von den Schaden oder den Vortheilen der Ge- traidefperre billig zum Grunde gelegt werden muß, habe ich behauptet, daß die Polizey am besten thne, in demselben die freye Ausfuhr zu gestatten. Von diesem Falle gilt mich meiner Einsicht nach dasjenige, was die beyden klassifchen Schriftsteller in dieser Sache k), znm Besten der Menschheit und der natürlich verbrüderten Nationen, ansgeführet haben. Wo wir znm äußersten Nothfalle lierauf steigen: so hat die ganze Polizey, die Sittenlehre, und alles, was von Pflichten der Menschen handelt, ein gar kurzes Ende. Die Summe aller Lehren ist dann : Omuia Iloent. Ueberhaupt scheint mir alle Sperrung von Landern vergeblich zu seyn, da man noch nicht das Mittel gefunden hat, den Betrug der Accise in dem kleinsten Landstadtchen zu verhindern. Walle und Thorr, Wachen und Thorfchreiber reichen hier nicht zu; mit welcber Wahrscheinlichkeit dürfen Sie denn hoffen, daß man eine Linie von hundert Meilen bey Tage und Nachte sperren könne? Das Land, was Sie zum Beyspiel anführen, war rings herum mit Truppen besetzt; und dennoch wurden den Nachbaren daraus täglich hunderte von Lasten angeboten. Die Leute, die ihr Leben dabey wagten, genossen für jede Last 5 Pistolen; und ich rechne, daß diese bey derSperrung 5000 Pistolen gewonnen haben, welche den guten Unterrhanen des gesperrten Landes, die, weil sie heimlich handelten, nothwendig wohlfeiler verkaufen mußten, aus dem Beutel giengen. Das war der ganze Nutzen von der berühmten Getraidefperre; die gegen arme Nachbarn unnölhig, gegen reichere aber eben so D z vergeb- s) Der Herr Landdrost van Münchhausen :c. Der frehc Kornhandcl. Hannover 1772. Hr. H. F. R. Schlettwein: Dir wichtigste Angelegen h c i t für das ganze Publikum. Earlsruhe 1772. 54 Gedanken über dle Getraidespcrre, vergeblich ist, wie die Wachsamkeit der Englande gegen die Schmuggler. Der letzte Himten wäre uns zu Theil geworden, und der Schleichhandel, der seiner Namr nach, ein grausamer Verächter aller gottlichen und menschlichen Gesetze, und.verwüstender als alle freye Ausfuhr ist, würde ihre zugespcrreten ttnterthanen ans das äusserst«! gebracht haben, wenn uns die Roth dazu gezwungen und das Geld dahin gereichet hätte. Gesetzt aber auch, eiu Land von hundert Meilen im Umkreiße liefe sich glücklicher sperren, als der enge Schoos der Danae, welcher sich aller Niegel und Wachen ungeachtet, für Jupiters güldnen Regen öffnete: so würde ich dennoch in jenem Falle nicht zur Sperrung rathen. Schwerlich wird es Länder geben, deren Einwohner alle dem Ackerbau obliegen; und wenn es dergleichen giebt: so wird dieSpcrrung daselbst am wenigsten nöthig seyn, weil vorausgesetzt wird, daß uothdürstigerVorrath in demselben vorhanden sei), und man weiter voraussez- zen kann, daß ein Ackerbauer allemal seine eigne Noth- durft selbst zurückhalten werde. Der gewöhnlichste Fall ist, daß man in einem Lande einen Ackerbauer gegen zehn andre, die sich auf andre Art ernähren, antreffe. Hier fragt man nun billig: soll der eine Ackerbauer die Macht haben, jenen neun Familien, die ihm bisher sein Korn abgekauft, die ihm neun Jahre mit ihrem Fleiße und mit ihrem Gelde gedient, ohne die er zur andern Zeit gar nicht fertig werden kann, soll er, sage ich, im zehnten Jahre (denn alle zehn Jahr kömmt doch wohl nur eine Theurung,) die Macht haben, diese nun auf einmal im Kornpreise zu übersetzen, und sie um deswillen wohl gar darben zu lassen, weil er außerhalb Landes eine» übermäßigen Preiß erhalten kann? Sollte nicht der zehnjährige Vortheil, den er von ihnen sonst gehabt, ihn wegen des einjährigen Verlustes entschädigen? Und kann es einer Landesherrschast verdacht werben, wenn- an den Deutschen. wenn sie in solchen Umständen der plötzlichen und augenblicklichen Würkung eines vorsepcnden Wuchers Ziel fez- zet, und dafür sorgt, daß der Goltz Zeit erhalte, in sich zu schlagen? Die Frage ist spitzig; Mein laßt uns nun auch erst einmal fragen: ob sich zur Zeit der Thenrnng der Korn- vorrath würklich in den Händen des Ackerbauers befinde ? oder ob vielmehr nntcr den nenn Familien, die nicht vom Ackerbau, sondern vom Handel und Gewerbe leben, sich nicht mehrentheils die geldreichen Leute finden, welche dem Ackerbauer sein Korn abnehmen, solches aufschütten, und damit ihre Spekulation treiben? Das letztere scheint mir das wahrscheinlichste zu scyn. Und so fragt sich endlich: Ist es besser, die Unterthancn alle zehn Jahr einmal eine Thenrnng ansdauren zn lassen, nnd ihnen dafür 9 Jahre hindurch gute nnd sichere Abnehmer zn Hause zn verschassen: oder aber einmal in zehn Iahren zn sperren, und dagegen den Ackerleuten ganzer 9 Jahr den Markt zu verderben? Und hierauf antworte ich: daß der Vorthcil, welchen die Unrerthanen in 9 Iahren dadurch genießen, daß geldrciche Leute ihnen sogleich für baares Geld ihr Korn abnehmen, solches aufschütten, und damit auf Spekulation handeln, den kleinen Vortheil der Sperrung überwiege ; nnd baß der Thaler, welchen er bei) einer etwa alle 10 Jahr eintreffenden Thenrnng mehr für den Hunten bezahlen muß, gegen die z bis 6 Mgr., welche er 9 Jahr hindurch dafür empfangen, und gegen die Bequemlichkeit sein Korn zu jederzeit versilbern zu können, nicht in Vergleichung kommen könne. Zugeben werden Sie mir hoffentlich, daß die Furcht vor der Sperrung, und vor willkührlich anzusetzenden Preisen, alle Spekulation, und folglich alle Aufschüttung hindere. Zugeben werden Sie mir auch, daß derAcker- D 4 bauer, ^6 Gedanken über die Gelrawesperre, baner, der Schätzung, Gntsherrliche Gefälle und alle seine verschobene Schulden, wo nicht auf Michael, doch wenigstens auf Martini oder auf Weyhnachten bezahlen muß, seinen Kornvorrath nicht bis Ostern und Pfingsten, wann eigentlich der rechte Preis ist, liegen lassen könnet und wenn Sie mir dieses zugeben: so erwarte ich von Ihnen, daß Sie mir nun den Markt anzeigen, worauf der Ackerbauer in einem Lande, welches unter der Furcht der Sperrung erhalten wird, um Martini losschlagen soll? Wagt der geldreiche Mann den Ankauf: so rechnet er schon auf die Möglichkeit der Sperrung, und zieht dem armen Ackerbauer dafür jährlich i o pr. C. Assekuranz ab. Kömmt die Sperre dann nicht: so ist es so viel schlimmer für den Ackerbauer, der die Gefahr davon gestanden; und kömmt sie dann: so macht sich der geldrei- chc Mann aus seinem 9jährigen Asseknranzkonto, das ist auf sichere Rechnung des Ackerbauers bezahlt. Verläßt aber der geldreiche Mann den Kornhandel ganz, und denkt bei) sich: warum soll ich so thvricht seyn, mehr Korn aufzuschütten, als ich selbst verzehre, da mich eine Sperrung sogleich nicht allein um allen Vortheil bringen, sondern auch in den größten Schaden stürzen kann? so wird der arme Ackerbauer mit seinem Korn immer über die Gränze fahren, und von der hämischen Handlungsart seiner Nachbarn abhangen, die wohl wissen, daß er mit seinem Korn, nachdem er viele Meilen damit gefahren, nicht sogleich zurückgehen werde, sondern Geld, es sey nun so viel wie es wolle, zu Hause bringen müsse. Viele Lander, worum sich in solchen Fällen Magazine öffnen, die den Unterthcmen ihren Vorrath um Martini zu einem gerechten Preise abnehmen, giebt es nicht; und wo es dergleichen giebt, ohne daß eine arme Wictwe etwa den Fond zur Erhaltung des Magazins vermacht hat; da an den Deutschen. .57 da kann es ohne Schaden für die Obrigkeit nicht abgehen , nnd dieser Schaden komme ans der Chacculle oder ans dem Armenblocke; am Ende muß ihn doch der Un- terrhan vergüten, weil alle Beutel der Obrigkeit, sie mögen numerirer seyn wie sie wollen, gemeines Gut enthalten, dessen Ausfälle früh oder spät wieder gedeckt werden müssen. Die Proben von jener Wahrheit haben wir im Stifte Osnabrück vielfältig empfnnde». Viele Kaufleute in den Gräuzkirchspielen meldeten sich bey der Regierung mit der Anzeige, wiesle bereit wären, Korn genug für ihre Gegend anzuschaffen, wenn ihnen die fr eye Ausfuhr dabe y sserstatter w ü r d e. Ohne daß ihn eu diese Bedingung eingcränmet würde, könnten sie nichts wagen, weil sie sonst auf ihrem kleinen zngefperreten Markte von der Willkühr eigensinniger Käufer abhangun würden. Die Bedingung wurde ihnen eingestanden, und die Folge zeigte, daß dort der wenigste Mangel war. Andre erboten sich unter gleicher Bedingung, und wenn ihnen dabey dasBrandteweinsbrennen frey gelassen würde, ihre Kirchspiele zu einem sichern Preise zu versorgen; aber ohne Frepheit war alles vergeblich. Jene Vorfrage, ob ein Ackerbauer die mit ihm in einem Lande wohnenden neun Familien darben lassen solle, bedarf also gar keiner Beantwortung, weil zur Zeit der Sperre das Korn nicht mehr in seinen Händen ist; und überhaupt kann man sagen, daß die von einer Erndte zur andern überschießende Vorräthe, welche den beträchtlichsten Einfluß ans die Kornpreise haben, in denjenigen Ländern fast gänzlich ermangeln, wo eine Sperrung zu besorgen ist. Diejenigen, so noch etwas aufschütten, halten ihre Magazine in kleineu Ländern über der Gränze, und dann kommen sie denen zu Starten, welche die Freyheit des Handels am wenigsten einschränken. Ich 58 Vorschlag Ich bleibe also bey der Meynung, daß die Eetraide- sperre eben so nützlich sei), wie die Confiskation der Bücher, woben Schelme oder Waghalse reich werden, ehrliche Leute aber verlieren; und würklich handelt der Mensch, wenigstens der Deutschs in kleinen Staaten lieber nach der Regel: Wer waget, gewinnet, als daß er einen reizenden Vortheil verschlafen sollte. Er gewöhnt sich, ein Landgesetz zu übertreten, und übertritt hernach auch die übrigen. Die Ursachen, warum man die Accise auf dem platten Lande in Kx-i verwandelt hat; eine Ursache, die mehr als eine fünfzigjährige Erfahrung für sich hat, sollte hier billig entscheiden, und nicht der Müller, der das Korn im gesperrten Lande wohlseil aufkauft, und den auswärtigen Mahlgenossen für ihr gutes Geld die Mahlmetzc zehnfach zurück giedt. VIII. Vorschlag zu einem beständigen Korn- Magazin. Äie Kornmagazine, wenn man eigne Gebäude dazu unterhalten, besondre Aufseher dazu bezahlen, und dasjenige, was dabei) auf allerhand Art verlohren geht, zum Schaden rechnen muß, können sich vielleicht in manchen Landern erhalten ; sie sind aber doch am Ende eine Beschwerde für diejenigen, welche zur Zeit der Roth diese falschen Unkosten übertragen müssen, so glücklich man sich auch alsdann schätzt, eine solche Nothhülfe zu haben. Es ist mir daher ein ander Mittel eingefallen, welches jene Unbequemlichkeit nicht hat, und doch eben so nützlich sei)!, könnte. Dieses besteht darum: Es zu einem beständigen Korumagazitt. 59 Es soll hinführe keiner die Frcpheit haben, Srandtewein zu brennen, er steile denn genügst,me Sicherheit, daß er beständig ; Lasten Roggen in Vorrath habe, und solche, sobald der Scheffel Roggen auf einen Thaler steigt, dein gemeinen Wesen zu diesem Preise überlassen wolle. Bisher sind vielleicht zweihundert Kessel im Lande gewesen, nnn nehme man an, daß deren nach obiger Einrichtung künftig noch hundert bleiben, und vielleicht wäre es so übel nicht, diese Zahl einzuschränken: so würde dieses ein beständiger Vorrath von 500 Lasten sepn; und dieser ist zur Nothhülse zulänglich. Den Brennern konnte man dagegen die Versicherung criheilen, daß ihnen das Brennen so lange frey stehen sollte, als der Roggen nicht über 1 Thaler stiege, und daß ihnen, wenn er darüber gienge, jedesmal eine Zeit von 4 Wochen verstattet seyn solle, ehe und bevor die Kessel geschlossen werben könnten. Ans diese Weise glaube ich, wäre ihnen nnd dem gemeinen Wesen zugleich gedienet; sie würden sich bemühen, den Preis unter 1 Thaler zu halten, und keinen Schaden an ihrem Vorrath leiden. Sie sind ohnehin die einzigen, welche leicht Korn aufschütten können, weil sie dasjenige, was ihnen liegen bleibt, mehrenthcils ohne Schaden verbrennen können. IX. Schrei- 6c> IX. Schreiben eines KornhandlcrS. ^)a sitze ick null mit meinem Kornvorrath, ohne von einem sterblichen Menschen beklagt oder geholfen zu werden. Jedermann frohlocket vielmehr über meinen Verlust und wünschet, daß der schwarze Wurm und alle Mause ans dem Felde nur dasjenige rauben mögen, was ich den Armen nicht zu einem ihrer Meynung nach billigen Preise verlaufen wollen. Auch der vernünftige Mann drückt in dem lelckaften Danke für die gesegnete Erndte, und in der süßen Empfindung wohlfeiler Zeiten einen bittern Gedanken gegen mich ans; »nd der Staat, der güld- ne Berge verspricht, wenn er einen ehrlichen Kerl gebraucht, sobald er ihn aber nicht mehr nöthig hat, ohne Warte> zum Henker schickt, der Staat, sage ich, läßt meine wazine nicht untersuchen; es kommt kein Com- missarins, der mich ftagt: wie viel Korn ich noch vor- räthig habe, und wie groß der Schade sei), den ich noch leide? es ist reine Zeitung, kein Journal, kein Jntelli- genzblatt, das sich mit Vorschlägen für uns arme.. . das Wort will nicht recht heraus, nun Kornjnden wollte ich sagen, weil es doch einmal in aller Welt Munde ist ... abgäbe, und eine Handlung zu nnsrer Rettung lieferte, oder einen Preis auf das beste Mittel setzte, einen redlichen Kornhändler gegen den gar zu großen Segen Gottes in Sicherheit zu setzen. Jeder schweigt, wie der Kar- sch i n ihre Lerche, nachdem sie satt Weißen gefressen hatte. Kein empfindsamer Reisender, deren es doch jetzt so viel giebt, daß sie auch in die Visitenzimmer kommen, besieht mein Kornmagazin; und selbst der redliche Buchhändler Hieronymus, dieser tapfre Freund des ehrlichen Sebal- dns Nothankers wegert sich jetzt, mir das oraculum juris für eine halbe Last Roggen zn überlassen. Gleich- Schreiben eines Kornhandlcrs. 61 Gleichwohl kann ich mit Wahrheit sagen, daß ich dem arbeitsamen fleißigen Ackersmanne >'-ir der vorigen Erndte einen reinen Vortheil von mehr als fünfzig tausend Thaler zugewandt habe. Der arme Mann war von Eelde entblößt; und er mußte aus Noch verkaufen. Der Preiß des Korns wäre gleich nach der Erndte zu 6 Nthlr. das Malter gefallen, wenn ich meinen Vorrath losgeschlagen und nicht vielmehr noch ein mehreres angekauft hätte. In was für eine Verlegenheit würden die Erringen, die zwischen Michael und Weihnachten losschlagen mußten, gefallen seyn, wenn ich damals gleich ihnen verkauft; wenn ich täglich nur ein Fuder zu Markte geschickt, und die hämischen Käufer dadurch stutzig gemacht hätte! Würde nicht der arme Manu, der ein paar Scheffel sauer zu Markte getragen, solche entweder mühsam haben zurück nehmen, oder zu jedem Preise verkaufen müssen? Allein ich that es nicht; ich zahlte vielmehr selbst diesen armen Leuten einen billigen Preiß für ihr Korn, um allen plötzlichen Fall zu verhüten und meinen eignen Vorrath damit im Preise zu erhalten. Und solchergestalt kann ich mit vollkommenster Wahrheit behaupten, daß ich allen und jeden, die zwischen Michael und Weihnachten verkaust, Zwey Thaler mehr für das Malter geschaht habe, als sie erhalten haben würden, wenn ich nach der unbesonnenen Forderung des gemeinen Geschreyes mir meinem Korn den Markt beschickt, und den Fleiß des Ackerbaues zum Raube der Städter gemacht hätte. Bon Weihnachten bis Ostern verkaufte schon der vermögende Landmann; der Preiß steng an zu sinken, und es fehlte nur noch an Einem Lothe, um den Ausschlag ans der Waage zum Nachtheil der Kornhandlnng hervor z» bringen; meine Freunde riechen mir, ich sollte jetzt auch verkaufen; ich sollte zeigen, daß ich ein Patriot und kein Kornjnde wäre; ich sollte mir diesen verhaßten Namen nicht zuziehen. Nein, sagte ich, dies soll nicht ge- schee 62 Schreiben cincö Kornhändlcrö. schehen; ich kann nicht verkaufen, ohne daß der Preist nicht in kurzer Zeit nin 2 Thaler auf das Malter falle; der Markt wird überladen werden; und der Landmann, der jetzt verkaufen muß, erhalt nicht was er verdient, wenn ich nur ein hundert Last losschlage. Er hat voriges Jahr das Malter für 20 bis 24 Thaler einkaufen müssen, es ist alfo billig und zn feiner Rettung nothweu- dig, daß er dasselbe nicht brauche für 6 Thaler zu verkaufen. Eine solche Strafe des Himmels will ich ihm nicht zuziehen; mein Vorrath soll liegen, und ich will sehen, was das nächste Quartal bringt. Allein in diesem war keine Frage nach Korn; seder hatte sich nun versorgt, und so oft auch eine üble Witterung meine Hoffnung von neuem belebte; so oft ein Hagel in der Luft, ein Honigthau oder ein Heer von Mausen bessere Zeiten verkündigte: so war es doch, als wenn die Menschen Siegel und Briefe von Gott hatten, daß die Erudte so gut wie geschehen ausfallen würde; keiner meldete sich um einen Scheffel, und so sitze ich nun mit einem Capital von vierzig taufend Thaler unter der offenbarsten Gefahr, wenigstens fünfzig Proecnt darauf zu verlieren. Ware die Erudte nicht so gut: so würde ich Geld borgen, um den Preist noch ein Jahr in der Höhe zu erhalten. Allein diese Unternehmung ist zu groß für mich, und wir haben so tauge thenre Zeiten gehabt, daß ich besorge, wir werden nun zwanzig reiche Erndten nach einander haben. Zwar fehlt es nicht an Tröstern, die mir sagen, es würde bereits stark nach Frankreich aufgekauft, der Reggen streue nicht gut, und habe entweder vom Frost oder vom Mehlthau gelitten; die Mause hatten in verschiedenen Gegenden eine ganze Verheerung angerichtet; der Weitzen werde sehr abfallen, der Bnchweißen habe sich nur dem Scheine nach erholet; und die Eichelmast sei) ganz verschwunden. Meine eigne Erfahrung sagt mir aber Schreiben eines Kornhändlers. 6z aber das Gegentheil, und das Korn ist so reichlich gewachsen; die Svmmerfl'ucht ist so vortreflich ausgefallen; die Buchmast ist dermaßen stark; das Heu ist so gut ein- gekommen; die Bohnen, Kartoffeln und Erbsen haben so wie das Obst so reichlich gesetzt, daß jene kleinen Ausfalle gar nicht in Betrachtung kommen können. Hatte es indessen das Gluck oder Unglück gewollt, daß wir eine schlechte Erndte und einen abermaligen Mangel erlebt hätten: wie groß würde nicht wiederum mein Verdienst um das Vaterland geworden sepn l Sechs tausend Malter, die ohne mein Aufschütten vielleicht zn schlechtem Weine verbrannt, oder zum geringsten Preiste außerhalb Landes gegangen seyn würden, hätte ich dann Zur Erhaltung der Armuth vorräthig gehabt; hätte ich auch vierzig tausend Thaler darauf gewonnen, so wäre dieses Geld doch im Staate geblieben: Ich hätte den ganzen Kornhandel mit meinem Vorrathe in den Schranken der Billigkeit halten, und alle übrige zwingen können, in ihren Preisten sich nach den meinigen zu richten. Wir wären den Seestädten nicht zinsbar geworden, und mancher hätte bep mir auf einheimische Sicherheit Credit haben können, der das seinige sonst in der Noch für ein halbes Geld hätte losschlagen müssen, um in der Fremde ibaar zu bezahlen. Wie viele falsche Unkosten, wie viele Fuhren, wie viele Aufseher und Ansmesser hätte der Staat nicht ersparet; und wie ruhig hätte nicht jedermann sein Haupt niederlegen oder seiner Arbeit warten können, der sonst unter nächtlichen Sorgen seine Gesundheit geschwächt, und seine Handthierung mit Mnthlostg- keit getrieben haben würde? So viele, so große, so wesentliche Verdienste sollten mir in der That jetzt eine allgemeine Dankbarkeit, «nd eine hinlängliche Schadloshaltung zuwege bringen. Aber nein, nichts als Spott und Undank ist mein Lohn; und warum? weil die Triebfeder meiner Handlungen, wie die 64 Eil! gutherziger Narr bessert sich me. die Welt spricht, eine schnöde Gewinnsucht gewesen. Aber wer lebt, wer denkt, wer handelt und wer schreibt ohne Gewinnst? Sind nicht die Leidenschaften der Menschen der kaltsinnigen Ueberlcgung zn Hülfe gegeben, und sind unsre Affekten nicht zehnmal beherzter, würksainer und eifriger als alle Vernunftschlüsse? oder ist die Pri- vatgewinnsucht schädlicher und gefährlicher als die Gewinnsucht der Helden, welche Lander erobert ober verwüstet, und die Unschuld an ihren Triumphwagen fesselt? Doch ich mache keinen Anspruch aufPhilosophie, wenn ich nur mein Korn verkaufen, oder den Staat bewegen könnte, meine Verdienste in der That zn erkennen. In dieser Absicht wende ich mich jetzt an das Hochzuehrende Publikum, alseinen Körper, der allezeit noch Empfindung hat, wenn gleich alle dessen Theile ans lauter dickhäutigen Spöttern bestehen, mir welchen ich es nicht gern aufnehmen möchte; und ich hoffe, dasselbe wird mir nebst einer billiget« Schadloshaltnng die Gerecbngkeit wiederfahren lassen, daß ich sey, dem Namen nach zwar ein Kornjude, in der That aber ein Patriot wie andre- X. Eli! gutherziger Narr bessert sich nie. Aas ist das letztemal, sagte Arist, und schwur dazu, daß ich jemanden meinen Beutel öffnen will. Verwünscht sei) die Gutherzigkeit, «venu man ihr ewiger Märtyrer seyn muß! ich habe Frau und Kinder, und leihe Geld, um andern zu helfen, die es vielleicht nicht wenh sind. In dem Augenblick, da er sich allen Entzückungen dieses großen Vorsatzes überlies, schrieb ihm ein Fremder, Ein gutherziger Narr bessert sich nie. 65 der, der sich auf seiner Durchreise in der äußersten Verlegenheit befand — Er hätte das Unglück gehabt, auf der Reise eine ansehnliche Summe Geldes zu verspielen; hier wäre er völlig unbekannt, voll Verzweiflung über seinen Verlust und über die Nothwendigkeit ihn um ein geringes Anlehu von zehn Pistolen anzusprechen ; er wüßte sich an niemanden zu wenden, als an den Mann, von dem er schon in der Ferne viel Gutes gehört hätte, und dessen menschenfreundlicher Charakter ihn in diesen traurigen Umständen nicht verlassen würde. — Arist fieng au zu zweifeln, ob er sein Gelübde von dem heutigen Tage scholl anrechnen sollte. Er hatte die zehn Pistolen noch; das Unglück eines Mannes vom Stande gieng ihm nahe. Kurz, er gab sie hin, schwur aber noch einmal, daß dieses das letztemal sepn sollte. Der Tag gieng glücklich vorüber, ohne daß er in die Versuchung gesetzt wurde, sein Gelübde noch einmal zu brechen. Er war aber des andern Morgens noch im Bette, als ein Freund in der größten Angst und außer Athem zu ihm kam — : O mein Theurester, was fang ich an? Meine Haushälterin ist schwanger; ihre Niederkunft ist nahe, ich muß sie fortschicken, oder ich werde ans das empfindlichste beschimpft; Sie wissen meine vorhabende Heprath, meine Hoffnung zur nächsten Beförderung, alles ist ver- lohren, und ich bin der unglücklichste Mensch ; mit fünfzig Pistolen können sie mich retten, diese verlangt das Mensch zur Reise und zum Wochenbette. — Die Gefahr des Freundes war zu dringend. Arist stand auf, kleidete sich in der Eile au, liehe die fünfzig Pistolen, gab sie hin, und dachte nicht an sein Gelübde. Gutes Herz! schreckliches Geschenk der Gottheit! was kostest du mir? Du begnügest dich nicht allein, mich unglücklich zu machen, du machst mich auch meineidig!- So philosophiere Arist eben mit sich selbst, als ihm die Wittwe eines angesehenen Mannes in seiner Einsamkeit Mosers Pham-lt. Thxil. E mit 66 Ein gutherziger Narr bessert sich nie. mit der Anrede überraschte! — Meine Thränen sagen Ihnen schon meine ganze Noch. Schwerlich kann ein Zustand grausamer sepn, als der meinige. Gott du weißt, wie vieles mir dieser Schritt kostet! Allein liebster, bester Arist, Sie sind allezeit meine einzige Zuflucht gewesen; Sie haben mir schon oft geholfen; konnte ich Ihnen nur einmal meine ganze Erkenntlichkeit ausdrük- ken! Sehen Sie hier, diesen Brief erhalte ich so eben. Mein Sohn, mein einziger Sohn, soll seine Compagnie verlieren, oder er muß ,500 Thaler bezahlen, die er derselben schuldig ist. Ach! einen Theil habe ich selbst von ihm geliehen. Wie mein seliger Mann starb, hatte ich nicht so viel, daß ich ihn Standesmäßig begraben lassen konnte; und daS übrige Für dasmal dünkte sich Arist sicher. Fünfzehnhundert Thaler hatte er nicht baar, und konnte sie auch sobald nicht anschaffen. Die Thränen der Wittwe flössen also umsonst. Jedoch zu seinem Unglück forderte die Compagnie nur erst einen Bürgen auf sechs Monate; und wie konnte er der dankbaren und unglücklichen Emilie diese Hülfe versagen? Verlohr ihr Sohn die Compagnie: so wären Mutler und Sohn in die schrecklichste Armnth gerathen, und sollte er sich diese einst vorzuwerfen haben? das wollte der Himmel nicht. Arist dachte jetzt an kein Gelübde mehr. Er sah eS ein, daß es vergeblich sey, sich selbst Gesetze zu geben, und seinem Herzen das DispensationSrecht zu lassen. Indessen klagte er seine Roth einem würdigen Freunde, einem Manne, den er unter allen am höchsten schätzte, um sich seinen Rath zu erbitten. Himmel, antwortete ihm dieser, was bin ich unglücklich! In dem Augenblick, da mich dev schrecklichste unter allen Zufällen nölhigte, Sie mein edelster, mein werthester Arist, um einen Vorschuß von tausend Thalern zu bitten: so erfahre ich mitSchrek- ken, wie sehr ich Ihre Freundschaft auf die Probe gestellet Ein gutherziger Narr bessert sich nie. 67 let haben würde. Aber der Himmel soll mich bewahren, daß ich Sie nicht zu neuen Schwachheiten verleite. Es ist genug, daß ich allein unglücklich bin; ich werde Much haben, mein Schicksal zu ertragen, so hart es auch immer seyn mag. Ich will mich entfernen und vor den Augen der grausamen Menschen verbergen. — Arist fühlte alles, was ein Freund fühlen kann, und halb zweifelhaft, ob sein Freund jene Klage nicht für einen Kunstgriff halten würde, lieh er noch tausend Thaler und lies nicht ehender nach, als bis sein Freund solche vcn ihm annahm. Und so verlohr er immer mehr und mehr von seinem Vermögen, ohne den Ruf eines reichen und gureuManncs zu verlieren — Er hies immer Menschenfreund, wenn er gleich diesen Tittel, der ihm schon viele taufende kostete, für den Zunamen eines Narren hielt. Wie war aber Aristen zu helfen? Den Kopf auf seinen eignen Tisch gestützt, schrieb er lange Zeit Satyren, und begieng immer neue Thorheiten. Endlich aber entschloß er sich, diese Erzählung abdrucken zu lassen, und so oft jemand Geld von ihm begehren würde, solches darein zn wickeln, und es mit diesem Blatte hinzuschicken. XI. Die Vortheile einer allgemeinen Landesuniforme, deklamirt von einem Bürger. dieser schrecklichen Vermischung, meine Freunde, wor- inn das Kleid überall den Mann macht, und das Geld mehr gilt, als eignerHeerd; wo die Ehre seineObrigkeit zn wählen, und zu Gesetzen und Steuren seine Bewilligung zu ertheilen, kaum noch erkannt wird; wo keine Ehreustellen in der Kirche, keine Ehrentänze aufHochzei- E 2 teu, 68 Die Vortheile einer Landesuniforme, ten, keine Kronen freygebohrner Bräute, keine schwarze Kleider an Feyertagen, und überall keine bür-etliche Würden, dem Staate wie ehedem zn statten kommen; wo der geldreiche Mann sich Ade! und Tittel kauft; wo der Henermann, der dem Staate so wenig mit seinem Blute, als mit seinem Gelde in einem gerechten Verhältnisse dient, aller Vortheile genießt, und den angesessenen Mann unter der Bürde der öffentlichen Lasten seufzen laßt; und wo endlich ein Eaffarelli sich zum Herzoge singt: in dieser schrecklichen Vermischung, sage ich, ist uns eine schleunige Hülfe nöthig, öderes ist alles ver- lohren; die Ehre, diese mächtige Triebfeder der menschlichen Handlungen, wird uns zn nichts mehr dienen; die edle Liebe zum Eigenthum wird verschwinden; die Belohnungen aller Verdienste werden zum Nachtheil des Staats beständig mit Eelde geschehen müssen; dieStraf- gesetze werden, da Flüchtlinge mit Eingesessenen in einerlei) Stand treten, grausam werden, und die allgemeinen Lasten, welche jederzeit mit der Ehre und der Liebe zum Elgenthum in unzertrennlicher Verknüpfung gestanden, und eine rühmliche Bürde gewesen^ werden den steuerbaren Man» erst in Armuth und dann noch dazu in Verachtung senken. So groß, so gewiß ist die Vermischung, und so schrecklich sind die Folgen. Mit einer Krone von Eichenlaube, welche ehedem ein römischer Bürger für seine größte Belohnung schätzte, läßt sich niemand mehr bezahlen; die ritterliche Würde führet keinen mehr zn ritterlichen Thaten; der Adel selbst ist feil geworden; Geld und Dienst entscheiden alles, und beyde haben die Oeko- nomie der gemeinen Ehre, oder die Mittel, einen zur gemeinen Wohlfahrt ordentlich und gewissenhaft steurcn- den; einen sich in feinen Pflichten unsträflich beweisenden ; einen sich für feinen Mitbürger aufopfernden, oder in glücklichen Unternehmungen für den Staar rühmlich beschaff deklamirt von einem Bürger. 69 beschäftigten Patrioten, ohne Geld zu belohnen, ans eine schändliche Art vernichtet. Der Geldreiche fähret in vergoldeten Earossen den nur gemein angesehenen Mitbürger zu Boden; und der stolze Diener im unrühmlichen Solde lacht über den Mann, der zurBelohnung für freywillige und grössere Dienste, nichts als die Ehre, einen schwarzen Mantel tragen zu dürfen, sich ehedem erworben hat. Die Zeitumstande sind nicht so beschaffen, um nach dem Beyspiele eines Lykurgs alles Geld zu verbannen, oder alle Bedienungen in rühmliche Reihelasten zu verwandeln, und den Staat von der drückenden Last taglich anwachsender Besoldungen zu befrepen. Es giebt keine unbcfuchte Wildnisse mehr, wo man sich auf einen neuen Contrakt anbauen könnte; und die Sitten der Menschen in einem kleinen europäischen Ländchen, das mit schadenfrohen Nachbarn umgeben ist, lassen sich nicht nach den strengen Vorschriften William Penns bilden. Uns bleibt nichts übrig, als mit dem Strome über Weg zu gehen, und uns zu bemühen, demselben nur seine fernere Ausdehnung zu verhindern. Nichts scheint mir biezn bequemer, als daß wir uns von unferm Landesherrn eine Uniform erbitten, und dieselbe zur Ehrentracht für alle diejenigen machen, welche in gleich rühmlichem Verhaltnisse zum gemeinen Besten steuern, und sich als ehrenhaste Manner betragen. Anfanglich wird es euch zwar als eine neue Art von Sklaverei) vorkommen, die vorgeschriebene Farbe eines Herrn zu tragen, oder der edlen Freyheit zu entsagen,^cineKleidung nicht mehr nach eignen Gefallen wählen ju können. Vielleicht denkt ihr auch wohl gar zu eurer eignen Beschimpfung, daß ihr dieser Uniform nicht das Ansehn erwerben würdet, ohne welches dieselbe eher für eine Erniedrigung als Erhebung gelten dürste. Allein da ein Fürst jetzt feines Mitsürften Farbe tragen kann, ohne sei- E z nen 7O Die Vortheile einer Landcsumforme, nm Hserschild zu erniedrigen; und derjenige, der den ganzen Staat unterhält, den Fürsten und seine Minister bezahlt, und wenn es erfordert wird, sein Leben für das Vaterland ohne Sold wagt, gewiß melw als Ein Recht zur Achtung und Ehre hat; so wird weiter nichts, als ein kühner Entschluß nöthig seyn, um euch über jene schwache Vorurcheile hinweg zu setzen. Freylich wird es nicht geschehen können, ohne daß der Fürst selbst zuzeiten diese Uniforme anlegt, solche alle seine hohen und niedrigenEivilbedienten tragen läßt, und den obersten Mann von euch bcy Gelegenheit seiner Tafel wür diget. Es wird nicht geschehen können, ohne daß er alle diejenigen, welche Banqnerott machen, oder sich sonst eine unredliche Handlung zu schulden kommen lassen, wie auch alle diejenigen, so dem Staate blos mit der Hand dienen, und in der gemeinen Reihe kein Pferd anspannen, davon ausschließt; es wird nicht geschehen können, ohne den Mann oder den Gemeinen, oee Recht zu dieser Uniform haben soll, nach einem sichern Maaßstabe, also: Daß er entweder die erforderliche Aktie an liegenden Gütern oder sichern dem Staate anzuzeige». den Capitalicn besitze, und davon monatlich so viel beysteure, zu bestimmen, und damit alle schlechtere Leute durchaus davon auszuschließen. Dabey versteht sich auch von selbst, daß es in dieser Einrichtung eine vernünftigeMen- ge von Stufen geben, und der Vornehmere eine anders verbrämte Uniform, wie der Gemeine, tragen müsse. Allein angenommen, daß dieses alles so eingerichtet würde, wie wir es als möglich ansehen und wünschen können, und wie es vordem nach den Kleidertrachten und Ordnungen vieler Reichsstädte zu urtheilen, würklich eingeführt gewesen, wie groß würde dann nicht der Vortheil seyn, den wir uns davon versprechen könnten? Nicht allein alle Moden, diese großen Plünderinnen der Landstädte, dcklamirt von cincm Bürger. 7i städte, würden auf einmal verschwinden; nicht allein alle Laudfabriken, die sich gegen die Veränderungen der Moden und des Geschmacks gar nicht wehren und erhalten können, wurden sich durch die Einförmigkeit ihrerManu- fakruren erhalten; sondern der ganze Staat einen neuen Geist bekommen. Jeder würde sich bemühen, ein Laud- eigeuthum und mit demselben eine neue Ehre zu bekommen. Jeder würde darauf bedacht seyn, sich die Geldaktie, welche zur gemeinen Ehre führet, zu erwerben. Derjenige, der sich jetzt den Steuern zu entziehen sucht, würde sich dazu drangen, um so hoch angesetzt zu werden, als es die gemeine Ehre erfordert. Alle Belohnungen im Staate würden durch dieErlanbniß einer hohem Uniform, bestritten werden können. Die Obrigkeiten würden ohne alle Besoldung blos für die Ehre der höchsten Uniform dienen, und dadurch dem Staate die schwere Last der Besoldungen vermindern. Der Mann von hundert tausend Thalern würde sein Geld an nützliche Unternehmungen wenden, wenn dieses die Bedingung wäre, worunter er zu einer höhern Uniform gelangen könnte ; zu einer reichen Heprath würde weder Tittel noch Adel, sondern blos der bürgerliche Rang hinlänglich seyn; die Söhne und Töchter reicher Kauflente würden ihr Geld nicht aus dem Handel ziehen, sondern ihren Ehrgeiz in dem Stande ihrer Vorfahren befriedigen können ; das Recht, Kutschen und Pferde und Livreebediente zu halten, würde sich nach dem Range dieser Uniform bestimmen lassen, und dadurch derselben einen neuen Werth geben. Der betrügliche Maaßstab innerlicher Verdienste, wodurch sich mancher gelehrter oder moralischer Avantu- rier jetzt in die Höhe schwingt, würde minder gebraucht werden; und überhaupt das Landeigenthum, diese wahre Quelle der gemeinen Glückseligkeit, um hundert Procent steigen, und die also ausgemessenc Ehre, ein Produkt E 4 werden, 72 Die Vortheile einer Landesumforme, werden, welches man mit Recht ein Plns von Millionen nennen könnte. Gienge man hierinn noch weiter, und ließe, nachdem man dieLandesuniformen in Eompagnien abgetheilet, sich solche in ihren Aemtern bey einem Vogelschießen oder an.- dern öffentlichen Lustbarkeiten versammle»: so würde derjenigen Compagnie, die das Jahr keinen Restanten gehabt, der erste Rang angewiesen werden können: diejenige, so alle Prozesse vermieden, würde das Recht haben können, ihren besten Man» an des Oberhanptmanns Tafel zu sehen; der Landesherr, der bey einer solchen öffentlichen Lustbarkeit sich persönlich zeigte, und was könnte er besser thnn? würde Gelegenheit haben, durch ein einziges Wort den größten Enthusiasmus zur Recht- schaffenheit zu verbreiten. Er würde dem Pastsr sagen können, daß er seine Gemeine wohl geführt, und dem Vogte, daß er seine Dienste als ein Mann von Ehre gethan. Das Auge des Herrn würde hier wie an der Spitze einer Armee würben; und die Liebe zum Herrn wie zum Vaterlande, alle erschlafften Adern mit neuen Trieben schwellen. Jetzt kennt der schatzbare Unterthan seinen Landesherrn nur dem Namen nach — aus Steuerpatenten oder Strafbefehlen. Diefer kommt nie zur Revüe vor ihn; er stinkt wohl gar schon seinen Beamten an; und einer mag sich vom Meyer zum Heuermaun Prozessen, seinHof- gewehr vertrinken oder verspielen; und noch so sehr gedrückt, geschoren, geplagt und gejagt werden; ihm > kommt kein persönlicher Blick, keine ernstliche Miene, kein gutes oder böses Wort, keine Ehre, keine Belohnung, keine Bestrafung und überhaupt von der gan.en Maschine, welche den Soldaten auf dieBatterie oder auf die Mine» führt, und womit der große Herr eine halbe Welt im freudigen Dienste aufopfern kann, nichts zu Hülfe; und dennoch soll der arme redliche Hund Liebe fürs deklamirt von einem Bürger, 7z furo Vaterland, Eyfer zum Steuren, Fleiß zum Ackerbmi, olPrit lls ccirgs und unzählige Tugenden besitzen; er soll blos aus Geitz ein Wirth, und für eins kalte Predigt, fromm sey»; oder Gut und Blut aus Furcht vor willkührlicher Strafe aufopker». Eine solche elende Politik, welche die Griechen und Römer, die den Menschen besser kannten und nützten, als den höchsten Grad der Unmenschlichkeit und des Unverstandes angesehen haben würden, könnte aber auf einmal in eine bessere verwandelt werden : wenn man alle vorhin gedachte ehrbare Manner in eine Uniforme kleidete, diese zur wahren Ehrentracht machte, und die Geschichte der Kunst, den Menschen zu führen, besser benützte. Der König von Frankreich brauchte sodann nicht alle Jahr zwey Kanfleute zu adeln und die übrigen damit zu beschimpfen : und nicht jeder, der einen galonirteu Rock bezahlen könnte, würde die ganze Oekonvmie der gemeinen Ehre freventlich zerstören können. Und wie sehr würden nicht dadurch die Strafgesetze gemildert und doch kräftiger gemacht werden können? der Verlust oder das öffentliche Ausziehen der Uniforme, würde nach einmal festgesetztem Ehrenstaude eine schwere und doch billigere Strafe seyu, als Landesverweisung oder ein Staubbesen mit und ohne Brandmark. Man würde den ehrenhaften Mann nicht mit dem landstüchtigen un- geehrteu vermischen, und beyde wegen eincrley Verbrechen mit gleicher Strafe belegen können. Man würde eine Art von Degradation in der Uniforme für Obrigkeiten und öffentliche Diener haben, w elche'entweder nachlaßig oder bctrüglich befunden würden. Der Landmann, der sein Hofgewehr nicht im Stande hatte, oder einen Stillcstand suchte, würde, wie die Juden in Rom, durch eine gelbe Cokarde am Hute nothdürftig gczüchtiget werden können: und die alten Urtheilsformelu, worum es noch oft hieß: vorbehaltlich seiner Ehren, E 5 würden 74 Die Vortheile einer Landesuniforme, würden bessere Würkung thun, als jetzt, >vo ein öffentlicher Betrüger sich besser kleiden darf, als der ehrlichste Mann, besonders seitdem die christliche Liebe die Stirn des Betrügers vom Brandmarke gerettet hat. Dez' Verstand der Reichsgefetzc, in Absicht auf Ehre und Unehre, ans ehrliche und unehrliche Leute, würde sich in seinem vollen brauchbaren Lichte zeigen; und wenn die Hnrkin- der nie ohne eine große That fürs Vaterland, zur Ehre oder zur Uniforme gelangen konnten, viele wilde Ehen in bürgerliche und christliche verwandelt werden. Aber ohne Einführung einer Uniform sind alle die großen Folgen für den Gesetzgeber verlohren. Unser Jahrhundert, das fruchtbarer in Ordensbandern gewesen, als alle vorigen, so feit der Schöpfung verflossen sind; und nun in Frankreich auch ein Ordens- zcichen für den gemeinen wohlverdienten Soldaten ausgefunden hat, sollte billig hierinn auch für gemeine Verdienste sorgen. Aber vor der Menge gelehrter Verdienste, kann man den verdienstvollen Landmann und Bürger gar nicht mehr erkennen. Vordem hatte der Fürst nur einen gelehrten Canzler; die Näthe bestunden aus Männern, welche Vernunft, Erfahrung, Redlichkeit und Besitzungen dargestellet und gebildet hatten. Diese gaben den Stoff, und jener den Schnitt. Jetzt muß alles mit lateinischen Männern befetzt seyn, und das hierauf gelegte Gewicht verdunkelt alles, was eine geläuterte gesunde Vernunft und eine langjährige Erfahrung hervorbringt; und die Behandlung der Sachen besteht in der Kunst — zu schreiben. Dies macht die Austheilung der Ehrenzeichen schwer. Diese sollten nicht für gelehrte Schreiber, fondern für Männer von wahren und nützlichen Verdiensten seyn, deren Namen in den Tagebüchern für das Pnvatverdienst (eplwinericlos clu aufbewahrt zu werden verdienten. Ich deklamirt von cinem Bürger. 73 Fcb will des mächtigen Einflusses, welchen das sol- chereesialt ausgebreitete und verstärkte allgemeine Gefühl der Ehre auf öffentliche Freuden haben könnte, nicht einmal gedenken. Aber sehen wir die Gründe an, ans welchen die Fcyertage vermindert, und alle sogenannte Schmausereyen abgeschasset werden mußten; eine Folge, die man ledig jener unglücklichen Vermischung und der dadurch aufNothbehclfe geleiteten Polizep zu danken hat; so muß es einem jeden in die Augen fallen, daß der Mangel der gemeinen Ehre, den Menschen in seinen Freuden liederlich, niederträchtig und ausschweifend gemacht; und den Gesetzgeber, der es nicht wagen wellte, die Uniforme und mit dieser einen bessern Ton einzufüh ren, genöthiget habe, die für die gemeine Bedürfnisse, für die Erhaltung eines Nationalcharakters , und für die hohe Begeisterung zu edlen Pflichten, so nöthige Freudeil abzustellen. Wie vieles würde aber hier nicht ausgerichtet werden können, wenn vor dem niedrigen Zuschauer aus der ungeehrten Classe, der dem Staat nur mit der Hand dienet, oder des allgemeinen Schutzes für ein geringes Kopfgeld genießt, die durch eine Uniform geehrten Männer, ihre Ehrentanzc hielten, ihre Töchter mitKrän- zen oder in fliegenden Haaren an den Reihen brächten, und ihre Hochzeiten ans eine unterscheidende Art halten dürsten? Wenn die Schenke nur der Versammlungsort für rechtlich stenrende Hüfencr wäre, und der Heuermann sich in der Ferne halten, und der im Snllcstand stehende Schuldner, so lange er solchen hätte, und ein Jahr nachher, mit Weib und Kind davon ausgeschlossen würde? Wie manche Frau würde ihren Mann zur Ordnung und ihre Kinder zur Arbeit halten, um diese so schreckliche Verbannung von allen öffentlichen bnstbarkeiten in Zeiten Zu verhindern? Unsre Weiber würden sodann ihre Tracht »ach einem gewissen feststehenden Stande gern behalten, sobald 76 Die Vorthcilc cmcr Landesuniforme, :c. sobald sie nicht mehr besorgen dürsten, von einer Heuer- mannsfrau übertreffen zu werden. Man würde das Recht, Gold und Silber zutragen, eben dadurch, daß alle Schnallen, Knöpfe und andre Zierrachen, ihr uniformes Maaß erhielten, das von dem Besten nicht überschritten, und von dem Geringem nicht nachgeahmt werden dürfte, zur Nahrung eines löblichen Ehrgeizes frei) erlauben; und nach einem gleichen Grundsätze alle Verschwendung verhindern können. Die öffentlichen Lustbarkeiten würden wie die Tänze nach den Turnieren, Schauspiele der Ehre und des Vergnügens und Belohnungen der Helden, die sich das ganze Jahr hindurch rechtlich gehalten, werden können. Dies war der Geist aller Vogelschießen, aller deutschen Zusammenkünfte der vorigen Zeiten; jetzt ist er Unordnung und Schwelgerey; und die dadurch veranlassete Abstellung ein trauriges Denkmahl verworrener Zeiten, die den mächtigen Leitfaden der Menschen so wenig zu ergreifen als zu halten wisse». Der Mensch fängt ordentlich an schlecht zu werden, nachdem man alle Triebe der Ehre erstickt, alle Freuden um ihren Ton gebracht, und sich aus den Plan gestützt hat, alles mit Befehlen und Strafen, Lehren und Predigen von ihm zu erzwingen Er wollte noch weiter reden ; aber weil seine Frau besorgte, er möchte würklich auch auf eine Uniforme für das weibliche Geschlecht fallen: so befahl sie ihm zu schweigen. XII. 77 Xll. Nachschrift. Ä?ie ich vor drey Jahren die vorhergehende Deklamation entwarf, dachte ich noch nicht daran, daß man inSchwe? den auf gleiche Gedanken fallen würde. Man scheint aber doch noch weit von dem rechten Punkte entfernt zu feyn, da man die Möglichkeit der Sache aus den Gründen bezweifelt, welche ehedem von uns in dem 24. Stück des ersten Tbeils gegen eine Kleiderordnung angeführet worden. Diese Gründe behalten allemal ihr Gewicht, erheben aber gegen eine Natioualuniforme nichts, wenn überall dem ersten Manne von jeder Uniforme, so wie hier vorgeschlagen, die gebührende Ehre wiederfahrt; wenn ein Landesherr das erste Stück von dem Ochsen auf seine Tafel bringen laßt, der für das Volk gebraten wird; wenn er sich bisweilen ein Com- mißbrod oder eine Hospitalsuppe vorsetzen laßt, um die Kost seiner Söldner zu ehren; oder ein türkischer Bassa sich täglich die Löhnung eines Janitscharen auszahlen läßt, um zu zeigen, daß er an der Ehre der Gemeinen Theil nehme. Der ganze geistliche Stand, welcher eine schwarze Uniform trägt, bleibt allemal sattsam gehoben, wenn der Gene- ralsuperintendem bey Hofe zugelassen wird, und eine seinem Range gemäße Ehre und Achtung genießet. Der Bürgerstand ist allemal geehrt, wenn ihr erster Mann, als der Bürgermeister, einen gleichen Vorzug erhält; und eben ss könnte die Kaufmannschaft ans ihrem Mittel einen Repräsentanten haben, den der König vorzüglich ehrte. Oh->e diese Voranstalt wird eine Natioualuniforme nie dasjenige würben, was sie würben soll. Durch dieselbe aber ist von jeder Uniforme der erste Mann beyHofe, und jeder, der in der Uniforme steht, kann znm ersten Mann erwählet werden, mithin ist der ganze Stand geehrt. Xll! 7L XIV. Schreiben eines Frauenzimmers über die Natioualkleiduug. ^8iel Gluck zum neuen Jahre, mein lieber Hr. Proiek- teumacher ^). Sie nehmen mir es doch nicht übel ^), wenn ich mein erstes Compliment so fort nur dem mi- maßgeblichen Wunsche begleite, daß Sie sich in diesem nagelneuen Jahre gegen das weibliche Publikum ein bischen vernünftiger, wie im vorigen, betragen mögen. Sie können leicht denken was ich sagen will ; denn daß Ihr einfältiger Vorschlag, eine Nationalkleidung einzuführen, um uns armen geplagten Weibern das letzte Vergnügen, die reihenden Veränderungen der Mode zu benehmen, hochstunvernünstig ') sep, werden Sie selbst einsehen, und wenn Sie dieses thun, auch unschwer er- rathen was ich sagen will. Ueberhaupt hasse ich die Projektenmacher 7); es sind nur Leute, die andern etwas auf die Hörner geben ^), und selbst nichts tragen wollen. 1) Gehorsamer Diener. 2) Ganz und gar nicht. z) Dce Bank, wo man die Wunsche diskontircn kann, ist mir unbekannt, ich bitte deshalb um eine gefallige Anzeige. 4) Noch in der That nicht. 5) Was einfältig ist, muß wohl auch unvernünftig seyn. 6) Jetzt weiß ich es, nnd brauche es nicht mehr zu cr- ratheu. 7) Warum? Die Moden erfordern die größten Projek- teumachcr. 8) Sie find doch verhcvrathet? Schreiben eines Frauenzimmers:c. 79 wollen. In Schweden mag der König immerhin eine Nationalkleidnng einführen; denn ich gedenke, in meinem Leben nicht dabin zn reisen. Aber hier im Lande, wo man seit der Zerstörung Jerusalems die völlige Frepheit gehabt hat, zu tragen was man will, ist es ein aberwiz- ziger Einfall; verstehen Sie mich ^)? Das beste ist, daß Ihre Projekte gelesen und vergessen werden; wäre dieses nicht: so würde ich keine Nacht schlafen können ^). In der Thar, wenn Sie auch nur ein bischen Nachdenken hatten: so würden Sie nicht so in den Tag hinein projekriren. Ich und Ihre Mademoiselle Tochter ^ haben uns eben in die Unkosten eines Demigalopius und eines Chapeau a la Canade gestürzet. Wir haben eben unsre Crate epingles ^ mit einem Crochet a la Cardinale versehen lassen. Wir haben uns beyde eine Löhmische Kugelmütze angeschafft; und alles dieses sollte umsonst 9) O ja, mit allen: Respekt gegen den Machtspruch. !o) Was der gute Wille nicht rhut, wenn er nur gemacht werden darf. 11) Meine Tochter hat mir weiß gemacht, daß sie diese schönen Sächelchcn für ihren Ach Bey eingetauscht hatte, den ich ihr auf dem letzten Jahrmarkte anschaffen mußte. 12) Die Mode hat sich nie systematischer gewiesen, als darin::, daß sie die Crate epingles nach den dicken Chignons aufgebracht hat. Die dicken Köpfe mußten nothweudig Ungeziefer zeugen. i z) Diese waren schon vor vier hundertJahren Mode: in der Limburg i schen Chro nick, so 1720 zn Wetzlar wieder aufgelegt ist, heißt es S. 90: „die Frauen trugen Böhmische Kogel::, die gieugen da an in diesen Landen. Die Kogel:: stürzt eine Frau auf 80 Schreiben eines Frauenzimmers umsonst seyn 15)? Vorgossen Sie denn MIN mif einmal ihr großes Projekt, dieLaudesprodukto zu veredeln, oder ist es ihnen unbekannt geblieben, daß jahrlich über hundert Centner Hede zu Chiguons verbraucht werden i^)? Was liefert Westphalen mehr als Hede? Eine neue Mode ist noch wohl seit dem Suudenfall nicht darum erfunden worden 16). Die Erfindung des Nctzchens war Mtfgeklartern Landern und Zeiten vorbehalten i^). Mich auf ihrHanpt, und stunden ihnen vorne aufzn Berge über das Haupt, als man die Heiligen malt mit den Diadement." 14) Dachten sie dann eine Mode langer als 8 Tage zu tragen? Sie können gewiß noch zehnmal verändern, ehe der Schneider mit dcr Nationalklcidung fertig wird. 15) Wahrlich eine treffliche Veredlung der Landcsproduk- ten, daß man die hintersten Haare mit einem Klumpen Hede ausstopft. 16) Dieses ist mit Erlaubnis ein grober historischer Fehler. Zn vorangezogener Chronic? heißt es S. 61.: „In derselben Zeit da gieugcn au die westphäli- scheu Londoner, die waren also, daß Ritter, Knecht und reisige Leute sichreren Lendeuer und gieugeu an der Brust an hinten auf den Rücken hart zugespannt, und waren also fern als die Schoppen lang war, hart gestept, beyuahe eines Fingers dick. Und käme das aus Westphalen Land. " 17) Nicht doch; die Limbnrger Ehr0nick boom Hrn. l-on in I?rocirom. Iliii. Drov. D. I. S. 1084. redet schon von einer ähnlichen Sache: „die Franwen trugen, heißt es dort, neuw? weite Haupkstnstern, also, daß man ihre Brust und Dutten bepnahe halb sähe." Diese Hauptfinster müssen dem über die NaLioüalklcidung. 81 Mich wundert nur, daß Sir nicht auch eine Tafeluniform in Vorschlag gebracht, und alle Speisen anfeilt Stück Rindfleisch und ein Gericht braunen Kohl eingeschränkt haben in). Dabey würde sich besser philoso- phiren lassen, als bei) einer bombe cls Larckauapalo, oder einem Gericht ckmour eo> Uignor > wobei) sich die Herrn den Magen wie den Kopf verderben. Auch die Menge fremder Weine könnten Sie wohl auf ein gut Glas Lraunbier einschränken; dieses löscht den Durst besser, als ein Spitzgläschen Sellery, oder ein Römer Rüdes- heimer. Allein diese Reforme steht Ihnen nicht an ; und gleichwohl ist die Veränderung der Kleider bei) uns eben so wichtig als Ihnen die Veränderungen der Tafel seyn mögen. Doch ich will mich mit Ihnen nicht zanken; Sie find ein böser Mann i ! der vielleicht seine besten Tage- schon genossen har ^), der muntern Jugend ihre Freuden nicht gönnet. Ich möchte aber wohl wissen, was aus den Mannsperücken werden würde, wenn wir ihnen nicht bisweilen die Köpfe zurecht setzten ^ i). Und wo- dcm Fillee ziemlich nahe gekommen seyn. Ich bitte um Verzeichung, wegen der vielen pedantischen Noten. Wir Gelehrten machen es nicht anders. 18) O dieses ist lange geschehen; Pudding, Rostböf und ein Glas Porter mit der Frcyhcit zu sagen, waS man denket, sind besser als alle Leckercy unsrcr Gothic scheu Kochkunst. 19) Aber Sie zanken ja doch! Vergessen Sie ihr Wort nicht. 20) Das haben Sie erreichen, indessen lache ich doch noch immer gern mit, wenn es der Mühe werth ist. 21) Sagt der Herr Gemahl auch ja dazu? Nösero phKnt. li.Theil. F 82 Schreiben eines Frauenzimmers wodurch kann dieses besser geschehen, als daß wir sie durch die Kunst der Koketterie in einer beständigen Begierde zu gesallen unterhalten? Die edle Koketterie kann aber ohne Veränderung der Moden unmöglich bestehen 22). Stellen Sie sich nur einmal vor, was das für schlichte unbedeutende Gesichter geben würde, wenn wir immer wie die Nonnen in einer beständigen einförmigen Tracht aufgezogen kämen 23); und eine eiserne Cornette zu nnserm Kopfzeuge hätten? Stellen Sie sich vor, was die Leute in Paris davon sagen würden, wenn sie den Kupferstich, der gewiß bald davon gemacht werden würde, zu Gesichte bekämen 2»)? Man hat neulich, wie ich in den Zeitungen gelesen, eine Geschichte der Moden heraus gegeben; und vermuthlich wird bald ein Oictlmwlrs Kener-il et portmik cles IVlacles heraus kommen, so wie wir dergleichen schon einige von Kopfzeugern und Peruk- ken 22) Es giebt auch mehrere Arten der Koketterie, und die arme Hexe, die alle ihre Künste von dem Schneider oder der Putzmacherin borgen muß, vcrräth eine mit- leidcnswürdige Armurh. Der Geist kann sich in unzähligen neuen Gestalten zeigen, und das Herz eine gute Eigenschaft nach der andern bald auf diese bald auf jene Arr entdecken. Eine solche Koketterie verwerfe ich nicht; und auch selbst eine Nonne im hciltt gen Schleyer wird auf diese Art kokett seyn können. 2Z) Ich bcdaurc Sie vonHerzcn, wenn Sie sich in diesem Falle befinden. Ihnen zu Gefallen kann eine Ausnahme in der Regel gemacht werden, so wie Heinrich der Vierte in Frankreich sie dem leichtern Geschlecht? zum Besten machte. 24) Sie vcrthcidigen Ihre Sache nicht sonderlich. Wenn sie mir ein gut Gesicht machen wollen: so will ich Ihnen bey Gelegenheit bessere Gründe sagen. über die Nationülkleidung. ken haben. Dergleichen sollten Sie »ns auch schreiben, wenn Sie Ihre Hand nicht ruhig lassen können, oder ein Journal für die Maccaroni, wie in England 2;). Das wäre noch eine gemeinnützige Bemühung, wodurch die Erfindungskunst ihren Gipfel erreichen würde. Merken Sie sich das, und lassen die thörichten Projekte, uns klüger zu machen wie wir sind, für dieses neneIahr fahren. Unter dieser Bedingung ^c-) wiederhole ich meinen Wunsch und bin Ihre günstige gute Freundin» Anna Maccaroni. 2;) Dieses wäre so übel nicht. Aber wer erklärt uns jetzt, was Straub e n, Staussen, Krappe n, Kogel», Preischen, Grellen, Tapperte, Duchsing, Scheckenrock, Hundskugeln, Stau ch e n, so bis auf die Erde hiengen; was S 0 r- kett und Disselsett, was gezattelt, ge- mützert und gestützert eigentlich gewesen. Un- sre Vorfahreil müssen ihre Moden nicht von Paris geholet haben, weil sie sich keiner französischen Namen bedienten. 26) Aber wenn ich mir den Wunsch verbitte: so hat die Bedingung doch wohl nicht statt? XIV. XIV. Sie tanzte gut und kochte schlecht. Ädie das Mädchen tanzt! wie ihr die Schultern stehn! Himmel! und der Naa'en! Von dem übrigen will ich nichts sagen, ich glaube der cü W k'-irls ist wieder Mode geworden! Aber ist es nicht eine Schande, ein junges Mädchen so erziehen zu lassen ! Wenn es meine Tochter wäre: sie sollte mir anders tanzen lernen, oder sogleich zur Viehmagd verdammt werden. Ich weiß nicht, wie gewisse Eltern so blind sepn können, daß sie nicht sehen, was ihren Kindern fehlt, und ihnen bey Zeiten die Knochen ein wenig zn rechte biegen. — Die Frau Ober- Amtmännin würde in ihrem wohlgemcynten Eifer noch weiter fortgefahren seyn, wenn nicht der Hr. Rittmeister, der eben zn ihr trat, sie plötzlich unterbrochen hatte. Was für eine Grazie! rief er ans, indem er auf ihre eigne Tochter wies; ich glaube, ihr ganzer Körper ist nichts wie Harmonie, jede Bewegimg zeigt neue Reize. Nie habe ich ein feineres Contonr gesehen; Sie scheinr nicht zn gehen, sondern zu schweben; sie muß alle ihre Nerven unter den unmittelbaren Befehlen ihres Geistes haben, sonst wäre es nicht möglich, so viele Entzückung zu verbreiten. Mich beucht, ich sehe ihre Mutter, wie sie als Braut den Ball eröffnete, und mit einem trinm- phirenden Schritte die bezauberten Zuschauer zn ihren Füßen riß. — Stille! Stille! versetzte die Frau-Ober- Amtmännin, diese Zeiten sind vorbey, und wenn mein Mädchen gut tanzt: so hat sie mir vielleicht etwas zn danken , aber doch bin ich mit ihr noch nicht so recht zufrieden, ihr Auge ist noch etwas zu starr, und überhaupt zeigt ihre unschuldige Miene, daß der Körper mehr als die Seele tanze. — Die Unterredungen auf den Bällen sind kurz, der Rittmeister ward zum Tanz gefordert, und währen- Sic tanzte gut und kochte schlecht. 85 währender Zeit die tanzende Gesellschaft das Auge durch ihre gleichförmigen Schweiffungen ergötzte, wollte die Frau Ober-Amtmännin durch das Urtheil des Hrn. Rittmeisters bestärkt, ihre vorhin abgebrochene Rede gegen ihre Nachbarin, die eine wohlhabende Pächwrin war, fortsetzen. Allein diese, welche sich immittelst etwas gefaßt hatte, ließ ihr nicht die Zeit dazu. Hören Sie, meine liebe Frau Ober-Amtmännin, war ihre Rede; diese Person, deren Stellung Ihnen so sehr mißfällt, tanzt freylich nicht zum besten, ob es mir gleich gut genug vorkömmt. Allein ich muß Ihnen sagen, sie führet jetzt den ganzen Hanshalt meines Oheims, der, nachdem er seine Frau früh verlohnen und seine Kinder verheyralhet hat, mit ihrer Hülfe seine ganze weit- länstige Pachtung glücklich behauptet. Ehe sie zu ihm kam, mußte er alle Jahr für hundert Thaler Hollsteini- sche Butter zukaufen; und es mochte so viel eingeschlach- tet werden, als nur immer konnte: so waren, ehe ein halbes Jahr zu Ende gieng, alle Vorrathskammern leer. Der Flachs, der des Jahrs gemacht war, schien zu verschwinden, so wenig kam davon zu gute, und das Nn- iwugeräthe war dermaßen in der Haushaltung aufgegangen , daß mein Oheim, wie er seine Töchter aussteuerte, fast alles was sie uöthig hatten, kaufen mußte. Nachdem die letzte Cousine verheyrathet war, erhielt er noch eine Rechnung für Berliner Schuh, die sich auf 80 Thlr. belief, und die sie in den beyden letzten Iahren verbraucht hatte. So lauge diese, die insbesondre eine sehr geschickte Tänzerin war, die Haushaltung führte, fehlte es oft, wenn uuvermnthete Gäste kamen, au einem Stück Fleisch; und ich erinnere mich an einem Mittage bey meinem Oheim eine Taubensuppc, eine Taubenpastete und gebratene Tauben gegessen zu haben. Dagegen hätten Sie den Vorrat!) von gangbarem und verdorbenem Putzwerke sehen sollen.- Kaum war aber die Person, wovon F z wir 86 Sie tanzte gut und kochte schlecht. wir erst redeten, ein Jahr bey ihm gewesen: so lieferte sie ihm ans dem Molkenwerke von einemIahre i Zo ^Haler, und die Haushaltung war dabei) ohne fremd? Butter geführet worden. Sie hatte ein Drittel weniger, als in den vorigen Iahreu geschehen, einfchlachten lassen, und hatte noch einen hübschen Vorrath vom alten, wie es wieder zum neuen Einfchlachten gieng. Es waren 270 Himteu Brodkorn weniger verfressen oder verschleppt; und aus dem Flachse, da sie solchen in ihrem Haushalt nicht mitVortheil hatte verspinnen lassen können, nun das Geld zu einigen Stücken Drell gewonnen. Mein Oheim hatte dabey keine Rechnungen bey dem Weißbek- ker und Schlachter in der Stadt; sondern erster war mit Korn und letztrer mit Schlachtvieh aus der eignen Zucht bezahlt. Anfanglich sahen die verheyratheten Kinder diese Person, die gwichwohl eine nahe Verwandtin von ihnen ist, mit bösen Augen an, und wünschten sie über alle Berge. Allein es waren nicht zwey Jahre verflossen: so verehreten sie dieselbe als ihre Mutter. Die jüngste Tochter verlohr ihren Mann, und blieb mit zween Kindern in der größten Dürftigkeit sitzen, weil der Verstorbene eine weitlanstige und glanzende Pachtung, aber auch heimliche Schulden gehabt hatte. Sie nahm daher wieder zum alterlichen Hanse ihre Zuflucht, und, sollten Sie es wohl glauben? eben diese Person hat aus der jungen Wittwe eine aufmerksame Hanswirthin gemacht. Keine Hochachtnng kann größer seyn, als die, so sie der ungelenken Tänzerin bezeiget, der freylich die Schnlterknochen nicht so abgerundet sind als andern, da sie einen Kessel von zween Eymern rasch aufs Feuer bringt, und alles mir angreift, was in der Haushaltung vorkommt; die aber doch durch ihr gutes und gefalliges Wesen einen jeden einznnehmen weiß. Wenn eine solche Person mit eben der Feinheit tanzen sollte, womit ihre Mad. Tochter tanzt: so würde dieses in Wahrheit zu viel gefordert seyn. Für Sie tanzte gut und kochte schlecht. 8? Für sie ist es ein Ruhm schlecht zn tanzen und gut Haus zu halten; für andre aber, die es nicht nöthig haben, sich um Küche und Keller zu bekümmern, und die wegen ihrer Geburt das elende Privilegium haben, müßig zu gehen, ist es umgekehrt. Sie hat jetzt viele Prätendenten, und unter diesen ist der Hr. Ober - Amtmann zu .... Was, rief die Frau Ober-Amtmännin, dieser sollte ein Auge auf sie haben: das kann ich unmöglich glauben. Er hat bisher meiner Tochter die Aufwartung gemacht, und ich will doch nimmer hoffen, daß er sie nur zum Besten habe. — In dem Augenblicke hatte der Hr. Rittmeister seinen Tanz geendigt und unterbrach die Unterredung von neuen. Ich kann also auch nichts weiter davon erzählen. Doch habe ich nachher gehört, daß die Heyrath mit der ungeschickten Tänzerin glücklich zu Stande gekommen, und ihr Mann, der Hr. Ober-Amtmann, mehrmalen gesagt habe: ihm wäre mehr mit einer guten Wirthin , als mit einer kostbaren Zierpuppe gedient. Die Wittwe ist jetzt die glückliche Haushälterin ihres Vaters, und hat das Herz in schwarzen Schuhen zu tanzen. XV. Schreiben eines Frauenzimmers vom Lande, an die Frau ... in der Hauptstadt. Wevtheste Freundin! Ziffer Beruf in der Welt ist sehr von einander unterschieden. Ihnen, Wertheste Freundin, sieht es sehr wohl, daß Sie des Morgens bis i o Uhr schlafen, drey Stunden am Nacbttische sitzen, und die übrige Zeit in angenehmen Gesellschaften zubringen. Allein, uns, die wir F 4 ans 88 Schreiben eines Frauenzimmers vom Lande, auf dem Lande wohnen, und ganz andere Pflichten haben, müssen Sie deswegen nicht veracbten. Unser Natt'en kann nicht so risch, wie der ihrige stehen , und unsere Schulterknochen sind mit gutein Rechte etwas mehr ausgebogen, als diejenigen, welche Ihnen die gütige Natur blos zur Zierde gegeben. Sie haben Recht, über Langeweile zu klagen, sobald Ihnen Spiel oder Gesellschaft fehlt. Sie haben Recht, Ihren Geschmack, Ihre Wahl im Anzüge, Ihren süßen Ton, Ihren anstandigen Gang, Ihr herrschendes Auge, Ihr gclenkes Köpfthen, Ihre zarten Hände und andere Vorzüge, welche ich recht mit Vergnügen an Ihnen bemerke, selbst zu bewundern; und ich gestehe gern, daß Ihnen IhreBclesenheit, IhreKcnntniß der besten englischen und französischen Schriftsteller, und Ihre Einsicht in vielen Dingen einen befugten Ekel vor allem dummen Zeuge, wie Sie zu sagen pflegen, wirken müsse. Allein das Blut, welches Arbeit und Gesundheit uns Landmädchen in die Wangen treibt, muß uns in Ihren erhabenen Augen keine unerträgliche Physionomien geben. Sie müssen nicht über unsere alten Moden spotten, und sich unsere eiserne Hände in ihre Küche wünschen. Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen die Wahrheit ein bischen nach unserer Art sage. Wie Sie uns das letztenmal auf dem Laude besuchten, war Ihre Aufführung würk- lich ein wenig sehr unhöflich, ich forderte bei) Ihrer Ankunft nur eine freundliche Miene von Ihnen; allein Sie waren von ihrer viertelstündigen Reise dermaßen fati- guirt und aneantirt, baß ich zufrieden war, wie Ihre Blicke es nur beymZanken bewenden ließen. Ich liefIhnen mit offenen Armen entgegen. Sic spitzten aber Ihren Mund so weit voraus, daß ich nicht das Herz hatte, die Rosenblätterchen ein wenig aus ihren Falten zu drücken. Meine Mutter führte Sie in unser bestes Zimmer: allein die weißen Wände waren Ihnen unerträglich, der Arm- stuhl cm die Frau... in der Hauptstadt. 89 stuhl unbequem, und der unbedeckte Beden abscheulich. Es wurde des Abends um L Uhr gedeckt, und Sie hatten keinen Hunger; weil Sie nicht gewohnt waren, vor z i Uhr zu essen. Der Geruch unserer besten Talglichter erweckte Ihnen eine -ckkrcul-z m-Ar-uus. Weil kein Burgunder dort war, trunken Sie Wasser, und dieses war das einzige, was Sie rühmten. Wie wir des andern Tages von dem theuersten Burgunderwein aus der Stadt holen ließen, fanden Sie ihn zur Dankbarkeit sbowiusdlo. Ein schöner Kalbsbraten schien Ihnen vortreflich, um auf einer Bürger-Hochzeit zu paradiren, und Sie sprachen von Ui'icünWns und UoppiUmis bey dem Anblick einer schönen Schafmilch. Auf solche Art bezeugten Sie uns Ihre Höflichkeit. Sie ließen uns gar noch dabcy empfinden, wie vielen Dank wir Ihnen für Ihre gütigen Anmerkungen schuldig blieben, und trieben endlich Ihre Gnade so weit, daß Sie sich bey unfern Caffeetassen Ihres schönen Dresdener Porcellains zu erinnern gc- ruheten. Wie Sie zu Hanse kamen, und durch die Stadtlust wieder in Ihr wahres Element versetzet wurden : so ward unsere wohlgemeynte Bewirthnng der Gegenstand Ihres Spottes. Es ist eine erbärmliche Sache, sagten Sie, um ein Landmädchcn, es weiß doch von nichts. Den grüne» und rothen Kohl kennet es besser, als die U-ivres vercls er rou-es !> la kkoclö H. Es läuft ohne Sonnenschirm und Saloppe wie ein Schaf im Felde. Wenn man vom Whistspiel mit ihm spricht: so sperrt es zwey große Augen auf, und ein Schneidermädchen bey uns würde sich eher zur Prinzeßin als ein solches Ding auch nur zu einer Cammer- jungfer schicken. F 5 So a) Der Aufsatz ist vom Jahr 1760, wo diese französischen Kinderspiele Mode waren. Schreibe«! eines Frauenzimmers So urtheilten Sie von mir, wie Sie zu Hause waren; und alle meine aufmerksame Sorgfalt, die schöne Milch, die vortrefliche Butter, die schmackhaften Garteufrüchte, die angenehmen Lnstgänge, das offenherzige Vertrauen, die freundschaftliche Gefälligkeit, welche unsere Nachbaren bep uns zu rühmen die Gültigkeit haben, mußten Ihren undankbaren und verwöhnten Empfindungen zum Spotte dienen. Wie konnten Sie aber dieses verantworten? Und wie konnten Sie bei) Ihren großen Einsichten die Absichten nicht unterscheiden, wozu wir beyde geboren, erzogen und gewohnt sind? Glauben Sie denn, daß ein Frauenzimmer auf dem Lande, oder in einer kleinen Stadl alle die unglücklichen Bequemlichkeiten nöthig habe, welche in der Hauptstadt unentbehrlich sind? Wissen Sie nicht, daß die Menge ihrer Bedürfnisse nur ein Aeichen ihrer Armuth sep? Welch ein Unsegen für nns, wenn wir an die täglichen Assemblern, wie an unser Spinnrad gewöhnet wären? Wenn wir Voltaire» und Popen besser, als unser Intelligcnzblatt, und mehrere Arten von Spielen, als Hausarbeiten kennten? Denken Sie nicht, daß ich das Lesen guter Schriften verachte. Ich kenne den Werth derselben sehr gut, hüte mich aber sehr davor, daß ich meine Empfindungen nicht aus meinem Stande gewöhne, und das Lesen bloß zu einer nothwendigen Ausfüllung meiner langen Weile mache. So weit darf es mit mir nicht kommen. Ich habe meine gesetzten Stunden dazu; so, wie zu meiner Arbeit, welche ich in meinem Berufe dem Lesen freudig vorziehe. Und eben diesem Lesen habe ich den nöthigen Ehrgeiz zu danken, daß ich mich durch die höhnischen Anmerkungen der Stadtleute in meinen Pflichten nicht irre machen lasse. Vor zwey Iahren lag ein französischer Officier bei) uns. Sein Lied war beständig: Oll US Vit czu'ü Varls, c>u zilleurs. Er verlangte ans unserm Dorfe nichts wem- an die Frau ... in der Hauptstadt. 91 weniger, als Bälle, Oper», Comödien, Scwpss kms, und petilLü msilnns. Doch begriff er endlich, daß wir sehr unglücklich seyn würden, wenn wir dieses nöthig hätten, um uns zu zerstreuen. Ja, er gieng zuletzt so weit, und machte ein Lobgedicht auf den wohlthärigen Fluch, daß jeder Mensch sein Brod im Schweiß des Angesichts essen sollte. Sie sprachen, wertheste Freundin, wie Sie bey uns waren, sehr vieles vom Wohlstande und von der guten Erziehung in Hannover; und unsere Frau Pastorin, welche Ihnen keinen Blick entwandte, so sehr huldigte dieselbe Ihrer Größe, sucht jetzo eine Französin. Sie hat von Ihnen vernommen, daß zu einer guten Erziehung die französische Sprache elc. etc. etc. etc. etc. gehöre. Alles dieses glaubt sie, als eine rechtschaffene Mutter, ihren Kindern geben zu müssen. Sie beruft sich daraus, daß eine gute Erziehung das beste Erbtheil sey, was sie ihren Kindern lassen könne. Und was hat sie anders zu diesem Vorurtheile verleitet, als die Verachtung, welche unbilligerweise den Personen erwiesen wird, die nicht nach Art der Hauptstadt erzogen sind? Wie leicht wird die Frau Pastorin durch eben dieses Vorurtheil verführet werden, die Kinder des Krämers und des Schulzen zu verachten? Und wenn ich denn diesen letzten nur ein wenig Schwachheit leihe, welches ich gewiß mit gutem Grunde thun kann: so schicken sie ihre Kinder auf die hohe Schule in die Hauptstadt, entziehen dem Staate einen würdigen Ackersmaun, und schenken ihm dafür einen wichtigen Auditor. Wenn ich zur Frau Pastorin komme, so setzet sie mir zwei) Wachslichter vor, und neulich war ich bey unserer Frau Amtmannin, da brannten in einem Zimmer allein 24 an den Wänden. Ich mag nicht sagen, was ich dabey gedachte, so viel aber kann ich Ihnen wohl im Vertrauen entdecken, daß ich mir eben keine vortheilhasten Begriffe von ihrem Verstände machte. Wie 92 Schreiben eines Frauenzimmers Wie leicht ist aber dieser Fehler zu heben, wenn man mir demjenigen eine Achtung erweise, welcher sich am besten mich seinem Stande richtete; und wie vieles wurden die Vornehmen (die Vornehmsten berühre ich nicht, denn diese schranken sich merklich ein) nicht dazu beytragen, wenn sie ans dem Lande nicht das Kostbarsie und Prächtigste, sondern mir dasjenige bewunderten, was jeder durch die Kunst seiner Wirthschaft zur großen Vollkommenheit gebracht hätte? Sie glauben nicht, werthesie Freundin, wie gut ich in diesem Stücke von meiner Einfalt gedienet bin. Ein jeder, der in unser Haus kömmt, bleibt in seiner Einbil-- düng überzeuget, daß er in Ansehung der Kostbarkeiten vor uns einen Vorzug habe. Dieser Gedanke schmeichelt ihm, und er ist mit uns als mit Leuten zufrieden, weiche ihm den Rang nicht streitig zu machen gedenken. Aus einer gleichen Dankbarkeit sieht unsere Frau Oberhauptmänuin mit einem nicht eifersüchtigen Auge unsere Wirthschaft an. Sie bewundert alles und fühlet sich bep uns weit bequemer als bei) der Frau Oberamtinännin, deren damastenes Bette dem ihrigen Trotz bietet. Wir sind ihre guten Leute, sie geht mit uns, wie mit ihren besten Freunden um, wir sehen sie stündlich, so liebenswürdig, wie sie wirklich ist; und wir genießen der Herzen, ohne uns an den tyrannischen Zwang der städtischen Rangordnung zu binden. Gewiß, werthesie Freundin, die Damen ans der Hauptstadt sorgen wirklich sehr schlecht für ihr Vergnügen, wenn sie ans dem Lande die Nachahmung der Stadt suchen; das Landleben har was originales, welches sie ihm billig zu einer vergnügten Abwechselung lassen sollten. Ich freue mich wenigstens recht, wenn ich in ein wohlein- gerichtctes Bauerhaus komme, die besonder» Vortheile und Erfindungen dieser Familie sehe; und eine Tapete von Flachs, das schön zubereitet und nett auf einander gelegt ist, ergötzet mich da mehr, als eine Imme lies. Das erste was ich besehe, ist die Milchkammer. Nach dieser beur- theile cm die Frau... m der Hauptstadt. 93 theile ich die Wirthin; und das gesunde Kind, welches wir in einein reinlichen und stumpfen Rocke entgegen springet, küsse ich mit Empfindung, wenn ich die Staatspup-, pcn unserer Frau Amlschreiberin sehr gelassen vorbepuei- gen sehe. Und so sollten Sie auch denken, werthesie Freundin, wenn Sie zu uns kamen. Sie sollten sich des stadtischen Zwanges und der kostbaren Beschäftigungen, wozu Sie der Müßiggang verdammet, auf dem Lande einschlagen, den Athem aus freycrLnft schöpfen, und mit aller Empfindung eines besreyten Sciavens auf einem tanzenden Fuße um die gesegneten Fluren hüpfen. In der Hauptstadt können und müssen Sie ganz anders leben. Leute, welche in Bedienung stehen, weiche den ganzen Vormittag ihre Arbeit haben, und gleichsam in einem vergüldeten Kerker wohnen, woraus sie nicht zu jeder Stunde gehen können, haben ganz andere Arten von Ergötzlichkeiten nöthig. Ihre Frauen befinden sich durch die Umstände an ein gleiches Joch gefesselt. Die Allein blizen, repas, Zcuipös lius. und alle Arten von Spielen werden ihnen mit der Zeit zu unentbehrlichen Bedürfnissen. Ich lasse ihnen also solche mit Recht. Ich schenke ihnen Bälle, Comödien, Redouten und alles was dazu gehöret, in Kauf; ich bin überzeuget, daß sie sich oft dabep in ihrer Art vollkommen erfreuen ; ich glaube, daß die Pracht der lzkondlos, Nippes und sjulkswens die besten Puppen für solche große Kinder sind. Allein, eben diese Forderungen auf das Land zu erstrecken; diejenigen zu verachten, welche solche nicht erfüllen; darüber noch wohl gar zu spotten, und auf solche Arr den nützlichsten Theil der Menschen, welche auch ihre Schwachheiten haben, zu einer thvrigten Nachahmung zu verführen, dieses ist wahrlich Sünde. Vergeben Sie mir dieses altfränkische Wort. Ich glaube, Sie werden solches nicht verstehen, darum setze ich nur erklärmMweise hinzu, daß vor nicht gar lauger Zeit die 94 Schwöen emes Frauenzinnncrs:c. die verächtliche Miene einer vornehmen Dame ans der Stadt nnsern guten Pächter verführt hat, an seiner Kranen Schmnck eines Jahres Pachtgeld zu verwenden, den König zu betrügen, lind sich, seine schöne Fran und Kinder unglücklich zu machen. Wie viel Verantwortung würden Sie nicht ans sich haben, wenn ich schwach genug gewesen wäre, mich durch einen Blick von Ihnen beschämt zu halten? und wahrlich, es hat zwischen meiner Schwester und mir schon einen kleinen Zank gesetzt, daß sie nicht ein Stück Hemdlinnen in H-r>) Der Hagestolz oder Weiberfeind bleibt allezeit ein brauchbarer Charakter fiic das Lustspiel, besonders wenn man ihn zum letzten Stammhalter einer groben Familie macht, um dessen Nerheprathuii!j sich die >ian,e Familie, »nd selbst diejenige bemühen kann, welche diese mit kundbarem S?echte lur lh» zur Frau bestimmet hat- Schreiben eil,es angehenden Hagestolzen. 95 war eine Frau noch der beste Segen eines Mannes; sie kam ihm in der Haushaltung zu statten, erleichterte ihm seine Sorgen, und brachte noch etwas mit, um die Ehestands-Lasten, wie es in den alten Ehepakten heißt, zu tragen. Aber jetzt — ist es Raserey, eine Frau zu nehmen. Man schelte mich immerhin einen Hagestolzen, und setze auch diesen Namen ans mein einsames Grab. Es ist besser, daß gar keine Thräne, als die Thräne eines betrogenen Gläubigers darauf falle. Setzt dann nun ein treuer Freund hinzu, daß ich der größte, der zärtlichste Verehrer der weiblichen Tugend gewesen: so forscht noch vielleicht ein vorübergehendes Mädchen der Ursache nach, warum ich meine Tage einsam beschlossen, geht in sich, und mindert den Staat, welcher jetzt einen ehrlichen Kerl abhält, sich durch das heilige Band der Ehe an den Ban- kerottierpranger schließen zu lassen. Denken Sie nicht, daß ich zu sehr ins Traurige oder ins Ernsthafte verfalle. Es ist dieses sonst, wie Sie wissen, mein Fehler nicht. Allein, nachdem die letzte, worauf ich ein Auge geworfen hatte, unter einer Menge von andern Geschenken, außer den Uhren zum Neglige noch drei) Staatsuhren von mir erwartete, wovon eine jede mit Diamanten nach der Farbe ihrer Kleider besetzet seyn sollte: so müßte ich wohl der unempfindlichste Mensch von der Welt seyn, wenn ich nicht entweder im Lustigen oder im Traurigen ausschweifen sollte. Mein künstiger Eheherr, sagte sie, ohne zu wissen, daß ich in der Hoffnung es einmal zu werden, ihr meine Aufwartung machte, wird an mir einen kostbaren Schatz finden, und hoffentlich zufrieden seyn, wenn ich ihm für feine Gefälligkeit alle Tage einmal ein freundliches Gesicht mache. Wie glücklich bist du, sagte ich Zu mir selbst, daß du auf dieses freundliche Gesicht noch nichts geborget hast; und wie sehr bedaure ich den Mann, der einmal deinen Artischok- kenkopf (sie war ä l'articlmut srifirt) zu behandeln haben wird ! 96 Schreiben eines angehenden Hagestolzen. wird! . . . . Wils meynen Sie aber, liebster Freund! wie hoch sich derBraurschatz belief, wofür diese Ehestands.- last getragen werden sollte? Auf loooo, schreibe zehntausend Thaler. Damit hatte ich vielleicht nicht einmal die Uhren mit dem zn jeder gehörigen Hals-- Kopf-- und Ohrenschmuck bezahlen können; und was wäre mir denn fürs Flicken geblieben? Eine andere, die ich mir vorher ausgesehen hatte, war zwar in Ansehung des Schmucks etwas billiger, und hatte sich vielleicht mit einem mittelmaßigen von Brillanten befriediget. Allein ihre Schwester, die eben hepra- thcte, nahm der entbehrlichen Kostbarkeiten so viel; und ihre Eltern sahen mit einem so gefalligen Lächeln ans dasjenige herab, was der künftige Herr Schwiegersohn mit seinem halben Ruin augeschaffet hatte, daß ich mir nicht gekrauste, ihm in dieser Bahn nachzurennen. Ihm kosteten seine Geschenke gewiß dreitausend Thal'er; und die Eltern hatten ohne Zweifel noch mehr angewandt, um die Braut mit einer neumodischen Garderobe zn versehen. Die guten Leute, dachte ich, werden Bankerott machen, ehe sie ihre Handlung anfangen. Denn ihr beiderseitiges Vermögen, womit sie als Kaufleute handeln wollten, lief nicht höher, wie der Brautschatz meiner Prinzeßin mit den drey Uhren. Meiner ersten Braut, da sie nachher so unglücklich geworden, will ich in allen Ehren gedenken. Sie hatte ein hübsches Gesicht, ein unschuldiges Herz, und eine feine Erziehung. Was konnte sie dafür, daß ihre thörichten Eltern sie gleich einer Person von dem vornehmsten Stande und dem größten Vermögen erziehen lassen, da sie ihr doch keinen Thaler mitgeben konnten? Gern hätte ich sie genommen, wenn sie nichts, wie ihr gutes Herz und dabei) eine häusliche Erziehung gehabt hätte. Aliein wenn ich au die grausame Nothwendigkeit gedachte, ihr als einer vornehmen Dame alles dasjenige geben zu müssen, was Schreiben eines angehenden Hagestolzen. 97 was ihre Erziehung und die jetzige Mode zu unentbehrliche» Bedürfnissen gemacht hat: so getrauet? ich mir nicht, die ganze Ehestands last allein zu übernehmen. Bei? der ersten Unterredung traf ich sie in einer Gesellschaft von ihres gleichen an. Sie sprachen von nichts als neuen Mode» und Geschmack. Die eine wollte, wenn ich es recht verstanden, s lg 'Uocke. die andre a I» ilo»-)' «na. tre sepn; diese trug ihrKleid a Ig Uouigtocvsll)', jenes Ig Oucllolliz; dies Stück hies ein l?m ou I'slr, jenes ein Ui- cku; und dann trugen sie couliciergtioos, preil>r>tiaus, Pockes cle Usris, blutre clonx, l'eleriues. und ich weiss nicht was alles. Gerechter Himmel! dachte ich, und einen solchen Um eo I'air sollst du zur Frau nehmen? —. Doch die arme Hexe hat jetzt einen hübschen feinen und fristeten Mann, aber leider! ihr Duchessen-Kleid versetzt, um die Wehmutter und den Pfarrer zu bezahlen .... Solche traurige Erfahrungen sind es, worauf sich meine Abneigung zum Heprathen gründet. Ich habe einen guten Dienst, und wie mein Vater rechnete, ein ziemliches Vermögen. Eine fromme und kluge Wirthin könnte ich davon mit aller Bequemlichkeit unterhalten, aber keine Prinzeßin, deren Apanage nicht hinreicht, das Nadelgeld, was sie gebraucht, zu bezahlen. Sie sehen mich vielleicht für einen Liebhaber an, der ein bischen nach Gelbe frei)et, und weil er dessen nicht genug bekommen kann, dem Heprathen entsaget hat. Kann man aber bei) diesen verdorbenen Zeiten anders handeln? lind ist die Forderung überhaupt so unbillig, daß eine Frau so viel mitbringen soll, als sie zum linterhalt ihres Putzes gebraucht? Handelt das Frauenzimmer nicht noch schlimmer? Und ist unter tausenden auch nur eine einzige, die nicht mehr nach Equipage, nach Rang und Tittel oder nach den Mitteln, woraus sie ihren Staat führen kann, als nach einem ehrlichen Kerl frepet? Nennen sie mir diese einzige, und vielleicht bedenke ich mich noch. Mosers PH,mr, II. Theil, G ssllx,- 98 Schreiben eines angehenden Hagestolzen. Woher rührt aber dieses Verderben unsrer Zeiten, dieser Fluch, der so manchen redlichen Mann nnd so man ches gnre zärtliche Mädchen zmn ledigen Stande verdammt? Gewiß von Nichts anders als der Thorheit der Eltern. Die Matter, die mir ein seidncs Band oder ein Lutra c!eux bezahlen kann, schmückt gleich ihr kleines Ebenbildchen damit ans; es muß von unten bis oben ge- mützert nnd geflützert sevn, und mir den Iahren ist das Mädchen mit allen kostbaren Moden dermaßen bekannt und so daran gewöhnt, daß sie nach dem ordentlichen Laufe der menschlichen Handlungen gar nicht davon zurückkommen kann; und was wird zuletzt daraus? .... Sie mögen es rathen. Unter den vielen unglücklichen Personen in den Hauptstädten sind nur wenig ihrer Neigung, die mehresten aber der Eitelkeit zumOpfer geworden, die ihnen eine thörichte Mutter ans das sorgfältigste eingeprä- get hatte. Anstatt ihre Kinder herunter zu halten, sie bey andern in Dienste zu geben oder sie zu häuslicher Arbeit zu gewöhnen, müssen sie immer in dem Strudel der Moden schwimmen, und zuletzt auch darinn versinken. Haben die Eltern vollends ein paar tausend Thaler mitzugeben : so wird das Köpfchen der künftigen Markisin so hoch frisirt, und dasNäschen so zugespitzt, daß es keiner, als ein eben so albernes Närrchen wagt, ihr Herz durch seinen Krcp zu rühren; und mit ihr ein prächtiges Elend zu bauen; oder sie wird grau in schmeichelnden Erwartungen, nnd bietet sich zuletzt so wohlfefl ans, daß sie niemand verlangt. Doch Sie verlangen nnd brauchen nichts weiter zu wissen, um meinen Entschluß vollkommen "zn billigen. Hätten Sie eine Tochter, und Sie wollten mich dnrch ihre Hand glücklich machen: so würden Sie sehen, daß ich aller Empfindung fähig, und blos ein Hagestolz aus Verzweiflung bin. Beklagen können Sie mich, und ich glaube es zu verdienen; aber verdammen müssen sie mich nicht. XVII. 99 XVII. Zweytes Schreiben des angehenden Hagestolzen. ^ast sollte es mich gereuen, daß ich die Ursachen, welche mich vom Heprathen zurückhalten, öffentlich bekannt gemacht habe. Denn ich bin seitdem mit so vielen Vorwürfen, Zuschriften und Antragen überhäuft worden, daß ich bepuahe nichts anders zu thun habe, als Rechtfertigungen und höfliche Ablehnungen zu schreiben. Einige haben mir den bittern Vorwurf gemacht, daß ich überhaupt eine Abneigung gegen das schöne Geschlecht hätte, weil ich mich nur allein bep dessen Fehlern aufhielte, und die Mannspersonen dabei) ftep ausgehen ließe. Diese mögen aber nicht bedenken, daß man sich nur bey demjenigen gern aufhält, was man verehrt und liebt; und daß man nur an solchen Sachen bessert, die man einer Vollkommenheit fähig und für die würdigsten hält. Andre haben sich beklagt, daß ich ihreTöchter Namen von Moden gelehret, die sie bisher noch gar nicht einmal gekannt hätten; hiedurch hätte ich die jungen Kinder nur vorwitzig gemacht , und die Mütter in neue Unkosten gestürzt. Meine Sittenlehre wäre dem Hirtenbriese jenes Bischofs gleich, der seine Schaafe mit den Spötterepen aller Frepgeister vekannt gemacht habe, wovon sie vorher in ihrer Einfalt nichts gehöret hatten; und ich verdiente mit dieser Bemühung, ohne Gnade, des Landes verwiesen zu werden .,.. Allein eine von den Müttern, die sich solchergestalt gegen mich beklagte, hatte selbst den Kopf ä la dsrsllo, und eine andere ganz ä I'-Zuclsloulisuris. O! dachte ich, der gute Bischof würde euch nicht viel neues gesagt haben! und meine Autwort war: es thut mir leib, daß ich die Töchter etwas gelehret habe, was die Mütter gern für sich allein behalren hätten. G 2 Noch IVO Zweptes Schreiben Noch eine andre und zwar, im Vertrauen gesagt, eine alte und haßliche hat sich mir in einer so altfränkischen, und fast möchte ich siegen, ekelhaften Gestalt angepriesen, daß ich mich gewiß durch ihre Hand für hinlänglich bestraft halten könnte, wenn ich auch eine Satpre gegen das Heyrathen überhaupt geschrieben hätte; sie glaubte, weit ich nur den großen Aufwand bcym Heyrathen zu befürchten schiene: so würde ich kein Bedenken haben, sie in ihrem 49sten Jahre als eine solche zu wählen, die sich mir in ihrer Großmutter Brautkleids antrauen lassen tonnte, und mir sechs große Haarbeutel ans ihrer Elter- mnkter Falbelas machen lassen wollte .... Ich habe mir also mit meiner Offenherzigkeit viele Unruhen zugezogen; und möchte wohl noch größere erleben, wenn ich mich endlich bewegen ließe, den gefährlichen Schritt zu thnn, wozn mich die letztere mit den süßesten Worten bereden will. Am besten ist es, ich bleibe auf meinem Entschlüsse, bis sich die Zeiten ändern; und das wird sobald noch nicht geschehen, da meine Jungfer Nachbarin eine völlige Patagvnianeun, nun sogar eine Laterne ch auf den Kopf gesetzt hat, worinn ein kleines Licht, welches von wohlriechenden Wassern brennt, ein durchscheinendes Gemälde erleuchtet, worauf ein Herz, in welchem ein Pfeil steckt, die Verwundung ankündiget. Sie nennt dieses au penr coour blolw, und ich glaube würklich, daß sie der Hülfe eines Wundarztes nöthig habe. Wie viel werden mir aber die wohlriechenden Wasser und die Wachskerzen kosten, die ich für einen solchen Engel würde brennen müssen, wen» ich mich entschlösse, mit dieser Schönen meine Hütte zu erleuchten? Außer- «) Denläufig nms< ich hier einen patriotischen Wunsch anbringen, Wenn man die Heiligen, vor welchen in den katholischen Kirchen ein ewiges Licht oder eine beständige Lampe brennet, auf die Gassen setzte: so wurde dieEtadt Le-ierrt und erleuchtet sevn, die Andacht aber nichts verlieren. des angehenden Hagestolzen , ioi Außerdem ist mir mittlerweile nech ein andrer wichtiger Artikel eingefallen, der mich vom Heyrachen abhält; ich meyne die starke Bedienung, welche eine heutige Frau erfordert. Da muß eine Cammerjnngfer, ferner ein Cammermadchen, dann wohl gar ein Cammerdiener, item wenigstens ein Laqnais, eine besondre Equipage und vielleicht ein eigner Reitknecht für die liebe Frau gehalten werden; und wenn ste sich auch mit der Hälfte vcn allem behelfen wollte: so wurde dieses doch bey gegenwärtigen thenren Zeiten gar nicht auszuhaken Heyn. Mein Großvater, der als Hausprediger auf einem adelichen Ente gestanden, hat mir oft erzählet, daß zu seiner Zeit die Herrschaft keinen Bedienten gehalten, der nicht nebenher ein besondersAemtchsn gehabt hätte; und wann denn eine Gasterey gewesen wäre: so hätte jeder seine Livre ans dem Schranke geholet und damit para- diret. Der reisige Knecht des Herrn oder der Leibdiener, wäre zugleich Jäger gewesen, und Härte, weil mau noch vcn keinerKnttstgärtncrey nichts gewußt, anch denKraut- nnd Obstgarten unter seiner Aufsicht gehabt; der Kutscher hätte die Dienste eines Ackerknechts verrichtet, und wäre seiner ProfeZion nach ein Brauer und Lecker gewesen, daher er auch aus dem Ente bcydes gebrauet und gebacken hätte; außerdem hätte der Herr noch einen Enten, oder wie man jetzt spricht, einen Vorrentcr, gehalten, der das Schmieden gelernt, und zu seinem Departement alle außerordentliche Assairen gehabt hätte. Die Haushälterin, wenn sie ihre Hände gewaschen, und eine reine Schürze vorgemacht hätte, wäre zugleich würkliche Cammerjnngfer »nd Köchin, und in ihren Nebenstunden, Altflickerin, Schneiderin, Kellnerin, Hofmeistern:, Stallmeisterin und Vertraute gewesen. Und wenn die Herrschaft diesen Bedienten den Dienst aufgesagt: so hätte ein jeder zur Roth gewußt, wie er sich seinen Unterhalt verschassen sollte. Auf diese Weise wäre der ganze Staat G z zugleich iO2 Zweytes Schreiben zugleich wahre Bedürfniß, und beym Abschiede so wenig Herr als Bediente jemals in Verlegenheit gewesen. Was würde man aber, ob ich gleich noch lange so groß nicht bin, als meines Großvaters gestrenger Herr Patron, von mir denken, wenn ich meine künftige Frau nur einigermaßen zu einem gleichen Haushalt gewöhnen wollte? Wie würde sie schreyen, wenn ich ihr imNoth- fallc annmthen wollte, sich von der Küchenmagd schnüren zu lassen? Rousseau nährt sich vom Kräutersammlen, weil er allen Menschen angerathen hat, ein Handwerk zu lernen, und sich solchergestalt ans einem eignen güldnen Boden zu setzen; ich aber würde gewiß die Kräuter mit einander fressen müssen, wenn ich nur behaupten wollte, daß keiner zum Bedienten angenommen werden sollte, der nicht zugleich ein Handwerk verstünde! oder es würde nur täglich einen Zuber voll wohlriechendes Wasser kosten, wenn meine künftige Frau solche Cammerbediente nur auf zehn Schritt ertragen sollte. cols leut!... würde sie mir täglich zurufen. Was kann mich aber in aller Welt bewegen, eine solche Last auf meine Hörner zu nehmen? Bey dem allen sollte es mir doch sehr leid seyn, wenn man von mir glaubte, daß ich ein Feind der Moden und ein Bewundrer der Zeiten wäre, worum die Urtanten ein paar Haarlocken unter dem Namen von Favoriten in die Nachtmützen nährten. Nein dieses bin ich nicht, und selbst diejenige, die ich ammehrsten verehre, ist ein Frauenzimmer für alle Zeiten und alle Gesellschaften. Sie folgt der Mode und gebietet ihr, wie sie will. Sie ziert sich heute mit einem Striche von Cammertuch, und sitzt morgen auf dem Thron aller Moden, ohne dabei) zu gewinnen oder zu verlieren; außer daß ich heute D u und morgen Sie zu ihr sagen möchte. Ihre Regierung ist wie der Friede in einem mächtigen Reiche. Man kennt die Macht, die ihn erhält, und fühlt sie nie; wenn ein übFrsiüßiger Aufwand der Armuth Hohn sprechen kann, sieht des angehenden Hagestolzen. ioz steht man sie reinlich nnd nett, mit Gefühl und Geschmack ,ingeputzt. Fordert ein Tag zu seiner Ehre mehrern Glanz: so scheidet die Linie derAnmnth, das angemessene vom ausschweifenden; und selbst derlleberflnß, wenn ihn die Ehre durchaus erfordert, borgt bey ihr die bescheidene Miene des Nothwendigen. Dasjenige, was sie nicht haben kann oder will, entbehrt sie ohne Rothe, und fühlt sich zu Fuße so groß, als in einer vergoldeten Ca- roffe. Ihr Anzug ist nach jeder Mode und über alle, ohne daß man es bemerkt; aber auch ohne daß man an ihr etwas vermißt; und nichts gleicht derselben, was die Seele betrifft, als die Schone, wovon der schwärmerische Petrarch oder sein Nachahmer sagt, daß sie vor dem Richterstuhl, vor welchem einst unvollbrachtes Wollen und kaum empfundene Gedanken büßen müßten, ihre holden Augen in stiller Hoffnung empor richten dürfte.... Aber Dame Laura war nicht für Petrarch, und diese nicht für mich bestimmt; ich bleibe also ewig ein Hagestolz. XVIII. Also sollte man den Rentekauf vor dem Zinskontrakt wieder einführen. ^s ist ein großes Problem, warum die Religion so lange gegen alle Zinsen geeifert, und das Canonifche Recht solche durchaus verboten hat. Allein, wenn man die Sache ans dem Gesichtspunkte betrachtet, daß man dafür, so wie der Erfolg gewiesen, den Reute kauf begünstigen wollen: so muß man gewiß die höhere Weisheit bewundern; denn die Zinsen, oder das damit verknüpfte Recht des Gläubigers, das Anlehn zu lösen, ist G 4 durch- i o4 Also sollte nan den Rentekauf durchaus dem Eigenthum und derFrepheit zuwider. Ein Krieg, ein Mißwachs und andre Unglücksfälle können tausend Eigenthümcr neck,igen, sich zu verschulden. Beruhet es nun in der Wahl der Gläubiger, den unbequemsten Zeitpunkt zur Löse zn nehmen: so muß er sich alle ihre Güter zum Nachtheil des Staats zueignen, und seine Mitbürger zu seinen Sklaven machen können. Dies könnte zwar auch durch ein Aulehcn ohne Zinsen geschehen ; allein der weiße Gesetzgeber hat wohl eingesehen, daß der Geitz der Menschen diesen Weg nicht einschlagen, sondern den Rentekauf erwählen würde. DieZinsen sind zuerst unter Bürgern, und Handelsleuten aufgekommen, und in Deutschland weit später auch bey den Landeigen- thümern elugeführet worden, da man an die Canonischen Recht? nicht mehr gebunden zu seyn glaubte. Die nenern Colonisten sind dem Strome gefolgt. In der That aber scheinet es, daß man den wahren Grund, warum der Zinskontrakt verboten gewesen, nicht eingesehen habe. Man wird einwenden, daß auf diese Weife, und wenn tuan die Renten anstatt der Zinsen wieder einführen, oder welches einerlei) ist, dem Glaubiger die Macht benehmen wollte, sein Capital zu jederzeit zu lösen, der ganze Credit wegfallen würde. Allein warum erfolgt dieses nicht auch in Frankreich, Spanien und Italien, wo kein Gläubiger seinem Schuldner eine Renteverfchreibung lösen kann? Warum erfolgt nicht eben dieses in andern benachbarten Ländern, z. B. im Holländischen, Ostfriesifchen, Oldenbur- gischeu und Hollsteinischen? warum erfolgt es nicht in England, wo man ebenfalls nur Renten oder Annuitäten hat, und sogar aus einem Wechsel nie an seines Schuldners Güter kommen kann, wenn er solche nicht freiwillig übergiebt? Sitzt nicht noch jetzt ein vornehmer Herr, wegen Wechsel - und Nechnnngsschnlden in des Königsbank, der feiner Frauen nnd Kindern zn gefallen seine Güter nicht übergeben, sondern fein Leben in der Hast znbrin- vor dem Zinskontrakt wieder einführen. 105 zubringen will, wohin er sich jährlich einen Theil seiner Einkünfte schicken läßt? Die Furcht, daß der Credit wegfallen wurde, ist also theils eine Folge nnsrer seit hundert Jahren veränderten Art zu denken, theils aber ungegründet. Es wurde vielmehr eben dadurch, daß der Zinskontrakt auf dem Lande ganz abgeschafft und dafür der Rentekauf wieder einge- führet würde, ein ganz neuer Credit entstehen. Denn die erste uothwendige Folge davon würde seyn, daß die Rentevcrschreibungeu, oder die Obligations ohne Löse, mit zur Cirkulation kommen, und die Stelle des baaren Geldes vertreten würden. Ein Bortheil, der würklich verdient, daß wir ihn näher in Betracht ziehen. Es würde dieses zwar noch einige Voranstalten erfordern, indem in vorbenannten Ländern blos die Renteverschreibungen, welche der Staat oder eine andre öffentliche Casse auf sich selbst ausgestellt haben, dem Gelde gleich cirkulircu; die Privatrentenverschreibungen aber nur bey .gewissen Handclskomtoirs, die nicht ohne Vcrtheil da- bey bestehen, gekauft oder verkauft werden. Allein diese Veranstaltungen sind so schwer nicht. Ein zuverlässiges Hppothckenbuch, wobei) der Staat alles, was darin» eingetragen wird, garautirt, macht die ganze Sache aus; und wie sehr würden sich auf diese Art die Zahlungen erleichtern, wenn wir in einer Zeit, wo das klingende Geld immer rarer wird, ein solches Papier zu Hülfe nehmen könnten? Ich erinnere mich einer alten deutschen Kolonie, worum man diese Einrichtung auf eine glückliche Weise versuchte. Sie bestand aus hundert freyen Höfen, jeder von 40 Morgen. Jeder Hausvater hatte so viele Morgen, aber auch zugleich so viel Folios in einer mit der Colonie angefangenen öffentlichen Bank erhalten. Ans jedem Blatte ein Morgen; ohne Preis. Wenn einer Geld nöthig hatte: so verkaufte er ein, zwey oder drey Blatt im Luche; und diese Blätter wurden demje- G 5 «igen 1O6 Also sollte man den Rentckauf «igen zugeschrieben, der das Geld herschoß. Dabey war es ein Grundgesetz in dieser Colonie, daß darinn keine liegende Gründe für baar Geld gekauft werden konnten. Man konnte für Geld ein Blatt in derBank, und für das Blatt in der Bank, einen Morgen Landes kaufen, aber nicht anders. Bewegliches Vermögen hingegen mußte mir klingender Münze und nicht mit Bankblättern bezahlet werden. Eben diese Einrichtung ist die ganze feine -Philosophie nnsers ehemaligen Conkurs- oder Aensserpro- zesses. Man konnte fein Grundstück äussern, ohne Siegel und Briefe darauf zu haben. Ein Darlehen auf eignen Wechsel, oder dieselbe Summe in baarem Gelde reichte dazu nicht hin. Eben dieses geschähe in jener Colonie. Was hier nicht anders, als auf Siegel und Briefe geschehen konnte, geschah bort nicht anders, als auf ein Blatt in der Bank; uns man steht wohl, daß die Banko die Gerichtsstube, und das Blatt das gerichtliche Dokument fey. Auf Mnndfprache, Wechsel und dergleichen Schulden kömmt es zur Pfändung beweglicher Güter, Also werden diese blos mir baarem Gelde bezahlt, und durch ein gerichtliches Dokument nicht repräsentirt. Zwar werden in unfern neuern gerichtlichen Dokumenten auch bewegliche Güter verschrieben. Allein dieses ist eine elende neuere Erfindung, die ihre Tücke im Conkursprozeß zeigt; die die Gläubiger, welche auf bewegliches Unterpfand geborgt, mit denen zusammen hetzt, die Siegel und Briefe haben, und die elendeste Verwirrung unter den Rcchtsgelehrteu angerichtet hat. Ein ungelchrter Gläubiger, der fein bewegliches Unterpfand in Händen hat, kann es bis in diese Stunde nicht begreifen, woher es rühre, daß er solches zum Conkurs liefer» müsse. Er fühlt ans einem von seinen Vorfahren ererbten Begriffe, daß dieses gegen die Vernnnft sey; und kein Gesetzgeber sollte zugeben, daß bewegliche Güter, den Fall, wenn sie in eine öffentliche Bank gelegt, und folglich unbeweglich vor dem Zmsroittrakt wieder einführen. 107 kick gemacht werden, ausgenommen, durch Siegel und Briefe repräsentiert würden. Unsre Rechtsgelehrten, die von dem Unterscheide des piZuorls und der bypoillocae handeln, tappen im Dunkeln, so lange sie nicht auf den großen Plan jenerColonie zurückgehen. DerBankschrei- ber, der jemanden ein Folio auf bewegliches Vermögen gegeben hatte, ohne sich dieses einliefern zu lassen; oder »im nach unsrer Art zu reden, der Richter, der eine Hypothek auf bewegliches Vermögen aufnimmt, würde als ein öffentlicher Verfälscher bestrafet werden, wenn ihn der Gesetzgeber nicht für dieses Brandmahl gesichert hätte. Wie schön wird aber nun nicht der alte Aeusserpro- zeß? Der Gläubiger, der auf Grundstücke leihet, erhält erst sein Blatt im Buche; hat er dieses sechs Wochen gehabt, und hält sich nicht sicher genug wegen seiner Rente : so wird er an das Grundstück, welches durch das Blatt rcpräscntirt wird, geeignet, und er erhält die Selbstnntzung. Weiter kann er nicht kommen. Will er jetzt seines Schuldners ganzen Hof von 40 Morgen haben: so muß dieser ihm das Recht, diejenigen, welche die zy übrigen Blätter haben, ausbezahlen zu mögen, abtreten ; und damit kann er erst den ganzen Hof erlangen. Man kann sich schwerlich einen schönern und feinern Plan, zum Besten derLandeigenthümer, gedenken. Allein nie können wir dahin zurückkommen, ohne schlechterdings den Zinskontrakt zu verbieten, und statt desselben den Rentekauf wieder einzuführen. Die mit jenem verknüpfte Lo sc, diese elende und schädliche Erfindung, verdirbt alle diese großen Anstalten unsrer Vorfahren , oder jener Colonie. Der Staat, der für die Nichtigkeit des Bankofolio haftet, kann nie die Bürgschaft übernehmen, daß sofort jedes Capital, wenn es gelöset wird, bezahlet werden solle. Zwar hat man in einigen Ländern öffentliche Hypothekenbücher eingeführt, die Grundstücke des Schuldners darinn eintragen, und den Richter io8 Also sollte man den Rcntekauf f Richter für die Richtigkeit desselben haften lassen. Allein diese an sich guten Anstalten thun die Würkung nicht, so lange die Löse bleibt. Das Hypothekenbuch muß nichts weiter als die Existenz des Grundstücks und was es jährlich trägt, garantiren. Der Gläubiger kaust dieses Grundstück und seinen Ertrag mittelst des Anlehens. Entzieht ihm der Schuldner den Ertrag des ersten Jahrs: so kann der Staat ihm den Ertrag des zweyten gewiß durch dieSelbstnutzung verschaffen. Folglich läuft der Staat bey der Bürgschaft fast gar keine Gefahr: er beurkundet dasjenige nur öffentlich, was jeder naher oder ferner Gläubiger nicht ohne Mühe untersuchen kann; und weil das Grundstück im Hypothekenbuch zu keinem Geldwerth angeschlagen ist: so steigt und fällt die Rentever- schreibung eben wie die liegende Gründe steigen und fallen ; und der Rencenicr läuft von Rechtswegen gleiche Gefahr mit dem kandeigenthümer; anstatt daß alle neuere Hypothekenbücher, worinn ein Gut nach Geldeswerth angeschlagen ist, auf einem schlüpfrigen Grunde stehen, weil man Erempel hat, daß liegende Gründe gegen Geld unter die Hälfte fallen können. Dies kann aber auf jene Art gar nicht geschehen. Außerdem aber nützt der Landeigenthümer, wenn er Glanben hält, seine 40 Morgen doppelt, einmal in Natur; und einmal durch seine 40 Bankofolios. Diese letztere müssen nothwendig den vollkommensten Glauben haben, weil sie nicht wie das Geld einen bloßen Conventions- werth haben: sondern Repräsentationen solcher Effekten find, die so lange, als der Grund durch kein Erdbeben verschlungen wird, und Menschen vorhanden sind, die Brod essen wollen, zur unentbehrlichen und unmittelbaren Nothdurft gehören. Ich will der Spekulation, die billiger Weise durch das Steigen und Fallen solcher Rente- verschreibttttgen oder Bankofolios erzeuget werden würde, imgleichen der Comtoirs, wo man sie in dieser Maaße zu jeder vor dem Zinskontrakt wieder einführen. 109 jeder Zeit würde diskontiren können, nicht gedenken, nm nicht weitläuftig zu werden. Genng, die Löse oder das Anlehn auf Zinsen muß bey Landeigemhümern schlechterdings aufhören; wer auf Zinsen leihen will, muß es auf Wechsel, auf bewegliches Pfand oder auf persönlichen Credit thun, und keine Hypothek am Grunde haben. Der Eigenthümer eines Guts kann zu der Erde nicht sagen: Eieb mir nach einem halben Jahre so viel Geld wieder, als ich für mein Gut ausgelegthabe. Dennoch sinken die liegenden Gründe darum nicht in ihrem Werth. Warum sollte denn der Herr einer Nenteverschreibuug mehr Recht haben? Oder kann man fürchten, daß sich weniger Rente- als Grundkaufer finden würden? Unsre Einbildung muß nur erst wieder recht gewöhnet werden, und jeder wird gern Rente kaufen, wenn er nicht mehr auf Zinsen leihen kann. XIX. Vorschlag zur Erleichterung der hofgesessenet» Schuldner. 83enn ein Landmann seinem Gläubige? einiges Land überläßt, um sich ans der Nutzung desselben sowohl wegen des Hauptsiuhls als der Zinsen bezahlt zu machen: so nennen wir dieses Tod bau oderTodsaat. Dergleichen Contrakte sind nun zwar auf sichere Weise verboten, weil sie leicht zum Wucher Anlaß geben können, indem man dasjenige, was der Gläubiger ans diese Weiss erhält, nicht so genau überschlagen kann. Allein bey näherer Prüfung wird man finden, daß diese? Contrakt, wenn er anders genau berechnet ist, dem Schuldner alles leiste, was er insgemein zu wünschen pstegt. Mit Hülfe dessej- iio Vorschlag zur Erleichterung desselben zahlet er in leichten nmnerklichen Terminen ab; das Geld, womit der Gläubiger bezahlt wird, kömmt ihm nicht in die Hände, und geht ihm nach einer richtigen Folge anch nicht durch die Finger; der Gläubiger nimmt sein Capital gleichsam bey Pfennigen an, und dieZeit, wo der eine frey, der andre aber bezahlt ist, nahet ohne menschliche Verhinderung und Beförderung mit gemessenen Schritten heran. Was Nationen, Fürsten und surften- mäßige Schuldner mit einem k'auä cl'-niiorlillöwvut ausrichten, dieses hat die Ersahrnng, als der sicherste Lehrmeister, dem ländlichen Schuldner längst gewiesen; und wie saust ist es, mit jedem Jahr, mit jedem Morgen zn denken, daß man schon wiederum ein Jahr oder einen Tag seiner Befreyung von Schulden näher gekommen, und nun bald der Acker, den der Gläubiger jetzt zum vorletzten und dann zum letztenmal genießt, unter seinen eignen Pflug nehmen werde? Man vergleiche hiemit den bürgerlichen Contrakt von Handverschreibnngen und Zinsen. Wie schrecklich ist der nicht? Hundert Thaler hatte der arme Schuldner in einer Summe nöthig; nun soll er sie in einer Summe auch wieder bezahlen ; er soll sie in derselben Münze entrichten, worum er sie empfangen; er softes seinem Gläubiger ein halb Jahr vorher sagen, wenn er ihn bezahlen will; er soll erwarten, und allezeit fertig seyn, wenn der Gläubiger ihm eine halbjährige Löse thnt: er soft alles, was er dafür hat, zum Unterpfands setzen; er muß dem Gläubiger die Wahl lassen, ob dieser ihm seine bewegliche oder un- vewegliche Haabe und Güter zur bequemen oder unbequemen Zeit nehmen wolle; mit einem Worte, er muß immer in der Furcht leben, jedem der ihm in unverhofften Anstündigungsfaft zu Hülse kommen kann, gefällig seyn, und «venu er die Hälfte, oder auch drey Viertel der Schuld baar liegen hat, dennoch solches unter vielen Versuchungen Jahre lang ungenutzt lassen, oder mit Unsicher- der hofgesessenen Schuldner. 11l heit ausborgen, bis er das ganze Capital zusammen hat; alle Gefahr davon stehen, und es wohl gezählt in seinem Beutel haben, ehe und bevor er es wagen darf, die halbjährige kose zu thun. Wer diesem Contrakt vor jenem den Vorzug giebt, der muß es nie erfahren haben, daß der eine Schuldner, welcher auf Todbau geborget, sich längst wiederum befreyet habe, wenn der andre, der auf baare Wiederbezahlung in einer Summe nach einer gefälligen Lösezeit, Geld genommen, noch nicht einmal von fern an die Erstattung des Hauptstuhls gedenkt; der muß es nicht wissen, wie stark die Versuchung für einen faulen oder grau gewordenen Schuldner sep, seine Zeit mit Abführung der Zinsen hinzubringen, und die Bezahlung des Hauptstuhls seinen Nachkommen zu überlassen ; und wie wenig Menschen in der Welt, fepn, die ihrer eignen Bequemlichkeit etwas entziehen, um für ihre Nachkommen Capitalien zu bezahlen, wenn sie mit der Zinszahlung frey kommen können. Selbst der Vorsatz sogenannter fetter Ländereyen, wo der Schuldner das dem Gläubiger überlassen? Land selbst düngt und pflügt, um den Todbau so viel geschwinder zu bewürfen, ist glücklicher wie ein solcher bürgerlicher Contrakt erfunden, besonders wo der Schuldner nur weniges Land anf diese Art versetzt, folglich seinen Viehstapcl und seinen Hanshalt darum nicht vermindert, sondern gerade den Dünger, die Pferde nnd die Zeit hat, um das seinem Gläubiger untergebene Land zu bestellen. Dcr Ueberschuß seiner Zeit, seines Düngers und seiner Arbeit, bleibt ungenutzt, wenn sein Haushalt der ganzen Stätte angemessen, nur ein oder ander Siück Land davon zum Todban versetzt, und er nicht berechtiget ist, auch diese zu düngen und zu bearbeiten, um sich einige Jahre eher zu befrepen. Gesetzt aber dennoch, man billige den Todban ohner- achtet aller dabei) anzubringenden Verbesserungen nicht: sollte man denn nicht die Einrichtung treffen können, Daß ii2 Vorschlag zur Erleichterung Daß derLandmann nicht anders als zn 6, 7 oder 8 pr. Cent borge» durfte, und solchergestalt sein Capital allmählich selbst tödten mußte? Der Nutzen einer solchen Art von Zahlung leuchtet einem jeden aus obigen in die Augen, und es bedürfte nur einer öffentlichen tabellarischen Rechnung, um sowohl den Glaubiger als Schuldner zu unterrichten, in wie viel Jahren die Tödtung des Captials auf diese oder jene Art erfolgen würde. Wer jahrlich 1 pr. Cent mehr bezahlt als die Zinsen betragen, tobtet sein Capital, wenn er solches mit 5 von Hundert verzinset, in Z7Jahren; wenn er es mit 4 von Hundert verzinset, in 41 Jahren, und wenn er nur Z vom Hundert giebt, in 47 Jahren. Allein die Haupt- schwierigleit bleibt immer übrig, ob sich Gläubiger finden werden, welche ihr Geld ans diese Bedingung hergeben wollen. Daß sie es ans den Todbau so gern austhun, macht außer der Begierde nach dem Ackerlande, die grössere Sicherheit und auch wohl der heimliche Vortheil. Allein wie ist er zu bewegen, ohne eine gleiche Sicherheit und ohne einen gleichen Lortheil sein Capital durch einen geringen jährlichen Abtrag tödten zn lassen? Ein Gesetz, daß gar keine andre Verschreibungen oder Versprechungen der schätzbaren Landlente gültig seyn sollten, als welche zugleich auf eine allmählige Tödtnng des Capitals gerichtet würden, könnte etwas würken. Eine Verordnung, daß derjenige Gläubiger, welcher auf Abschlag seines Capitals jährlich 2 oder z pr. C. annehmen würde, die Zinsen zu 6 p. C. sollte rechnen dürfen, möchte auch noch manchen bewegen, sein Capital auf diese Weise abtödten zulassen, und der Schuldner sowohl als ihre Stätten würden sich immer noch besser bey 6 p. C. Zinsen stehen, als wenn sie jährlich z pr. C. zurück legten, und nachdem sie solchergestal: das Capital in drep und drepßig Jahren mühsam und gefährlich gesammlet und ersparet, solches ihrem Gläubiger in einer Summe bezahlten. Allein der hofgesessenen Schuldner. uz lein das mchrste würde doch meines Ermessens darauf ankommen, daß dem Gläubiger dagegen eine größere Sicherheit, und wo möglich, eben dieselbe geleistet würde, die er hat, wenn er das Land zum Todbau unter hat; und diese könnte bestellet werden, wenn die Landleute, die hier jetzt unter 4 bis 5 konkur- rirenden Gerichtshöfen stehen, unter eine einzige gebracht ; sodann die Gerichtszwange verkleinert, und die Richter angewiesen würden, ein eignes Buch und in demselben für jeden Schuldner eine eigne Rechnung zu halten, mithin am Schlüsse eines jeden Jahrs nachzusehen, wie weit der Schuldner mirTödtung seines Ca- pirals gekommen, ihn auf dem Fall, da er es daran ermangeln lassen, dazu anhalten, und von Amtswegen immer sowohl für die Sicherheit des Gläubigers, als die Ordnung des Schuldners zu sorgen. Der Landmann, dem bey dieser Art desAnlehns, nie ein Capital gelöset, dem nie ein mehrers ans einmal zu bezahlen, auferlegt wird, als er nach vorgegangener Untersuchung zu bezahlen im Stande ist, und dessen Zahlnngs- termine nicht wie jetzt, auf alle Tage im Jahre, sondern ewig und unveränderlich ans gewisse bequeme und seinen Umständen angemessene Zeiten gesetzt würden, würde solchergestalt, und wenn zugleich alle andere Arten von Anlesen verboten , sodann auch keine andre Verschreibun- gen und Versprechungen gültig wären, als die in des Richters Buche stünden, glaube ich, immer noch ein Anlehn zur Todzahlung finden; und wie glücklich wäre der Gläubiger, der auf diese Weise nie zu fürchten hätte, daß sein Schuldner aus Roth die Schuld längnen, einen Prozeß anfangen und ihn in schwere Kosten verwickeln könnte? Mosersphanr II. Theil. H Vorschlag XX. Vorschlag zu einem öffentlichen Kirchspielsamte. jedem Kirchspiele sollte billig ein öffentliches Amt, oder wie man in England spricht, a public cMca. seyn, des.- sen sich dasselbe, so wie jeder einzelner Eingesessener, zn den hiernächst weiter anzuführenden Bedürfnissen, bedienen tonnte. Das Notariatamt ist zwar wohl im Anfang auf diesen Zweck gerichtet gewesen; auch mögen die Amtsund Gerichtsstnben ursprünglich zu einer gleichen Absicht gedienet haben. Seitdem aber der Zugang zu letztern und den darum niedergelegten Nachrichten bisweilen versperret, die Amts - und Gerichtssprengel auch gar zu weit- kauftig und das Notariatamt mehrmals verdächtig geworden; hicrnächst auch die Laden der Gilden in den Städten von den Gerichts - und Stadtarchiven wohlbedächtig abgesondert sind: so glaube ich nicht ohne Grund ein solches öffentliches Amt anpreisen zu können. Bey einem solchen öffentlichen Amte und in dessen Schränken müßte liegen Erstlich eine vollständige und von allen für richtig erkannte Charte vom ganzen Kirchspiel, worauf eines jeden Eigenthum mit seinen Gränzen, insbesondre aber die Gemeinheiten mit Holzungen, Weiden, Plaggenmat- ten, Weisungen, Brücken und Wegen :c. deutlich und kichtig verzeichnet wären; ZweytenS, ein Buch zu den Gerechtsamen dieser Gemeinheit, und was ein jeder darauf zu fordern, zu unterhalten, und zu sagen hätte; Drittens, das Kataster des Kirchspiels, worinn eines jeden Privateigeuthum deutlich mit allen seinen Pflichten und Abgisten beschrieben wäre. KZier- zu einem öffentlichen Kirchspielsamte, i iL Viertens, ein gleiches Luch für das Einkom- lnen der Kirche, und der bei) derselben dienenden Personen, wie auch für die übrigen Gerechtsamen der Kirche, der Pastorat, der Küsterep und andrer dem Kirchspiele in Gemein zugehörigen Gebäude und Gründe, ungleichen für die öffentlichen Armenmittel. Fünftens, die Sammlung aller Originalien oder doch beglaubter Abschriften aller die Gemeinheit betreffenden Urkunden ?c. :c. besonders aber SechsienS, ein Hypotheken - oder Bankobuch, worinn jeder Kirchspielseingescssener fein eignes Blatt oder Conto hätte, worauf er seine Schulden eintragen lassen konnte. Die Wichtigkeit des letztern ist um so viel größer, je mehr oft der Credit solchen, die es nicht verdienen, gegeben, und andern, die ihn villig finden sollten, versaget wird. Die Führung dieses Buchs würde dem zeitigen Küster oder Schulmeister, der zugleich der einzige 'i -.oilegirte Notarius des Kirchspiels seyn könnte, anvertrauet, und in dessen Hause zugleich der gemeine Schrank oder die Lade niedergesetzt, worinn dasjenige, was vorbedacht ist, insbesondre aber das Bankobuch, niedergelegt werden konnte. Dieser Schrank müßte wöchentlich an einem bestimmten Tage und zur gewisse» Stunde in Gegenwart des Pfarrers, welcher zugleich einen zwey- ten Schlüssel dazu haben müßte, und dreyen Geschwor- nen eröffnet, und sodann diejenigen Sachen darinn eingetragen werden, welche darinn zu verzeichnen seyn würden ; damit die dazu Verodnete nicht stündlich überlaufen würden. Da ein Rotarius mit dreyen Zeugen hier im Stifte ein dem gerichtlichen gleichgeltendes Dokument ausfertigen kann: so sehe ich nicht, warum ein solches öffentliches Amt, ob es gleich keine Gerichtsbarkeit haben darf, nicht gleichen Glauben finden sollte -, und es müßte auch H 3 beste- Vorschlag bestehen können, wenn ihm für seine Bemühungen ein sichres zugelegt, dagegen aber kein andrer Notarius im Kirchspiel geduldet würde. Um dieses noch mehr zu befördern, konnte man verordnen, daß gar keine Schulden schatzbarer Unterthanen zur gerichtlichen Klage angenommen werden sollten, wenn sie nicht in diesem Buche verzeichnet waren. Wollte man den Nutzen dieses Bankobuches noch weiter ausdehnen: so müßte ein jeder die Summe, die er nach dem Maaße seiner unterhabenden Statte jährlich aufbringen könnte, nach dem Ermessen der Geschworneil darum eintragen lassen, und die Geschwornen dafür, daß diese Snmme jahrlich richtig eingehen könnte, einstehen. Wenn dann einer etwas benöthiget wäre: so könnte er mit dieser Bescheinigung und mit dem Auszuge seiner bereits habenden Schulde» überall Credit finden, eben wie ein Landmann in England mit einer gleichen Bescheinigung, Annuitäten auf seinen Hof beglaubigen, und solche in London verkaufen kann. Würde von irgend einem Gerichte eine Exekution wider diesen oder jenen Schuldner erkannt: so müßte der Pfandzettel allemal erst dem vorbesagten Kirchspielsamte an dem wöchentlich bestimmte» Tage vorgezeiget werden; und dieses darauf bemerken, wie viel der Schuldner in dem Jahre bezahlen könnte, sintemahlen und wenn bereits andre Exekutiones dasjenige, was einer jährlich nach dem Bankobuche aufbringen könnte, erschöpfet hätten, keine weitere Exekutiones für das Jahr Platz finden müßten; der Vogt richtete sich dann mit der Pfändung nach jener Bemerkung des Kirchspielsamtes. Wählte man folgends besondre Pfan- dungszeiteu, so daß der Schuldner z. E. nur auf vier oder sechs bequemen Tagen im Jahr, wo er sein Korn oder Linnen versilbert haben kann, gepfändet werden dürfte: so würden die einlaufenden Psandzettel dem Kirchspielsamte vorgelegt, welches sie mit Bemerkung der Zeit, zu einem öffentlichen Kirchspielsamte. 117 Zeit, i'anu sie präseutiret worden, an den Vogt beförderte, nnd.sodann den Landmann wider alle nnzeitige, übermäßige und verderbliche Exekutiones sicher stellet?. Wenn Eigenbehörige sich dieses Buchs bedienten: so erhielten die Gläubiger dadurch zwar kein mehrcrs Recht, als wenn sie einem Leibeignen auf einen Notariat- schein leihen. Sie könnten aber doch immer ans demBan- kobnch sich belehren: ob derselbe sein Erbe über ein gewisses Maaß beschwerte, und seinen Gutsherrn zur Abäußerunz berechtigte, oder sonst eine üble Wirthschaft führte. Der Gutsherr selbst lernte die Wirthschaft seines Leibeignen auch kennen, und sähe sogleich: ob dieAuffahrts- Freybriefs- oder Sterbfallsgelder gehörig bestritten, oder nur ausgeliehen würden. Andrer Vortheile jetzt nicht zu gedenken. Außerdem aber könnte Siebentens ein solches öffentliches Amt zur Bewahrung eines jeden Privaturkunden, die sonst unter den Strohdächern der Bauern so leicht vermodern oder von den Mäusen gefressen werden, dienen; oder einer könnte darinn die beglanbten Abschriften davon niederlegen lassen; jedes Kirchspiel könnte auch seine Rechte und Gewohnheiten, in Ansehung der Erbfolgen, der Ehen, der Mark :c. :c. vor diesem Amte beschreiben lassen : und solchergestalt unzählichen Prozessen vorbeugen; und wie sehr würde überhaupt die allgemeine Sicherheit dadurch befördert werden? XXI. Die Abmeyerung, eine Erzählung. erinnerst dich noch wohl, wie wir zu Badbergen mit einander in die Schule giengen ; ich glaube, es werden nun bald fünfzig Jahre seyn. Meine Eltern baueten da- H z mals ii8 Die Abmeyerung, eine Erzählung. mals Netmars Erbe, welches iinsrs Vorfahren, wer weiß wie lange und zuerst als Eigeuthümer, besessen hatten. Sie halten jederzeit ihr iwthdürftiges Auskommen darauf gehabt, ihrem Gutsherrn das sinnige richtig bezahlt, und in guten Iahren noch wohl einen Thaler für ihre Kinder erübriget. Allein mein Vater starb in feinen besten Iahren, nachdem er sich in der Erndte zu sehr erhitzt haben mochte, und meine Mutter überlebte diesen Verlust nicht lange. Sie war noch nicht begraben: so kam der Gutsherrliche Verwalter, welcher ehedem ein Prokuratov gewesen war, und schrieb alles auf was im Haufe war. Ich durfte mich diesem Beginnen nicht widersetzen, weil es leider die Rechte so mit sich brachten, und ich mochte wollen oder nicht: so mußte ich ihm die von meinen Eltern Hinterlasseue Erbschaft, ohuerachtet mein Vater und Großvater verschiedene Stücke davon schon mehrmals ge- löset hatten, aufs theuersie bezahlen, wenn ich nicht alles was im Hanse war, Früchte, Vieh nnd Hansgeräthe, ans einmal verlieren wollte. Das baare Geld, was sich fand, nahm er gleich zu sich; ich mußte also beym ersten Anfange borgen, und sogar die Kosten zu meiner Mutter Be- gräbniß. Dieß setzte mich schon etwas zurück, nnd wie ich mich durch eine Hcprath erholen wollte, forderte der Verwalter auch den Brautschatz meiner Frauen zum Wein- kause für sie. Was sollte ich rhun, Heinrich? Mein Gutsherr war unmündig, und der Verwalter von dem Richter bestellet, der die Leute schalten und walten oder die Unterdrückten Prozessen ließ. Es war kcin Banm ans dem Erbe, den meine Vorfahren nicht gepflanzt hatten, und den ich nicht als Vater und Bruder betrachten konnte: Gebäude nnd Accker waren von ihnen und auch in gutem Stande, nnd diese mir dem Rücken anzusehen, war mir nicht möglich. Ich gab also alles hin, was mir nieine Braut zubrachte, nnd der Prcknrator nahm sogar zween Die Abmeyerulig, eine Erzählung. 119 zween harte Thaler, die sie mir auf die Treue gegeben hatte, für die Schreibgebühr zu sich. Nuu dachte ich, würde ich doch arm und ruhig leben können. Allein der gransame Mensch behauptete, ich hat- tc bei) dem Sterbefalle etwas verschwiegen, und forderte mich darüber zum Eyde. Diesen wollte ich ungern ablegen, und es gieng daher zum Prozeß, den ich mit allen Kosten verlohr, weil sich noch ein Fohlen, so ich in meines Vaters Hause angezogen hatte, in der Weide befand, das ich wohl gewußt, aber anzugeben vergessen hatte. Um die Kosten zu bezahlen, mußte ich neue Schulden machen, und weil ich vielleicht nicht mit dem Mathe und dem Eifer arbeitete, womit ich unter glücklichern Umstanden meinBrod gewiß erworben haben würde: so schlugen mir einige Erndten nacheinander ab; ich verlohr einige Pferde; und weil selten ein Unglück allein kömmt: so ward ich auch zuletzt von der Viehseuche heimgesucht, so daß ich endlich so wenig die Gutsherrlichen Gefalle, als die schuldigen Zinsen gehörig bezahlen konnte. Meine Brüder, denen ich ihren Antheil aus dein Erbe geben mnßre, drangen zu gleicher Zeit auf das ihrige. Ich ward verklagt, verdammt, gepfändet, und nach einigen kummervollen Iahren, zuletzt mit meiner Frau und sechs Kindern des Erbes, was ich dreyßig Jahr im Schweiße meines An-' gesichts gebauet hatte, entsetzt. Indessen brachte der Verkaufdes meiuigen noch so viel auf, daß meineSchul- den insgesammt hätten bezahlet werden können, wenn die Unkosten nicht zu viel davon weggenommen hätten; und ich hatte wenigstens die Beruhigung, daß ich nicht als ein unredlicher Mann gehandelt hatte. Ach Heinrich, du hättest unfern Abzug sehen sollen! Er würde dir gewiß mitleidige Thräncn abgepreßt haben. Meine Frau hatte ihr jüngstes, das damals zehn Jahr alt war, bey der Hand; und zween andre faßten ihren Rock an, um sie zu halten, oder mit fortgezogen zu wer- H 4 den; i2c> Die Abmeyerung, eme Erzählung. den; zwccn andre schrieen ihr nach und fleheten, sie möchte sie dach mitnehmen, wohin sie auch gisnge. Ich eilte mit meinem ältesten, um nicht von den Gerichtsbedienten ans dem Hanse gewiesen Z» werden, durch die Seitenthür in den Garten, und ohne mich umzusehen, fort. Keiner von uns hatte einmal daran gedacht, das letzte Brod, was uns noch übrig geblieben war, mitzunehmciw Ich weiß nicht, ob du dich noch nnsers alten Trüwarts erinnerst? das arme Thier! ich werde es Zeitlebens nicht vergessen. Vor Alter blind und entkräftet konnte er uns kaum nachfolgen. Zitternd kroch er uns bis zu dem Stachclbee- renbnsche nach, der, wie du weißt, bey der Thüre nach der Wiese stand, und wo er sich sonst zu sonnen pflegte. Hier legte er sich nieder. Wir andern giengcn fort, ich rief ihm, er wedelte mit dem Schwänze ohne aufzustehen ; ich lockte ihn und schrie Trüwart, Trüwart; er heulte noch einmal und starb. 'Auch ich hätte mein Grab bey ihm finden können: aber es gefiel Gott, mein Leben für meine Kinder zu fristen." Hier machte der Alte eine Pause, und sah seinem Freunde ins Auge, das von Thränen überfloß. Für ihn selbst war dieses eine Geschichte, die er schon sehr oft überdacht hatte. Eine einzige Thräne entfiel seinem Auge und er fuhr fort. . . . Es kann dieses noch fortgesetzt werden. Der Stoff dazu liegt in tbo meu ok Vorerst aber »vollen wir hier abbrechen, nachdem der Held Trüwart gestorben. Ich meyne, daß dieses der erste Hund sey, mit dem sich ein Trauerspiel geendiget hat. Es ist aber auch ein ländliches Tranerspiel. XXII. 121 XXII. Der Verkauf der Frucht auf dem Halme ist eher zu begünstigen als einzuschränken. ^s wird im Stifte Osnabrück jährlich viele Saat auf dem Felde, oder vieles Korn auf dem Halme verkauft; einige säen mit Fleiß mehr aus, wie sie zu erndten gedenken, und suchen hernach ihren Vorthcil in dem Verkauf der grünen Frucht. Andre, welche sonst ihrer Ein- richrung halber etwas Ackerbau treiben müßten, unterlassen diesen, weil sie hiernächst, so viel wie sie gebrauchen, ans dem Felde haben können; nnd es kann diese Art der Wirthschaft für bepde Theile vortheilhaft seyn, indem derjenige, der die Pferde hat, gleichsam der Verleger aller derjenigen wird, die keine halten, und anstatt ihnen täglich für Lohn zu dienen, die ganze Ackerbestellung auf seine Rechnung und Gefahr thut. Gesetzt, ich wollte einen A>ker selbst bestellen; so müßte ich darauf Acht geben, daß er recht gepflüget, gedünget und bestellet würde; ich müßte zusehen, daß mir durch Treiben, Fahren oder Treten kein Schade zugefügt würde; ich müßte für die Verzännung sorgen lassen, ich müßte Pferde halten, oder von andern, so dergleichen halten, abhangen, und überhaupt müßte ich manche Stunde verschwenden, die ich in meinen Umständen, und da ich nur ein bischen Ackerbau haben würde, besser anwenden könnte. Dafür vermiethe ich mein Land an einen der selbst Pferde und Gesinde ans den Ackerbau erhält, der nicht um einen, sondern um hundert Morgen seine Stege und Wege thut; der sein ganzes Geschäfte aus dem Landbau macht . . . und kaufe dann hernach vor der Erndte von diesem Manne so viel Korn ans dem Halme, als ich gebrauche und haben will. Dabei) stehen beyde Theile sich unstreitig besser, als wenn jeder seineu besonder,, Ackerbau hätte; H 5 und i22 Der Verkauf der Frucht auf dem Halme und es wäre eine große Frage: Ob man nicht wohl thä- thc, das ganze Hcuerwesen im Lande auf diesen Fuß zu fetzen, mithin schlechterdings den Erbgesessenen Unter? thanen alles Verheuren ihrer Ländereyen zu verbieten, und dafür den Verkauf der Früchte ans dem Halme zn begünstigen. Denn dabei), daß der Henermann, der sich ein altes Pferd kauft, seinen Acker selbst bestellet, oder von seinem Wirthe bey Feierabenden bestellen läßt, verliert das Publikum unendlich viel, weil die Bestellung zn schwach ist; und der rechte Wirth, der drei) Viertheil seiner Ländereyen an feine geringe Nebenwohner verhcu- ret, wird schwach in der Spannung und im Viehstapel, und verliert nach einer natürlichen Folge den Geist seines Berufs. Besser wäre es also, wenn der Wirth auf dem Erbe alles selbst bestellete, nichts verhenrete, und seinen Heucrleutcn, was sie gebrauchten, auf dem Halme überließe. Der einzige Verlust dabei) für die Heuerlente würde der Mist feyn, den sie von ihrem Viehe und sonst erhalten. Mein diesen konnten sie auch wiederum Fuderweise an den rechten Wirth verkaufen, und hernach an dem Werth der Frucht kürzen. Indessen verbieten viele Reichs - und Landesgcsetze den Verkauf der Früchte auf dem Felde, und insbesondre sind die deutschen Gefetze hierinn sehr von den römischen abgegangen, die nach jenen hvhern politischen Grnnbsaz- zen den Verkauf der Früchte auf dem Halme völlig frey gelassen haben. Die hiesige Landesordnung, nachdem sie sich erst auf die im Jahr 1548 aufgerichtete Reformation guter Polizei), und ferner auf die Reichspolizey- ordnnng von 1557 bezogen, drückt sich darüber folgen- dergestalt ans: Da Wir mißfällig in Erfahrung bringen, daß solchen heilsamen Gesetzen öffentlich zuwider gehandelt, und hin und wieder das annoch auf dem Felde im Halm stehende Gewaide, Winter- und Sommerfrucht, von ist eher zu begünstigen als einzuschränken. 12z gewinnsüchtigen Leuten mit offenbarer Vervortheilung des Käufers, abgekauft werde; und dann solchem verderblichen wncherlichen Unwesen länger nicht nachzusehen ist: als setzen, ordnen und wollen Wir, daß von nun an alle dergleichen Kauf und Verkauf auf dem Halme im Felde, unter den schatzpflichtigen Un- terthancn, so fern solcher nicht unter gerichtlicher Authorität an den Meistbietenden geschieht, gänzlich aufgehoben; der Verkäufer an denselben nicht gehalten, vielmehr ein solcher Eontrakt null und nichtig, tuid der Käufer die Hauptsnmme zu rcpetiren nicht defugt, sondern derselben gänzlich verlustig seyn solle. Einige sind der Mepnnng, daß diese Verordnung weiter als die Reichsgesetze, welche den Verkauf auf den Schlag und gemeinen Kauf, was das Getraide zur Zeit des Contrakts oder 14 Tage nach der Erndte gelten wird, erlauben, mithin nach der Mepnung der vernünftigsten Rechtsgelehrteu, blos den wncherlichen Contrakt verbieten, sich erstrecke, und schlechterdings allen außergerichtlichen Verkauf der Frucht im Felde verbiete. Da aber in der That 1) Der Verkauf der Frucht auf dem Felde nach obigen Grundsätzen eine Begünstigung verdienet; da 2) Er ben uns ein gewöhnlicher öffentlicher Handel ist, der vor und nach jener Verordnung beständig geschehen; da z) Der Eingang der Verordnung zeigt, daß man blos dem unerlaubten Wucher, wobei) der arme Verkäufer, der aus Roth losschlägt, überraschet wird, steuren wollen; da 4) Wenn jeder solcher Verkauf gerichtlich und meistbietend geschehen sollte, die Diäten und Sporteln den armen Verkäufer mehr wie der Harteste Gläubiger beschweren würden: so darf man billig dafür halten, daß der i 24 Der Verkauf der Frucht auf dem Halme :c. der Sinn dieser Verordnung blos auf die wuckerlichen, und überhaupt auf alle solche Contrakte gehe, wo nach des Richters und der Churgenossen Ermessen für die Frucht zu wenig bezahlt worden; daß aber diese Einrede von Seiten des Verkaufers nicht gemacht werden sollte, wenn der Verkauf gerichtlich und mehrstbictcnd vorgenommen worden. Wenigstens haben alle Reichs' und Landgesetze in Deutschland von gleichem Inhalt, diese Auslegung gestattet, und wenn sie gleich zu einer Zeit, wo der Wucher hoch gestiegen war, sich hart und strenge ausgedruckt, um einem gegenwärtigen Nebel zu steuren ; dennoch in der Folge der natürlichen Freyheit des Handels, dem Willen der Contrahentcn, und dem wahren gemeinen Nutzen diese Erweiterung nachgegeben. Eine authentische Erklärung hierüber würde jedoch allen Zweifel am besten abhelfen. Es ist gefährlich, Gesetze zu haben, die, wenn man einem übel will, sofort der Rache die Hand bieten; und es schwächt das Ansehen andrer Gesetze, wenn man einem öffentlich zuwider lebet, und ohnerachtet der Verkauf aller Früchte auf dem Lande verboten zu sepn scheinet, dennoch solchen alle Tage vor Augen sieht, und es oft selbst von Gerichtswegen einem verschuldeten Eigenbehörigen erlaubt, zu Befriedigung seiner unbewilligten Gläubiger einen bestimmten Theil seiner Früchte auf dem Lande zu verkaufen, und das Geld dafür dem Gerichte oder dem Verwalter einziw liefern. XXIII. I2L XXIls. Also sollte matt die Gemeinschaft der Güter unter den Landleuten nicht aufheben ? „ ^n den wenigen Iahren, daß ich mein Richteramt bekleidet, sagte neulich ein Richter, sind mir jetzt 7z Falle vorgekommen, worin» die Weiber der geringen Heuerlente ans dem bände sich ihres sogenannten Franenrechts bedient, nnd wenn ihre Männer gepfändet worden, sich den Gläubigern unter dem Verwände widersetzt haben, daß die gepfändeten Sachen ihnen zngehörten, oder von ihnen bep der Heprath eingebracht worden. Allein so groß ihr Recht seyn mochte: so schwer war allemal der Beweis, und wenn er auch durch Zeugen nu>' summarisch geführet wurde: so war es doch nimmer möglich , das Verfahren hierüber so kurz und wohlfeil einzn- richten, daß nicht am Ende die gepfändeten Sachen mit den Gerichtskosten aufgiengen. Der erbitterte Gläubiger hatte insgemein band- und Haushener zu fordern; er hatte das eingebrachte Gut als seine gesetzmäßige Sicherheit angesehn; und wie er dieses mit gutem Glauben und redlichem Eifer verfolgte: so konnte man ihn nicht sofort als einen andern frevelmüthigen Kläger abweisen, auch selten in die Kosten verdammen. Die Frau hingegen, welche als Magd hier ein Oberbette, dort einen Pfühl verdient, bald eine Kuh mitgebracht, bald eine andre dafür getauscht, oder von den Ihrigen gekauft zu haben behauptete, und über alle diese Umstände Zeugen und Beweis führet: wollte, konnte auch nicht so gleich zurück gewiesen werben; und so mußte man nothwendig ein zulängliches, obgleich noch so kurzes Verfahren verstatten, dessen Er- folg 126 Mm sollte die Gemeinschaft der Güter :c. folg allemal dieser war, daß Bette, Pfühl und Kuh mit den Kosten anfgiengen. Wie traurig ist es aber nicht für einen redlichen und empfindlichen Manu, das immerwährende Instrument zu diesem Unglück zu sepn? und unter dem Fluchen des Gläubigers und dem Heulen der Frauen die elenden Gebühren anzunehmen, die mau, da sie gesetzmäßig und den Nichtern zu ihrem einzigen Gehalte angewiesen sind, doch so wenig für sich, als diejenigen, so daran Antheil haben, verschenken kann. In keinem Stücke hat die Praxis, welche seit drepßig Iahren die Gemeinschaft der Güter unter freyen Leuten auf dem platten Lande aufgehoben, gottloser gehandelt als in diesem. Das ^redliche deutsche Recht hatte die Gemeinschaft der Güter unter Eheleuten eingeführt. Das Wohl des Staats will, daß die geringen Leute Credit für Land- und Hausheuer bis zur Ver- fallzeit finden, weil sie selten voraus bezahlen können; die Erfahrung zeigt, daß das römische Recht, was in der Hauptstadt der Welt vvrtreflich war, sich für so geringe Leute nicht schicke, weil der Beweis zu viel Kosten erfordert; und doch hat die Proceßsüchtige Praxis hier einen Absprung gewagt, der um so viel unnöthiger ist, da es jedem, der es der Mühe werth achtet, ohnehin frey sieht, die Gemeinschaft vor der Ehe auszuschließen, und des Eingebrachten halber die nöthige Vorsicht zu nehmen. Allein der Richter kann hier, nachdem die Gewohnheit zum Gesetze geworden, nichts ändern. Der Gesetzgeber muß es thun." ? ^7 XXIV. Also sollte man die römischen Stipulationen wieder einführen? ,,^s geht mir recht übel in der Welt: ich habe einem gewissen Frauenzimmer, mit dem ich etwas zu vertrauet wurde, in aller Geschwindigkeit die Ehe zugeflüstert, und nun bin ich deshalb gerichtlich belangt. Einem Herrn, der mich zu einer Mahlzeit begehret, und mir sehr viele Höflichkeit erwiesen, habe ich tausend Thaler zu leihen versprochen; und er droht mir mit einer Klage, wenn ich nicht Wort halte. Noch habe ich jemanden zugesagt, daß ich ihm mein Haus vor einem andern vermiethen wollte, sobald es ledig würde; und ich bin wirklich vom Richter verdammt, mein Wort zu halten; ist das nicht grausam? und sollten die Gesetze dieses gestatten? Die Römer, dieses kluge Volk, das die Welt kannte, und wußte, was Complimente waren, machten einen Unterschied nnter bloßen Versprechungen, und unter solchen, welche auf eine gewisse ftperliche Art und mittelst einer vorgeschriebenen Formel geschehen waren. Die ersteril hielten sie für dasjenige was sie waren, nämlich für Complimente, und wenrl einer darum klagen wollte: so wiesen sie ihn gleich von der Gerichtsschwells weg. Nur die letztern waren unter ihnen bedachtsame und kräftige Versprechungen. Die alten Deutschen waren gleicher Meinung, obwohl auf eine andre Art. Sie hielten nämlich alle Zusagen, welche des Nachmittags oder auch vielleicht wohl Vormittags über geschehen, für nnkrästig, wenn sie nicht des andern Tages noch einmal wiederholet würden 6); und der Narr, der zuerst das Sprichwort: ein M a n n 6) Verena et nnda omnium mens pokera äZe rsvocskui, er sal v-i «tts rsmxorI-5 rkris Lsc.id, 6s AI. Q. c. 128 Also sollte man die römis. Stipulationen Mann ein Mann, ein Wort ein Wort, so ausgelegt hat, daß ein ehrlicher Mann sein erstes Wort nicht widerrufe» könne, hat mehr Unglück angestiftet, als man glauben sollte. Denn wie viele kostbare Proteste sind nicht seitdem über bloße Versprechungen, die in einem unüberlegten Augenblick, in der Hitze einer Leidenschaft, oder aus Höflichkeit geschahen, geführet; wie viel falsche Eyde sind nicht darüber geschworen, und wie mancher ehrlicher Kerl ist darüber nicht an eine schlechte Frau gefesselt worden? Warum haben wir neuern nun aber jene ebne Bahn verlassen? warum halten wir jedes Versprechen sogleich für bündig? und was hat uns in aller Welt bewogen zu glauben, daß uns eine Handlung weniger gereuen könne als unfern Vorfahren? In der That, ich weiß keine Ursache anzugeben. Die einzige, so mir bepfällt, ist der Begriff einer romantischen Ehre, der uns noch aus den Ritterzeiten übrig ist, der sich aber zu bürgerlichen Handlungen gar nicht schickt. Der gesunden Vernunft, so wie deu vorangesührten römischen und deutschen Grundsätzen nach, sollte es keinem ehrlichen Manu zum Schimpf, sondern vielmehr zum Ruhm gereichen, daß er ein Versprechen, was er nicht mit Bedacht gethan, binnen 24 Stunden wieder zurück nimmt. Dieß ist der menschlichen Natur gemäß, und wer gestehen muß, daß er fehlen kann, muß sich auch nicht der Reue schämen dürfen. Wenn zu einem bloßen Eheversprechen, in solchen Ländern, wo dergleichen für gültig gehalten wird, durchaus erfordert würde, daß beyde Theile vorher ein lautes Gebet thun müßten, und daß folglich keine Klage und kein Epdes- antrag zugelassen würde, worum nicht, daß dieses Gebet mit allen Buchstaben laut ausgesprochen worden, articnli- ret würde: so würde ich jetzt zu meiner vermeyuten Braut mit Wahrheit sagen können: IVlÄTheil. I lZo XXV. Schreiben über die Cultur der Industrie. ^ie wollen eine Fabrik anlegen, nnd dieses unter den Zlngen einer neugierigen und verwitzigen Menge! O spare!» Sie doch Ihr Geld und Ihre Gesundheit! Wer in dergleichen Nnternehmnngen glücklich seyn will, muß keine Aufmerksamkeit, keinen Vorwitz erwecken. Er muß lauge in dunkler Stille arbeiten, viele vergebliche Versuche, viele falsche Unkosten, und manchen heimlichen Verdruß ausdauren, ehe er die Blendungen fortreißen und sein neues Gebäude öffentlich zeigen darf. Thnt er dieses nichr: so wird er ein Märtyrer seiner Empfindlichkeit; die Eitelkeit, dieses allgemeine Ingredienz unfrer Handlungen, führ: ihn von dem mühsamen Wege auf den geschwindem, von dem richtigen auf den glänzenden, und — kurz, er arhmet denen sabricirenden Fürsten oder ihren jungen Cammerräthen nach, die das geschwinde und laute Lob der leichtfertigen und schmeichelnden Menge dem stillen Segen der Nachwelt vorziehen; die eine Fabrik zur Zeit der Frühlingssaat anlegen, und in vierzehn Wochen die Gerste aus dem Sacke und wieder darin» haben wollen. Ich erinnere mich immer mit Vergnügen der Frau, die ein Soldat aus Braband mit sich brachte. Sie machte die schönsten Spitzen und hatte zwey kleine Kinder, die sie nichts anders und auch nichts bessers zu lehren wußte. Die Nachbars-Töchter in dem deutschen Dorfe, wo sie sich niederließ, sahen es anfänglich mit Verwunderung an, und wünschten ihren Gespielinnen gleich zu kommen. Ihre Mütter schickten sie endlich zu ihr in die Schule, und in Zeit von dreyßig Iahren Iva reu alle Mütter des Dorfs schon wieder Klöpplerinnen, die ihre Kinder zu gleicher Arbeit gewöhnten. Jetzt werden daselbst die schön- Schreiben über die Cultr.r der Industrie, izi schönsten brabantischen Spitzen gemacht, und dieses ist, meiner Meynung nach, die wahre Art, den Geist der Fabrik zn verpflanzen. Wv ist aber der große Herr, der die Geduld hat, so lange auf den Erfolg seiner Anstalten zu warten? Glanben Sie aber nicht, daß ich dergleichen fürstliche Unternehmungen tadle. Nein, ich lob? sie, weil von den Trümmern ihrer Anstalten insgemein noch etwas zurück bleibt, was nach langen Jahren wiederum zu einem neuen Gebäude versammlet wird; allein ein Privatmann kann auf diese Art nicht verfahren. Jener kann auf eine rühmliche Art bcy solchen Unternehmungen verlieren, ja er sollte billig allezeit verlieren, weil es feine Sache nicht ist, durch Fabriken zu gewinnen. Allein dieser schadet sich und schreckt andere von ahnlichen Unternehmungen ab, wenn er Sachen mit dem Scheine des besten Evfcrs anfängt, und dennoch dabey zu Grunde geht. Hat dieser es nicht zu Stande gebracht, sagt die unerfahrne Menge, wer wird es dann wagen dürfen ? Ueberhanpt aber muß ich Ihnen sagen, ist es ein wunderliches Ding mit Verpflanzung der Fabriken. Unft re alten Linnenhändler sagen: sie wollen es jedem Stük- ke Linnen ansehen, in welchem Dorfe es gemacht ist; ja ich habe einen Garnhändler gekannt, der einige hundert tausend Stück Garn des Jahrs versandte, nnd die Hand der Familie, welche es gesponnen hatte, eben so 'gut zu unterscheiden wußte, als man die Schrift eines Menschen von des andern unterscheiden kann. Der Ausseher über eine Gallerie von Gemälden, der die Werke von hundert Meistern zu unterscheiden weiß, war ein Kind gegen den Garnhändler. Jeder Ort hat also eben so etwas eigen- thümliches in seinen Arbeiten, als in seinem Biere, welches von andern nicht leicht nachgeahmt und nachgemacht werden kann. Vielleicht hat die göttliche Vorsehung auch hierum ihre Weisheit zeigen und nicht zugeben Wölls » len, iZ2 Schreiben über die Culrur der Industrie. len, daß ein Land sich allein alle Künste zueignen solle.. Dem sey aber wie ihm wolle, es möge das Original von andern Ländern nachgeahmt oder aber durch die Nachahmung eine neue Art von Originalen hervorgebracht werden können: so glaube ich doch, daß eine lange und mühsame Vorbereitung dazu erfordert werde, um eine neue Fabrike mit Vortheil anzulegen; ja daß die Erziehung der Kinder, sowohl dem Geiste als dem Körper nach, dazu eingerichtet sepn, und Gewohnheit, Sittenlehre, Vor- urtheile, Exempel und viele andre Umstände zu dem glücklichen und dauerhaften Fortgange derselben mitwürken lausten. Was für Mühe wandte Nikolini nicht an, um Kinder zur Pantomime zu bilden? Was ist dieselbe aber in Verglcichnng des starken Exempels, des beständigen Anführens, und der unaufhörlichen Versuche, wodurch Kinder in den Nähnadelfabriken zu der ihnen eignen Fertigkeit gebracht werden? Jene fällt freplich mehr in die Augen; aber diese ist unbemerkt unendlich. Wie viel heimlicher Einfluß muß auf die Kinder würken, welche zu Gütersloh von ihrer zartesten Jugend an das Garn zu den brabandischen Spitzen spinnen. Wie viel eigen- thümliche Handgriffe muß das Dorf Brokhagen im Ra- vensbergischen haben, welches den Flachs dazu bereitet, da es ihm kelii ander Dorf hierum gleich thnn kann? Was für eine eigeuthümliche Beschaffenheit muß der Boden um dieses Dorf haben, da auch der Hanfsaame, welcher dort fällt, und hier von .Kennern um ein Drittel höher als der Zwollische bezahlet wird, einen Hanf liefert, der unendlich feiner und seidenhaster verarbeitet werden kann, als aller übriger? Was für ein früher und starker Eindruck gehört dazu, um den Wollenspinnern jeden Unterschleif mit der Wolle, als die größte Sünde, einzubilden? Wie früh wird das Ohr des künftigen Virtuosen gewöhnt? welch eine Reihe von Jahren arbeitetet', um feine Finger, seinen Arm und sein ganzes Gefühl zu bilden? Schreiben über die Cultur der Industrie, izz de»? Wie anhaltend sind seine Bemühungen? Und wenn selche frühe, starke und große Studien dazu erfordert werden, um geschickte Leute in jeder Kunst zu Hilden ; wenn der Einfluß so vieler Exempel, wenn eine beständig ge Gewohnheit, wenn eine ordentlich darauf eingerichtete Sittenlehre nöthig ist, um diese Nation mit Lust auf die See, und jene singend in die Bergwerke zu führen; ja, wenn man dem Volke, was zu einer besondern Art von Arbeiten auf Zeitlebens gewidmet bleiben soll, mitHülfe der Erziehung gleichsam alle andre Sinnen nehmen, und ihm nur den einzigen, den es gebraucht, lassen muß, um es zu einem beständigen Sklaven seines einzigen Berufs zu machen, um ihm die Geschicklichkeit, die Lust und die Kräfte zu benehmen, jemals ein ander Handwerk ergreifen zu können, und um es solchergestalt zu zwingen, ewig in seinen Fesseln zu bleiben: wie darf man denn von neuen Fabriken, an Orten, wo solche gar nicht zu Hause sind, wo noch keiner durch Erziehung, Gewohnheit und Noth gezwungen ist, Arbeit bey der Fabrik zu betteln, wo die ganze Denkungsart der Einwohner noch nicht dazu gewöhnt ist, alles auf den großen Punkt zu leiten; wie darf mau hier, sage ich, das erwarten, das leisten und das unternehmen, was an andern Orten, wo alle obige Vortheile dcnFabrikauten zu statten kommen, schon laugst vorbereitet ist, und nur auf die Hand eines Verlegers wartet? Glauben Sie aber nicht, mein Werthester, daß ich Sie dadurch von Ihrer Unternehmung abschrecken wolle. Meine Absicht geht blos dahin, Sie vor dem Fehler unsrer heutigen Fabrikanten zu warnen, die insgemein mit einem prachtigen Gebäude den Anfang machen, und ehe es fertig, schon halb ermüdet sind; die alles sogleich mit fremden Händen und vollem Lohne zwingen wollen; und die Jahre nicht erwarten können, worin» der ausgestreuete Sname an ihrem Orte keimen, aufgehen und zur Reife I z gelaw iZ4 Schreiben über VieCullur derIndustrie. gelange» kann. Nur alsdann erst, wenn einheimische Kinder unter der Anführung von Fremden gebildet; und diese Kinder erst wiederum ihre eigne Kinder gezogen haben ; wenn das neue Geschlecht nichts anders gesehen und Wemb und sich nolhdürftig vermehret hat; wenn dasselbe den Verleger, als seinen Vater betrachtet, und sich um die Wette beeyftrt, besser und wohlfeiler zu arbeiten; wenn bey ihnen die Arbeit zum Bednrfuiß, der Fleiß zur Ergötzung, die Roth zum Zuchtmeisier geworden ist; wenn die Ernährung derFanllenzer nicht mehr Barmherzigkeit beißt; und keiner als einer, der bei) der Fabrik unvermögend geworden ist, Anspruch anfMitleid und Unterstützung hat; wenn die erlernte Kunst sich mit der einheimischen Art Haus zu halten, erst völlig vereiniget hat, wenn die Weiber und Kinder alle Zwischenräume der Haushaltung mit einschließen; wenn die Kinder bey ihren frühen Beschäftigungen das ewige Fressen vergessen, und den Bauch nicht immer zum Schaden des Kopfs hervor- treiben: dann steht ein Verleger auf seiner Höhe, regiert sein Volk, und bezwingt die reichsten Staaten mit flechsiger Armuth. Dann kann er eine Fabrik auf die andre impfen, vom Leichtern zunl Schweren übergehen, und die rohe Waare, welche in einer Art von Fabrik immer noch mit einigem Schaden genutzt wird, in mehrern mit allen möglichen Vortheilen gebrauche». Uebercilcn Sie sich also nicht in der ersten Anlage; legen Sie den Grund dauerhaft und langsam; fahren Sie stille und unbemerkt fort, und envarteu den Erfolg Ihrer Bemühungen nicht eher, als bis er sich nach dem ordentlichen Lause der Sachen darbietet. XXVI. f. IZ3 XXVI. Beantwortung der Frage: Was muß die erste Sorge zur Bereicherung eines Landes seyn ? Die Verbesteruug der Laudeswirthschaft? oder die Bevölkerung des Landes ? oder die Ausbreitung der Handlung? Womit muß der Anfang gemachct werden? ^Vie sollten jetzt nach E. kommen; wie hat sich der Ort verändert! Vor dreyßig Iahren war es das armseligste l andstädtchen, das man nnr sehen konnte, von Misthaufen und Hntren zusammengesetzt. Der Morgen Landes konnte damals des Jahrs mit 6 Mgr. zur Heuer thun, und Ochse, Einwohner und Pferd kröpelten das ganze Jahr auf oer umher liegenden großen Heyde y^.nm, um die dürre Narbe davon ab und in die Vichställe zu fahren. Man konnte in einiger Entfernung ganze Felder beynahe umsonst haben, wenigstens lag ein großer Theil verlassen und verwildert. Was das schlimmste dabey war; so zogen die Einwohner ihre Kinder nnr für Fremde auf. Sobald ein Mädchen nur eben dienen konnte, floh es zur Hauptstadt, und die Söhne gicngen in alle Welt, so daß in vierzig Iahren gar keine nene Wohnstätte angelegt, verschiedene alte aber eingegangen waren. Das Korn, das dort wuchs, mußte, wenn die Einwohner etwas zum Absätze übrig hatten, weit zu Markte gefahren werden, und dazu war das Hepdefnhrwerk zu schwach; folglich baueten sie selten mehr, als sie selbst nökhig hatten, und was allenfalls übrig war, wurde unnörhiger Weise verfüttert oder zu Brandtewcin verkocht. So war dieses Städtchen beschaffen, wie ich vor drepßig Iahren durchreisete, und I 4 weil iz6 Was muß die erste Sorge weil ich etwas an meinem Wagen zerbrochen hatte, mich einen ganzen langen Tag dort verweilen mußte. Wie groß war aber nicht meine Verwnndcrnng, als ich vor einem halben Jahre wieder dahin kam, und in der Stadt eine Menge der schönsten Häuser, ringsherum aber «ine blühende Flur entdeckte. Wie, sägte ich zu meinem Freunde, den ich jetzt dort besuchte, ist hier ein großer Herr eingezogen, der die Phantasie gehabt hat, einige hundert tausend Thaler in der Heyde zu verschwenden? Oder hat der Commissarins loci Neubauer angesetzt und denselben die große Heyde ausgethcilet? Oder ist ein Philosoph hier erschienen, der den Einwohnern die Verbesserung des Ackerbaues gewiesen hat? Oder hat gar der Graf von * * dessen Viehmägde aus dem Stalle auf die Opernbühns treten und so geschickt spielen als melken können, seine Zauberkraft hier bewiesen? „Ach, antwortete er mir, der großen Herrn, welche auf diese Art ihr Geld verwenden, giebt es in Deutschland nicht viel; und wenn auch einer von ihnen jedem Wirthe in unserm Städtchen ein neues Ackergespann, einen Statt voll Vieh, eine Schiffsladung Korn, und einen Werg von Kartoffeln geschenkt hätte: so würde doch nach Verlauf von zehn Iahren alles wieder in dem vorigen Zustande, die Pferde elend, der Stall schwach, das Korn verzehrt, die Kartoffeln verschlungen und nnsre Heyde nach wie vor wüste gewesen scyn. Mit dergleichen plötzlichen Wohlthaten richtet man bey Menschen, von einer gewissen Gewohnheit und einem gewissen Alter, selten etwas aus. Fleiß und Geschicklichkeit müssen dem Menschen von den ersten Jahren an angewöhnt und zur unumgänglichen Bedürfniß gemacht werden. Die Neubauer des Herrn Commissarins würden gelacht haben, wenn er ibnen ein Stück Heyde zur Urbarmachung angewiesen hätte; und die Philosophen thnn genug, wenn sie die Luchdruckerfabriken in Aufnahme bringen, den Fleiß werden zur Bereicherung eines Landes seyn? 137 den sie nie erwecken, so lange sie nicht selbst Hand anlegen und durch glückliche Erfolge bereden. Von Ihrem Grafen sage ich nichts, als daß er der einzige Mann in seiner Art ist. „Die ganze glückliche Veränderung ist einzig und allein eine Folge des Gewerbes und der Handlung, die zn- erst mein Vater hieher gezogen, ernähret und zu ihrer jetzigen Höhe gebracht hat. Dieser Mann, der eine eigne Religion erfunden Zu haben glaubte, und eine besondre Gemeinde zu errichte» gedachte, lies sich zuerst in der Absicht hier nieder, um seine Profession als Camelotwürker in der Stille zu treiben, und Gott nach seinem Wahne ungestört zu dienen. Den Anlaß dazu gab der Prediger des Orts, der in einem Rufe einer besonder» Heiligkeit stand, und in der That ein Mann war, an welchem mein Vater in aller Absicht einen getreuen Eehülfen fand. Er banete sich zuerst nur ein kleines Haus, welches aber doch in feiner Einrichtung so etwas besonderes und gefälliges hatte, daß sich alle Einwohner ein gleiches wünschten. In diesem schlug er seinen Weberstuhl auf, und der Prediger vcrschaffcte ihm noch einige Kinder ans dem Orte, die für ihn spönnen und arbeiteten. Diesen wußte er eine solche Liebe gegen sich beyzubringen, daß fast alles, was in dem Städtchen gebohren wurde, sich zu ihm drängte. Der Prediger kam täglich und unterrichtete sie bey der Arbeit; mein Vater sorgte dafür, - daß sie alle reinlich und auf eine vorzügliche Art in Camelot gekleidet wurden; und die Eltern, welche das wahre vom falschen nicht unterscheiden konnten, freneten sich, ihre Kinder so gut aufgehoben zu sehen. Manche Vater ließen sich bewegen, auf die eine oder die andre Art bey der Fabrik zu dienen; und viele Mütter hielten es für ein Zeichen der Andacht, sich eben so wie ihre Kinder zu kleiden; so, daß in Zeit von zwölfIahren, Kleidung, Phy- I 5 slono- IZF Waö muß die erste ^orge sionomien und Menschen, eine ganz neue Gestalt, und ich mag w.chl sagen, einen ganz neuen Geist erhielten. „Die Einmüthigkeit herrschte vollkommen in der neuen Sekte, und die Menschen gefielen sich mehr und mehr in demjenigen, was den Reiz der Neuheit hatte und das Werk ihrer Erfindung zu seyn schien. Sie arbeiteten und beteten, und ergötzten sich auch bisweilen untereinander, und der Ruf dieser glücklichen Brüderschaft zog eine Menge van arbeitsamen Schwärmern herbei), die gern für andre arbeiten, aber für sich denken wollten. „Dabey halten sie eine so sichere und lebhafte Ueber- zeugung von dem Grundsätze, daß alles was betete und arbeitete, feinBrod haben könnte, daß nach Verlauf von zwanzig Iahren jeder junger Einwohner mit einer Zuversicht heyrathete, dergleichen andre nicht bey großen Einkünften haben. Voll von dem Gedanken, daß ihre Redlichkeit und Geschicklichkeit ihnen bey ihren Mübrüdern so viel Credit verschaffen würde, als sie zur Ausführung ihrer Unternehmungen immer nur gebrauchten, fiel es ihnen nicht einmal ein, an dem Fortgange derselben zu zweifeln. Ihre ,'Meynung in Glaubenssachen war also gleichsam eine Art von Vermögen, welche dem Landeigen- thum oder einer andern Hypothek gleich gesetzet werden konnte, und schwerlich hat je eine Gemeine auf ihre Besitzungen so vielen Credit gehabt, als die Seele auf ihre Denkungsart erhielt. „Nun brauche ich Ihnen nichts mehr zu sagen, Sie werden es aber leicht von selbst einsehen, wie auf diese Weise nach und nach die Menge von schönen Häusern gehaltet, vieles Feldland in Gartenland verwandelt, ein guter Theil der Heyde zu Kornfeldern und Wiesen gemacht ; das Korn zu einem billigen Preist gehoben, der Aekersman» aufgemuntert, das Spannwerk verbessert und derViehstavel vermehret worden. Alles dieses folgte nuver zur Bereicherung eines Landes seyn? 139 «„vermerkt von selbst, und der Morgen Landes, der vor drepßig Iahren 15 Thaler galt, wird jetzt zn 150 verkauft. Die Stadt hat also den Werth ihrer Gründe zehnmal vermehrt, und solche gewiß fünfmal vergrößert, so daß sie jetzt snnfzigmal so viel besitzt als vor dreyßig Iahren. Vor Zeiten konnte man die Milch nicht.verkau- fen, und man hielt deswegen nicht mehr Kühe, als man um des Mistes willen zur äußersten Noth gebrauchte. Jetzt lebt mancher geringe Mensch blos von einigen Kühen und ihrer Milch; so sehr hat sich alles durch die Handlung verbessert. Das ist aber doch noch das geringste. Gesetzt, das eigne Vermögen sämmtlichcr Einwohner laufe auf eine Million Thaler: so ist ihr Credit auf zehn Millionen; und weil fünf Thaler Credit eben so gut sind, als fünf Thalcr baar Geld, das Verhaltniß ihres ersten Zustandet zu dem gegenwartigen wie - — 500.,, Mein Freund, der in seiner politischen Rechnung fertiger als ich war, und mit Hülfe eines Credits von 10 Millionen, nach der Methode des berühmten Pint 0 H seiner guten Vaterstadt leicht einen nenen Credit von hundert Millionen verschaffet, folgends ihren Werth ins unendliche erhoben haben würde, war im Begriff weiter fortzufahren, als ich ihm die Frage vorlegte: Ob der jetzige Credit der Stadt mit oder ohne die besondere Glaubenslehre seines Vaters bestünde? „Ja, sagteer, sie besteht nicht allein vollkommen ohne dieselbe, sondern würde auch ohne Zweifel so entstanden seyn, wenn wir als rechtschaffene Christen uns zu löblichen Endzwecken vereinigten, und Geringe und Niedrige in der Gemeine sich das allgemeine Beste mit Eifer zu Herzen nahmen. Der wahre Grund nnfrer Ausnahme liegt darinn: daß ein Mann, der noch zur e) In seinen ?i- vres nutzen; und daß in Poblen, wo der Ackerbau ohne Handel gerrieben wird, sechstausend Morgen nicht so viel reinen Gewinnst bringen. Indessen ist freplich nicht zn läugnen, daß ans einem armen Loden Handlung und Gewerbe zur Verbesserung des Ackerbaues nörhigcr sepn als auf einem ergiebigen. Der Anbauer des letzter» macht sich immer selbst fertig, und lebt gut, wenn die Gärtnerei) auf einem unfruchtbaren Sande nur da gelingt, wo ihr eine mächtige Hauptstadt zn statten kömmt; und fo wäre freplich ein gütlicher Vergleich nicht zu verwerfen. Der sicherste Weg bep dem allen aber ist, bepdes, Ackerball und Handel zugleich zu beförderu, und einem durch den andern zu helfen. Der Handel kann zur Roth ohne Ackerbau bestehen, aber dieser nicht leicht ohne jenen. Ein hoher Preis der ersten Bedürfnisse, und selbst die Auflagen auf das Brod, die in Holland den ganzen Werth desselben übersteigen, schaden den dortigen Fabriken so sonderlich nicht; aber die Wohlfeilheit dieser Bedürfnisse, welche ohne Handlung leicht entsteht, drückt den Ackersmann z» Loden. Doch ... Gewerbe und Handlung sind flüchtige Güter, die von einer Nation zur andern ziehen. Wie sehr ist die Größe der Holländer nicht gesunken? Ihre Flüsse sind untief geworden; ihren Herings- Cabillan- und Wallfifchfang haben sie mit andern Nationen theilen müssen. Ihr Gewürzhandcl ist m gleicher Gefahr; ihre Zuckersiedereyen sind von den Hamburgern, Bremern und andern gestürzt, und nicht ein Vieriheil von dem vorigen mehr; ihre Verschiffung, womit sie vorhin der ganzen Welt dieneten, ist nur noch ein Schatten, da alle Völker ihre Waaren selbst holen; ihre schweren Fabriken sind durch die Franzosen, Schweizer, Preußen und Sachsen unnütz gemacht worden; und so werden sie bald, wenn einmal die Abnahme zu einem gewissen Grade geht, durch zur Bereicherung eines Landes senu? 143 durch ihre Imposten zu Grunde gehen. Wie viel dauerhafter ist dagegen ein Staat, dessen Wohl sich auf den Ackerbau gründet, der allezeit feine Nothdurft, und wenn er etwas übrig hat, auch leicht Absatz findet? und Deutschland zum mächtigsten Volke machen würde, wenn es nur auf Mittel dächte, seine Ausfuhr zu vermehren, und durch Vermehrung der Ausfuhr seine ungenutzten Heyden anzubauen gerecht würde? Denn ohne Ausfuhr im Großen wird der Korubau kein band bereichern. Aller Mißwachs und alle glückliche Erndteu schränken sich immer auf 60, 80 oder hundert Meilen in der Breite ein. Auf diese Weise find diejenigen, so blos das Korn auf ihren eignen Markt bringen, immer geschoren. Hat einer etwas: so haben sie es alle. Und wenn sie alle darben, so hat einer mich nichts. Dieses ist aber bey der großen Ansfuhr nie zu besorgen. Italien hat zwey Jahr Mangel gehabt, währender Zeit Deutschland Ueberflnß hakte: und nnn es uns fehlt, ist die Erndte in Italien glücklich gewesen. . . . Allein es ist unnörhig, auf diese Declamation zu antworten. Der Handel wird allemal die erste Aufmerksamkeit des Gefetzgebers verdienen, weil selbst in England, wo man glauben sollte, daß der Ackerbau sich selbst heben könnte, die Ausfuhr durch besondre Prämien begünstiget werden muß, um einen ziemlichen Preis und durch denselben den Flor eines bessern Ackerbaues zu erhalten. Diese Prämien sind eine milde Gabe der Handlung, welche der Ackerbau denen zu danken hat, die jene auf den Thron gefetzt. In einigen Gegenden von Amerika tödtet man die Büffel um der Häute willen, und läßt das Fl ch in den Wäldern liegen: dies ist Wirch- schaft ohne Gewerbe und Handlung. XXVII. 1^4 Zur Beförderung XXVII. Zur Beförderung einheimischer Wollen- Fabriken. „Unfre Nachbarn, sagen Sie, nennen es Einfalt, daß wir im Stifte Oßnabrück alle fremde Wollenwaaren, ob wir sie gleich theils selbst schon verfertigen, theils auch noch leicht verfertigen konnten, frey einlassen, und solche so wenig verbieten, als auch nur mit der mindesten Auflage beschweren; und dennoch wollen Sie diesen Vorwurf der Einfalt lieber tragen, als sich Ihrer chimärischen Freyheit begeben? Sie wollen nach Ihrem Ausdrucke lieber zu höhern und edlern Grundsätzen, wodurch mau freylich zuletzt alles vertheidigen kann, Ihre Zuflucht nehmen, als den Bauer Bauer heißen, und den gemeinen Bürger oder Bauern durch einen vorzüglichen Zwang noch weiter von dem Range andrer Unterrhanen herabstürzen? Nun davon wäre ich doch begierig Ihre Gründe zu hören. Doch ich kenne Ihre Zärtlichkeit für die kandiente; ich weiß auch selbst wie schwer es hält, wenn man zur Anwendung kömmt, genau zu bestimmen, was die Gefetze nuter gemeinen B ürge r n und B a n e r ü verstanden haben wollen, und wie schmerzhaft es oft für einen angesehenen Meyer sey, sich in eine Klasse erniedriget zu sehen, worüber Leute von unendlich kleinerm Verdienste, wenn sie sich anch nur den Notariatstempel erworben, sich stolz hinweg fetzen dürfen. Ich will also diesen Punkt fallen lassen, und meinen Satz so ausdrük- ken, wie ihn die schwedischen Reichsstände ausgedrückt haben: Ein schwedischer Mann soll schwedische Fabrik tragen; was würden Sie alsdann für Gründe haben, sich einem solchen Plan zu widersetzen? einheimischer Wollenfabriken. 145 setzen? Was würden Sie dagegen einwenden können, wenn man zur Beförderung dieses Plans auf jede Elle auswattigen Tuchs :c. eine Auflage von 6 mgr. machte? Ich will noch weiter gehen, und Ihnen auch den Vorwurf benehmen, welchen Ihnen der Haß gegen neue Auflagen eingeben konnte. Die Kasse, worinu dieselbe gesammelt wird, soll lediglich zu einer Prämienkasse dienen. Es soll daraus jeder Kaufmann, der io Stück Tuchs von einer einheimischen Fabrik absetzt, 20 Thaler; der 20 Stücke absetzt, 50 Thaler und so ferner eine Belohnung im steigenden Verhältuiß empfangen, um den Vortheil des Kaufmanns, der zugleich allein das Recht haben soll, Ellenweise zu verkaufen, mit dem Vortheile des einheimischen Fabrikanten zu verbinden. Werden Sie dann nicht patriotischer denken? Das erheblichste was ich von Ihnen erwarte, wird vermuthlich dahin abgehen: daß dergleichen Einrichtungen, wenn sie auf dem Papiere noch so einleuchtend wären, in der Erfüllung nur zu Chikanen und Plackerepen würden; daß Verordnungen dieser Art einem Spinngewebe glichen, worinu die Mücken sich fiengen und die Wespen große Löcher rissen; und daß zu deren Aufrechterhaltung eine gewisse Tyrannei) geduldet werden müßte; die auf der andern Seite den Einwohnern das Land nur zuwider machte, und solchergestalt mehr Schaden als Vortheil brächte. Sie werden ferner sagen, die zu Anfang dieses Jahrs vorgenommene Zählung der hiesigen Einwohner beweise, daß hier im Stifte auf jeder Qua- dratmeile, alle Städte ausgeschlossen, noch über viertausend Menschen lebten, daß dieses die stärkste Bevölkerung sey, die man in Europa kenne, und daß man diese blos der Frepheit zu danken habe, mit welcher ein jeder auf dem Lande leben, handeln und arbeiten könne. Allein dieses alles beweiset nur, daß man die Sache mit Anstaube, Glimpf und Geduld betreiben, und die ttichec-ophant, lt.Thcll. K Em- 146 Zur Beförderung Einbildung der Menschen so viel als möglich zu schonen suchen müsse. Denn in dem Wunsche, daß alle O; na- brückische Männer nur Oßnabrückische Waaren tragen möchten, sind wir doch eins. Wir sind eins, daß es eben der großen Bevölkerung halber unendlich vortheil- Haft seyn wurde, wenn die Einwohner bei) den Fabriken ein Stück Brod mehr gewinnen könnten, und bey einer eingehenden Thenrung nicht auf andrer Unkosten zu leben gebrauchten. Wir sind darinn vermuthlich auch eins, daß jeder Mensch jahrlich wenigstens für - 8 mgr. Wol- lenzeng zu Kleidungsstücken gebrauchet, und daß von diesen i g mgr. die Halste für Spinn - und Wcbelohn, welches der Fremde von uns verdient, aus dem fände gehe, folglich der Verlust imGanzen wenigstens auf zooc -oRthr. des Jahrs zu rechnen scy. Sollre nun aber kein Mittel seyn, die Erfüllung dieses Wunsches auf eine Art zu erreichen, daß die Einbildung des Menschen dabey nicht litte, und der Endzweck mit Anstand, Glimpf und Geduld , so wie wir uns führen zn lassen gewohnt sind, erreichet würde? Stolz, Eigenliebe und Einbildung würden wenigstens überhaupt nichts verlieren, wenn alle Flanelle, Düffels und dergleichen ungeschorne Futter oder Tücher von einheimischen Fabriken genommen werden müßten. Die mehrsten tragen schon -lange davon, da sie in der Güte und dem Preiße von auswärtigen nicht unterschieden sind; und da in dieser Art Waaren für den gemeinen Mann kein solcher glänzender Unterschied ist, daß einer vor dem andern sich darinn hcrvorthun könnte: so sollte ich glauben, alles fremde Gut, was auf solche Art zu Unterröcken, taglichen Kleidungen für Kinder und Unterfuttern gebraucht würde, könnte schlechterdings verboten, oder doch mit einer zweckmäßigen Auflage beschweret werden; ich sollte glauben, als Rasche, Chalons, Casiangs und dergleichen glatte wollene Waaren könnten eine einheimischer Wollenfabrikem eine gleiche Einschränkung ohne sonderliche Verletzung der menschlichen Eigenliebe und Freiheit erleiden; und ans diese Weise dächte ich, wäre schon ein großes gewonnen. Aber die Tücher und andre Waaren, welche mehr fürs Auge als jene getragen werden, dürsten Sie sagen, wollen sich auf diese Weise nicht einschränken lassen. Gut! ich will dann eine andre vorschlagen. Diese soll darinn bestehen, daß auf dem Lande oder außer der Hauptstadt von den Kauflenten gar keine andre Tücher als von einheimischen Fabriken geführet werden dürfen. Wer denn feine Tücher haben will, mag nach der Hauptstadt gehen; die Kaustente auf dem Lande hingegen werden sodann alle ihre Geschicklichkeit anwenden, ihren Knuden die einheimischen Tücher angenehm zu machen, und die Fabriken werden sich bemühen, ihnen solche Waare zu liefern, wie es dieser Absicht gemäß ist. Scheint Ihnen dieses für die Hauptstadt zn vortheil- haft: so wollen wir noch eine Erweiterung machen; und diese könnte darinn bestehen, daß den Kaustenten auf dem Lande nur an solchen Orten der Handel mit auswärtigen Tüchern, wovon die Elle über einen Thaler steigt, erlaubt seyn sollte, wo wirkliche Fabriken vorhanden; und die Vorsteher derselben den Kaufmann in seiner Handlung kontrolliren können. Hiedurch würde einer Seits der Kaufmann genöthiget, die Aufnahme der Fabrik seines Orts zu befördern; und andrer Seits würden die Vorsteher des Wollenweberamts darauf achten können, daß keine fremde Tücher, wovon die Elle unter einen Thaler kömmt, oder keine solche fremde Fabrikwaaren, welche sie selbst verfertigten, von den Kauflenten geführet würden. In der Stadt Zrannfchweig ist keinem Kaufmann, der nicht das Tuchmachen ordentlich gelernt, und zn dem Amte gehöret, erlaubt, Tücher, wovon die Elle unter einen Thaler kömmt, zu führen, weil man von ihm in den ailen Zeiten geglaubt hat, daß er dasjenige, was er K Ä selbst 148 Vom Kerbstocke. selbst machen könnte, nicht aus der Fremde ziehen würde. Warum sollte man denn auf unfern Dörfern und Landstädten nicht einen ähnlichen Weg einschlagen können? In der That aber würde der Vortheil der Hauptstadt so groß nicht seyii. Denn da in derselben die mehrsien feinen Tücher getragen werden: so würbe auch daraus das meiste zur Prämienkasse kommen, und wenn sie auch diese Kasse blos zur Aufnahme ihrer eignen Fabriken gebrauchte: so würde dennoch der Vortheil von letztern sich über das Ganze erstrecken. Die Spinnerey würde sich natürlicher Weise weit aufs Land ausdehnen, den Erwerb vermehren, die Landheuren steigern, und solchergestalt auch zum Vortheil derjenigen wirken, die als redliche Patrioten von der Elle ihrer englischen und französischen Tücher den Beytrag gern entrichteten. Niemand leidet bep einem Mangel der Nahrung im Lande mehr als die Landcigenthümer, nnd es ist zu glaube», daß sie einen kleinen Verlust nicht achten werden, um die großen Summen im Lande für sich zu behalten, weiche für allerhand Wollenmanufactnren heraus gehen. „ XXVIll. Vom Kerbstocke. Aaß unsre Vorfahren kluge Köpfe gewesen, beweiset allein der Kerbstock. Keine Erfindung ist simpler und größer wie diese. Die Italiener mögen sich mit ihrer Kunst, Buch zu halten, noch so groß dünken: so geht sie doch immer dahin, daß einer dem andern zum Schuldner schreiben kann; daß der Mann, der borgt, von sei. nes Gläubigers Redlichkeit oder Willkühr abhängt, anstatt, daß bepm Kerbstock Schuldner und Gläubiger gleiche Ver- Vom Kerbstockc. 149 Versicherung haben, sich beständig kontrolliren und einander nicht betriegen können. Was wird hänsiger geschworen als Eide über Hand- lnngsbücher, besonders, nachdem auch sogar Handwerker zugelassen wnrden, Bnch zu halten nnd ihre Rechnun- gen zu beschwören? Wie mancher Kanfmann hat nicht oft das Seinige verloren, oder dem andern ans Jrrthnm oder Vorsatz zn viel gethan, nachdem er sich ein oder kein Gewissen daraus gemacht, alles dasjenige zu beschwören, was seine Ladendiener oder Jungen, oder wohl gar eine Frau oder Magd zn Buche gebracht haben! Wie mancher kostbarer Proceß ist nicht darüber geführet, ob und wenn der Bestarkungseid in solchen Fällen zuzulassen? Alles dieses hatten unsre Vorfahren beym Kcrbstocke nicht zn fürchten. Insgemein glaubt man jetzt, der Kerbstock habe nur gedient, um Rechnung über Milch, Bier, Brod und andre Sachen, welche ein gewisses feststehendes Maas haben, zn führen. Allein dieses ist irrig. Der Kerbstock war das älteste Dienst - und Pachtregister; und nichts ist leichter, als solchen anch bei) andern Waaren, welche für Geld verkaufet werden, einzuführen. Wenn die Kerbe ans einer Seite einen Thaler, auf der andern einen Schilling, und auf der dritten einen Pfennig bedeutet: so kann der Landmann dasjenige, was er täglich und zur Nothdnrft gebraucht, völlig daraus bewahren. Wie wäre es also, wenn wir das Recht einführten, daß fürohin alle Krämer und Handwerker, welche außerhalb geschlossenen Orten wohnen, und folglich nur mit Sachen von der höchsten Nothdnrft handeln, niemals zur eidlichen Bestärkung einer Rechnung zugelassen werden sollten? wenn sie angewiesen würden, mit den Landleuten, welchen sie borgen, nicht anders als anfeinem Kerbstock zu handeln? Sollte dieses nicht besser scyn, als der eingeschlichene Gerichtsgebrauch, nach welchem K z jeder ILO Gedanken jeder Mann, der mit Schwefelhölzern handelt, ja sogar jeder Wagenmacher, Schmidt oder andre Handwerker, sich einen andern znm Schuldner schworen kann? XXIX. Gedanken über die Abschaffung der Feyer- tage ^ie Kirche ist eine gütige Mutter, die ihren Kindern Freuden erlaubt, wenn sie solche mit Dankbarkeit gemessen, und sie ihnen auch wieder entzieht, wenn sie erfahrt, daß ste entweder gemißbraucht oder schädlich werden. Diese liebreiche Gesinnungen hat sie von ihrem ersten Ursprünge an bewiesen; sie hat manches Fest verordnet und auch wiederum abgestellet, nachdem es die Bedürfnisse ihrer Kinder erfordert, und dieser ihre Pflicht ist es, ihre Weisheit sowohl im Geben, als im Nehmen zn verehren. Da sehr viele dieses nicht genung erkennen, und un- sre gegenwärtigen Zeiten, die noch kein einziges Fest zur Freude verordnet, wohl aber viele abgeschasset haben, einer besondern Härte beschuldigen: so wird es vielleicht manchem znm Tröste und zur Beruhigung gereichen, wenn wir über die mütterliche Oekonomie, welche die Kirche mit ihren Festen von Zeit zu Zeit gehalten, eine kurze Betrachtung anstellen, und solche unfern Lesern vorlegen. Die Feste, welche wir bisher geschert haben, sind nicht alle vom Anfange an und auch nicht alle sogleich von der ganzen Kirche gefepert worden. Das Fest der heiligen Drepfaltigkeit ist zuerst im zwölften, das Fronleich- namö- t) Bei! Gelegenheit der sowohl für küc voangelische» als Katholischen ins Stifte Olinabnick onfgehobenen Fercctage. über die Abschaffung der Feyertage. 151 nam?fest im dreyzehnten und das Fest der Heimsuchung Maria im vierzehnten Jahrhundert, so wie andre früher oder spater eingeführt, und erst nur in einigen, nachher aber in mehrern Ländern gesepert worden. Das Hey! der Menschen war hierinn der Kirche einziger Führer, und nachdem eine außerordentliche Gefahr überstanden, oder die Kirche eines besondern gottlichen Schutzes genossen hatte, oder auch nachdem es Zeit, Sitten und Umstände nützlich und nothwendig machten, verordnete sie Feste, und erlaubte demjenigen, der es thuu konnte, seine ganze Zeit in heiliger Freude zuzubringen. Nach ihrem Wunsche möchte nnsre ganze Lebenszeit nur eine Feyer, und nnsre Beschäftigung nichts wie Gottgefällige Freude seyn. Allein, so lieblich auch diese ihre Wünsche sind: so hat sie sich doch oft, durch eine noch höhere' und edlere Liebe, bewogen gesehen, ein Fest wiederum einzuziehen, was sie unter andern Umständen und in andern Zeiten verordnet hatte. Andre Religionen haben die Knechte arbeiten lassen, wenn sie den Herrn einen Feyertag machten. Allein die christliche Kirche, welche allen Menschen ohne Unterschied des Standes, ihre Wohlthaten mitthei- let, und den Knecht wie den Herrn als ebenbürtige Kinder aufnimmt, gebietet Feyern für alle; und sobald sie diesen großen Endzweck hatte, sobald sie Reichen und Armen, Wein- und Ackerbauern, Hirten und Jägern eine gleiche Güte zeigen wollte; sobald sie die Einwohner fruchtbarer und unfruchtbarer, schwach und stark bevölkerter, heißer und kalter Gegenden einerlei) Feyern theil- haftig zu machen wünschte: so war es auch eine stillschweigende Bedingung ihrer Weisheit und Güte, daß sie sich nach den verschiedenen Bedürfnissen der Zeiten, Länder und Menschen richten wollte. Der Arme muß mehr arbeiten als der Reiche; ein bevölkerter Staat mehr als ein unbevölkerter, wo wenige von vielen leben; der Ak- K 4 kers- i^2 Gedanken kersmann mehr, als der, so von der Viehzucht lebt; der mit Steuren beschwerte mehr, als der es nicht ist; in wärmer» Gegenden fällt die häufigste Arbeit auf andre Tage als in kaltem; der Weinbauer kann feperu, wenn der Schnitter schwitzt. In einer Reihe von glücklichen und nchigen Zeiten können Fepertage eingeführt werden L), die in harten und theuren Jahren schädlich find. Einreißende Mißbränche können zur Verminderung solcher Fepertage führen, die eine reine Andacht ehedem geheiliget hatte, und ein herrschender Unglaube kann die Kirche bewegen, gewisse Lehrsätze an eignen dazu bestimmten Tagen in mehrerer Erbauung zu halten, die nach einer glücklichen Sinnesänderung der Menschen über- flüßig werden. Alle diese aus der göttlichen Oekonomie unter den Menschen hervorgehende Umstände hat die Kirchs zu jeder Zeit erwogen, darnach besondre und allgemeine Fepertage verordnet, und so wie die Umstände sich verändert, solche auch wiederum abgestellt b). Sie ist hierum der göttlichen Weisheit gefolget, die vieles im alten Bunde verordnet hatte, was sie im neuern unter andern Umständen billig verändert hat. Daher finden wir schon in de» ältesten Zeiten Spuren von eingegangenen Feyertagen I. Insbesondre aber klagten die versammleten Kirchenväter zu Costnitz im Jahr ,414 darüber, daß die mehrsten Fepertage nur zur Uep- pigkeit verwendet und viele nützliche Arbeite» dadurch versäumet würden; und verordneten dieserhalb, daß verschiedene, k) Aus diesem Gesichtspunkt betrachtet auch schon der H. Bernard KM. 174. die Feyertage, wenn er schreibt: katzrie esi, nan exiljj, Kuec frequeiwia Aaukijorum, eh uumerolikas keltivitalium cives äecet, nc>n exule«. d) H,Imn mater ecclelia plernmque nonnulla Latüonaliilitei' oräinat: consnike, huae tuaäenke sub^eÄorum ntilitstie, pcilcmoäum consnltuns er rationAbiliuZ revocat:, in meliusve commutuk. c. kin. äe sonk. ex. senss. ex cnmm. in 6ßo. El. ^eciZr. cchrilijun Gelier in rii5 Z. 2. über die Abschaffung der Feyertage. 15z dene, insbesondere im Sommer, weil der Mensch sodann die mehrste Arbeit hätte und für den Winter sorgen müßte, eingehen sollten. Die deutsche Nation beklagte die Menge der Festtage auf derRcichsversammlung zu Nürnberg vom Jahr 1522 mit lauter Stimme. Es sind deren so viel, sagte sie, daß der arme Ackersmann die Früchte seines sauren Schweißes, welche in der augenscheinlichsten Gefahr stehen, vom Regen, Hagel und andern Unglücksfällen verdorben zu werden, nicht zu rechter Zeit einerndten kann; und dafür seine Zeit im Kruge üppig und müßig zuzubringen verleitet wird. Der damalige päbstliche Nuntius, der Cardinal Campegius, gab diesen Klagen seinen Bcyfall, und verschaffte auch wirklich eine Verminderung der Fepertage, die nach dem bekannten Interim vom Jahr 1548, noch weiter gehen sollte, und wirklich von einigen Bischofen, insbesondre aber von dem Erzbischofe zu Trier weiter ausgedehnt wurde. Und vielleicht wäre man auch damals noch weiter gegangen, wenn außer andern Ursachen die vielen Steuern und Vertheidigungs- anstalten, welche des Heil. Römischen Reichs Unterthanen nachwärts übernehmen müssen, eine solche Verminderung damals eben so sehr wie jetzt erfordert hätten. Ohne die höchste Roth schränkt die Kirche die Freuden ihrer Kinder nicht ein. Aber so wie nach dem Urtheil des H. Bernards, wenn Gott Landplagen und schwere Zeiten den Menschen zuschickt, Feper- und Festtage nicht sehr schicklich sind; so müssen sich auch die Feyertage vermindern, wenn die übrige Zeit nicht mehr hinreicht, die sich täglich mehrenden Lasten zu bestreiten. Traurig ist es freplich, wenn man die der Andacht und einer Gottgefälligen Freude gewidmeten Tage vermindern mnß, und wir haben Ursache Gott zu bitten, daß er die Herzen der Großen auf Erde» so leiten wolle, damit sie das ihnen anvertraute Staatsschiff nicht in beständigem Sturm führen, und ihre Unterthanen zum unaufhörliche» Nudern bringen mögen. Allein K 5 ohne 154 Gedanken über die Abschaffung der:e. ohne uns jetzt über die Strafbarkeit derjenigen zu beschweren, welche die mütterlichen Wünsche der Kirche vereiteln; so müssen wir vielmehr die Nachsicht der letztem verehren, und ihre Gclindiakeit bewundern, womit sie unfern Bedürfnissen entgegen kömmt. Die Zeit kann kommen, wo sie uns einen Moses erweckt, der den verdoppelten Frohnen Ziel setzet, und uns diejenigen Freuden wieder schenkt, welche sie uns jetzt unwillig -ntzieht. Uns kömmt es aber nicht zu, die geheimnisvolle göttliche Führung der Menschen zu richten, und mit Murren Wunder zu fordern. Alles was wir für uns thun können, besieht darum, daß wir ilissre üb erst üß igen Bedürfnisse einschränken, unsere Ausgaben dadurch vermindern, unsere Güter nicht verschulden, und uns dadurch in den Stand setzen, unsre Steuern und Abgiften mit mindrer Arbeit aufzubringen. Alsdann werden wir uns selbsi Fepertage machen, und unsre übrige Zeit Gott widmen können. Die Kirche wird dieses frcuwilligc Opfer freudig annehmen, und die weltliche Obrigkeit denen, die nach gethaner Arbeit fepern, ihre Freude zur nöthigen Ermunterung sehr gern gönnen. XXX. Also ist das Branteweinktrinken zu verbieten ? Ä?ein Freund aus Amsterdam schreibt mir, daß der Preiß des Rockens dort ungemein fallen würde, wenn die deutschen Fürsten sich vereinigten, oder einer nur den Anfang machte, das Branteweinstrinken ganz zu verbieten. Da die Sache wichtig ist: so will ich davon überhaupt etwas sagen. In den Reichspoliceygesctzen findet man gar nichts gegen den Brantewein, zum Zeichen, daß er in den Zeiten, Also ist das Brantewelntrinken Zu:c. lIL reu, wie man die Police») noch glücklicher Weise ans dein Reichstage behandelte, und Handel und Wandel zwischen gemeinen Reichsuiiterthancn nicht ans jeden» Cabinette sperrete, noch »venig in Gebranch gewesen. Auch in des Erzsiifts Cölln Reformation, wo doch bey Gelegenheit des Ingwers der gute Rath ertheilet wird: „doch sehen »vir für nützlicher und besser an, daß sich „nnsre Unterthanen mit dem Gewürze ihrer Gärten zn „speisen begnügen lassen, S. 74. in der Ausgabe v. 15 37. „imgleichen, der Hausmann solle sich mit den Tüchern „binnen Landes gemacht, begnügen lassen, S. 73- und des Branteweins gewiß gedacht seyn würde, findet man nichts davon. Es wird darin»» den Amtleuten blos geboten, dahin zu sehen, daß keine Weinkänfe (welche jetzt zu Register gebracht werden, damals aber vertrunken wurden) genommen; die Wein- und Lierhäuser an Sonn- und heiligen Tagen nicht eher als Nachmittags geöffnet und des Abends mit Sonnenuntergang wieder geschlossen; die Zechen iiicht über einen halben Gulden geborget, die Winkelschenken abgeschaffet, und von den Predigern gegen das Zutrinken als eine dein Mensche»? an seiner See! und Seligkeit, Ehren, Nahrung, Gunst, Vernunft und Mannheit schädliche Sache, fleißige und ernstliche Predigten gehalten werden sollten. Wäre der Brantcwenr damals so häufig wie jetzt getrunken »vorbei»: so würde man unfehlbar auch da »vi der geeifert haben. Allein in dem vorige», Jahrhundert fiengen die Klagen gegen dasselbe desto häufiger an, und »»an begehrte: „ daß dem überhandnehmenden Brantcweinsbrennc»! „mit Ziischlagung der Kessel zu wehren, und besonders „in Aravsmluikms ss>U".n» VVlN zo. Nov. »695. daß „nach- ,56 Also ist das Branteweintrinken „nachdem dasBrandteweinsbrennen und Verkaufen so „gewaltig eingerissen, daß der Destillierhelme wohl „150 möchten zu Zahlen sei)», wodurch nicht allein „das Gehölz verhauen und dessen Preis in der Stadt „Osnabrück wie auch übrigen Landstädten, Flecken und „Wigbolden, gar hochgestiegen, sondern auch vornehmlich das liebe Getraide dem geringen Mann ab, „der Leibesnahrung entzogen, und unnützlich zum „Brandtewein verbraucht wird, von dessen ohnmäßi- „gen Sausen je mehr Gelegenheiten sich durch die „vielfaltigen Distilliers und Verkäufers Hervorthun, „je mehr Geldes dadurch konsumirt, Haus - und Ak- „kerarbeit au Seiten gesetzt, und endlich Witz und „Gesundheit versoffen wird, dicOsnabrückifchenStän- „de in Demuth und Unterthänigkeit gebeten haben „wollten, dem Brandteweinsbrennen und Verkaufen „zulänglich Ziel und Maaße zu setzen, nnd darüber die „Einrichtung an den Landrath nächst Communikation „mit übrigen Stiftsständen zu verweisen, . . . wor- „auf auch solches 1698 Lelle vacarue ganz verboten „worden. Und da der Blasenzins auf dem Lande gegen das Ende dieses Jahrhunderts in den mehrsien Ländern seinen Anfang nimmt, S. Cramer in obk. 959. V. III. z>. 696. vorher aber das Brandteweinsbrennen blos den Städten gehörte, und folglich nicht allein in weit geringer Maaße, sondern auch vielleicht anfänglich nur für die Apotheker gerriebeu wurde; so ist wohl nichts gewisser, als daß unsre Vorfahren sich eine geraume Zeit um dieses fremde Getränke beholfen haben, folglich, die allezeit fertige Einwendung, daß der Landmanu und die Schiffsleute stch nicht wohl darum behelfen können, eine gutherzige Wendung zu verbieten. düng unsrer alten Brandteweinstrinker oder eine fromme List der Brennerepen- Pachter ftp. Gellten wir aber nicht eine Sache, die nnsre Vorfahren fo lange nnd so glücklich entbehret haben, auch wiederum entbehren können? Etwas, könnte man einwenden, will der Gaumen zu seiner Kitzelung haben. Nun, das will ich einräumen. Allein sollte nicht der Ingwer, der Pfeffer, der getrocknete Kalmus, die Wachholderbeeren, das Wachholdcröl, das zu Steinhagen im Ravensbergischen von den Landleuten ehedem so vortrefflich zubereitet wurde, und wovon ein Tropfen mehr als ein Glas Fusel wirkt: sollte nicht der Taback, und tausend andre Sachen, welche in alten und neuen Zeiten aus einem gleichen Bedürfniß gekauet worden, diese Stelle ersetzen können? Sollten nicht zwei) Pfefferkörner mit einem Glase Wasser alle Morgen, eben dieftBedürsnisse verrichten können. Wir sehen es an dem uunmehro öffentlich triumphirendenCichorienkaf- fee, was geschehen kann, wenn man nur redlich will; und wie leicht wäre es durch jene oder andre einheimische gute Gewürze, Kranterextrakte oder auch durch die in England so berühmte Ltomgcllicsl , deren Hauptingredienz ein bischen Pfeffer ist, dem zum allgemeinen Schaden des menschlichen Geschlechts, und man mag mit den Worten des vorangezogcncn Erzstists Cöllnischen Reformation wohl sagen, zum Schaden der Mannheit einreissenden Brandteweinsrrinken zu wehren? Ich empfehle dieses zum weitern Nachdenken beym Schlüsse eines sehr theuren Jahrs. XXX! X53 XXXk. Vorschlag zu einer Praktika für das Landvolk. Hab? mich mehrmals darüber gewundert, warum nicht jede Landesobrigkeil für jede Provinz, in so fern dieselbe besondere Gewohnheiten und Gesetze hat, einen kurzen und deutlichen Unterricht für das Landvolk schreiben nnd drucken läßt, worin» die ihm vorkommenden Mechtsfälle nach seinen Begriffen erörtert nnd zugleich gute Rathe und Mittel sich zu helfen vorgeschrieben würden, auf den Fuß, wie Ti sso t es in Absicht auf die Erhaltung der Gesundheit gerhan hat. Ein solches Werk, wenn es von alten erfahrnen Männern geschrieben und obrigkeitlich bestätiget würde, müßte unstreitig von großem Nutzen seyn, und manchen Layen der Rechtsgelehrsamkeit von unnützen Prozessen abhalten, oder doch davor verwahren können. Die gegenwärtigen Zeiten haben vieles in andern Stücken zum Unterricht des Landvolks hervorgebracht. Sie haben, ihm die Mittel eröffnet, sich in Nothfällen, wo es keinen Arzt haben kann, selbst zu helfen; sie haben ihm den Bau verschiedener Futterkräu- rer, die Cnltnr der Maulbeerbäume, die Bienenzucht, das Brandteweinbrennen und viele andre ökonomische Vor- thcile in besondern kleinen Schriften deutlich und begreiflich gemacht. Warum sollten sie denn nicht endlich auch ein gleiches in Absicht auf die ihn betreffende Rechtsfälle thnn? Warum soll dieser Theil des menschlichen Unterrichts, der doch für die gemeine Wohlfahrt so wichtig ist, allein ein Gcheimniß der Geschwornen seyn? Und was kann man für Gründe anführen, die wenige Sorge, welche man hierinn für das Landvolk in den mehrsten Provinzen Vorschlag zu einer Praktika für das Landvolk. 159 vinwn Deutschlands bisher gehegt hat, zu entschuldigen? Die Kenntniß der Landesgesetze und Ordnungen ist jedem, der darnach handeln und benrtheilet werden soll, gewiß äußerst nöthig; sie ist edel und erhebt den Geist; sie ist dem Staate vortheilhast, weil sich in tausend Fallen der Landmann selbst bescheiden könnte, und nicht nöthig hätte, jeden guten und schlimmen Rath theuer zu erkaufen. Wie mancher fällt in die Strafe, die er vermeiden könnte, wenn er seinen kurzen Unterricht für sich hatte? Wie mancher leiht sein Geld aus, ohne die dabep nöthlge Vorsicht zu kennen? Wie mancher klagt eine Schuldforderung ein, ohne die Schwierigkeit zu argwohnen, die ihm gemacht werden können? welches alles nicht geschehen würde, wenn er besser unterrichtet wäre. Ein solcher Unterricht kann aber nicht allgemein für mehrere Länder senn, dergleichen wir sonst verschiedene haben. Er muß auf die eigne Gerichtsverfassung eines jeden Landes eingerichtet; er muß ein Auszug aller geltenden Landesordnungen und Gewohnheiten; er muß ein kurzer Inbegriff des gemeinen Rechts seyn, in so fern es in den Handlungen des Landvolks seinen öftern Einfluß hat, und auf alle diese Fälle die uöthigen Klugheitsregeln und Hülfsmittel enthalten, wodurch man entweder einen Prozeß vermeiden, ober einen unvermeidlichen mit Wahrscheinlichkeit beurcheilen kann. Die Forderungen machen nun zwar ein solches Werk schwer, und schrecken sowohl einen Verfasser als Verleger ab. Aber eben deswegen sollte es ein Gegenstand der öffentlichen Vorsorge seyn, von Obrigkeitswegen verordnet, befördert und veranstaltet K) Der Lavenspiegel von Ulrich Jengiern, Straßburg tzZ6, ist iu dieser großen Absicht geschrieben, und ist sicher berühmter gewesen, als irgend ein emdrer'avis -m psnpie oder lpecuwm pnj uiais. Wer sich davon überzeugen wül, vergleiche die innere Miihlenpolijey seines Otto mit dem wa>) dieser Spiegel von den Mühle» hat. Vorschlag tet werden. Ich will jetzt nur einige Exempel geben, um den Nutzen desselben zu zeigen. Gewiß sind hundert Falle in diesem Jahre vorgekommen, worin» die Frauen, wenn ihre Männer Schulden halber gepfändet werden sollen, sich der Hülfsvollstrek- kung widersetzt haben; weil die Sachen, so man pfänden wollte, ihnen gehörete». Sie sind darüber bestraft, und n» weitläufnge Prozesse verwickelt worden. Wäre es nun aber nicht gut, wenn die Frauen wüßten, wie sie sich in solchen Fällen zu verhalten hätten? Wäre es nicht gut, wenn sie wüßten, auf was Art sie das Eigenthum ihrer Sachen zu bescheinigen Härten? Und wie sie solche gleich bepm ersten Termin zurück erhalten könnten, wenn sie in demselben mit ihrem Beweise gefaßt erschienen, und falls sie solchen nicht hätten, lieber ihr Unglück ertrügen ? DieWohlthat des stillschweigenden Pfandrechts, welches die römischen Rechte demjenigen, der Haus oder Land verheuert, auf das eingebrachteHausgeräthe und auf das Korn, was auf dem verheuerten Lande wächst, verliehen haben, ist von unendlichen Werth. Ohne sie würden tausend geringe Heuerleute, welche keine andre Bürgschaft haben, weder Wohnung noch Länderepenerhalten können, und die ganze Bevölkerung des Staats darunter leiden. Wie oft sucht aber nicht dennoch ein andrer Gläubiger oder die Frau unter demVorwande, daß das eingebrachte Hausgeräthe ihr zustehe, dem Haus - und Landherrn sein Vorzugsrecht streitig zu machen? Und würde es nicht für alle Theile ersprießlich sepn, wenn ein solcher von der Obrigkeit bestätigter kurzer Unterricht das sichere Recht in solchen Fällen nachwiese? Eine Menge von Supplikanten, welche wegen entwendeten Holzes ans den gemeinen Holzungen bestrast sind, meldet sich jährlich um Nachlaß der Strafe, und gründet sich aus eine bescheinigte Armuth. Könnte man diesen zu einer Praktika für das Landvolk. 161 diesen nicht einmal für alle sagen, daß wenn die Obrigkeit auch noch so viel Mitleid mit ihnen hegte, es doch wider alle Vernunft sey, in diesem Stücke die Entschuldigung der Armuth gelten zu lassen, weil sonst gar keine gemeine Holzungen erhalten werden konnten, und es eben die Armuth sei), die man am mchrsten zu bestrafen hatte, weil Reiche und Vermögende kein Holz stehlen würden? Wie viele Beschwerden liest man nicht in andern Rn- gesachen, womit sich die Partheyen vergebliche Mühe und Kosten macheu, und die sie vermeiden könnten, wenn in einem solchen Unterricht alle Rügefalle deutlich ausgedruckt, die Ursachen derselben begreiflich angezeigt, und zugleich die Rache ertheilet waren, wie sich dieBeschwer- den allenfalls zu verhalten hätten; wie mancher würde eine geringe Strafe, so fern sie keinen Einfluß auf seine Gerechtsame hätte, bezahlen und verschmerzen, wenn ihm in dem Unterricht deutlich gewiesen wäre, wie hoch sich die Kosten beliefen, die er anfeine mißliche Beschwerde verwenden müßte? Wie mancher würde mit einer weitläufigen Vorstellung zurück bleiben, oder doch wenigstens sofort Gegenbescheinigungen beybringen, wenn er einmal wüßte, daß der Oberrichter allemal die Rechtsvermu- khung für den Unterrichter fassen müßte, und sich darinn durch keine bloße Erzählungen stören lassen dürste? Die vornehmsten Wahrheiren der Dorf- und Marken- und andrer Polizeyordnnngen; die Fälle und Maa- ßen der Pfändungen, so zu Erhaltung eines Rechts geschehen ; ein kleines Register, wie bey entstehenden Con- knrsen die Gläubiger geordnet werden; eine deutliche Anzeige der Fälle, woriun man mit einem Leibeignen nicht koutrahiren könne; ein kurzer Auszug der Taxordnung, was mau in den gemeinsten Fällen an Richter, Advokaten und Prokuratoreu zu bezahlen habe; eine Verglei- chung der Maaßen im Stiste; ein Unterricht, was und wie viel ein Notariat- Zeugenverhör beweise; wann ein Mosers phant. Ii. Theil. L Arrest 162 Schreiben eines Schneiders Arrest statt finde, wann auf die erste, und wann auf die andere Ladung Pfändung erfolge, wie es mit der Pfändung und dem Verlaus derPfänder gehalten werde :c. :c. mußte unstreitig von unendlichem Nutzen für das Landvolk feyn, wenn solche demselben in kurzen und deutlichen Sätzen vorgetragen würden. 8?SkOk°«i?Nk°ZLksK!°WZL!°Kt°L!!?Kk^ XXXII. Schreibelt eines Ehrenmitgliedes des löblichen Schneideramts, über das neulich zu Stande gekommene Reichsgutachten. ^Tagcn Sie mir doch, was ich mit meinem Jungen anfangen soll? Ich hatte ihn zum Strumpfweber bestimmt; allein nachdem er in Zeitungen gelesen, daß die Söhne der Schinder, und Gott weiß was mehr für Leute, in Zünfte und Gilden angenommen werden sollen, kann ich ihn gar nicht mehr dazu bewegen. Heut spricht er, es sep nichts besser, als Soldat zu werden; morgen will er Theologie studieren; dann will er Iuris prscrlcus werden; und ich schließe aus dem allen so viel, daß er endlich lieber aufs Theater gehen, als ein Handwerk lernen wird. Die Sache liegt mir indessen sehr am Herzen; der Jung? hat Verstand, und ich habe noch ziemliche Mittel. Er könnte einmal was rechts in der Handlung thun, wenn er das Strumpfweben oder ein ander gutes Handwerk ergriffe. Allein verdenken kann ich es ihm jetzt nicht, daß er vor allem Handwerk einen Abscheu bekommen; und ich wäre gewiß Prvkurator geworden, da ich in meiner Jugend schon bis in die fünfte Classe studiret hatte, wenn ich es vorher gewußt hätte, daß es so gehen würde. Ich über das Reichsgutachten. i6z Ich weiß gar nicht, was die große» Politici denken ; sie wellen Künste und Ackerbau heben, und beschimpfen doch beydes. Sind denn die Hnrkinder so viel, oder verdient der Ehestand so wenig Beförderung, daß andrer ehrlicher Leute achte und rechte Kinder ihnen zu Gefallen die Werkstatte räumen müssen? Sie werden es doch wohl endlich nicht machen wollen, wie in China, wo die Söhne, wie ich gehöret habe, ihrer Väter Handwerk lernen müssen? Fast scheinet es mir so : wenn sie alle unehrliche Leute Zunftfähig machen: so müssen sie die Menschen nothwendig in dieZünfte zwingen. Denn aus freyem edlen Triebe wird sich doch wohl keiner in eine beschimpfte Gesellschaft begeben; und in China soll ein gleicher Umstand jenen Zwang veranlasset haben, weil alle Handarbeit dort verächtlich ist, und die größte Ehre darin» besieht, die längsten Nägel an der rechten Hand zu haben, als einen Beweis, daF man keine Handarbeit verrichte In meinem Leben hätte ich dieses nicht gedacht. In unser» Intelligenzblättern ist so vieles von der nothwen- digen Ehre der Handwerker geschrieben. Man hat es so deutlich darum gewiesen, daß der Mangel der Ehre in Deutschland daran Schuld sep, warum alle jungen Leute, die Geld im Beutel und keine Grütze im Kopfe haben, lieber studiren und Bedienungen suchen, als in dne Werk- siätte gehen wollen, daß ich glaubte, es würde den großen Herrn, die so viele Achtung für Handel und Gewerbe haben, und solche auf alle Weise in Flor zu bringen suchen, unmöglich auch nur einmal einfallen können, das Handwerk vollends um alle Ehre zu bringen, oder welches einerley ist, ihre Ehre dergestalt zu erweitern, daß sie aufhörst Ehre zu sepn. Doch ich hoffe noch eins. In Spanien, wie mir unser Bnrgemeister erzahlt, hat L 2 der !) 5 ! a nn? marque 6?. Nodiette norter los ös lo mbün bjw'iw t'vrt V o! n e le su!. x, 56. 164 Schreiben eines Schneiders der Mersmann und der Schinder auch einerley Ehre gehabt, und der Pflug ist darüber ganz stehen geblieben. Endlich aber hat der König, Philipp der Dritte, allen und jeden, welche den Pflug in die Hand nehmen würden, nicht allein eine völlige Freyheit vvn allen Schätzungen und dem Kriegsdienste, sondern auch den Adel — jedoch vergeblich angeboten '"), und hoffentlich wird man in Deutschland diesem großen Exempei folgen. Das einzige, was ich sodann besorge, ist dieses, daß wenn der Adel solchergestalt zur gemeinen Ehre wird, man üver fünfzig Jahre darauf fallen werde, solchen allein was von Mutterleibe acht oder nnacht gebohren wird, ebenfalls mitzutheilen; und dann sey Gott dem armen Staate gnadig! Er wird die Handwerker mit baarem Gelde aufmuntern müssen, und der Fürst von der Ehre, wodurch die Menschen sich sonst so ziemlich wohlfeil leiren lassen, gar keinen Gebrauch machen können. Im Grunde müssen die Leute, welche am Ruder des Staats klimpern, kein Gefühl von der gemeinen Ehre haben, und nachdem sie sich auf eine gewisse Höhe geschwungen, den Rest der Menschen für einen Haufen Ge- würme ansehen, sonst würden sie doch nicht in solche Widersprüche verfallen. In England, sagen sie zwar, würde alles ohne Unterschied in Gilden und Zünfte aufgenommen. Allein ich bin auch an der Themse gewesen. In Westmünster kam ich bey einem frepen Meister an, aber in der City nicht; und dann ist doch noch ein großer Unter- cou, cfue cies miNiers äe bvissnnL cle !sse, hu'ii n'uuroit 5e pro- cuier cfu'en wissend äuns fon urmnire w niajessneule cravude au rnoins pencwnd w Nvidie äe l'uniiee. — ?ki!ip^e III. ossrid la no- diesse et 1'exemdion perpeduelle cles impods ed äu tervice milidaire ^ dous puiwns qui s'uännneroiend serieuftemend ü l'^griculdnre. v. I'essument polidi^ue äu Lsräinu! ^Ikeroni OK. II. über das Reichsgutachten. 16I Unterschied zwischen London oder Paris und einer deutschen Landstadt. In jener heißen alle Deutsche Barons; aber wenn sie in ihre Landstadtische Heymath kommen, packen sie ihre Reiseherrlichkeit wieder ein, und erkennen, daß die Ehre unter Nachbars Kindern einen ganz andern Maaßstab, als in großen Hauptstädten Hab, In der Fremde und in jedem großen Orre, ißt, trinkt und spielt man mit Leuten die Geld haben, und bekümmert sich um ihren Stand nicht; eben so können in einem großen Reiche allerhand Leute zu großen Ehren kommen, wenn sie aus einer Provinz in die andre versetzt werden, aber in einem kleinen Stadtchen ist es sehr empfindlich, wenn Kesselbüsser, Glas- Pott- und Düppenträger, Schornsteinfeger, Geuchler, Lotterbuben, Bossenmacher und andre dergleichen Abentheurer, wie sie in Herrn Wilhelms Herzogen zu Jülich Polizeyordnung zusammengesetzt sind, sich in iinsre Gesellschaft eindringen, und aller Ehren fähig werden. Diese werden wahrlich keine Genies anlocken, sich unter ihre Obrigkeit zu begeben. Zwar haben Löbl. Reichsstädte sich bey dem unlängst zu Stande gekommenen Reichsgutachten dieses vorbehalten, daß an Orten und Enden, wo die Gilden und Zünfte unmittelbar an dem Magistrate Theil hätten, einige Mäßigung gebrauchet werden sollte. Allein dieser Vorbehalt macht das Uebel nur noch ärger; denn wenn man dem Handwerke auch diesen Theil der Ehre nimmt: - so wird es gerade noch schlimmer werden. Man mache für den Militairstand das Gesetz, daß keiner von den Gemeinen jemals Officier werden solle; man gehe weiter und lasse keinenOfficier einige Zeit alsGemeinen dienen; und bringe denn Leute aus den Zucht - und Werkhäusern unter die Fahne: so wird man bald sehen, was daraus für eine Rotte werden wird. Ueber- i66 Schreiben eines Schneiders Ueberhaupt weiß ich nicht, was nnfte Gesetzgeber mit der N n ehre sagen wollen. Die Fürsten sind ohne Ehre des Kapsers, die Grafen ohne Ehre der Fürsten, die Edlen ohne Ehre der Grafen, die genieinen Baiinalisten ohne Ehre der Edlen, und die Armen, in dem Verstände der Reichsgesetze, ohne Ehre der Gemeinen. Muß nun ein jeder diese Unehre tragen, und erfordert das Wohl des Staats, daß jener Unterschied sorgfaltig bepbehalten werde, warum soll er denn eben bep der größten und nützlichsten Classe der Menschen hintangesttzet werden? Warum soll der Troß im Lager und der ganze Schwärm von Juden und Marketen- tern einerley Ehre mit dem Soldaten haben? Unsre Vorfahren rechneten die Schäfer :c. unter die Marketenter, und darinn besteht dieser ihre ganze Unehrlichkeit, nicht aber in der Schande, zwey Begriffe, welche wir zu unfern Zeiten ganz verwechselt haben. Ich gebe es zu, daß die Menschenliebe, ein Wort, das in meiner Jugend gar nicht bekannt war, alle Menschen zu Brüdern mache, und die christliche Religion diese Liebe heilige. Aber wenn Königs und Bettler vor dem Throne Gottes einerley Staub sind, und in der Erde von einerlei) Würmern brüderlich gefressen werden: so gilt doch von demjenigen, was vor dem Throne des allmächtigen Schöpfers vorgeht, kein Schluß auf unser Gildehaus. Vor jenem liegt die Hauptstadt, wo sich alles vermischt, hier aber sitzt man nach der Ordnung um den Tisch, wie es die Ehre erfordert. Kurz, ein jeder sieht, daß die politische Ehrenhaftigkeit ihren unterscheidenden Charakter verliere, wenn sie allen Menschen zu theil wird. Die Bürgcrliebe verwandelt sich in bloße Menschenliebe, und der Stand der Natur, worinn gar keine politische Ehre ist, tritt in die Stelle der Civilvereinigung. Ob aber dieses ein Glück ftsi, über das RcichsguLachlett. 167 ftp, was wir wünschen müssen, und wodurch wir Künste und Ackerbau in Aufnahme bringen werden, mögen andre bcurthcilen. Genug, mein Junge soll in Deutschland kein Handwerk treiben, sondern allenfalls in die Lander reisen, wo er sich ohne Schimpf mit andern vermischen kann. Ich bin?c. XXXIII. Ueber die zu uuscm Zeiten verminderte Schande der Huren und Hurkinder. Eie haben wohl recht, in Ihrem letzten Schreiben zn fragen: Ob denn der Hurkinder so viel wären, und der Ehestand so wenig Beförderung verdiene, daß andrer ehrlicher Leute ächte und rechte Kinder ihnen zn Gefallen die Werkstätten räumen müßten? Denn seit zehn oder zwanzig Jahren ist in manchen Ländern für die Huren und ihre Kinder mehr geschehen, als in tausend Jahren für alle Ehegemahtinnen, Ehegattinnen und Ehegenossinncn. Jeder Philosoph, sobald er nur gekonnt, hat sich gleich bemühet, die unächten Kinder und ihre Mütter, so viel möglich, von aller Schande zu befteyen, und sich um das ganze menschliche Geschlecht verdient gemacht zu haben geglaubt, wenn er die armen unschuldigen Früchte einer zwar verbotenen aber leider allezeit verführischen Liebe von allem Vorwurfe be- frepet. Groß sind unstreitig die Bewegungsgründe dazu gewesen. Natur, Menschheit und Menschenliebe, haben laut zum Lobe solcher Anstalten gesprochen. Allein im Grunde ist es doch die unpolitische Philosophie unsers L 4 ' Jahr- 168 Ueber die verminderte Schande Jahrhunderts, welche hier ihre Macht zeiget. Es ist wiederum die neumodische Menschenliebe, welche sich ans Kosten der Bürgerliebe erhebt. Es ist höchstens die christliche Barmherzigkeit, welche hier eine Lücke der Ei- vilverfassnng ausfüllt, die aber nicht erzwungen werden muß. Die Frag? ist nicht so schlechterdings von der Stimme der Natur, und von den Rechten derMenschheit, wenn es auf bürgerliche Rechte ankömmt, zu entscheiden. Im Stande der Natur ist keine Ehe, und sobald man die Begriffe hievon aus dem Stande der Civilvereinigung in den Stand der Natur überträgt: so begeht man eine gefährliche Vermischung, deren Folgen in der That schädlicher sind, als man sich einbildet. Ist es wahr, daß die Ehe ihre großen Beschwerden habe; ist es wahr, daß viele ihr den ledigen Stand vorziehen: so ist nothwendig, alles dasjenige, was den ledigen Stand begünstiget, und was ihm alles Vergnügen, was die Ehe gewähret, ohnejeneBeschwerden verschaffet, unpo- litsch und wider die wahre Wohlfahrt des Staats, nachdem es eine ausgemachte Wahrheit ist, daß aus einer Ehe mehr Kinder gebohren werden, als aus dreyen unerlaubten Verbindungen. Es ist unpolitisch, den Hur- kindcrn einerlei) Ehre mit den ächcgebohrnen zu geben, weil dadurch der stärkste Bewegungsgrund für die Ehe wegfällt. Es ist unpolitisch, den unglücklichen Müttern jener verbotenen Früchte ihre vorige Achtung zu erhalten, weil eben die Furcht vor dem Verlust derselben das wahre Mittel sey!! soll, die Ehen zu befördern. Es ist unpolitisch, dem ehelosen Leben im bürgerlichen Stande gleiche Wvhlrhaten mit dem ehelichen zu verleihen, weil der Hausstand einer Familie dem Staate mehr nutzt und mehr bepträgt, als der Stand loser Gesellen. Unsre Vorfahren, die nicbt nach Theorien nrtheilten, sondern sich durch Erfahrungen leueu ließen, forderten immer der Huren und Hurkinder. 169 ZU er zuerst den Geburtsbries, wenn sie einen in ihre Gilden oder Gesellschaften aufnehmen sollten; sie heprathetcn nur ächtgebohrne Töchter; sie druckten die Früchte einer verbotenen Liebe mit einer bestandigen Verachtung; sie flochten Kranze für unbefleckte Braute, und hatten tausenderlei, Erfindungen, ihren Ehrentag zu schmücken; und warum dieses? blos um alle Ehre und alle bürgerliche Wohlthaten für den Ehestand aufzuheben und diesen dadurch zu befördern. Hatte diesen jemand beweisen wollen, daß die unächten Kinder insgemein mehr Genie als andre, und an dem Verbrechen ihrer Eltern keine Schuld hatten; hatte ihnen jemand nach den Grundsätzen wilder Völker vermalen wollen, daß die größten Huren noth- wendig die schönsten, angenehmsten und liebenswürdigsten seyn müßten, weil sie so früh und allgemein gesucht worden; so würden sie gewiß geantwortet haben: Diese Gründe sind richtig im Stande der Natur, aber der Absicht einer Civilvereinigung nicht gemäs. Man glaube indessen nicht, als wenn sie nicht auch die Schwierigkeit gefühlt hatten, welche unsre Philosophen bewegt, mit den Huren Mitleid zu haben. Der Sack, worinn sie diejenigen von ihnen ertränkten, welche einen Kindermord begangen, um sich von der Schande zu befreien, zeigt nur gar zu deutlich, durch welchen Weg sie der zufälligen Würkung einer für das gemeine Beste des Ehestandes nothwcndigen Schande begegnen wollen. Er zeigt deutlich, daß sie ebenfalls das menschliche Herz gekannt, es aber für sicherer gehalten haben, die Strafe sonderbar und erschrecklich zu machen, als jene Schande zu vermindern. Unsre neuen Philosophen hingegen vermindern die Schande, ohne einmal die Strafe so zu schärfen, wie sie unsre Vorfahren geschärfet haben; und schwerlich werden sie doch auf diesem Wege das wahre Ziel erreichen, oder sie müssen den Ehestand ganz aufhe- L 5 den, 170 Ueber die verminderte Schande den, und einer ledigen Mutter mit der verehligten gleiche Vorzüge einräumen. So lange dieses nicht geschieht; so lange die Verachtung, welche man einem geschwächten Weibsvilde zeigt, durch eine ganz neue Art von Erziehung nicht ausgerottet wird; so lange jeder ehrliche Mann sich scheust, eine solche Person zu heyrathcn, eben so lange wird auch die stärkste Versuchung zum Kindermord bleiben, und die Bemühungen der Gesetzgeber vereiteln. Außerdem aber ist die Ehre allezeit ein überaus grosses Mittel, um dem Laster zu steuren und die Tugend zu erhalten. In Ländern, wo die Ehre ihren Werrh verliert, müssen die Strafen nothwendig grausam werden; und es scheinet mir überaus bedenklich zu seyn, die Schande eines Verbrechens, wozu die Versuchung allemal gleich stark bleiben wird, zu vermindern, um sich hernach in die Nothwendigkeit grausamer Strafen zu setzen. So vernünftig und billig die Schande ist, womit unsrc Vorfahren dem ächten Stande zum Besten eine Hure belegt haben; eben so gerecht und vernünftig ist auch der Flecken, womit sie die unächten Geburten bezeichnet. Es tritt hier eben derselbe Grund ein, und der Vorzug, aus einem reinen Ehebette erzeugt zu seyn, muß allen heilig seyn, welche den Ehestand zu befördern wünschen. Nach den göttlichen Gesetzen müssen die Kinder bis ins vierte Glied ihrer Vater Mlssethat tragen, um diese so viel kräftiger abzuhalten, sich mit Sünden zu beflecken; warum will der philosophische Gesetzgeber hier den göttlichen verbessern? Die Mißhcyrath eines Edelmanns wirkt unter dem Schutze der Gesetze bis ins vierte Glied, warum sollte die unehliche Vermischung im bürgerlichen Stande nicht unter gleicher Begünstigung auf das erste Glied würken? Die Rechte der Menschheit werden in Heyden Fallen keinem genommen. In Heyden Fallen findet nur eine Ausschlief- der Huren und Hurkinder. ,71 schließung von gewissen Wohlthaten sinkt, die der Adel für vollbürtige und der Bürger für ächte Kinder ausgesetzt hat. In Heyden Fällen sind den Miß - nnd Wahn- bürtigen tausend Wege offen, die Forderungen der Menschheit zu befriedigen, ohne daß man dieserhalb nv- thig hat, eine auf höhere Ursachen gegründete Politik zu verändern. Das Recht der Aechtschast, was die nachfolgende Ehe ertheilct, ist als eine große und weise Ausnahme von dieser Regel bep allen gesitteten Völkern zugelassen. Die Aechtsprechung, welche der Landesherr aus besonders bewegenden Ursachen verrichtet, ist eine billige Nothhülfe für außerordentliche Fälle. Die Aechtsprechung des Loiruüs pslatini mag geduldet werden, wenn sie nicht ferner zu einer elenden Geldschatzung herabsinkt. Allein ein allgemeines Gesetz, wodurch nnächre Kinder den ächten gleich gemacht werden, ist ein solcher Fehler gegen die Politik, daß ich nicht sehe, wie die Menschenliebe unsrer Zeiten ihn entschuldigen wolle. Ich bin :c. XXXIV. Warum die Abdeckerei) m Deutschland ohne Ehre sey? 3tichts gleicht einem Vorurtheile so sehr, als die Mey- nung der Menschen: daß das Abdecken eines gefallenen Stück Viehes schimpflicher sey, als das Abstreifen eines geschlachteten, und man hat schon mehrmals den Deutschen das Exempel der Holländer und anderer Nationen vorgehalten, bey welchen dieser Unterschied nicht hergebracht 172 Warum die Abdeckerei) m Deutschland :c. bracht ist. Indessen kann das Vorurtheil doch einen sehr großen Grund gebabt haben, und man thnt wohl, eine lange bestandene Gewohnheit nicht sogleich zu schelten; unsre Vorfahren waren auch keine Narrvn. Gecktzt, sie hatten in den Zeiten, wo man noch keine solche öffentliche Cassen und Steuren hatte, wie jetzt, einen Nachrichter nöchig gehabt; gesetzt weiter, sie hatten demselben für ihre Personen oder von ihren Höfen jahrlich kein Gewisses geben und sich in eine verhaßte Zinspsticht setzen wollen: was konnten sie Vessers rhnn, als ihm zur Besoldung das Abdecken zu geben? Und wie konnten sie den Landmann, ohne ihre Anstalt nach der neuen Arr mir schweren Geldstrafen oder Karnschieben zu vertheidigen, schärfer binden, und dem Nachrichter feinen Gehalt besser sichern, als dadurch, daß sie das Abdecken unehrlich machten, und den Abdeckern zu Ausübung ihrer Controlle gewisse empfindliche Ceremonien erlaubten? Diese Erfindung scheint mir feiner zu seyn, wie ein Garten,reiiipe!, worauf man z» unfrer Zeit verfallen seyn würde; und man sieht leicht ein, daß in allen Ländern, wo die Viehzucht stark, oder eine große Hauptstadt ist, die den Nachrichter mit seinen Knechten auf andre Art besolden kann, das Abdecken jedem Landmanne frei) geblieben. In jenen wäre die Besoldung zu groß, und in dieser unnöthig gewesen. Die Philosophen, die das Abdeckten so gern wieder ehrlich machen möchten, sollten erst einen bessern Gehalt für den Nachrichter ausmachen, oder die Verrichtungen desselben aus Menschenliebe selbst übernehmen. XXXV. I7Z XXXV. Unterschied zwischen der Ehre in großen und in kleinen Städten. Ä?ie groß der Unterschied der Ehre und einer recht/ scbassenen Empfindung in einer unermeßlichen Hauptstadt und den kleinen Haupt- und Landstädten Deutschlands sep; und wie wenig sich allenfalls von der Gildefähigkeit eines Hurkindes in London, ein Exempel zur Nachfolge nehmen lasse, mag folgende Stelle eines Briefes von Herrn Lovell, welchen wir in der Londonschen Chronik vom »9-2i. Oct. 177Z lesen, beweisen: „ . . . Der Streit zwischen mir und Herrn Aldcrmann Wilkes steht jetzt also. Er sagt, ohne es zu beweisen, ich sep ein Bärenhäuter; ich hätte Stockprügel empfangen, und mich nur mit Thränen vertheidiget . . . Ich sage, und kann ihn stehendes Fußes überführen: er sey ein niederträchtiger Betrüger, der jede Gelegenheit genutzet, wo er seine Freunde oder das Publicum bestellen können; ich sage, um von vielen weniges anzuführen, daß er Sylvie» schelmisch behandelt, daß er seine dem Capitain Bodens gegebene Handschrift abgeleugnet; daß er einen französischen Juwelier um eine große Summe schändlich betrogen; — ich sage, daß er die ihm anvertrauten Cassen des Fündlings- Hospitals und der Militz von Buckingham bestohlen; und daß er, während der Zeit er für einen rechtschaffenen Patrioten angesehn sepn wollte, sich von dem vorigen Ministerio mit einer Pension von tausend Pfund bestechen lassen; ich sage, daß in der Zeit seine Freunde ihm tausend Pfund gaben, und seine Schulden zu bezahlen sich anheischig machten, er die viertausend Pfund, welche ihm Mylord Ha Iii fax bezahlen mußte, zu 174 Der Galgen ist für uns zu Beutel gesteckt, und nicht allein nichts davon seinen Gläubigern gegeben, sondern eine verfälschte Liste von nie gehabten Schulden anfgestellet und seine Freunde solchergestalt nms Geld geschneinzt habe; ich schließe darans, daß er ein Schelm, ein notorischer Betrüger, ein Spitaldieb, ein Ministerialhenerliug, und ein Räuber seiner Wohlthäter sep, Hey dem allen aber, noch die abscheuliche Unverschämtheit besitze, sich dieser Stadt Bürgerschaft zum Lord Maire aufzudringen. . . Würde nicht in Deutschland sich alles gegen den Verfasser und Drucker solcher unter öffentlicher Autorität bekannt werdenden Aufsätze auflehnen? Was geschieht aber hierauf in London? Man liest es und lacht darüber, und Herr Wilkes antwortet seinem Gegner in eben dem Tone. Nun schließe man von einer Ehre auf die andre. XXXVI. Der Galgen ist für uns und für unfre Kinder. Äkan erzählt es sich im Scherze, daß eine gewisse Stadt über ihren Galgen oder über ihren Pranger, ich weis es nicht genau, welcher von lcyden es war, die Worte gesetzt hätte: Dieser ist fü r u n s und für u n sr e Kinder. Es fehlt aber doch auch nicht an Gelegenheiten, wo eine ernstliche Anwendung davon gemacht worden. Aus einer gewissen Stadt schickte man vor einigen Iahren die Missethäter auf ein nahe gelegenes Amt, um an ihnen dort das Urtheil vollziehen zu lassen. Anfangs achteten dessen Eingesessene darauf nicht; wie sie aber gar zu oft aufgeboten wurden, enien arme» Sünder zur Gericht- und für unsre Kinder. Z/L Gerichtstatt zu begleiten, denselben zu fahren, den Galgen dafür zu errichten und andre damit verknüpfte Beschwerden zu übernehmen: so siel es ihnen endlich ein, einen Rcchtsgelehrten darüber zu vernehmen, und dieser wußte' die Sache nicht besser zu entscheiden, als daß er ihnen sagte: Der Galgen ist blos für euch und für eure Kinder. Der Amtmann, wie er dieses hörte, stimmetc mit ein, und fühlte gleich, daß er auch nicht schuldig wäre, jedem schlechten Kerl, der dahin geschickt wurde, zum Galgen vorzureiten; und der Pfarrer wegcrte sich aus einem gleichen Grunde, dergleichen Wechselbälge für die gewöhnliche Gebühr zu begleiten. Einem fremden Diebe, der in meiner Pfarre ergriffen wird, fügte er wohlbe- dächtlich hinzu, bin ich diesen letzten Dienst schuldig; so wie ich auch einem Fremden, der in meinem Kirchspiel stirbt, ein Plätzchen gönnen muß. Dies ist ein Nothrecht, und den es trist, den trist es; aber mir solche nach Belieben zuschicken zu lassen, sie drei? Tage und drey Nächte zum Tode zu bereiten, und dafür nur die gewöhnliche Gebühr zu erhalten, das ist in der That etwas hart. Die Obrigkeit fand die Vorstellung gegründet, und verordnete, daß die Vollstreckung der peinlichen Urtheile künftig unter den Aemrern in der Reihe herumgehen, und solchergestalt die Gleichheit wieder hergestellet werden sollte. Es währetc nicht lange: so sollte ein Dieb gerichtet werden, der auf einem frepen Hofe, dessen Besitzer nicht mit zur Gerichtsfolge gehörte, ergriffen war. Dessen Besitzer nnd seinem Gesinde, sagten die Amtsnnterlha- ucn, sind wir den letzten Liebesdienst schuldig; denn er hat seine Vorrechte ehedem um uns verdient. Aber wenn er andre Leute aufnimmt und heget, so mag er auch sehen wie und wo er sie hängt; unser Galgen ist für uns nnd unsre Kinder; und da jener mit uns nicht zur Leiche ge? kommen: so sind wir auch nicht schuldig ihn zu begleiten. Er 176 Der Galgen ist für uns Er kann so wenig unsre Folge als eine Galgenstatte auf unser Gemeinheit von gemeiner Pflicht wegen fordern. Wir sind nicht schuldig, ein Gefängnis für ihn zu erhalten, ihn dort zu bewachen, und den Scharfrichter für ihn zu holen. Wer den Vortheil davon hat, mag sich auch des Schadens nicht erwehren. . . . Der Proceß hierüber wahrte lauge, und wurde endlich dahin verglichen, daß der Besitzer des frepen Hofes jährlich eine Tonne Bier und einen Schinken an die Gemeinheit dafür entrichten sollte, daß seine Hintersassen Mit unter die Kinder ausgenommen würden, für weiche der Galgen gehörte; der Amtmann und der Pfarrer sollten, so oft sich der Fall zutrüge, besonders dafür erkannt werden, wenn sie die Begleitung nicht aus Gefälligkeit übernehmen wollten. Der Landesherr, dem dieses als ein Geschichtchen erzählet wurde, nahm aber die Sache ganz ernstlich auf. Nein, sagte er, dieses soll nicht geschehen, der Galgen ist für meine getreuen Unterthanen, die ihn bauen und erhalten, und mich durch Steuren, Schoß und Brächten in den Stand setzen, die peinliche Gerichtsbarkeit zu ihrer Sicherheit auszuüben. Ist also jemand in meinen, Lande, der Leute in seinem Bezirke hat, die nicht zur gemeinen Folge kommen, der mag auch für Wachen, Gefängnis, Scharfrichter und Galgen sorgen. Auf diese Weise, warf die Fürstin ein, würde auch mein Spinnhäuschen, was mit lauter fremden Landstreichern besetzt ist, nur für Ihre getreuen Unterthanen sepn müssen? Allerdings, antwortete der Fürst, ich habe es lange sagen wollen, daß Eure Liebden hierinn zu weit giengen. Das Spinnhäuschen hat über zwanzig tausend Thaler zu bauen gekostet, und erfordert jährlich noch an die tausend Thaler, wenn wir alles rechnen. Warum sollen meine getreuen Unterthanen, welche doch am Ende alles bezahlen müssen, mit einer solchen Schätzung einigen fremden Land- und für unsre Kinder. Landstreichern Zinn Besten belastet werden? Die Fremden sind Feinde; wir sind ihnen kein Recht schuldig; und wir werden sie, wenn sie es verdienen, als Sklaven auf die Galeeren verkaufen, oder wenn sie nicht so viel verbrochen haben, an ein benachbartes Werbehaus mit der Bedingung abliefern lassen, daß es dieselben in guter Zucht und auf hundert Meilen von unfern Grunzen halten solle. Kommen sie dann wieder: so sollen sie ohne Proceß und ohne Begleitung an den ersten Baum hängen. Das Spinnhäuschen ist dann allein für unsre getreuen Unter- thancn, die, wenn sie daraus laufen, das Land von selbst räumen, oder wo sie wieder kommen, als Fremde, die ihr Bürgerrecht verlaufen haben, hängen sollen. Aber . . . sagte die Fürstin, jedoch um nur das letzte Wort zu behalten. XXXVII. Der notwendige Unterschied zwischen dem Kaufmann und Krämer "). billig sollten die Kansteute überall von den Krämern unterschieden, für sie der erste Rang, für die Krämer aber der unterste nach den Handwerkern seyn. Billig sollte jede Stadt zwischen Heyden die genaueste Gränztinie ziehen, nud keinen der Ehre eines Kaufmanns genießen lassen, der nicht für eine bestimmte Summe einheimischer Pro- dncten jährlich außerhalb Landes absetzte, oder für eine gleichfalls bestimmte Summe einheimische Fabricanten mit r>) Dicstr Aussatz erschien dcn 20. Nov. 177?, und im August 1774 hat dic Äavstrm Königin in ihr.'» Srblaiidm cilie Verordnung crlklstn, worin» der Vorschlag wntlich auögcfiihrrt ist. Mosers phanr.N.Tbe -l. M 178 Der nothwendigcUckttMd mit rohe» Materialien verlegte, oder auch sonst einen großen Handel von außen nach außen triebe. Jede Stadt könnte hierinn ihr eignes Maaß halten; ein Landstädtchen könnte denjenigen als einen Kaufmann verehren, der jahrlich nur tausend Thaler auf solche Art umsetzte: und größere Städte könnten auf zehn, zwanzig, hundert und mehrere hundert tausend Thaler steigen, um die Summe zu bestimmen, durch deren Verkehr einer das Recht zu demNameu und den Vorzügen eines Kaufmanns erlangen sollte. Mit der Kaufmannschaft wäre sodann auch die höchste Ehre und Würde verknüpft; so wie im Gegentheil der Krämer von allen höhern Ehrenstellen in der Bürgerschaft völlig ausgeschlossen seyn müßte. In den mehresten großen Städten ist dieser Unterschied vor Zeiten eingeführt gewesen, und in der Welt könnte die Ehre nicht nützlicher als auf diese Weise angelegt werden. Im Gegentheil kann man nicht unpolitischer verchhren, als daß man diejenigen, welche allen einheimischen Fleiß unterdrücken, und auf nichts anders denken, als an ausländischen Sachen zu gewinnen, mit jenen vermischt, und beyde in eine Classe setzt. Die Ehre und der Rang, welchen sich die Krämer mit denKauffeuten und über die Handwerker erworben haben, ist unstreitig die offenbarste Erschleichung, welche jemals die gesunde Vernunft erlitten hat. Denn es gehört gewiß sehr wenig Kunst dazu, um hundert Pfund Zucker, Kaffee oder Rosinen in Empfang zu nehmen, und bei) kleinern Theilen wieder auszuwiegen. Die ganze Buchhaltung besieht hier im Anschreiben und Auslöschen, und die ganze Rechenkunst in der armen Regel de Tri. Hundert Leute haben sich auf dem Lande niedergelassen und die Krämerep ergriffen, ohne sie jemals gelernet zu haben, und hundert Frauen sind in die Boutiquen gekommen, welche niemals vorher in der Handlung unterrichtet worden. Aber unter Millionen Menschen wird kein einzi- zwischen dem Kaufmann und Krämer. 179 einziger auf einem so leichten Wege ein geschickter Schneider oder Schuster; und niiter hundert, die das Handwerk gelernet haben, findet man oft nur einen, der es in einem vorzüglichen Grade versteht. Zum Handwerke wird also offenbar weit mehr Kunst und Geschicklichkeit erfordert, als zur Krämerev, und es ist ein wichtiger Staatssehler, die Kunst unter jene herabzusetzen. Uebcrhaupt wäre es gar nicht nöthig, eine eigne Claffe von Kramern, oder eine sogenannte Kramergilde zu haben. Die ganze Krämerey sollte eine Ergötzung für die Handwerker und ihre Frauen seyn. In den mehre- sten großen Handelsstädten hat der Handwerker seine Werkstätte hinten im Hause, und gleich bepm Eintritt glänzt die wohlaussehende Frau IN ihrem Kramladen. Mit dieser Einrichtung sind unzählige Vortheile verknüpft. Die Frau des Schneiders handelt mit Mützen, Saloppen und andern dergleichen Waaren,.die der Mann entweder selbst machen, oder doch eben so leicht als ein Krämer, anschaffen kann. Der Mann bekömmt, wenn letzteres geschieht, alle nene Moden in die Hände, er ändert darnach seine eigne Arbeit, bessert an den empfangenen, lernt nachahmen, nutzet alle Kleinigkeiten und bedient sich aller Vortheile seines Amts. Auf gleiche Weise verfahren alle andre Handwerker. Ihre Frauen handeln mit solchen Waareu, worunter der Mann immer noch etwas von seiner eignen Arbeit mit verkaufen, oder woran er durch ändern, bessern oder zusetzen etwas gewinnen kann. Alles was an den Waaren zerbrochen oder verdorben ist, verstehet er durch seine Kunst zu ersetzen ; er bedarf keiner fremden Hand, wie der Krämer, und versteht die gute Erhaltung und Bewahrung der in sein Handwerk schlagenden Waaren besser als wie dieser, der oft nicht weiß, ob eine Waarc sich in trockener oder feuchter Luft, in Holz oder Glas, auf dem Boden oder im Keller am besten erhalten will. Der Handwerker, der bei) dieser M 2 Gele- i8o Der nothwendige Unterschied Gelegenheit die fremden Preise kennen lernt, und findet, daß sie geringer sind, als er sie in feiner eignen Arbeit geben kann, sinnet den Kunstgriffen nach, die der Fremde gebraucht; entdeckt das Verfälschte oder Unvollkommene mir einem halben Auge, und erfindet durch feine knnstmäßige Einsicht sogleich einen Vortheil, wodurch er den Fremden wieder überholet. Und wer kann ein größerer Kenner vonWaaren seyn, als der Handwerker, der solche täglich selbst verfertiget? wer kennt dieFarben besser, als ein Färber oder Maler? wer Ranch - und Lederwerk, wer Wolle und Fils, wer Metall undEisenwaaren besser, als diejenigen, so darinn arbeiten? und wer kann geschickter und fähiger seyn, die Kramerey mit den dahin gehörigen Sachen zu treiben» als eben diese? Warum wird nicht den Handwerkern oder deren Frauen eine eingeschränkte Art von Handel damit gestattet? »nd was braucht man eigne Krämer, deren Vortheil immer gerade dem Vortheil der Handwerker entgegen steht; die selbst keine Waaren kennen, und bloß nach dem Scheine urcheilcn, selbst betrogen werden und andre wieder betrügen? Gleichwohl ist es ein Verbrechen der beleidigten Bürgerschaft, so oft ein Schneider mit Nähnadeln, oder ein Maler mit Farben handelt, oder ein Schmidt fremde eiserne Waare, die auf Hütten und großen Fabriken wohlfeiler gemacht werden, mit durchsetzt, oder daran eine Politur und Verbesserung gewinnet? Unsre Vorfahren haben zwar den Grundsatz gehabt, die Zweige der bürgerlichen Nahrung so viel thnnlich zn trennen, um die Zahl der bürgerlichen Familien zu vermehren, und zn verhindern, daß nicht eine mächtige Hand alles an sich ziehen, und anstatt den Staat mit seßhaften Bürgern zu vermehren, mit einer Menge flüchtiger Gesellen arbeiten möchte. Diese Grundsätze waren gut, und bleiben allezeit richtig, wenn auch ein Reichsabschied die unendliche Anzahl zwischen dem Kaufmann und Krämer. 181 Anzahl von Geselle» der Vermehrung bürgerlicher Fami- lien vorzieht. Allein unlre Vorfahren haben es nie ge- argwohnet, daß eine Zeit kommen würde, worin» die Krämer alle Ehre und Geld an sich Ziehen, und mit Hülfe von Heyden ihre Mitbürger die Handwerker verdunkeln und ersticken würden. Ley diesem offenbaren Verfall würden sie nicht ihren Plan geändert, aber sicher eine Wendung in ihrer Polizey gemacht, den Kaufmann erhoben, den Krämer herunter gesetzt, und den Handwerker durch neue Privilegien begünstiget haben. Dieses hätten sie nach ihrer großen Einsicht gewiß gethan, und ich sehe keinen Grund ein, warum nicht eben diejenigen, die den Krämern unter andern Umständen Vorzüge eingeräumet haben, solche auch, nachdem es die gemeine Wohlfarth erfordert, wieder mindern sollten? Das Recht mit Thee, Kaffee, Zucker, Weine und dergleichen zu handeln, könnte den eigentlichen Kaullenten verbleiben. Jeder, der vor dem vertrauten Ausschüsse darlegte daß er z. E. für zehntausend Thaler jährlich einheimische Linnen - oder Wollenwaaren verschickte, konnte dabey füglich das Recht haben, mit jenen Waaren allein zu handeln. So würde die Krämerey eine Nebensache des Kaufmanns, nnd nur der Patriot, der mit der einen Hand seine Mitbürger höbe, hätte die Besugniß, sich mit der andern durch solche Waareu, welche sich nicht füglich für Handwerker schicken, zu bereichern. Dieses wäre eine gerechte Vergeltung, und weil die Krämerey dadurch zugleich zu einem bloßen Nebeuzweige gemacht würde: so dürfte man auch so leicht nicht fürchten , daß einer sich zu sehr darauf legen würde. Der Kaufmann, der einheimische Produkte im Großen verschickt, hat eine edlere Seele; er denkt größer, und hebt seinen Mitbürger, um seinen vorzüglichsten Handel durch ihn zu befördern. Dieses ist eine natürliche Folge der menschlichen Den- kungsart, und die Ehre, ein Kaufmann zn ftpii, und M z durch 182 Jeder zahle seme Zeche. durch diesen Name» sich den Weg zu den höchsten bürgen licheu Wurden zu bahnen: wurde ihn scharfsinnig machen, neue Erwerbuugsmittel für seine Mitbürger auszuflutten, um auf diese Weise durch neue Zweige seinen Handel und seine Ehre zu erhalten. Bis dahin diese guten Wunsche erfüllet seyn, muß man es als eine Glückseligkeit unserer Zeiten ansehen, daß allmählich große Krämer entstehen, deren jeder zwanzig kleinere verschlingt. Die kleinen Raubvögel, die nusre guten Handwerker zuerst verzehret haben, werden solchergestalt ein Raub der Größern, und da es nicht eines jeden Sache ist, sogleich ein großer Krämer zu werden : so muß man hoffen, daß nuter diesen Aspekten sich wenige der kleinen Krämerey widmen werden. Mau muß hoffen, daß dadurch mancher sich bewegen lassen werde, sich wieder zum Handwerk zu wenden, und daß endlich die Handwerker, wann es zuletzt nur noch auf einige wenige Feinde ankömmt, diese überwältigen, und durch eine neue und verbesserte Einrichtung, sich Ehre und Recht verschaffen werden. —— XXXVIII. Jeder zahle seine Zeche. ^ie Anzahl der Fündlinge hat sich voriges Jahr in Paris um zweytauseud vermehrt. Dies ist doch ein starker Beweis der herrschenden Unordnung, dürfte mancher empfindsamer Reisender sagen ; aber vermuthlich ist es nichts weniger, und beweiset dieser starke Zuwachs höchstens nur, daß alle Generalkassen und alle Generalaufseher mehr hintergangeu werden, wie andre ehrliche Leute, die entweder blos ihre eigne Haushaltung führen, oder die ihnen Jeder zahle seine Zeche. 18Z ibnen anvertraute GemeinheitsauSgaben völlig übersehen können. Unsre guten ehrlichen Vorfahren hielten daher nichts von Generalkassen. Der Himmel möchte auch dem heiligen römischen Reiche gnadig seyn, wenn es beständige Reichs - und Kreiskasten, und ans denselben, wie seine Nachbaren, einige hundert Millionen Schulden hatte! Wie viele Pensionen würden daranS verstiegen? Wie viele große und kleine Lettler würden daranS leben, nnd wie viele hohe und geringe Mütter würden an den Orten, wo diese Kasten stünden, ihre achten nnd unsichren Kinder zu glücklichen Fündlingen machen, nnd solche unter diesem Titel dem Heil. Röm. Reich in die Futterung geben? Wsire diese Kaste vollends an dem Orte deS ReichStageS in Verwahrung; bestünde denn daS vom Kavser Maximilian angeordnete ReichSregiment noch in seinem völligen Wesen, und hätte dieseS, wie billig, daS Ausschreiben und die Zahlungen zu verordnen: wer weiß, wie sich dann die Fündlinge um RegenSburg vermehret haben würden? Die Kenntuiß der Rubriken dieser Rechnung würde zur wahren Freude unsrer StaatSrechtsliebenden Deutschen eine eigne Wissenschaft, und die Zahl der Kastirer, NechnungSrathe :c. :e. :c. den französischen Pachtern gewiß nicht viel nachgeben. Daß der Magistrat zu RegenSburg bey der erlittenen außerordentlichen Theurung eine billige Leyhülfe daranS erhalten haben würde, versteht sich von selbst. Anch den LandeSkassen waren sie nicht sonderlich gewogen. Wenn eine allgemeine Roth oder der LandeSherr zur außerordentlichen Hülfe eine gemeine Steuer erforderte: so brachten sie solche vor der Zeit ans, ließen sie durch die Landesherrlichen Beamte heben, oder machten eS mit ihrem Kassirer, wie mit ihrem Heerführer, der nach vollendetem Kriege sich bey seinen Lorbeer» wärmen konnte, wenn er sonst nichtS zu thun hatte. War ein Landwehr zu graben, oder ein Hauplort mit Wall und M 4 Era- 184 Jeder zahle seine Zeche. Graben zur gemeinen Landessicherheit zu umgeben: so grub jedes Kirchspiel seinen ihm zukommenden Theil, und gieng dann wieder nach Hanse. Gleichwohl wird man sagen, erforderte dieNothwcn- digkeit immerfort öffentliche Ausgaben. Es waren Kirchen zn unterhalten, Wege zu bessern, Richter zu besolden, Fündlinge zn erziehen, Arme zu ernähren, und viele andre Nochwendigkeiten, die einen beständigen Zuschuß erforderten, zu bestreiten. Freylich war dieses; allein jedes Kirchspiel sorgte darinn für sich. Der Vogt, Kirch- spiclherr oder Gerichtsherr, wie man ihn nennen will, sammlete erst bey Grase und bey Stroh, eine Herbst - und Maybcdc oder eine Iahrbede von seinen Gemeinen, bestritt daraus die kleinen Vorfälle °), und was er ersparet?, diente zu seinem Staat und seiner Zehrung, oder zur Vergeltung seiner unberechueten Bemühungen. Reichte diese Bede für dasmal nicht zu: so bewilligte man noch wohl eine Nothbede, und jeder steuerbare Unterthan kannte und übersah ungefähr die Nothwendigkcit und Verwendung seines Beytrags, ohne eben kostbare Rechnungen zu verlangen. Nun haben sich freylich diese Zeiten im Kleinen und Großen mächtig verändert; und wir haben seit den niederländischen Unruhen und den spanischen Zügen durch Deutschland, beständige Landeskassen, Indessen bleibt es doch immer eine einleuchtende Wahrheit, daß wenn auf Rechnung einer Landeskasse getrunken würde, mancher, v) Man legt den Land-Sherrl? jetzt überall viele gemeine Ausgaben auf dieCam- nicrgeMe, ohne dabei, zu sagen, daß diese Gefalle zum Theil schr viclcgcmci- ne verdunkelte Eteurcu enthalten, worauf jene Ausgaben gehaftet haben. Insbesondre aber sind die Herbst.- und Maybeden, oder Herbst- und Maugelder alte Stcuergcfalle,; und hieraus müssen mit allcnfallsigcr Hülfe einer Nothbede, oder des Kirchspiels Beystcuer, die Fündlinge unterhalten werden. Mau sehe indessen dcS Hrn. Meekanzlers Strubenkl Reehli. Beb. lom. I. n. 171. Jeder zahle seine Zeche. 185 cher, der nur ein Glas getrunken, für seinen Theil cm Stübchen zu bezahlen haben würde, und wir mögen daraus als vernünftige Leute weh! den Schluß ziehen, daß für die Wasscrtrinker keine Maxime vvrtheilhaftcr sep, als: ein jeder bezahle sinne Zeche. Müßte in Frankreich jedes Kirchspiel seine Fündlinge unterhalten : so würde eüwNachbarinn auf die andre genau achten; der Schulze im Dorfe würde seine Angeber überall halten, und manche arme Hure, die ihr Kind auf die allgemeine Landcsbarmherzigkeit aussetzt, in Zeiren genährt, unterstützt, und mit der Halbschied desjenigen, was sie der gemeinen Anstalt kostet, bep mütterlichen Gesinnungen erhalten werden. Eben das läßt sich von den Armen und Unglücklichen sagen, die auf Kosten einer gemeinen Anstalt ihre Versorgung finden. Der Pfarrer, um ihnen sein Mitleid zu bezeugen, und sich des ungesiümmenBettlens zu erwehren, giebt ihnen das Zeugniß der Dürftigkeit ans gutem Herzen. Der Vogt denkt: unser Herr Pastor wird es wissen, und hierauf bezeugt er alles der Wahrheit gemäß ; die Kirchspielsvorsteher schreiben ihren Namen unbedenklich darunter, weil es nicht unmittelbar auf ihre Rechnung geht; und so läuft alles der gemeinen Zeche zu, wozu hernach manches Kirchspiel ein Stückfaß liefern muß, was seine Durstigen höchstens mit einem Ancker erquicken könnte. Was Hilst es, sagte neulich ein Kauer zu mir, daß wir, nach der Verordnung, unsre Arme ernähren, ihre Kinder zur zeitigen Arbeitgewöhnen, keinem fremdeuBett- lcr in unsre Nebenhäuftr ausnehmen; und solchergestalt einer Seits den Geist der Bettelei) zu ersticken suchen, andrer Seits aber unsre wahren Armen versorgen? Was hilft es, daß wir strenge sind, keinen für Arm erkennen, der es nicht würklich ist, keinem andern Zeugniß als dem Zeugnisse unsrer Augen trauen, und uns alle Jahr zwey- mal zur Ader lassen, damit unser Herr Chirnrgus die M 5 Ver- 186 Jeder zahle seine Zeche. Verunglückten umsonst curiren möge: wenn andre Kirchspiele nicht ein gleiches thnn? wenn diese alles, was nur geht und kömint, zur Heuer einnehmen, und ihr ausgehungertes Vieh mir einem guten Zeugnisse auf die gemeine Weide schicken dürfen? Freylich, antwortete ich ilmi, wäre es gut, wenn jedes Kirchspiel in diesem Stücke seinen Hanshalt für sich hätte, und allenfalls eine eigene Schätzung zu dergleichen Bedürfnissen anlegte. Wenn es solchergestalt geradezu aus eines jeden Beutel gienge: so würde kein Zeugniß, was drey Meilen von euch gegeben wäre, Glauben finden; es würde mancher, der bey der allgemeinen Casse sehr kläglich thut, daheim, wo seine Umstände bekannt find, ganz leise reden müssen; viele die sich vor Fremden nicht schämen, würden es vor ihren Nachbaren thnn; das Gesinde würde nicht so leichtfertig zusammen laufen, die Einnahme eines fremden Heuermanns würde ohne Erlaubnis des Kirchspiels nicht statt finden; der Chirurgus würde entweder die Armen umsonst curiren, oder jeder guten Frauen das Recht zu curiren lassen müssen; den Bettlern vom Handwerke würde man ihre Kinder nehmen, und sie bey andern für dieselben Almosen, welche man ihnen giebt, zur Erlernung der Wirthschaft eindingen, und was das Beste ist, ein Kirchspiel würde das andre nicht auf gemeine Rechnung bezechen können. Allein . .. Ich bin doch recht neugierig zu wissen, fiel hier der Bauer ein, was das für ein Altein werden wird? Aber zu seinem Unglück vergaß ich darüber, was ich sagen wollte. XXXIX. 187 XXXIX. Schreiben einer betagten Jungfer an de«: Stifter der Wittwenkasse zu * * 5) mein Herr, Sie haben es nie empfunden, was es für eine grausame Sache für ein lediges und betagtes Frauenzimmer sep, von der Gnade seiner Verwandten abzuhängen; wie erschrecklich es sep, den Stolz und die Verachtung kleiner naseweisen Nieren mit Freundlichkeit zu erwiedern; was die ungesitteten Spotlereyen und die hämischen Anmerkungen aufgeschossener Vettern für nagende Wunden in ein empfindliches Herz schlagen; und wie sauer es einem werde, jeden geringen Dienst von einem durch solche Erempel verhetzten und boßhaften Gesinde zu erkaufen; sonst würden Sie für ein bejahrtes lediges Frauenzimmer eben so gut, wie für hübsche junge Wittwen, gesorget haben. Ich bin jetzt 53 Jahr alt, und die Frau Oberamt." männin, bep deren Kindern ich die Stelle einer Tante Lore, oder wenn Sie den rechten Namen wissen wollen, einer Kindcrwärterin vertrete, ist meines seligen Bruders Tochter. Hier bin ich der tägliche Spott von sechs verzogenen Kindern, und diese Ehre muß ich gegen ihre stolze Mutter, die ich, Gott erbarme es! von den Windeln an gewartet habe, mit nnterthänigem Dank erkennen, weil ich meine besten Jahre in meines Bruders Haushaltung aufgeopfert, und da ich nicht für Geld gedienct, auch nichts erübriget, und keine Hoffnung habe, von Fremden, denen ich nicht mehr nütze werden kann, aufgenommen zu werden. Eine gransamere Situation für ein empfindliches Frauenzimmer ist schwerlich zu gedenken. Oft kann ich vor innerlicher Wuth nicht weinen, wenn ich des Abends nach einem mühsam hingequälten Tage entwe Z88 Schreiben einer betagten Jungfer entweder gutwillig oder gezwungen einem Anbeter der Frau Oberamtmännin zn Gefallen das Zimmer räumen, uud wenn dieser sodann höhnisch hinter mich dareinlächelt, ihm beym Heransgehen noch eine tiefe Verbeugung ma- chen muß; und wenn dann einmal meine Thränen ;nm Ausbruch kvinmen: so habe ich oft nicht die Ruhe, meinen Schmerz dadurch zu erleichtern, indem bald das Gesinde, was ich gern in Ehrfurcht und Ordnung halten möchte, mir aufs gröbste begegnet, bald aber die Kinder mich zur Thür heraus weisen, ohne daß ich dawider mit dem gehörigen Nachdruck rede!? darf. Und bey dem allen was für eine andre Aussicht, als noch einmal Kinderwärterin zu werden, wenn eine von meinen Niecen hey- rathet, und die Gnade für mich hat, mir das Brod in meinem kümmerlichen Alter zn geben? Wahrlich, mein Herr! dieser traurige Stand mwerheyratheter Frauenzimmer ist Ihnen nicht bekannt gewesen, oder Sie haben ein reckt sehr hartes Herz, daß Sie nicht auch für sie eine Verpßegungskasse errichtet haben. Tausend und aber tausendmal denke ich daran, wie oft mein seliger Bruder wünschte, daß eine Kasse seyn möchte, worum er für mich so gut, wie er für eine Witrwe gethan, ein sicheres Capital legen könnte. Warum, sagte er, sollte ich nicht in so fern auch meiner Schwester Mann seyn, und ihr damit eine Wittwenrente nach meinem Tode erwerben können? Warum sollte sich nicht jedes ledige Frauenzimmer auf diese Weife eiuen Vater, eine» Oheim oder Freund, der sie im Leben versorgen kann, und nach seinem Tone iu betrübten Umständen zurücklassen muß, zu einem Titiilairmaniie erwählen, und durch denselben in eine Wittwenkasse gelangen können? Allein mau antwortete ihm immer ganz ernsthaft: Die Wittwenkassen wären blos um den Ehestand zn befördern; nm einen verdienstvollen unbemittelten Mann in den Stand zn setzen, eine Wahl nach seinem Hr^en treffen an den Stifter der Wittwenkasse zu 189 treffen zu können; nm ein tugendhaftes junges Frauen- zinimer zu reinen, einen solchen Mann glücklich zu machen, und um endlich die spröden Mädchen mit Fleiß zu zwingen, sich denjenigen Unterhalt durch den Ehestand zu erwerben, der ihnen im ledigen Stande fehlen könnte. Die Ursachen sind freylich groß, und wenigstens so politisch, wie man sie von Mannspersonen erwarten kann. Allein zugegeben, daß sie ihre völlige Nichtigkeit haben; zugegeben, daß es wohl nicht rathsam seyn möchte, Ler- pflegungsanstalten für Mädchen von einem gewissen Alter zu machen, weil manche darauf rechnen, um sich entweder den Beschwerden des Ehestandes, oder dem Dienste be:, andern entziehen möchten: so dünkt mich doch, daß ein fünfzigjähriges, lediges Frauenzimmer, das sich jederzeit unsträflich gehalten, das im Dienste bey andern einen Theil fe.uer besten Jahre zugesetzt, dem man nicht vorwerfen könnte, die Hand eines ehrlichen Mannes ausgeschlagen zu haben; ein solches Mädchen, dünkt mich, foute von der sirengen Regel ausgenommen seyn. Ein solches Müderen müßte alsdann, aber auch nicht eher, die Wittwenpension erlangen können, als bis ihr Erhalter und Freund, der an Mannsstatl für sie eingesetzt, ,u sie- den käme. Steht es doch bey ihr, sich einem Manne in der Fremde zum Schein antrauen zu lassen, und mit Hülfe des Trauscheins dereinst Wittwe zu werden; warum will man sie denn zu einem Hinwege zwingen, da man ihr auf einem nahern Wege helfen kann? Ueoerlegen Sic es doch, mein Herr! ich bitte Sie mit heißen ungesehenen Thräneii, ob uns armen Kindern nicht zu helfen sey! Sollte es auch nicht anders geschehen können, als daß jede von Uns dem Staate einen Fünd- liug aonehmen, nnd denselben zugleich von der Iungfern- pension erziehen müßte? Ich bin Lore... Xlst. Keine Beförderung nach Verdiensten. XII. Keine Beförderung nach Verdiensten. An einen Officier. ^s geht mie zwar nahe, liebster Freund! daß Ihre Verdienste so wenig erkannt werden; allein Ihre Forderung, daß in einem Staate einzig und allein auf wahre Verdienste gesehen werden sollte, ist mit Ihrer gütigen Er- laubniß, die seltsamste, welche noch in einer müßigen Stunde ausgehecket worden. Ich wenigstens würde, belohnt oder nnbelohnt, nie in dem Staate bleiben, worinn man es zur Regel gemacht hatte, alle Ehre einzig und allein dem Verdienste zuzuwenden. Belohnt würde ich nicht das Herz gehabt haben, einem Freunde unter Augen zu gehen, aus Furcht, ihn zu sehr zu demüthigen; und unbelohnr würde ich in einer Art von öffentlichen Beschimpfung gelebt haben, weil ein jeder von mir gesagt haben würde: Der Mann hat keine Verdienste. Glauben Sie mir gewiß, so lange wir Menschen bleiben, ist es besser, daß unterweilen auch Glück und Gunst die Preise anstheilen, als daß eine menschliche Weisheit solche jedem nach seinen Verdiensten zuwage; es ist besser, daß Geburt und Alter als wahrer Werth die Rangordnung in der Welt bestimme. Ja ich getraue mir zu sagen, der Dienst würde gar nicht bestehen können, wenn jede Beförderung sich lediglich ans das Verdienst gründete. Denn alle diejenigen, so mit dem Beförderten in gleicher Hoffnnng gestanden, und dieses würde natürlicher Weise der Fall aller derjenigen gewesen Heyn, die nur irgend eine gute Mepnung von sich gehabt hatten, würden sich für beleidigt und beschimpft halten. Ihre Gesinnungen würden sich gegen ihn, gegen den Dienst und gegen den Herrn An einen Ofßcier. Herrn wenden; sie wurden in Haß und Feindschaft ausbrechen, und in kurzer Zeit würde man unrer allen Kriegs- und Landesbedienten eben die Austeilte sehen, welche man sonst nur an Höfen und auf Universitäten sieht, wo der Ruhm persönlicher Verdienste näher in Betracht kömmt, folglich auch alle obige Fehler erzeugt. Er>regen Sie dagegen den Fall, wo dieser durch eine höhere Geburt, jener durch seine mehrern Jahre im Dienste, nnd dann und wann auch einer durch einen glücklichen Zufall befördert wird: so bleibt es einem jeden freu, sich damit zu schmeicheln, daß es nicht nach Verdiensten in der Welt gehe; es kann sich so leicht niemand für beschimpft halten; die Eigenliebe beruhiget sich, und man denkt: Glück und Zeilen werden uns auch an die Reihe bringen. Mit diesen Gedanke» vertreiben wir uusern Kummer, fassen neue Hoffnungen, arbeiten fort, vertragen den Glücklicher», und der Dienst wird nicht gehindert. Anstatt daß der Fähndrich dem Lieutenant, und dieser dem Hauptmann heimlich zu schaden suchen würde, wenn der Obere dem Untern blos feines größer» Verdienstes halber vorgesetzet worden. Die größte Zwietracht findet sich insgemein unter den Generals, weit die Hauptausführungen bisweilen große Verdienste erfordern. Allein diese Zwietracht würde allgemein seyn, wenn die Officiere nach den Grundsätzen befördert würden, nach welchen Generale zu Ausführungen erwählet werden. Und wie viele Ungerechtigkeiten würden nicht in einem Staate, unter dem Scheine das Verdienst zu befördern, vorgenommen werden können? Der Fürst ist nicht allemal ein einsichtsvoller Richter; er kann auch von seiner Höhe nicht alles übersehen. Diesem würde ein Günstling, jenem eine Mairresse Verdienste leihen, und wahrscheinlich würde der dreiste Stümper den bescheidnen Künstler, der gefällige Schmeichler den stillen Redlichen, der unruhige Proiectenmacher den erfahrnen Game- 192 Keine Beförderung nach Verdiensien. Cameralisten, imd das Schimmernde allemal das Wahre verdrängen. Der Fürst, wo er wider alle Wahrscheinlichkeit nicht zugleich der größte Mann von Einsicht und Redlichkeit wäre, wurde sich wenigstens in der größte» Verlegenheit befinden; oder sich unter dem Verwände, das Verdienst zu belohnen, zu einem orientalischen Despoten erheben, der zuerst aus einem ähnlichen Grundsatze abgereistt ist, wie er einen Sclaven zu seinem ersten Minister verordnete, alle Klassen der Menschen durch einander mischte, und sich allein zum Ungeheuer machte. Wer ruhig in der Welt leben; wer die Süßigkeit der Freundschaft genießen ; wer den Bepfall der Redlichen behalten und große Endzwecke befördern wollte: würde sein Verdienst verlangnen, und sich vor allen äußerlichen Belohnungen desselben mit der größten Sorgfalt in Acht nehmen müssen. Wären wir Menschen nicht so beschassen, daß jeder nicht die beste Mepnung von sich selbst hätte: so möchte es ftesslich anders seyn. Allein so lange wir unsre jetzige Natur und unsre Leidenschaften behalten, und so lange es gewissermaßen nöthig ist, daß jeder eine gute Mepnung von sich selbst habe, scheinet mir die Beförderung nach Verdiensten gerade das Mittel zn styn, alles zu verwirren. Schon jetzt ist es im Militairstande eine Art von Gesetz, daß der ältere Officier seinen Abschied nehmen muß, wenn ihm ein jüngerer vorgezogen wird. Was würde es dann nicht seyn, wenn das Avancement nach Verdiensten gienge, wenn auf einmal der Generaladju- tant, der einem alten General jetzt zum Rathgeber zugegeben wird, diesem und allen übrigen vorgesetzet würde? Würden hier nicht alle diejenigen öffentlich gescholten und außer Stand gesetzt werden, länger zn dienen, wenn das Verdienst alles entschiede? Zwar hat ein großer König unfter Zeiten ein Mittel erfunden, anch in diesen Fällen die Gemüther zn beruhigen. Er An einen Offtcier. 193 Er geht oft die Ordnung des Dienstalters vorbey, zieht einen geschickten! dem altern vor, und befördert nach einiger Zeit einen vorbeygegangenen auf eine so schmeichelhafte Art, daß jeder übergangene allezeit im Zweifel erhalten wird, ob der König ihn nur zn einer bessern Beförderung gesparet, oder aber aus Mangel von Verdiensten zurnckgeseyct habe. Allein dieses Mittel wird allezeit als außerordentlich betrachtet werden müssen; es gehört blos für den Herrn, den Einsicht und Erfahrung zu desseir Gebrauch privilegiren. In jeder andern Hand würde es das gefahrlichste für die Ruhe der Menschen, und der helle Weg zur äußersten Sclaverey sepn. Sie wenden mir ein, bey großen Verdiensten finde sich auch allezeit Bescheidenheit und Mäßigung, und mit Hülfe dieser Tugenden würde der Glückliche sich mit dem Unglücklichen leicht versöhnen, und die Empfindungen des Hasses und Neides ersticken, welche sich zum Nachtheil des Dienstes in der Brust aller Zurückgesetzten erzeugen könnten. Allein sobald Verdienste öffentlich erkannt und belohnet sind, wird einem die Bescheidenheit und Mäßigung nur für Politik angerechnet, und man kann davon keine Würkung hoffen. Ja ich möchte sagen, die Bescheidenheit vermehre oft nur die Kränkung des Unbe- lohnten, weil dieser nicht selten wünscht, an dem Glücklichen einen Fehler zn finden, um ihn zn seiner eigenen Ruhe desto rechtmäßiger hassen zu können; so find wir Menschen. Zudem wiegt der Staat die Verdienste nicht wie der Sittenlehrer ab. Jener zieht oft große Talente, wenn sie auch von Stvlz und Unbescheidenheit begleitet werden, mit Recht einer minder geschickten Bescheidenheit vor. Derjenige Staat würde auch sehr unglücklich sepn, der nicht mehrere und viel mehrere Männer von Verdiensten besäße, als er belohnen könnte; und be» dieser Voraussetzung würde es doch immer für sehr viele Menschen Ulöski s phant. Ii.Thcil. N »NUN- 194 Sind die Gemeinheiten nach der unangenehm seyn, sich vorstellen zn müssen, daß die Belohnten auch die vorzüglichsten unter allen wären, und jedes Ordensband auch den besten Ritter bezeichnete. Jetzt können diese zu ihrer Bernhignng denken, das Glück und nicht das Verdienst hat diese erhoben; oder mit dem Dichter sprechen: hier deckt ein großer Stern ein kleines Herz. Allein wenn alles nach Verdiensteil gienge: so fiele diese so nöthige Beruhigung ganz weg, und der Schuster, der mit aller Zufriedenheit an seinen Leisten klopft, so lange er sich schmeicheln kann, daß er ganz etwas anders als der Frau Burgemeisterin ihre Pantoffeln flicken würde, wenn Verdienste in der Welt geachtet wurden, konnte unmöglich glücklich seyn. Lassen Sie also, liebster FreundIhren schwärmerischen Gedanken von der Glückseligkeit eines Staats fahren, worinn alles nach Verdiensten gehen sollte. Wo Menschen herrschen und Menschen dienen, ist Geburt nnd Alter, oder das Dienstalter immer noch die sicherste und am wenigste» beleidigende Regel zn Beförderungen. Dem schöpferischen Genie, oder der eigentlichen Vertu, wird diese Regel nicht schaden; aber eine Ausnahme von dieser Art ist sehr selten, und wird auch nur schlechte Herzen kränken. XI^I. Sind die Gemeinheiten nach geschehener Theilung mit Steuren zu belegen oder nicht? Ä)?it der Theilung der Gemeinheiten oder der sogenann, tcn Marken, Huden und Weiden, ist es nunmehr in der politischen Welt so weit gediehen, daß man ihre Nutzbarkeit für entschieden aniiehmen muß, in so weit sich beso»' Theilung mit Stemm zu belegen? 195 besondre Localschwierigkeiten, welche außer der Sphäre des theoretischen Oekonomen liegen, der Ausführung nicht widersetzen. Man thut also hillig einen Schritt weiter, und fragt allmählig: Mögen die Loose, welche der Unterthan aus dieser Theilnng erhält, zum Kataster gebracht und mit Steuren belegt werden oder nicht? Ich antworte, nein. Hier sind meine Gründe: Diejenigen Höfe, welche jetzt unter der Steuer stehen, haben ehedem nicht angeschlagen werden können, ohne daß nicht auch zugleich auf ihre mehr oder minder vorteilhafte Lage in Ansehung der daneben liegenden Gemeinheit eine billige Rücksicht genommen worden. Denn 12 Malter Saat Landes, deren Eigenthümer viele gemeine Weide zur Viehzucht, viele Heyde zum Plaggenmatt, vieles Moor zum Brande für Heucrlente hat, sind gewiß in einem höhern Werthe, als 12 andre Malter Saat von gleicher Güte, deren Besitzer nicht allein das Vieh auf dem Hofe futteru, sondern auch allen Dünger ans dem Stalle nehmen muß, und keinen Heuermann setzen kann, ohne einen Holzdieb ans seinen Gründen Hu begen. Hat dieses seine Richtigkeit, und ist die Steuer der alten Gründe nach einem billigen Verhältnis; angesetzt: so ist es ganz außer Zweifel, daß die Genossen einer solchen Gemeinheit für die Nutzung derselben längst mit gesteuert haben, und folglich in ihrem Ansätze um deswillen nicht erhöhet werden können, daß sie dasjenige, was sie bisher offen genutzet, künftig beschlossen genießen sollen. Will man dagegen einwenden, jene tartarische Steppen, welche so lange nngetheilt gelegen, und nicht zum zehnten Theil genntzet worden, würden durch die Cultur eine ganz neue Quelle von Reichthümern, und müßten N s also 196 Sind die Gemeinheiten nach dee also billig, wo nicht nach dem Fuße der alten, doch wenigstens auf eine andre leidliche Art zum Ansatz gebracht werden; so ist doch Erstlich dagegen billig zn bedenken, daß die Urbarmachung des Grundes, so wie die Anlegung weitläufiger Graben, Zaune und Hecken, womit der neue Marktheil eingesasset werden muß, sehr vieles koste, und insgemein den Besitzer dergestalt erschöpfe, daß er seine alten Gründe darüber vernachlaßigcn müsse. Wollte man nun auch zehn oder zwanzig Frepjahre dafür absetzen: so ist es doch ZweptenS eine überaus starke Voraussetzung, daß alle diejenigen, welche ihren Theil der Gemeinheit solchergestalt in den Zaun bringen müssen, selbigen in einem gleichen Zeitlauf zur völligen Nutzung bringen sollen. Mancher Wirth ist alt, und man kann von ihm nicht fordern, daß er mit dem jungen gleichen Muth und gleichen Eyfer zeigen solle. Ein andrer ist verschuldet und außer Stande, sich dasjenige Spannwerk und eine solche Viehzucht anzuschaffen, als zn einem solchen großen Anbau erfordert wird. Und überhaupt scheinet die Vollkommenheit des Werks erst dem Enkel oder wohl gar dem Urenkel vorbehalten zu sepn. Es wird sich also das Werk nicht nach einer gewissen Anzahl von Frepjahren bestimmen lassen. Gesetzt nun weiter Drittens, daß in einigen Marken sich Locak- schwierigkeiten Hervorthun, welche die Theilnng hindern: so würden gerade diejenigen, welche ihre Marken in Gemeinschaft behielten, die glücklichsten sepn; und dies scheint doch eben der Absicht nicht zu entsprechen. Viertens muß es nothwendig ein starker Bewe, gungsgrnnd zur Ueberwindnng vieler Localschwierigkeiten sepn, wenn diejenigen, welche ihren Antheil von der Gemeinheit zu sich nehmen, solchen nicht höher als vorhin ver» Thciluttg mit Steurm zu bekgcu? 197 versteuren dürfen, und ihn gleichwohl weit besser als sonst nutzen können. Ein solches Leyspiel wird unfehlbar alle übrigen zur Nachfolge reißen, und manchen bewegen, die größte unter allen Localschwierigkcitei?, nämlich den Unterschied des zu theilendcu Grundes nicht zu achten, mitbin seinen Nachbaren den ihnen naher gelegnen Weide- grnnd zu gönnen, und sich mir einer ihm vor der Thür liegenden Heyde zu begnügen, in Hoffnung, solche durch Fleiß und Mühe endlich auch urbar zu machen. Fünftens ist die Hauptursache, welche bisher die Theilung, oder doch wenigstens den neuen Anbau verhindert hat, unstreitig diese gewesen, daß man den Neubauer nicht seinen Genossen, sondern unmittelbar dem Staate zu Hülse steuren lassen. Hatte man zu einer Gemeinheit gesagt: „Ihr müßt jetzt jahrlich tausend Thaler aufbringen; „und da eurer nur Zwanzig sind: so macht das für „jeden fünfzig Thalcr. Wenn ihr aber in eurer „großen Gemeinheit zwanzig Neubauer ansetztet, „und jeden dabei) zwey Malter Saat Landes ver- „ willigtet: so würde ein jeder von diesen euch jährlich mit fünf Thalern zu Hülfe kommen können, „und ihr brauchtet sodann nur 45 Thalcr zu con- „tribuiren. so ist es überaus wahrscheinlich, daß man damit weit eher zu Staude gekommen seyn würde; und der Staat hatte gewiß nicht dabey verlohren, weil jede Erleichterung der Unterthanen ein Schatz für künftige Nothfalle bleibt. Diese Hauptursache des verhinderten Anbaues wird aber auch noch nach geschehener Theilung fortdauren, wenn die neuen Gründe versteuret werden sollen. Jeder wird dieselben lieber zu schlechtem Holzwachse, oder nach wie vor zum Plaggenmattc nutzen, als in einen fruchtbaren Stand setzen, in Hoffnung, daß wenn auch davon in N z solcher 198 Sind die Gemeinheiten nach der solcher Maaße einige Steuer gegeben werden solle, diese dennoch mit dem Anscheine eines unbrauchbaren Bodens übereinstimmen müsse. Sechstens ist zwar in den verschiedenen Acmtern oder Provinzen eines Landes kein gewisses Hauptverhält- niß in der Contribution festgesetzt; ein Fehler, der wirklich manche abschreckt, sich gehörig zu verbessern, weil jede Verbesserung ihre Abgaben erhöhet. Da aber doch die Politik mit der Zeit eine solche Bestimmung wohl an- rathen dürste, nach welcher jede Provinz, wie in Hottand, ein sicheres zu hundert contribuircn müßte: so ist zn besorgen, daß alle Verbesserungen, welche vor dieser Epo- gue versteurct werden, der Provinz, die sich wirklich verbessert, znm Nachtheil gereichen werden. Daß aber eine solche Bestimmung einmal geschehen werde, daran ist um so viel weniger zu zweifeln, weil sie die schönste Reitzung für jedes Amt, oder für jede Landschaft ist, sich über die Linie zn erheben, welche bep ihrem Anschlage znr Richtschnur genommen worden. Diese Gründe beweisen freylich nicht, daß es durchaus ungerecht sey, die neuen Gründe mit Stenren zu belegen. Nein; dieses laßt sich gar nicht beweisen, indem die Roth des Staats zuletzt so weit gehen kann, daß ein jeder alles hergeben muß, was er hat, um ihn zu retten. Sie zeigen aber doch allemal so viel, daß, so lange eine Provinz mit Versteurung ihrer alten Gründe die Forderungen des Staats in ihrem bisherigen Verhältnisse befriedigen kann, es hart und unbillig, auch nicht rathsam sey, ihre neuen Gründe, die in der That nur den Dünger für die alten hergeben, mit Stenren zu belegen. Man sage nicht, eme solche Provinz möge sich mit dem Nor- theile begnügen, den sie nun so lange Zeit gegen andere gehabt, die ihren ganzen Boden versteuren müssen; denn diejenigen Länder, wovon der ganze Boden seit undenklichen Iahren glücklich gebauer und versteuret ist, haben wahr- Theilung mit Steuren zu belegen? 199 wahrlich erstannciide Vorzüge vor solchen, wo im: eiinur Morgen Landes gut zn machen, vier andre abgcnarbet werden müssen. Ich habe die Heyde in Westphalen lange gebauet, und weiß, was dazu gehört, drey oder vier Zoll gnter Erde auf todtem Ohrsande zu erhalten und zu bewahren, ohne daß der Aufwand den Vortheil überwiege. Zwölf Malter Saat altes Land, welche als Gut zum Kataster steh», können diesen Titel nicht behaupten, und ihn noch weniger dem neuen Grunde mittheilen, sobald sie nicht mehr mit der Narbe von z6 andern gefuttert werden ; außerordentliche Fälle, als die Lage einer Heyde nahe an der Hauptstadt, oder an einem Flusse ausgenommen. Wer es anders sagt, hat den Bau einer Heyde keine 12 Jahre im Großen, sondern nur im Kleinen oder auf dem Papier versucht. Andre Gründe, womit sonst die Stencrsreyheit der Marken oder Gemeinheiten behauptet werden will, scheinen mir übrigens nicht hinlänglich zu scyn. Insgemein sagt man hier, die Mark sey von der Schöpfung an frey gewesen, weil alles, was ein freyes Gut daraus erhalte, frey bleibe und die Natur des Hauptgutes annehme; wie solches von den Stiftsständen mehrmals beglaubiget worden. Allein diese Behauptung löset sich doch zuletzt in folgenden Satz auf, daß wo z. E. 98 steuerbare und zwei) freye Höfe in einer solchen Gemeinheit liegen, derselben unter der Freyheit, und Theile unter der alten Steuer begriffen gewesen, den Fall, wo besondre Vergleiche vorhanden sind, ausgenommen. Wenn also ein Freyer seinen offnen Theil einzieht: so macht dieses keine Veränderung in dem Grundsätze; er nutzt nun dasjenige beschlossen frey, was er vorhin offen frey genutzt; eben so wie der steuerbare das neu beschlossene nicht versteuret, weil es vorhin bereits offen unter seiner alten Steuer mit begriffen gewesen. Wollte 2OO Sind die Gemeinheiten nach der Wollte man aber den Satz weiter ausdehnen: so würde ein großer Theil der Freyen in Gefahr sev», bey erheischender allgemeinen Roth, wovon uns der letzte Krieg mehr als Ein Beispiel gegeben, eine Beysieuer übernehmen und sich solchergestalt seiner Freyheit begeben zu müssen. Denn gesetzt, daß ein Frever Mittel fände, jn einer Reihe von Jahren die halbe oder ganze Mark an sich zu bringen, und solche, weil sie von der Schöpfung cm frey gewesen, auch steuerfrei) zu genießen; gesetzt weiter, die darum berechtiget gewesene steuerbare Höfe würden hierauf zu schwach, ihre sich durch die Roth vermehrende Laste» zu tragen; was würde davon die Folge seyn? Gewiß keine andre, als daß der übrige Theil des Staats so viel mehr aufbringen müßte? wem würde dieses in die Lange zur Last fallen? Den Freyen und Gutsherrn, die nicht das Glück und die Gelegenheit gehabt, eben so große Congucten zu machen; und wem wäre hievon die Schuld bey zum essen ? Keinem, als dem Landesherrn, dem der ganze Staat sowohl Freye als Un- freye die Controlle des gemeinen Gutes anvertrauet, lind der sich durch einen feyerlichcn Eyd dahin verbunden hat, nach allem Vermögen darüber zu seyn, und zu wehren, daß von der gemeinen Mark keine Zuschlage, Kotten und Zaunrichtungen aufgerichter, oder jemanden vergönnet wurden, es geschehe denn mit seiner, des Domcapitels und aller, so dazu Interesse haben, besondrem Vorwissen und Belieben ?). Ich weiß wolss, was einige, welche die Sache ans einem kleinen Gesichtspunkte gefaßt, dagegen eingewendet p) S- äe äe 30. 1482. Trici Ducis äe j>;-unsvic. ei? 1509. Z. 11. ^lancifci äe XValcieck äe 15.Z2. tz. 1:. Lz^iLMUnäi cie 159z. H. 24. ? küncisci VVüksImi cie 1626. H. 20. tz. 51. Bcym vom Archld. Wcscn in ^ Theikmg mit ^teuren zu belegen? 201 Set haben. Allein, wenn man, um die Sache zu übersehen, den rechten Standort wählt, nnd die allgemeine Staatscontrolle znr Hand nimmt: so fällt der Schluß ohnfehlbar dahin aus, daß dem Landesherrn und sammt- liehen Ständen an Erhaltung und ordentlicher Verthei- lung der Marken eben so viel, wo nicht mehr, als au der Erhaltung und einem richtigen Kataster der steuerbaren Grunde gelegen; und daß es einerlei) Ursachen sind, welche die Versplitterung steuerbarer Gründe, und die Versplitterung der Markgründe ohne gehörige Aufsicht und Bewilligung verbieten. Hat man gleich hierauf eine Zeitlang nicht geachtet, und stillschweigend darinn gehee- let, daß gegen diese große und erste Negel gehandelt worden : so ist dieses ein Zeichen, daß eben keine Mißbräuche ruchtbar geworden; und hiernächst ist dieses zu einer Zeit geschehen, wo in die kleinste Veräußerung alle Interessenten geheelen mußten, und wo man sich darauf verlassen mochte, daß dasjenige, woriun alle geheelten, dem gemeinen Wesen nicht sonderlich schädlich sepn würde. Seitdem man aber in den Gerichtshöfen angefangen hat, Hey solchen einzelnen Veräußerungen bisweilen auf ein paar Stimmen nicht zu achten, und den Landmann bei) allen Gelegenheiten eines sträflichen Eigensinns zu beschuldigen, möchte die Sache wohl etwas mehr Aufmerksamkeit verdienen, und der Ausspruch leicht dahin ausfallen, daß nur da, wo Herr und Stände eine Theilung bewilligen, der Widerspruch einzelner Genossen, wo er gegründet, als ein norhwendiges Opfer, und wo er nicht gegründet, als Eigensinn betrachtet werden könne. Ein anderer Grund, den man bisweilen für die Steuersreyheit der eingeschlagenen oder einzuschlagenden gemeinen Gründe anführt, besieht noch darinn, daß diejenigen, so dergleichen erhalten, solche thcuer genug bezahlt, und mit schweren Kosten urbar gemacht hätten. Dieser Grund fiele nun zwar bey den gemeinen Theilun- N Z gen 202 Sind die Gemeinheiten nach der gen weg, weil alsdann keiner etwas bezahlt, lind ein jeder nur seinen offnen Theil zuschlägt. Allein auch da, wo wirklich ein Theil ans der Gemeinheit verkauft worden, vorausgesetzt, daß die Markgenossen ohne Bewilligung derjenigen, welche die Staatscontrolle führen, einen Theil Grundes steuerfrey verkaufen können, beweiset er dasjenige nicht, was er beweisen soll. Denn so hat entweder ein bereits stenrender Mitgenosse, oder ein Heuerling, der nicht einmal ein eignes Haus besitzt, sich einen solchen neuen Grund erworben. Im erster» Falle sehe ich nicht den mindesten Grund, warum nicht der Steuereinnehmer sowohl als ein andrer Gläubiger, die Früchte des noch so theuer bezahlten neuen Grundes zu seiner Bezahlung angreifen könne, wenn die Steuer von dem alten nicht zu ermächtigen ist; und im letztern Fall würde man den Heuerling ebenfalls mit Recht heranziehen, wenn das ganze Kirchspiel seinen Anschlag nicht erfüllen könnte. Denn sowohl die gebaueten als ungebaueten Gründe haben für gemeine Nothfälle gehaftet, und man verfolgt in der Mark, worinn 98 steuerbare Hose und zwei) freye sind, mit Recht die s^Theile, sie mögen sich befinden wo sie wollen, gleichwie sie denn auch dem Provinzialretrakt unterworfen seyn, welchen eine ganze Gemeinheit sowohl «ls ein einzelner Mann anstellen kann. Endlich möchte man auch noch für die Steuerfreyheit der zuzuschlagenden Marken anführen, daß hier im Stifte einmal für alle der dritte Pfennig davon bezahlet, und damit die bisherige Vogteplichkeit oder der Markenschutz eben so abgekauft würde, wie ein Mann, der außerhalb Landes oder auf eine Freyheit zieht, sei» Vermögen mit dem Abschösse von fernerer Steuer befrcyet. Und ich leugne nicht, wenn unsre heutigen Steuren eben dasjenige wären, was man vor zweyhundert und allen vorhergehenden Iahren unter dem Namen von gemeiner Schätzung verstand, daß dieser Grund eine ziemliche Schließ- Theilung mit Stemm zu belegen? 20 z Schließbarkeit haben würde. Allein da diese gemeine Schätzung sich mit der Zeit eben so wie die Gerichtsfrohne und andre zur ehemaligen Advocatie gehörige Rechte, in bloße Privatgefalle und Dienste verändert hat, und unter dem Namen von Herbst- und Maygelde r n an vielen Orten unter der Rubrik von Geldzinsen oder Sch n ldg e ld er n steht; da ferner jetzt alle öffentlichen Ausgaben eines Staats ans der Kasse der außerordentlichen St euren, dergleichen die heutiges Tages bey uns sogenannten Schätzungen sind, bezahlt werden; so mag jene Abkaufung der gemeinen oder ordentlichen Schätzung keine Lefreynug von der außerordentlichen wirken, immaßcn denn auch der dritte Pfennig nicht in die Kasse der außerordentlichen Steuren oder die Landeskassc, sondern in die Kasse derjenigen fließet, welche die Holzgrafschaften als ein Stück der ehemaligen Advocatie an sich gekauft haben. Ucberhaupt aber würde die Erörterung dieser Sache eine große Einsicht in die neuere Markcngeschichte erfordern, da, soviel ich weiß, vor dem siebenzehnten Jahrhundert auch sogar der Name einer toi ciso Ilol^Araviglis hier im Stifte nicht bekannt gewesen. Dieses werden ohngefahr die Gründe zusammen sepn, welche für die Stenerfreyheit der Marktheile angeführet werden können. Wenigstens fallen mir sogleich keine mehrere bey; und ich wünsche, daß ein anderer solche prüfen, und allenfalls bessere an die Hand geben möge. Beylaufig aber verdient es doch noch eine Anmerkung, wie wenig diejenigen in das innere einer Staatsverfassung eindringen, welche dafür halten, daß die Sachen, wo es auf eine Verminderung der gemeinen Mark ankömmt, von den Parthepen für jeden Richter gezogen werden können. Im Grunde bleiben dieselben eben wie die Steuer- sachen ein Gegenstand der höchsten Landespolicep, und man 204 Sind die Gemeinheiten nach der man findet in den ältesten Zeiten nichts anders, als daß darüber vor dem Bischosse nnd seinen Standen gehandelt worden. Noch jetzt kennet man einen Anschlag, welchen der Bischof Conrad von Retberg in Gegenwart seiner Stande persönlich abgestochen hat st). Und wenn man die alten Markrezesse nnd Vergleiche ein wenig ausmerk- sam ansieht; so wird man finden, daß, wenn auch alles, was zur Erhaltung der Mark gehört, den Erbherrn nnd Interessenten überlassen worden, dennoch alle Verärgerung derselben, insbesondere aber Zuschläge nnd Kotten nicht anders als mit Bewilligung des Landesherrn und seiner Stände beschlossen oder verglichen worden. Wenn «her doch die Sache in Ansehung des Beweises und Gegenbeweises zum gerichtlichen Verfahren gedeihen muß: so erfordert es die offenbare Nothwendigkcir, daß ein eignes und einziges Gericht dazu angeordnet werde, welches auf die zu steuerbaren Höfen gehörige Marknutznn- gen achte, deren Vcrtheilung und Verärgerung nicht anders, als nach einem von Herrn und Ständen anzugebenden Polizeygesetze, gestatte; die Eingriffe einzelner Genossen verhindere, und das Gleichgewicht hierüber im ganzen Staate erhalte; weil andergestalt, und wenn hierüber bcy mehrern Gerichten, und ohne daß dabei) diejenigen, welchen die Generalcontrolle des Schatzwesens in einem Staate anvertrauet worden, ein Auge daraufhaben, Prozesse gestattet würden, am Ende die gefährlichsten Folgen für alle sowohl steuerfrepe als steuerbare Un- terthanen daraus entstehen würden. Es verhält sich damit eben wie mit Lehnsjagd und Schatznngssachen. Wie mancher Lehnmann, dessen Lehne auf q) ES ist der Zuschlag von Rolf Boink zu Datdergcn, durch dessen Gruner im Jahr 1400. dir neue Hast nach der Huakenbrücker Muhst» gcgraden, und dcm dafür eine Entschädigung aus dcr Mark uon dcm Lischoffe persäulich abgestochen wurde. S. die Urkunde dehnt Lvdtmaun äe sure Not/u-u' viaii ». XVI. Thcilung mit Steuren zu belegen? 205 auf den Fall stünden, würde sich einen Vetter geben; wie mancher Iagdberechrigter einem Freunde etwas einräumen ; wie mancher steuerbarer sich den öffentlichen Lasten entziehen können, wenn die Partbeycn über solche Sachen blas unter sich, und vor einem Richter, der allein auf das vorgebrachte, eingeräumte und zum Schein erwiesene sprechen müßte, handeln könnten? Vielleicht ist die Sache bep uns damit verworren, daß man den allgemeinen Ausdruck von Marcalsacbeu gebraucht hat. In Fallen, wo es nicht auf eine Verringerung des Markgrundes ankömmt, möchten die Par- theyen sich sowohl einen Schiedsrichter wühlen, als an jedes offne Gericht gehen können; aber da, wo es aus die nach der Stiftscapitulation von dein Landesherr» abzuwendende Verringerung des gemeinen Guts ankömmt, muß er selbst, oder durch seinen besonders dazu iustruir- ten Coutrolleur gegenwärtig sepn, oder man muß alles gehen lassen, wie es geht, und erwarten, bis Roth und Zeit den Gerechten mit dem Ungerechten heimsuchen. XI_.1l. Von der Real- und Pcrsonalfrcyhcit. ^s war eine Zeit, da man nichts von einer Realstes,- heit wußte, sondern blos Personalfrevheitcu kannte. Das Haus, was der Pfarrer heute bewohnte, war srey, so lange er es hatte, und wenn er morgen ein andres bezog: so war dieses frei,, und jenes wiederum schichtig. Sogar der Graf, oder Heerbannsoberste, mußte wiederum zur Lauerreihe kommen, wenn er abdankte, und mit dem Dienste seine Freyheit verlohr. Er hatte es in seinem Verhälmiß nicht besser, als unfte Bauerrichtcr, Mahl- 2O6 Von der Real - und Personalfreyheit. Mahlleute, Unterholzgrafen, Kirchspielssahndriche und dergleichen, die gewisse Freyheiten genießen, welche mit ihrem Dienste währen und aufhören. So war die Vereisung unserer ältesten Zeiten, und so wird sie in der nd eines jeden Staats scyn, ehe die Dienste erblich werden, und die persönliche Freyheit sich unvermerkt dem Grunde mittheilet. Mau unterscheidet dann zZros iuclo- ruiuicstos (Länderey die der Herr selbst bauet) von uou znaamlnicatis, und macht ganz andre Schlüsse und Folgen, als zur Zeit, wenn Realfrepheit die Ueberhand gewinnet. In den Mittlern Zeiten währte dieses noch fort. Alles was ein adlicher Landsasse oder Dienstmann heute mit seinem eignen noch so weitläuftigen Haushalte bauete, war frey, und wenn er es morgen einem Bauer zur Erbpacht gab, oder an einen nnfrenen Mann verkaufte: so gieng die Freyheit nicht mit über, und der Grund veredelte oder verbauerte sich nach der Beschaffenheit seines erblichen Besitzers. So lange der Staat wenig Steuren und hingegen viele tapfere Hände oder Dienstlente forderte, war jede Be- frepung ein Zuwachs seiner Macht; ein Dienstmann, der sich auf einen Bauernhof setzte und ihn befrepete, war ein wahrer Gewinn. Wie aber allmählich Steuren erfordert und Söldner angeworben wurden, veränderte sich das Interesse des Staats, und mit diesem die Politik. Nun mußte man der persönlichen Freyheit Schranken setzen, und verfiel auf verschiedene Mittel. Der eine Staat machte es zum Grundsätze: nur derjenige soll den Hof, den er bewohnt, befreyen können, der so viel als Zwey. hundert Tonnen hart Korn in dem Staate jährlich einzunehmen hat. Der andere setzte fest, daß einer zwölf Höfe besitzen müßte, um einen durch seine Wohnung zu befreyen; die mehrsten aber fielen anf das uti possi-tmis. und gaben mithin dasjenige, was eine persönliche freye Familie lange als frey besessen hatte, verlohren, setzten aber Von der Real- und Personalfreyhcit. 207 aber dagegen fest, daß von nun an keiner mit seiner Person fernerhin etwas befteyen sollte. Die Kataster oder Steuerbücher, welche um diese Zeit aufkamen, unterstützten diesen Plan. Dasjenige, was damals wirklich steuerte, wurde darinn beschrieben, und so mit gegen alle fernere Befrepung gedeckt; dasjenige aber, was zu der Zeit von langer Hand einen persönlich frepen Besitzer gehabt hatte, wurde auf ewig für frep erklart. Man kann sich leicht vorstellen, daß der Uebergang von der einen Art zu denken und zu handeln, zur andern unendliche Verwickelungen mit sich geführet habe; und die Geschichte dieses Uebergangs macht einen wahren Theil der Staatsgeschichte aus. Wie man blos den Begriff hatte, daß der Dienst des Besitzers den Hof, welchen er bewohnte, frei) machte, kam es nothwendig sehr viel darauf an, was für Bediente einer halten mochte, und welche einer Freyheit genießen sollten. Carl der Große beschwerte sich schon darüber, daß verschiedene große Reichsbeamte allen und jeden, die sich ihnen nur unter irgend einem Vorwande verpflichteten, unter dem Titel von Dienstleuten und gebrodeten Dienern die Freiheit vom Auszugs verschaffen wollten ^). Und wenn man in den Urkunden findet maulus co^ui, mgvuis p-as- conis: so kann man diese Benennungen sicher so auslegen, daß der Bischof oder Graf diese m»nkc,s von der Reichsfolge befreyet habe, weil er sie mit seinem Koche und Frohnen besetzt hatte. Es führte aber dieses nothwendig zu Bestimmung einer gewissen Anzahl von Bedienten, damit ein Herr nicht zuletzt zehn Köche und zehn r) Lpiicopi et ^bbates live comites äimitturit eorum libsros komine? aä (.'Alum tuk nani'lne lninilterislium. l-Ii 1'unt fAlcnna'nj, venstoi-e?; teleonaiii, praepoliti (Vogte), vee-ani (Bauerrichter, nach Uttsrer Arj zu reden), et alii cjut ec teguenree. 2O8 Von der Real - und Pcrson^ftcyhckt. zehn Frohnen hallen, mithin alle Eingesessene seines Kirchspiels ans diese Art befreyeu mochte. Vielleicht liegt hierinn auch der Grnnd, warum es ehedem insgemein mir vier und keine mehrere Hosämter gab. Eine Regel mußte allemal hierüber vorhanden seyn; denn was dem einen Bischoffe oder Grafen Recht war, das war dem andern Unrecht. Und so wurden die Bediente frühzeitig mit Namen genannt, welche ein jeder hatte, und vom Heerzuge befreyeu mochte. Auf der andern Seite, und sobald statt der persönlichen Befrcyungen die Realfreyheit aufkam, zahlte und achtete man die Hofämter so sehr nicht mehr, bekümmerte sich auch nicht darum, ob einer mit seinem Koche oder Kellner einen steuerbaren Hof besetzte. Es wurden keine neue Fisch - Krebs - und Gründelfanger, Briefträger, Baumschließer und dergleichen Titel, wodurch sich geringe Neubauer ehedem eine Freyheit verschasseten, angesetzt; und man sagte auch sogar den Soldaten die Freyheit auf dem platten Lande ab. So wenig Geistliche als Adeliche konnten weiter ein steuerbares Gut befreyeu; dahingegen auch kein Bauer ein Edelgut verärgern. Man beurkundete (1709) nun förmlich, daß der Bauer, welcher ein adeliches Gut erblich an sich brachte, davon in Absicht der Jagd, die guter maßen zu den persönlichen Freyhei- ten gehörte, der Gerichtsbarkeit und andrer dem Gute anklebenden Freyheiten eben so frey wäre, als ein Edelmann ; und jetzt sind wir an diesen Begriff schon dergestalt gewöhnet, daß wir uns sogar wundern, warum es in diesem Falle einer besonder« Beurkundung bedurfte, und derselbe sich nicht von selbst verstanden habe. Der Einfluß dieser neuen Denkungsart gieng noch weiter. Vorhin und so lange, die persönliche Frevheit den Hauptbegriss ausmachte, blieb der befreyete Grund in reulilzus den Gowgerichten unterworfen; die auf denselben wohnende uiifrepen Personen, wozu aber die gebrode- ten Von der Real- nnd Personalfreyheit. 209 ten Diener des Herrn nicht gehörten, veränderten ihren Eerichtszwang nicht; und man findet noch zn Ende des vorigen Jahrhunderts, als dem Zeitpunkte, worum nach eingeführten Katastern die Realfreyheit endlich den völligen Sieg erhielt, verschiedene Verfügungen, worinn der alte Begriff mit dem neuen kämpft, und die Geeichter, welche diese Veränderungen in dem politischen System und dieses allmähiig entstandene neue Gebäude nicht so bald erkannten, sich in ihren Entscheidungen gar nicht zn helfen wußten; besonders die Untergerichter, welche ihren Verlust täglich sahen, und gar nicht wußten, wie das zugieng. Die Natur, welche nun das ganze System der Realfreyheit mit aller Macht zu seiner Vollkommenheit bringen wollte, warf die Ruinen der alten Dämme, welche noch von der Personalsreyheir übrig waren, ans die Seite, uro überraschte die Rechtsgelchrten, so noch vom Verbauern träumten, und zu jeder Freyheit einen persönlichen Titel erforderten. Ihren letzten Glanz zeigte die Personensreyheit, bey Errichtung der Kataster, wo man allerley persönliche Titel aufgeführt und vieleIäger- hauser benannt sieht, welche unter diesem Namen die Steuerfteyheit fordern. Es ist eine sehr wichtige Frage: ob die alte oder neue Art zu befreyen, die beste gewesen? Unsre Vorfahren stelleten sich vor, jeder Acker liege gleichsam an einem Strome, und jeder sey einmal zu seiner Selbsterhaltung, sodann aber auch durch die gesellschaftliche Verbindung, worinn ihn die Noth versetzt hatte, verpflichtet, sein Ufer gegen den Strom zu vertheidigen. Würden einige von ihnen erfordert, um das Vaterland auf der andern Seite zu vertheidigen: so wären diese zwar für das Jahr frey; dieseFreyheir komme aber demGrunde nie zu statten, und die Nachbareu müßten für die abwesenden Krieger das Ufer machen. Der Acker desWannes, der am Altar für Milsers pham, il. Thc:l. c) h-x 21o Von der Real - und Personülfteyhcit, die Gemeinde betete, müsse sich ebenfalls gegen den Strom mehren, ob er gleich selbst dnrch seinen edlern Dienst verhindert würde, Hand mit anzulegen. Nach diesem Begriffe kannten sie gar keinen freyen Grund und Boden, sondern rechneten alleFrcyheit der Person zu, die, wenn sie als König, oder Fürst, als Priester oder Krieger im gemeinen Dienst gehindert wurde, selbst das Ufer zumachen, mit Recht forderte, daß die unverhinderten für sie in die Stelle treten sollten; eben wie die Eingesessene eines Granzbannes fordern, daß die zu Hause bleibende für sie den Acker bestelle» und ihnen ihr Korn einfahren sollen, wenn der dritte Mann von ihnen für das Jahr zu Felde liegen muß. Leute von dieser Denkungs- art würden sich wundern, wenn man sagen wollte: dieser und jener Acker, ob er gleich durch eine gemeine unverhinderte Hand gebauet wird, soll einer Realfrepheit genießen; oder dieser und jener Acker soll einer ewigen Freiheit genießen, sein Besitzer werde durch eine gemeine Roth verhindert oder nicht. Außerdem würden sie auch noch sehr viele Unbequemlichkeiten bep der Realfrepheit finden, und vielleicht mit Eyfer ausrufen: Wie? der Staat will die Freyheit dem Grunde und Boden angedeyhen, ein weitlaufriges Buch darüber halten, und darinn nach der Fußmaaße beschreiben lassen, was frey oder schatzbar sey; der geringste Mann, der einige Fuß lang und breit freyen Landes zur Wohnung erhalten, soll darauf sitzen und sich auf ewig den gesellschaftlichen Lasten entziehen können? Er soll des gemeinen Schutzes, der öffentlichen Sicherheit und aller Vortheilc genießen; alle gemeine Erwerbungsmittel sollen ihm offen stehen, die Straßen sollen ihm gepflastert, und die Zölle, die Wachen, ja alle Stenren zur gemeinen Vertheidignng sollen ihm erlassen seyn, weil er das Glück gehabt hat, ein Plätzchen: welches man sich als frey gedenkt, Von der Real - und Personalfreyheit. 211 gedenkt, zu erhalten? Was wird das für ein,' Mühe kosten, alle diese Platze, die kein redendes Abzeichen von der Natnr erhalten haben, zu wahren; sie beständig unter allerhand Formen und Gestalten von andern Gründen z>» unterscheiden, und die ganze Geschichte eines Ackerhoses, der solchergestalt ans einem Theil geistlichen, einem Theil adlichen, einem Theil frepen, und einem Theil steuerbaren Ackers erwachsen kann, für die Nachwelt zu erhalten? Der Mann, der vom Ackerbau oder vom Handwerke leben muß, soll mit einem adlichen Grunde, Jagd und Fischerei) erhalten können? die obcrn Gerichte solle,» sich mit seinen kleinen Rechtshandeln beschäftigen, und ihn bep jedem Bruchsalle durch einen besondcrn Fiskal auffordern lassen? Nein, dieses ist unerhört. Für den Edelmann redet überall sein Stand; dieser laßt sich nicht verdunkeln; und den Hof, den er bewohnt, den besrepet er. Findet er einen bessern und angenehmer«: so wählt er ihn, und verlaßt den andern, der dafür wieder zurück fallt. Hier braucht es keiner Kontrolle, keiner Geschichte; die Sache redet, und so lange man den Stand eines Mannes kennet, kennet man seine Frephcit; und wo sich jener aus dem Gesichte verlieret, da muß keine Verjährung für diese Statt finden. Zuerst ist freplich die Zahl derDienstleute, welche einen frepen Sitz im Lande gehabt, gering gewesen. Hat aber die Bcdürfniß des Staats ihre Vermehrung erfordert: so muß man auch die Folgen davon dulden. Sie haben ihre Vorrechte nicht umsonst erlaugt, sondern Gut und Blut dafür gewagt, und so müssen sie derselbe» auch billig so gut wie andre genießen. Befürchtet man aber, daß ihre Anzahl für den gegenwär tigen politischen Zustand zu groß werde: so kann man sie bestimmen. Es hat ohnedem nicht jeder fremde Edelmann, sondern nur der Einheimische; und unter diesen, nicht jeder Sohn, sondern jeder würklicher Dienstmanu ii2 Von der Real - und Personalsreyheit. das Recht, den Hof, welchen er bewohnt, zu bcfteycn. Hat der Staat vierzig Hauptleute nöthig: so sind das vierzig freye Sitze; lind braucht er achtzig: so sind auch diese nicht zn viel. Den kayserlichen Befrepungen, welche die wahre Ursache des Hasses sind, den man gegen die Personalftepheiteu gefasset hat, kann man auf andre Art, als durch die Einfühlung einer beständigen Real- fteyheit Ziel setzen. Man ist so wenig schuldig, sie ohne einheimische Bewilligung anzunehmen, als die päbstli- chen Beftepungen ohne Einstimmung des Bischofes. Von dieser Seite sind wir also genugsam gegen eine zu große Vermehrung ftcper Sitze gedeckt; und wann wir dann selbst mehr Dienstlcute zulassen, als nöthig ist: so ist dieses uufte Schuld. Die Zahl der Bedienten, welche der Staat halt, und statt der Besoldung einen srepcn Sitz genießen mögen, läßt sich ebenfalls und so gut wie die Zahl der Pfarrer einschränken und bestimmen. Vielleicht erbauen sie sich gute Häuser, und wenn diese mit dem Leben des Besitzers ihre Frepheit verlieren: so fällt kin wohl gebaueter Hof zur gemeinen Reihe. Auch hier reder der Dienst gegen alle Verjährung. Es giebt keine Prozesse über adliche Frepheiten. Wer heute Gefreprer ist, und Morgen Gemeiner, kann keinen Besitzstand für sich anführen . . . Allein was auch dieser Mann immer gegen die Real- frepheit sagen möchte: so besteht dieselbe doch auf einem mächtigen Grunde. Denn so konnte bey jener Verfassung kein adliches Gut in unfrepe Hände fallen, ohne sich in gemeines Gut zn verwandeln; und diese Einschränkung würde den Werth und Verkauf der Güter zum Nachtheil des Staats ungemein verhindern. Es würde einen Einfluß auf den Credit haben, und eine vorgängige Bestimmung erfordern, in welcher Verhältniß ein solches Gut wiederum zu gemeinen Lasten gezogen werden sollte; eine Bestim- Von der Real - und Personalfreyheit. ! iZ Bestimmung, die ihre eignen Schwierigkeiten haben, und schwerlich viele gelbreiche Käufer anreitzen würde. Die Gebäude auf einem solchen Hof würde» dem Reihepssich- tigen Manne nur zur Last und solchergestalt auch kein starker Grund vorhanden feyn, dergleichen aufzuführen. Unfehlbar wäre auch der Adel in manchen Ländern ganz zu Grunde gegangen, wenn jene Verfassung geblieben wäre, weil die Ertheilnng der persönlichen Freyheit zu sehr von der Willkühr und Bestimmung des Landesherrn abgehangen, und ein jeder lieber feinen nengeworbenenDienstlen- ten als den alten einen freyenSitz ertheilet haben würde. Die Neihepflichtigen würden, so oft ihnen ein perfönlich- freper Mann einen Hof entzogen hätte, in ihrer gewohnten Ordnung unterbrochen feyn, und sich nicht dadurch beruhiget haben, daß ihre nachbarliche Reihe einen verbauerten Edelhof zur Mithülfe gewonnen hätte. Man würde also eine besondre Eintheilung haben machen müssen, wie viel freye Wohnungen eine jede derselben zu übertragen schuldig feyn würde. Dieses würde zu einer allgemeinen Bestimmung der persönlichfreyen Personen für jeden Staat geführet, und mit dem allen würde man vielleicht eben so viel Mühe, als mit einem Kataster über die Realfreyheit gehabt haben . . . Eins gegen das andre abgewogen, thut man also wohl am besten, die Sache so zu lassen, wie sie durch den Lauf der Zeit angefangen, befördert und geendiget worden. Indessen ist es allemal gut, die Geschichte der Personal- und Realfreyheit weiter zu untersuchen, und sich einen vollständigen Begriff von den Folgen und Schlüssen jeder Art zu machen, um nicht zwischen Heyden zu schwanken, und ein falsches Urtheil zu fallen. 214 XI, III. Vorschlag zu einer UrLhelfabrik. Ä)ev den gegenwärtigen ökonomischen Zeiten wäre es wohl so übel nicht, wenn dahier, nach dem Exempel andrer Lander, anch eine Urrhelfabrik angelegt würde. An Abgang sollte es nicht fehlen, indem diese Waare in Westphaleu, und so Gott will, auch hier im Srisie stär. !er als anderwärts gesucht wird, und zur Roth könnte man auch der Fabrik ein Privilegium dahin ertheilen, daß fürohin das erste Urtheil, in Sachen, welche das einheimische Recht betreffen, nicht von einem fremdeil Markte hereingcholet werden sollte. Man nennet dergleichen Fabriken anderwärts Facultäten oder auch wohl Schöpfcustühle, und wenn sie sich >n guten Credit fetzen, oder ehrlich, fleißig und geschickt arbeiten: fo können sie oft fo viel nicht verfertigen, als abgeht; wogegen jetzt manche arme Partheyen ganze Jahre warten müssen, ehe ihnen geholfen wird, und es nicht selten geschieht, daß sie ganz unbrauchbare Waare erhalten. Diesem Uebel könnte abgeholfen, und vieles Geld, was dafür außerhalb Landes geht, besonders aber auch das vorzüglich schwere Actenporro ersparet werden, wenn man darauf antrüge, daß eine solche Fabrik, welche sich leicht selbst unterhalten könnte, dahier angelegt und pri- vilegiret würde. Da an einem guten Rufe und auch an wirklich guter Arbeit das mehrste gelegen: so würden zu Schöpfen keine andre als angesehene nnd verdiente Männer, welche bereits mit dem Doctorhute das Privilegium, zu fabriciren, vom Kaiser erhalten hätten; auch um allen Schein einer partheyifchen Waare abzulehnen, oder um bey allen Kunden gleiches Zutrauen zu finden, in gleicher Anzahl von , bcpden Religionen genommen werden müssen. Den Vorschlag zu einer Urthclfabnk. 2iL Den Titel eines Commerzienraths wurden sie zwar nicht annehmen: jedoch glaube ich, daß wenn ein Landesherr ihnen den Charakter eines Assessoris gnadigst bey- legte, ein jeder sich eine Ehre daraus machen würde, seidigen zu tragen. Wenn ihnen dabei) erlaubt würde, nur die Halste von demjenigen, was sonst das auswärtige Uarw be» Versendung der Acten gekostet, unter dem Titel von Siegelgeld zu nehmen: so würde die Fabrik eine Cache haben, woraus sie verschiedene nothwendige Ausgaben würde bestreiten können; die Urthelsgebühren erhielte jeder Fabri- cant für seine Arbeit. Sie würden übrigens ans gute und richtige Waare beepdet, doch zu keines Landesherrn Diensten besonders verpflichtet, damit ihr Zutrauen so viel allgemeiner würde. Da jetzt die höheren Collegien aus keiner einheimischen Privatfabrik kaufen dürfen: so würde ihnen erlaubt, sich dieser mit zu bedienen, auch in den Fällen, da sie Augenscheine einzunehmen, Zeugen abzuhören hätten, selbst aber verhindert wären, einen LowlriillarUim ans dem Schöpfenstuhle zu nehmen. Doch wäre einer solchen Fabrik kein IVIoucwaUmn zu versichern; sondern die Richter behielten die Freyheit, nicht allein selbst zu sprechen, sondern auch die Acta vor wie nach an Privatreferenten auszustellen. Nur blos in dem Falle, wo gegen beyderley Arten von Relationen e.r- cipirt würde, träte diese öffentliche Fabrik statt der auswärtigen zum erstenmale ein. Weiland Ihro Churfl. Durchl. von Cölln hatten bereits verordnet, daß das erste Urtheil im Lande verfertiget werden sollte. Allein die Sache fand Schwierigkeit, weil die Verfertigung allerhand Privatfabrikanten, deren heimliche Verbindungen und Gefälligkeiten man zu sehr fürchtete, überlassen werden sollte. Diese Furcht und O 4 die 216 Vorschlag zu einer Sammlung die ganze Beschwerde würde aber wegfallen, wenn ein solches öffentliches Handlungscollegium dazu gebrauchet würde. Es könnte dasselbe mit der Zeit, wenn es sich ein allgemeines Zutrauen und Ansehen erwerben, auch relPonI» fabriciren, und damit in Sachen, welche das einheimische Recht betreffen, einen guten Absatz hoffen. Vielleicht comprvmittirten auch streitige Partheyen auf dasselbe, oder bedienten sich seines Raths, wenn dasselbe sich mit der Zeit eine gute Sammlung von Landesnachrichten ange- schaffet hatte. Da auch ein solches OolleZium nothwendig fähig gemacht würde, Schenkungen und Vermächtnisse anzunehmenso könnte sich vielleicht auch noch wohl ein alter unbeweibter Rechtsgelehrter finden, der seine Bibliothek oder ein kleines Capitälchen zum Besten armer Wittwen und Wayseu vom Handwerke vermachte, und darüber dem Collegio die Aufsicht und Verwendung verteauete :c. :c. XQIV. Vorschlag zu einer Sammlung einheimischer Rechtfälle. Aie allgemeinen Verordnungen, Gesetze und Theorien, wenn sie auch in diesem fruchtbaren Jahrhundert zu noch so vielen Bänden anschwellen sollten, werden einem Staate das nie leisten, was ihm die römischen Rechte, und besonders die Pandekten, leisten. Denn es geht in der Rechtskunst wie in der Arzneykunst, eine Sammlung richtiger Erfahrungen mit ihrer Behandlung und Entscheidung ist allemal nützlicher und brauchbarer, als ein System, worinn doch immer allgemeine Naisonnemens und Hypo- einheimischer Rechtsfälle. 217. Hypothesen den größten Platz einnehmen, nnd Menschen nicht so richtig als Erfahrungen sprechen. Boerhave wird bleiben, wenn Hofmaun vergessen ist, und Mevius in allen Händen sevn, wenn Montesquieu nur noch als eine Seltenheit gezeiget werden wird. Die Pandekten sind das Resultat von Erfahrungen, welche den größten Mannern, unter einem großen Volke in Zeit von fünfhundert Iahren, vorgekommen, von ihnen beurtheilet und entschieden waren. Meine Absicht ist hier nicht, dem römischen Rechte eine Lobrede zu halten; sondern nur den Wunsch zu rechtfertigen, daß wir unsere eignen Erfahrungen auf gleiche Art sammlen und nutzen, nicht aber so sehr dem Hange zu allgemeinen Gesetzen und Verordnungen folgen möchten. Es ist über die Kräfte aller großen und kleinen Gesetzgeber, sich alle mögliche Fälle so vorzustellen, wie sie die Erfahrung mit unendlich kleinen Veränderungen täglich darbietet, und man kann ziemlich wahrscheinlich schließen, daß wenn alle Fälle, so in hundert Iahren zur richterlichen Entscheidung gedeyhcn, gesammlet sind, nicht leicht ein neuer Fall vorkommen werde, der nicht nach der Analogie der vorigen entschieden werden könne. Wenn daher ein Gesetzgeber eine solche Sammlung veranlasset?, und nach vorgegangener Prüfung bestätigte: so würde dieses ein besseres und branchbareres Nechts- buch seyu, als eine dicke Sammlung von Verordnungen. Fast alle Länder sind uns hierinn vorgegangen, nur in den westphälischen Provinzen, worinu doch nach dem bekannten Vorwurf die mchrsten Proeesse geführet werden sollen, ist man noch zur Zeit hierauf in gehöriger Maaße nicht bedacht gewesen. Wie wäre es also, wenn auch wir einmal aufiengen, die Entscheidungen einheimischer Rechtsfälle zu sammlen, und solche mit ihren Gründen nach den großen Mustern eines Fabers, Mevius, Steudens und Pnfendorfs in einer bündigen und angenehmen O 5 Kürze 218 Vorschlag zu einer Sammlung Kürze zu liefern? Ich will dazu folgenden Vorschlag thun. Der Titel des Werks mag seyn: Erläuterungen Vaterländischer Rechte durch eine Gesellschaft von Rechtsgelehrten. Jeder der letztern soll die Ehre haben, seinen Namen unter seine Arbeit zu setzen. In Ansehung der Bündigkeit und Kürze müssen solche vorgebuchten Mustern so nahe kommen, so weit solch? zu erreichen sind; die allgemeinen bekannten Gründe müssen nur im Vorübergehen bemerkt, und wo es nöthig, höchstens durch ein Gesetz oder durch die Anzeige einer Haupt- qnelle bestärkt; die wahren Gründe ans dem Landrecht und der Landesgewohnheit aber deutlich und bestimmt angeführt, bewiesen, und zuletzt durch Anführung eines gerichtlichen Ausspruchs, Landständischen Attestars oder Gödingsspruchs bestärkt werden. Sonderbare und mit höhern Grundsätzen streitende Entscheidungen müssen ausfallen, und nur die billigen und praeticablen eingerückt werden. Daher auch keine einen Platz dariun erhalten kann, welche nicht von zwei) Dritteln der Gesellschaft vorher gebilliget worden. Die Gesellschaft richtete vorzüglich ihre Absicht dahin, eine Sammlung entschiedener Rechtsfälle zu liefern, worauf einmal ein Landesherr seine Gerichtshöfe verweisen und ihnen, in vorkommenden Fällen darnach zu sprechen, anbefehlen könnte. Jeder Nechtsgelehrte könnte darinn ausgenommen werden, wenn er sich obigen Bedingungen unterwerfe» wollte. Alle Wochen versammlet? sich -die Gesellschaft einmal an einem gemeinschaftlichen Orte. Jedes Mitglied trüge darinn Zuerst den Nechtsfall vor, worüber man sich bey der nächsten Versammlung unterreden wollte. In der nächsten Versammlung, nachdem ein ieder vorher zu Hause den einheimischer Rechtfälle. 219 den Fall überdacht, und was er für einheimische Nachrichten davon hatte, mit sich gebracht, sagte die Gesellschaft ihre Mepnung darüber, und theilte demjenigen, der den Rechtfall aufgeworfen, seine Gründe und Nachrichten mit. In der dritten Versammlung würde er ausgearbeitet verlesen, nnd nachdem die Ausarbeitung gebil- liget, zur künftigen Sammlung hingelegt. In der zweigten Versammlung würden dann wiederum zugleich die neuen Rechtsfalle, welche in der dritten ans gleiche Weise überlegt, und in der vierten ausgearbeitet geliefert werden sollten, angezeigt, und so weiter bestandig verfahren. Diese vorherige gesellschaftliche Ueberlegung dient dazu, damit die Grundsätze, woraus jeder für sich abreiset, mit dem Geist des Ganzen in der Harmonie bleiben; die Sache selbst aber erst von verschiedenen Seiten betrachtet; nnd hicrnachst eine Entscheidung erwählet werde, worum sich das seguuiri er kiouum vereiniget. Mancher, der sonst einmal seine Mepnung entworfen und seine Mühe daran gewandt, möchte vielleicht zu keiner Abänderung zu bringen sepn, der vorher leicht seine Mepnung geändert und einen andern Faden erwählet hätte. Daher es mir sehr nöthig zu sepn scheinet, daß jeder abzuhandelnder Nechtsfall erst angesagt, dann erwogen, uud darauf endlich schriftlich entworfen werde. Wenn eine solche Arbeit sich auch nur blos auf die Mark- und Eigeiuhumsrechte erstreckte; denn in bürgerlichen und städtischen Sachen fehlt es so sehr nicht: so würde dieses, was jene bcpden Artikel bereift, in wenigen Iahren ein ziemlich vollständiges Landrecht geben, und dem philosophischen Geiste, der mit der Zeit alle Falten ansglättet und alles zum Vcrtheil erwählter Theorien einförmig macht, damit aber Frepheit und Eigenthum untergräbt, das mächtigste Ziel setzen. X5.V. 220 XI^V. Der Friedensadvocat. ^n einer gewissen deutschen Provinz finden fich Krieges- nnd Friedensadvocaten. Die erfiern kennen wir auch, die letztern aber nicht; und ist das sonderbarste dabey, daß ein Friedensadvocat niemals eine Streitsache zu Rechte ausführe!, darf. Die Partheyen wenden fich zuerst an ihn; er stellet ihre Sache dem Richter vor; dieser vernimmt darüber den Beklagten, und setzt sodann einen Termin zum mündlichen Vorbescheide an, worinn beyde Theile mit ihren Friedensadvocaten erscheinen nnd die Güte versuchen. Kömmt der Vergleich zu Stande: so haben beyde Anwalde einen billigen und angenehmen Vortheil; fehlt er aber: so haben sie keine weitere Hoffnung etwas an der Sache zu verdienen, sondern beyde Theile müssen sich einen Kriegesadvocaten zulegen. Diese letztere Einschränkung ist wirklich neu und fein; und wenn, wie man voraussetzen kann, alles was in dem Termin zur Güte gesprochen und eingeraumet ist, unter einem heiligen Stilleschweigen vergraben bleibt, mithin keinem Theile jemals zur Verfanglichkeit gereichen kann: so sollte man glauben, daß viel Gutes damit gestiftet werden könnte. Zur mehrern Vorsorge, sowohl um das Geheimniß so viel besser zu bewahren, als auch um den Endzweck desto eher zu erreichen, könnte man in diesem Falle einen geistlichen Nichter zulassen, der ebenfalls, sobald der Vergleich nicht zum Stande käme, die Sache von sich ab und an den weltlichen verweisen müßte. Ich glaube daß beyde, nämlich die Friedensrichter und Friedensadvocaten, mehrern Verdienst als die Kriegerischen haben würden. Das schwerste dabey würde der Beweis seyn, welchen der eine oder andre Theil zu führen Der Fn'edcnsadvocal. 221 führen hatte; indem dieser doch immer nur summarisch und ohne Epdcsleistnng würde bleiben müssen, weil alles dasjenige, was bepde Theile sich einander in Ansehung ihrer Urkunden oder ihrer Zeugen aus Liebe zum Frieden einräumten, hernach in dem Kriegesgerichte nicht gebrauchet werden dürste. Eine andre Schwierigkeit ist, daß einer des andern schwache Seite entdecken, und sich hernach dieser Kenntniß doch immer bedienen würde. Allein auch hiezu fanden vernünftige Friedensrichter und Frie- deusadvocateu auch noch wohl Rath. Allenfalls aber müßten sie in einem solchen Falle die Sache sofort von sich abweisen, und wenn der Beweis in der Kriegesinstanz vollführt, noch einmal Hand an die Sache schlagen, und sich die Acten auf einen Monat, um die Güte zu versuchen, geben lassen können, wenn es der eine oder andre Theil auf seine Kosten verlangte. XQVI. Schreiben eines reisenden Franzosen an seinen Wirth in Westphalen. ^)ott sey Lob und Dank, daß ich doch endlich wieder hier und einigermaßen bei) halbmenschlichen Geschöpfen bin; denn in H. . . hat doch einer oder andre die Seins gesehen, oder im Parterre pfeifen gehöret. Aber bep euch in Westphalen ist das ein Wust von runden ehrlichen Leuten, die man ohne Schaden nach dem Gewichte verkaufen könnte; man erstickt ben eurer vielen Gesundheit, und eure sogenannten Damen haben eine Physiognomie, wobei) einem Angst und bange werden sollte, wenn sie nicht znm Glück für uns vernünftig wären. Sie haben nichts von bcm sanften Gelispel, nichts von der zärtlichen Matt 222 Schreiben eines reisenden Franzosen Mattigkeit, nichts von der zitternden Empfindsamkeit, und überhaupt nichts von der unaussprechlichen Morbi- dezza, welche die geringste Bürgerfrau in Paris sich so oft sie will, zu geben weis. Das feine Sonderbare, die künstlichen Launen, die schlauen Qualereyen, und alle die kleinen allerliebsten Spitzen, womit das andre Geschlecht bey uns eine rechte Zauberkraft ausübt, sind ihnen eben so unbekannt, als unsre schwebenden Ruhebettchen im rosenfarbigen Sommerkabinet. Sie lachten sogar über die letzter», wie ich ihnen einmal einen Begriff davon geben wollte, und glaubten, welche Einfalt! man konnte bey gewissen Vorfallen wohl von Natur schamroth werden, ohne eben nöthig zu haben, das Licht durch rothe Vorhange fallen zu lassen, und mit diesem Widerscheine einem leichtfertigen Falle das Ansehen einer überwundenen Tugend zu geben. So entfernt sepd ihr noch von den herrlichen Kunsttricben und Kunsttugcnden, die sich doch zu den natürlichen, wie eine Pastete von kZonl?.vo zu euren großen Bohnen verhalten. Eine solche thierische Art von Menschen, die ihre Seele blos mit gesunden Wahrheiten füttert, und wenn man ihr die neuesten Erfindungen in der Kunst zu genießen, mit den feurigsten Farben malt, oder ein Operettchen von Gretry mit aller Grazie vorsingt, kaltsinnig.antwortet, daß wir das italienische nur süß und leicht, das englische schwach und mißhellig, ihr deutsches aber vollends lahm machten, habe ich in meinem Leben nicht angetroffen. Der Hang zum Vernünftigen und Nützlichen ist zwar freplich nicht zu verachten; nnd ich gönne es euren Bauren gern, daß sie lieber eine gute lange Predigt, als eine Opera hören. Aber daß Leute von Stande einen solchen groben Geschmack haben; und daß Damen, die doch nur zum Vergnügen in der Welt erschaffen sind, ein solches Pflanzenleben führen können, dieses ist mehr, als ein Philosoph berechnen kann. Wenn man dergleichen Charaktere an seinen Wirth in Westfalen. 22z tere auf unsrer Bühne verstellen wollte: so würde die parisische Welt den Verfasser für eine fo abentheurliche Aebcrrretung der menschlichen Natur ohne Barmherzigkeit auspfeifen; und entdeckte er ihnen dann vollends, was ich noch weiter gesehen, daß alle eure verheyratheten Weiber, Kinder, und oft sehr viele haben; daß sie ihre edelste Ze.r mit deren Erziehung zubringen; und daß es bei) euch Manner giebt, welche dergleichen Kindermütter mit zärtlichen Augen ansehen können : so würde ihn der ganze Hof ohne Gnade für verrückt ausschreyen. Dem Pöbel allein liegt es ob, die Welt zu bevölkern - und eine so einfältige Fruchtbarkeit ist der höchste Grad der Dummheit. Ilnd eben so denke ich von allen euren baaren Tugenden offnen Herzen. Jene sind wie eure rohen Schinken, und diese gleichen einer nackten Haut ohne Schminke, die man, ohne zu schandern, nicht ansehen kann. Dafür ist es hier denn doch noch gülden, da ist noch Tugend so schön wie Butter ä guatia coulsurs. Eure Mannthiere sind aber in ihrer Art fast noch lächerlicher. Diejenigen, so bey uns das Land regieren, haben ihreHauskanzlepen, welchen sie einmal für alle sagen : zugestanden, was Geld einbringt, und alles übrige abgeschlagen. Die Ausfertigungen gehen demnächst ihren Gang, und es braucht keines weitern Vortrags. Der Staat ist da das Generalhospital; wenn der Arzt nur einmal gesagt hat: ZnrRechten Ader gelassen, zurLinken abgeführt: so wissen die Handlanger mehr als zn viel. Was würde es auch für eine erschreckliche Arbeit seyn, alle Krankheiten zu untersuchen, oder alle Sachen selbst einzusehen, und so wie euer HerrM... thut, bey jedem J a und Nein, was er auf die eingekommenen Vorstellungen setzt, mit einem Buchstaben noch besonders zu bemerken, ob das Nein plauo» aullauts, Wilsutivo, 224 Schreiben eines reisenden Franzosen :c. gr.ivs, karte, pi-icizvals, xrg?.!oka, oder ktoccatci, und sllsbreve ertheilet werden soll? In eurem Lande hingegen arbeiteten dergleichen Herrn oft für einen armen Baureu, als wenn des ganzen Landes Wohlfahrt daran läge, ob ein Hundert dergleichen Krautköpfe mehr oder weniger in der Welt waren; die edlen Abendstunden, die in der ganze» vernünftigen Welt der Freude heilig sind, werden nicht einmal der Arbeit entzogen, und um zu ihnen zu kommen, braucht mau so wenig den Schweizer als den Kammerdiener zu bestechen. Euer ganzer Adel braucht nicht so viel wohlriechende Wasser, als ich für meine Person allein, und dünkt sich groß, ohne auch nur einmal von weitem gesehen zu haben, wie unser König sein Hemd anzieht, oder sein Morgcngebct abstößt. Eure Gelehrten wissen kaum mit dein Hunde einer Dame, geschweige denn mit vernünftigen Menschen umzugehen ; und der geringste Schuhflieker in Paris hat mehr feine Lebensart, als euer bester Vollmever. Ich begreife gar nicht, wie es sich in einem solchen Lande leben laßt, wo die Leute nichts thun, als arbeiten, essen, schlafen, und sich wohl befinden. Wo man keinen König zu bedauern, keinen-Minister zu verfluchen, keine Grafin zu kreuzigen, keine Commis zu spießen, keine Verordnung zu spotten, keine Freunde zu stürzen, keine Großen zu hassen, keine Parthepen zu erheben, und keine Krankheiten zu erzählen hat; wo es keine Männer zu betrügen, keine Weiber zu verführen, keine Tugend zu kaufen oder zu verkaufen, keine Patrioten zn erhandeln, und keine Betrüger zu verehren giebt; kurz, wo die Uebertreruug aller zehn Gebote Gottes einem so wenig Ansehen als Vergnügen giebt. Nur Schade, daß ich nicht daran gedacht habe, ein Geschöpfe eurer Art mit nach Paris zu nehmen, um den Herrn von Büffon besser in Stand zu setzen, die Classe der Abweichungen in der menschlichen Art noch mehr zu bereichern, und ein Gerippe von euch in der Kunst Es ist allezeit sicherer Original als :c. 225 Kuustkammer des Königs mit meiner Beschreibung aufzustellen. Hiemit Gott befohlen, und die Rechnung bezahlt, womit ich dich bey meiner Abwesenheit beehret habe. XI. VII. Es ist allezeit sicherer Original als Copey zu seyn. predigten helfen würklich nicht! gedruckte Verordnungen auch nicht, auch keine Satyren von gewisser Art, welche eine herrschende Thorheit gleichsam anbellen. Es wird eine feinere Aufmerksamkeit der Landesobrigkeit, ein großes Exempel, ein vornehmer Ton erfordert, um die stille Große zu erheben, und die prächtigen Thoren von dem Thron ihrer Einbildung zu stürzen. Gewisse fürstliche Kinder durften nur vor einigen Iahreu laut vor Tische beten; ein Monarch durfte nur alle Nächte bey seiner Gemahlin schlafen; eine Herzogin durfte ihr Kind nur in der Kirche taufen lassen .. . sogleich fand die ganze äffende Welt das Gegentheil ärgerlich. Ich muß Ihnen bey dieser Gelegenheit meine erste Reise nach Paris erzählen. Wie ich dort ankam, hätte ich mich um alle Welt nicht in einem deutschen Kleide zeigen mögen, ohn- erachtet ich die Meinigen in Stille, wo man doch die Mode täglich aus der Quelle erhält, so ziemlich einsiützon lassen. Ich schickte deswegen nach einem Schneider, und wurde nicht wenig betreten, als bald darauf ein Mann in einem schwarzen jammeren Kleide, welchen ich aus meinem halb eröffneten Fenster in einer Kutsche ankommen sah, zu mir ins Zimmer trat, und mich sogleich von oben bis nute!' betrachtete. Ich bat ihn, sich nieder zu Mosers pham-lt. Thcil, P lassen, 226 Es ist allezeit sicherer lassen, und mir zu sagen, womit ich ihm dienen könnte, als er mich fragte, ob ich ein Kleid (loulecn- .In Innr verlangte? Und noch merkte ich kaum, daß dieser Mann ein Schneider war, der mir bereits mit seinen Augen die Maaße zum Kleide genommen hatte. Denn er bat mich zugleich, ihm noch den Abend die Ehre zu thnn, und ein Louph Nu x>»ns ll> petita mzilou beh ihm einzunehmen', jetzt aber zu erlauben, daß er wieder forteilen dürfte, weil er noch einen deutschen Prinzen und sechs Hofcavaliers zu machen Hütte. Ich dankte ihm voll Verwirrung, und Hütte ihn vielleicht an den Wagen begleitet, wenn mich nicht ein anderer Mann in einem eben so prächtigen Kleide au der Thür aufgehalten Hütte. Dieses war mein Hauswirts), welcher mir, weil ich einen Friseur verlangt hatte, seine unterthünigsten Dienste anbot, und mich fragte, ob ich ou »imzdlc! elaccicl!, en -ibbü irniisciN -illt, an Nausens- tiüra ü la ir>c >rblsu, en Komma ü lcmtiwau«, oder auch ei> Heitre .illemsnü aufgesetzt sehn wollte? so sollte gleich sein erster Commis, der, ich weis nicht, wie viel Herzoge fristete, seine Aufwartung ben mir machen. Bald Hütte ich mir letzteres erwühlet, wenn nicht eben ein bestellter Miethlaquais herein getreten würe, und ohne alle weitere Vorrede befohlen Hütte, mich ü I-> masupou zn frisiren. Dieser junge Mensch hieß meinen Wirth im Staatskleide sogleich einen kor; zeigte mir in einer Secunde eine nagelneue Dose vom Martin, eine goldne Uhr von Du tertro. Manchetten ü tripla rauA, und Überhin Ig plus tius Ismbs Un maucls. Jetzt trat mein Freund, ein junger allerliebster Franzose, herein, dem ich aus Holland empfohlen worden. Niemals hat sich ein Mensch mehr über meine Ankunft erfreuet, als dieser. Ich getraue mir sein Bild nicht zu entwerfe». Es war ein ganz unbeschreiblicher Manu, und unser Vertrauen gieng sogleich über alles. Er sagte mir, nachdem er meine Gestalt durchgelaufen war, mit einer Aufrichtigkeit, die mich noch rührt, wie er mich Original als Copey zu scyu. 227 mich schwerlich in die gute Gesellschaft bringen könnte, weil ich die platteste Figur von der Welt wäre. Doch, setzte er endlich hinzu, wollte er, um keine Zeit zu verlieren, mich als einen Baren einfuhren, wenn ich nichts dawider hatte. Alsdann will ich heute überall herumgehen, und meinen Freunden bekannt machen, daß ich. ihnen morgen ein ganz neues Original aus Deutschland zeigen würde, desgleichen seit Erschaffung der Welt noch nicht in Paris gewesen wäre; ich will eine Beschreibung dabey machen. . . Und hier machte er wirklich eine, worum ich bis auf die Tatzen und das Fell eine ziemliche Aufrichtigkeit fand. Was sollte ich thuu? Mein Freund gieng mit einem Lavsaclieu und juslpi'i> rovoii- davon, und überließ Mich meinen Betrachtungen. Die ersten waren nicht die ruhigsten. Endlich aber faßte ich das Herz, mir selbst getreu zu bleiben, und mich so zu zeigen, wie ich glaubte, daß ich mich zeigen müßte. Und auf einmal war ich über meinen Schneider, meinen Friseur und meinen Miethlaquais erhaben. Mein Freund freuete sich des andern Tages, mich in vollkommner Barengestalt zu finden, und ich, der Bar, und er, der Barenleiter, fuhren glücklich in die Gesellschaft. Ich merkte gleich ein vorwitziges Aufsehen; nahm aber doch den Ton der Gesellschaft an, und erzahlte ihnen meine Geschichte mit der aufrichtigsten Einfalt, welche der Wahrheit bisweilen so vielen Nachdruck geben kann. Und was mepnen Sie, daß darauf erfolgte? Ein Frauenzimmer, welches ich ans Erkenntlichkeit billig als das schönste in der ganzen Gesellschaft rühmen muß, nahm das Wort mit einigem Eifer und sagte: Es ist doch kein abgeschmackter Ding in der Welt, als ein junger Pariser. Er hat die Vernunft einzusehen, daß er selbst das lächerlichste Original sev, und will doch, daß Fremde sich nach ihm bilden sollen. Er ist stolz genug zu glauben, daß seine Narrheit unnachahmlich sep: allein um das boshafte Vergnügen zu haben, P 2 sich 228 Es ist allezeit sicherer sich gegen einige Copepcn halten zu können, beredet er andre znr Nachahmung, welche, wenn sie seine Vorzüge erreichen könnten, ihn rasend machen würden. Er glaubt zn gefallen, wenn wir ihn znr Puppe erniedrigen, und seinen Anzug in eben der Absicht loben, womit wir unfern Schooshündchen die Ohren zerren. Sie, mein Herr, fuhr sie gegen mich fort, werden hoffentlich dem bessern Theil nnsrer Nation die Ehre erweisen, und sich dadurch nicht irren lassen. Wenn Sic einige besondere Thorhei- ten ans ihrem Vaterlande mitgebracht haben: so gönnen Sie uns das Vergnügen, den Contrast zu bemerken, und seyn versichert, daß wir auch unter demselben Verdienste zu erkennen wissen. Mein junger Franzose fand dieses göttlich, und breitete überall zu meinem großen Vergnügen die komische Scene aus, welche er mit seinem Baren gespielet hatte, wodurch er mir in kurzer Zeit so viele Achtung erwarb, daß ich meines Schneiders gar nicht mehr nöthig hatte. Ich erzählte bey meiner Wiederkunft diese Geschichte einem guten Bürger, welcher sich in seinem braunen Kleide immer hinter der Hausthüre stellet?, so oft sein Nachbar, ein Kannengieser, in einem rothen Manschestcr ans die Gasse trat. Aber, versetzte er, die Großen in der Stadt sind so, daß sie einen ehrlichen Bürgersmann nicht über die Achsel ansehen, wenn er nicht Staat macht; meine Frau schämt sich bereits mit mir in die Kirche zu gehen, und meine Mademoisellen Töchter stutzen vor mir hin, ohne mich anzusehen, da ich doch ihr wirklicher Vater bin lind ihnen ihren Flitterstaat im Schweis meines Angesichts erworben habe. Was das erste betrist, erwiederte ich ihm: so bin ich gewiß, daß die Großen in der Stadt eben wie die französische Dame denken; daß sie in der Nachahmung des Kannengiesers die spielende Copey eines vielleicht guten Originals fanden, und daß der König selbst Original als Copey zu seyn. 22g. selbst mehr Achtung für die Verdienste eines großen Künstlers, als für das saminetne Kleid eines französtschen Schneiders habe; seine Frau, fuhr ich fort, würde steh weisen lasten, wenn er ihr die Ehre verschaffte, die Frau des größten Meisters von seinem Handwerke zu fevn, und seine Tochter würde im zwanzigsten Jahre schon einsehen, daß die Ehe mit einem ehrlichen Bürger, der leeren Erwartung auf einen Mann mit der Dose vom Martin, und mit der Uhr von Du rorws unendlich vorzuziehen sey. Ich versicherte ihn, wenn er nun das Ziel seiner Wünsche erreichen, und sich alle Sonntage in einem damastenen Schlafrocke zeigen könnte, daß sein Nachbar sodann seinen Bauch in einem französischen Stoff zu Fenster legen würde; und daß er niemals ein Narr werden könnte, ohne zu verhindern, daß ein anderer nicht noch ein größerer Narr würde; ich machte ihm endlich begreifend, daß vieles in der Einbildung beruhete, und daß die Einbildnnz ein Mädchenkopf wäre, welcher so lange schwärmet?, als er auf einem jungen Rumpfe säße. Allein, um ihn völlig zu überzeugen, hätte ich ein großer Herr seyn, und ihm alsdann diejenige Achtung in der That bezeigen müssen, die ich ihm jetzt nur mit Schlüssen beweisen konnte. Wie viele Mittel haben die Großen nicht, den Geringer» die falsche Schaam zn benehmen, wodnrch sie zn prächtigen Thorheitcn verleitet werden! riäiculo >zlk Za rsilou clu 5c>t; nnd wie viele giebt es nicht, die keinen andern Grund anzugeben wissen, als diesen! das Lächerliche oder Verächtliche hängt nicht von einem braunen oder sammetnen Kleide, sondern gar sehr von dem Werths ab, welchen der herrschende Ton diesen Sachen beplegct; und der herrschende Ton kostet den Gesetzgebern oder den Gesetzgeberinnen oft nur einen süßen Traum. Zwey Millionen und siebennml hunderttausend Thaler sind in zehn Iahren für gesticktö Sachen ans dem Lande gegangen; P z un d 2ZO Das leichteste Mittel, und in d?n nächsten zehn Jahren fliegt eine Million fort, bloß für Mahagoni-Meubles. Und warum das? Weil es die Marqnisin schon findet. O wenn diese kluge Dame doch ihren Vevfall einem geschickten Tischler gäbe, und ihn zu neuen Geschöpfen aus Eichenholz vermöchte: wie vieles würde Sie, der Handwerker und das Land dabey gewinnen! Das leichteste Mittel, um zu gefallen. . . . Ä?an schreibt viel von der Kunst, zu gefallen; und wenn jemals die Regeln Krücken gewesen, welche der Kranke gebraucht, und der Gesunde verwirft: so ist es in dieser Kunst. Das ganze Geheiinniß bestehet in einem großen Verdienste und einem Loche im Strumpfe, oder um mich deutlicher zu erklären: man bemühe sich, der erste in seiner Art zu werden, und gebe dem Feinde einen, und dem Freunde zwei) Fehler preist. Der Neid des erstem, und die Fantasie des andern wird durch dieses geringe Opfer befriediget, und der eine wie der andere so sanft erhöhet werden, daß er sich selbst Hey uns gefallen wird. Denn die Kunst zu gefallen bestehet nicht sowohl darin», baß wir andern, sondern andere sich mit uns gefallen. Ein vollkommener Mensch würde unerträglich seyn, und dieses aus sehr natürlichen Ursachen. Erstlich würden wir seiner Vollkommenheit einen Anspruch auf Vorzug und Bewunderung leihen, und dieses räumet unser theures Selbst ungern ein. Zweptens würden wir ihm keine Schwache zeigen wollen, und in seiner Gesellschaft alle unsre Kräfte anspannen, um dicws zu verhindern. Nie- um zu gefallen. Zkiemand aber ist gern beständig in einer Staatskleidung, und noch weniger in einer Staatslaune. Drittens wurden wir gegen einen solchen Moidor nicht gerne unsre Scheidemünze auskramen, und also in unfern eigeneil Augen alberne Geschöpft bleiben. Diß ist nun ein pro priiuo, pro kscuiirlo und pro tortio, Mehrere Ursachen darf ein Pedant nickt haben. Noch gefährlicher aber ist es, und dieses ist der gemeinste Fall, wenn wir Fehler haben, und doch keinen einzigen zeigen wollen; wenn von der Fußsohle an bis zur leeren Scheitel alles in der feinsten Ordnung erscheinet. Da kömmt die beleidigte Eifersucht mir ihrem scharfen Auge, und richtet die Seele so viel strenger, je weniger der äußerliche Bau ihr einen Fehler Preis geben will. Sie bringt Gold, welches den Strich gehalten, unter die Capelle, und wehe dann dem armen Sünder, wenn er hier die Probe nicht hält! Wer gefallen will, muß, wohl zu verstehen, des Andern Narr werde». Er hat nur die Wahl über die Art. XIö,IX. Die mehresteil machen sich lächerlich, aus Furcht, lacherlich zu werden. . . . Äas habe ich meinem Junker auch gesagt. Allein seine Tante hat ihm eingepredigt, daß es nicht so schlimm ftp, die zehn Gebote zu übertreten, als sich lächerlich zu machen. Was mepnen Sie dann, sollten unsere Sittenlehrer, die Comödianten und Poeten, der Sache nicht zu viel thun, wenn sie sich zu sehr darauf legen, die Fehler lächerlich zn machen? das Ente und Böse wird leicht verwechselt; junge Eemüther sind nicht P 4 im,. 2Z2 Die mchrcsicn machen sich lächerlich, im Stande, solches allemal zu prüfen; sie richten sich lediglich darnach: ob etwas lacherlich gefunden werde oder nicht? Der Grund einer Sache wird gar nicht mehr untersucht, und der Hofmeister würde ein Pedant heißen, der sich eines andern Beweises bediente, als: II! coli» .eil riilwulo. Ich habe meinen Untergebenen oft gegen diesen ge- bietrischen Ausdruck verhärtet, und ihm Stolz genug bey- bringen wollen, sich selbst zum Original zu bilden. Junker, habe ich ihm gesagt: Sic haben einen dicken Kopf, und die Taiiöensingel stehen Ihnen besser, wenn Sie solche etwas abnehmen lassen; Sie haben ein edles freundschaftliches Wesen, wodurch Sie einen jeden gewinnen werden; warum wollen Sie Ihre Gesichtsmns- kcln aufsteifen, um ein zurückhaltendes Ansehen zu haben? Die Natur hat Ihnen die Physiononüe, welche sich zu Ihren Neigungen schickt, mitgctheilet; warum wollen Sie dieser weisen Mutter nicht folgen? Ist es denn so etwas Großes, ein geschickter Affe zu seyn? Und sind Sie versichert, hierin« zur Vollkommenheit zu gelangen, da Ihnen Ihre Natur hierinn nicht zu Hülfe kömmt? Ihr-' Seele hat die Fähigkeit, etwas Großes zu lernen. Und Sie tragen Bedenken, fleißig zu seyn, weil es andere auch nicht sind? Sollte es Ihnen aber nicht schmeichelhafter sepn, Exempel zu geben, als Exempel zu nehmen? . . . Ja, man wird sich über mich aufhalten; die Tante wird sagen, ich sey ein Schulfuchs, und die Cousinen werden mich den guten Vetter nennen, wenn ich so ein Gesicht habe, das mit Brey aufgefüttert zu seyn scheinet. . . . Gut, aber ist denn das höhnische Aufhalten so etwas Fürchterliches? Bilden Sie sich einmal ein, diese schreckliche Begegnung sey unvermeidlich, Sie mögen mm ein Original oder eine Copey werden; es sey nothwendig, daß ein Mensch dem andern diesen Zoll geben müßte: was meynen Sie, von welchem Theile woll- aus Furcht, lächerlich zu werdet». 23z wollten Sie diese Abgaben an: liebsten entrichten? Von Ihren Tugenden, oder von Ihren Taubenstügcln? Am liebsten von keinen. Aber wenn es nun nicht anders sei)n könnte? . . . Küssen Sie Ihrer lieben Tante die Hand zur Dankbarkeit, so oft sie sich über den Schnitt Ihres Kleides aufhält, und dann kommen Sie zu mir: so wollen wir gemeinschaftlich überlegen, ob wir den Schnitt andern wollen oder nicht. Unser eigenes Urtheil soll die Entscheidung verrichten; wir wollen nicht sirenge, aber auch keine solche Kinder seyn, die sich von jedem Thoren am Gängelbändchen leiten lassen. I.. Der Rath einer guten Tante an ihre junge Nicce. ^Hhr Entschluß ist gefährlich, meine liebe Niecs, bey ss jungen Jahren allen Frivoliteten abzusagen. Das einzige, was Sie dadurch gewinnen werden, ist dieses, daß Sie die ganze Gesellschaft in Erstaunen setzen; und im Vertrauen gesagt, die Erstaunten erholen sich bald von dem ersten heftigen Anfall, und lassen es hernach insgemein diejenige entgelten, die ihnen diesen Paroxismus verursacht hat. Es ist anch für ein junges Mädchen nicht gut, gar zn sehr in dem Rufe der Weisheit und Tugend zu stehen. Die Welt glaubt doch, sie spiele nur eine Rolle, und das Rollenspielen, wenn es zu früh geschieht, erweckt Nachdenken. Man übertreibt sie insgemein, und nur eine Italiänerin von >4 Jahren ist im Stande, unter der Maske der kindischen Unschuld, ihre von der schlauen Mutter erlernte Kunst, auf eine glückliche Art in Ucbnng zu setzen. Die beste Manier für ein junges westphalssches P 5 Mäd- 2Z4 Der Rath einer guten Tante :c. Mädchen ist, sich in dem Rufe eines guten Kindes zu erhalten, sich der Wirthschast zn befleißigen, und der Mode zu folgen, so wie sie der Rangordnung nach an sie kömmt. Diejenige, so hierum zu viel oder zu wenig thut, verfehlt das allgemeine Ziel, und verlischt, ehe sie brennet. Wenn ich Ihnen also als eine gute Tante rathen soll: so erniedrigen Sie Ihren Kopcputz vorerst nur um einen Zoll; und befleißigen sich der Wirthschast, ohne jemals davon zu sprechen. Zeigen Sie Ihren Freunden ein offnes Herz; vermeiden Sie allen Hang zu besondern Tugenden, und lassen die Weisheit denen, die solche besser verwahren können, als es ein junges Mädchen thun kann. Dies waren die Regeln meines seligen Baters, wodurch ich eine glückliche Frau geworden bin; anstatt daß verschiedene meiner alten Gespielinnen, die, wie ich versichert bin, mehrern Witz, höhere Tugenden und einen feinern Geschmack hatten, und dabei) immer sich nach der neuesten Mode kleideten, oft bewundert und nie geliebet wurden. Ihre wahre natürliche Stärke, mein liebes Kind! ist ein gutes empfindliches Herz; keine Rolle gelingt besser, als diejenige, wozn man von Natur aufgelegt ist. Wollen Sie also ja in Ihren Iahren durch einen besondern Vorzug glänze»: so setzen Sie Ihre ganze Kunst darinn, daß Sie dieses gute empfindliche Herz einem jeden auf die vorrheilhasteste Art zeigen. Seim Sie aufrichtig und spielen die Aufrichtigkeit; diese Comödie gelingt und gefällt leicht, anstatt, daß Ihnen ein offenbarer Krieg mit allen Modethorheiten oder eine andre strenge Tugend in Ihren Iahren nur Spott zuziehen wird. Bielleicht denken Sie, daran se» nichts gelegen, und es sei) rühmlich, der Tugend ein solches Opfer zn bringen. Allein glauben Sie mir nur, mein gutes Kind, es ist eine Thorheit, der Tugend Spötter zuzuziehen, wenn Amalici'.s schreiben über die Lüstbark. 235 wenn man ihr durch eine geringe Wendung in der Manier Verehrer erwerben kann. Diese? sage ich ihnen am ersten Tage de? Jahrs; und Sie können daraus alle meine Wunsche errathcn. HI. Amaliens Schreiben über die Lustbarkeiten. ^ch zanke mich oft mit meinem Manne Nun das versteht sich, werden sie sagen und vielleicht hat er wohl gar Recht, dies versteht sich sonst nicht wenn es ans die Frage ankömmt? WaL eigentlich Lustbarkeiten seyn? Heute spreche ich zu ihm, will ich mich recht divertireu: wir haben Comödie, Ball, und wenn dieser zu Ende, ein Iagdfrühstück; ich werde mich einmal recht satt tanzen. Mit kacheln wünscht er mir Glück zu meinem großen Vorsatz; und dann, wann die Lust nun vorüber, und ich den ersten Taumel ausgeschlafen habe; so sieht er mich an, als wollte er fragen: wie ich mich'dann nun divertirt hatte? Heimlich beschämt, aber großsprecherisch erzähle ich ihm dann mit den lebhaftesten und übertriebensten Ausdrücken, was ich alles genossen, empfunden und ausgeführt hätte. Er aber, der mich kennt, und mir ins Herz sieht, läßt sich durch keine Blendungen täuschen. Hier bey dieser Hand, sagt er, indem er diejenige faßt, welche ich ihm ehemals zum ersten Zeichen meiner Liebe reichte, beschwöre ich Sie mir aufrichtig zu gestehen: ob Sie sich würklich fo sehr erlnstiget haben wie Sie vorgeben? Nun bin ich arme Hexe gefangen, ich kämpfe nur noch auf der Flucht, und mehr um meine eigne Schwachheit zu verHelen, als den Sie« davon zu tragen. Wenn Sie es durchaus wissen wollen, antwortete ich ihm ganz leise 2Z6 AmalienS Schreiben über die Lnscbark. seift ins Ohr: so will ich Ihnen wohl gestehen, daß ich beständig beyde Flügel geschlagen habe, um zu fliegen, aber nicht eine!: Daumen breit von der Erde gekommen bin. Wir jagten alle nach der Lust, und keiner erhaschte sie. Bey der Tafel schien einer den andern zu fragen, wo sie bleibe. Man versuchte den Ton der Freude; er wollte sich aber nicht finden. Die Trinker ließen die Gläser erklingen, währender Zeit ihr Geist Langeweile hatte, und bepm Tanze waren nur die Verliebten recht mmner, die übrigen folgten dem Rethen, weil sie einmal da waren; und wie es Zeit war aufzuhören, giengen die mehrsten gern zu Bette. Kurz, es fehlte, ich weis nicht was; und keiner schien diejenigen Bedürfnisse zu fühlen, welche zum wahren Genuß der Freude gehören. Wer ist zufriedner als mein Mann, wenn ich feinem kleinen philosophischen Stolze dieses Opfer gebracht habe? Sollte er aber in der That recht haben, liebste Freundin? und sollte die Eitelkeit und das Vergnügen vergnügt zu scheinen nicht mit zur Rechnung gebracht werben dürfen ? Sollte die mächtige Begierde zu glänzen, zn verschwenden und in aller Welt Augen als die glücklichste Person zn erscheinen, nicht auch ihre Rechts haben? Und hat mein Mann nicht unrecht, wenn er im Essen und Trinken weiter nichts als eine Befriedigung der ersten Bedürfnisse sucht, und ohne Durst keine Lust am Trinken findet? die Forderungen meines Magens sind sehr geringe; aber dem ungeachtet, sehe ich gern achtzig Schüsseln aufder Tafel. Was ist die dunkle Eemüthsruhe und die sogenannte innerliche Zufriedenheit gegen die Befriedigung einer angenehmen Leidenschaft? Wer nichts wie jene sucht, der kann auch mit Rockenbrcy zufrieden seyn; und die Vorsehung hat es weislich geordnet, daß man wohlfeil und kostbar vergnügt ftpn kann, damit ein jeder nach Standesgebühr glücklich ftpn könne. Aber unser eine, die die unendlichen und mannichfaltigen Bedürfnisse der Eitelkeit fühlt: unsereins, sage ich, geht zu Borschs. Z. Vercd!. der verlohr. gehend.Zeit. 237 z>! allen öffentlichen Lustbarkeiten, und genießt dabcy ein edleres Vergnügen, als alle, so nichts wie einen philosophischen Geist und einen dummen Magen zu befriedigen haben. Ich denke wenigstens so; und Sie können mir keinen großem Gefallen erzeigen, als wenn Sie mir Ihren Beysall geben. Thun Sie es aber bald; ich erwarte ihn noch heute, und bin zc. I.II. Vorschlag zur Veredlung der verlohreu gehenden Zeit. Aie liebe Zeit, welche mit hin- und hergehen, mit holen und bringen in allen Haushaltungen verlohreu wird, kann füglich in einem Staate, worinn hunderttausend Menschen leben, auf einen taglichen Schaden von tausend Thalern gerechnet werden; und so dann wird nur angenommen, daß ein Drittel derselben, oder um alle Brüche zu vermeiden, Z6000 Menschen, alle Tage einen Mariengroschen damit verlieren. Diesen Verlust fühlt man nicht lebhafter als im Lippischcn, wo man keinen Dienstboten und sehr wenige Personen auf dem Wege findet, die nicht beständig ihr Knüttezeng in Händen haben, und indem sie ihren Geschäften nachgehen, ihre Zeit zn veredlen suchen. Fremde sehen in Pyrmont keine Frau die mit linnenen Strümpfen handelt, ohne bey ihrem Herumgehen Zugleich wieder einen andern Strumpf zu knütten; und ich habe manchmal aus den Städten dortiger Gegend hunderte von Mädchen zum Melken ausgehen sehen, worunter keine einzige war, die nicht mit dem größten Eifer ihren Strumpf knültete. Hier sage ich, fühlt mau den Verlust lebhaft, den andre Länder, worinn gewiß auch einige tausend Menschen zum Melken gehen, 2ZZ Vorschlag zur Veredlung gehen, und täglich mir hin- und herlaufen sechs Stunden verlieren, erleiden müssen; und warum? blas weil es die Gewohnheit, oder weil der Mensch von seiner ersten Jugend an nicht dazu erzogen ist. MitRecht belohnten die hiesigen Landstände beym vorigen Landtage eine junge FrauH, die seit vielen Iahreu auf zweyen Rädern zugleich gesponnen hatte, um ihren alten Mann, und ihre Kinder zu ernähren. Erempel von dieser Art zeigen was geschehen könne, wenn die frühe Erziehung derLandespvlicey entgegen kömmt; und wie sehr wäre es zu wünschen, daß ans diese Art der Erziehung nur so viel verwendet würde, als auf manche verunglückte Fabrik verwendet ist. Es würde freplich nicht zu verlangen seyn, daß alle Menschen so anhaltend arbeiten sollten. Allein die Geschicklichkeit dazu könnre ein jeder durch die Erziehung erlangen; und so wüste er doch zur Zeit der Roth, daß er sein Brod mit zweyen Rädern suchen müßte, was er mit einem nicht erhalten könnte; so würde ihm vielleicht die Arbeit zur Gewohnheit, und Gewohnheit Zur andern Natur: und so würden die 2,6000 Stunden, die von z6ooo Menschen alle Tage regelmäßig mit holen und bringen verlohren werden, zu einem wichtigen plus in der Oekonomie des Staats. Es liegt nichts daran, ob das Knütteu auf dem Wege, was die Dienstboten und andere gehende Personen thun können, für die Herrschaft, wobey sie dienen, oder für die Ar, besser selbst geschehe; allein dem Staat, der in beyden Fällen gleichviel gewinnet, ist unendlich daran gelegen, daß es geschehe, und manche Herrschaft machte sich vermuthlich ein Vergnügen daraus, ihrem Gesinde das Garn dabey zu schenken. Ich kenne eine Familie, worinn der Vater seinen Kindern allen Flachs schenkte, was sie verspinnen konnten, wo- ,') Die Prämie ist ihr ohne ihr Gesuch, und ohne daß sie auch »ur dergleichen vermuthet, zugesandt worden. der verlohren gehenden Zeit. 239 wogegen sie sich aber in Kleidungen selbst unterhalten mußten; und der Eifer der Kinder gieng so weit, daß er ihnen die Rader verschließen mußte, weil sie um zwey l'hr des Morgens schon dahinter saßen, und der Sohn, der nachmals ein würdiger Prediger ward, sich eben so früh mit seiner Grammatik an das Rad setzte. An dem guten Ton fehlt es hier gewiß nicht; alle unsere vornehmen Damen arbeiten beständig in Gesellschaften, und haben ihren Nähebeutel im Wagen wie in der Comödie. An der Möglichkeit ist kein Zweifel, da so gar blindgebohrne Personen die schönste Knüttearbeit verfertigen können, und andre Lander, wie auch verschw- dene hiesige Kirchspiele, besonders aber die Münsterschen Aemter Kloppenburg und Vechte, worum gewiß jahrlich für looczooRrhlr. wollene Strümpfe mit der Nebenarbeit verfertiget werden, davon zeugen. Woran liegt es also, daß viele Kinder unsrer Landleute im Sommer, wenn der Schulhalter zum Torsstechen nach Holland geht, hinter den Kühen müßig liegen? An hauslichen Exem- peln und an der Erziehung. Die wahre Gewissenhaftigkeit. ^er Barbier des berühmten Columbns hat so viele seines gleichen in den übrigen Klassen der Menschen, daß ich mich seiner fast taglich erinnere; und ich glaube meinen Lesern wird es eben sp gehen, wenn ich ihnen seine Geschichte, ob sie gleich längst bekannt ist, noch einmal erzähle. Es war nun schon der dreyzehnte Tag, mau zählt wenn man hungrig ist sehr genau, daß das Schiffsvolk dieses Seehelden ohne eine rechtliche Nahrung zu-' 24c? Die wahre Gewissenhaftigkeit. zugebracht hatte. Viele hatte der Hunger bereits völlig entkräftet, und die übrigen, welche ihre Kleider taglich in Se-wasser tunkten, und r) dasjenige durch die Haut eindünsteten, was der Magen nicht verlragen wollte, sahen sich auch durch dieses Mittel nicht weiter zu retten. Die Verzweiflung wüthete aus ihren Augen, und jeder fürchtete sich, von dem andern aufgefressen zu werden. Brüder, sagte endlich der Barbier, welcher noch der fetteste war, und deswegen am mehrsten zu fürchten hatte, hier ist nichts zu thnn, als wir müssen loosen. Wer die höchsten Augen wirst, der soll Zuerst geschlachtet werden, und trifft es mich: so soll es mir ein Trost seyn, so vielen redlichen Freunden das Leben noch auf einige Tage fristen zu können; und wer weis, ob ihr nicht immittelst so glücklich seyd, ein Land oder Schiff zu entdecken, daß euch zu Hülfe kömmt? . . . Die Roth verstattet keine lange Ileberlegung, die Würfel wurden herbcp gebracht, und unser Barbier that den ersten Wurf; der zwar ziemlich hoch, aber doch nicht so hoch war, daß er sich nicht die Hoffnung machen konnte, von den übrigen, deren noch sieben und zwanzig waren, überlrossen zu werden. Der Steuermann warf nach ihm, aber sehr wenige Augen; ihm folgte einer nach dem andern mit gleichem Glücke bis auf den Columbus, der zuletzt werfen sollte. Hier riefen die Matrosen einhellig, er solle und dürfe nicht mir werfen, indem sie ihn nicht entbehren könnten, wann er auch so unglücklich seyn sollte den Barbier abzuwerfen. Allein er dachte in dieser Roth, wo ein Mensch so gut wie der andre ist, an keine Vorzüge, und an keinen Rang; t) Der Mensch hat auch dieses mit den Gewachsen gemein, daß er durch die Haut einsaugt Man hat vorm Jahr «in gleiches Sxempel in England gehabt, wo diejenigen von den Matrosen, die de» einer entstandenen Hun- gcrslwth bestandig ihre Kleider in Seewasscr getunkt, sich ohne andre Nahrung acht Tage langer als ihre Mitbriider erhalten und sich endlich gerettet habe». Die wahre Gewissenhaftigkeit. 241 Rang; griff dem Steuermann die Würfel ans der Hand, und warf eben wie die andern, weniger als der Barbier, der ihn mit vielem Eifer überzeugt hatte, daß er sich ohne Nachtheil feiner Ehre dem Loosen nicht entziehen könnte. Dieser mußte also zuerst daran, und das Schiffsvolk verzehrte schon den festen Körper, der sich bey Tropfen und Pulvern und etwas heimlichen Zwieback noch am besten gestanden hatte, mit grimmigen Augen, als er sich großmüthig schüttelte und mit einem Muthe, i'^n ihm die Todesangst einstößete, die übrigen also anredete : „O der seligen Stunde, da ich mein Leben für meine „besten Freunde aufopfern kann! Wie sehnlich habe ich „mir jederzeit dieses glückliche Loos gewünscht! Nächst „dem Tode fürs Vaterland ist nichts sanfter als für feine „Freunde zu sterben! . . . Aber meine theuersten Freun- „de! Eins . . Eins . . muß ich euch sagen; ich muß „es sagen, damit es meine Nuhe jenseit des Grabes nicht „störe; damit ich nicht noch nach meinem Tode von euch „verfluchet werden möge. Ich habe, wie wir zu Schiffe „giengen, eine üble Krankheit gehabt, das Gift brennet „noch in meinen Adern, und mein ganzes Fleisch ist voll „heimlicher Geschwüre. Schreckliches und erniedrigendes, aber wahres und gewissenhastesBekenntniß! Diese „Thrane mag euch überzeugen, wie nahe es mir gehe, „solches abzulegen. Aber mein Gewissen geht mir vor „allem. Ihr könnet mein Fleisch nicht genießen, ohne „euch in die elendesten Umstände zu versetzen; und was „würde aus euch werden, wenn ihr von diesem schrsckli- „chen Gifte ergriffen, ohne meine Hülfe, ohne die Hülfe „eures einzigen Arztes auf diesem wilden Meere noch „weiter herum getrieben werden solltet! Der Himmel ist „mein Zeuge, daß ich ohne Eigennutz rede. Der Ueber- „gang ans diesem Leben in das künftige ist nur ein „Schritt, und der Weg unter mir ist mit Blumen be- Möfersphattr ll.Theil. Q streu- 242 Em gutes Mitte! „scheuet, da ich ihn nunmehr mit dem reinsten Gewissen „betreten, mein Elend endigen nnd euer Leben verlängern „kann. Was sollte mich denn abhalten, mich für meine „besten Freunde aufzuopfern, wenn es nicht eure eigne „Wohlfarth, dieser große Gegenstand aller meiner Bemühungen wäre? Glaubet mir . . In dem Augenblick rief die Schildwache auf dem Mastkorbe: Land, Land! und der Barbier schlich fort in seine Hangmatte. Ein gutes Mittel wider die böse Laune, Von einer Dame auf dem Lande. ^Hch muß Ihnen in der Geschwindigkeit eine Entdeckung mittheilen, die ich in der vorigen Woche gemacht habe. Mein Mann und ich waren so unaufgeräumt als zwey Eheleute bisweilen sepn können, wie sich eben Herr und Frau . . . bep uns ansagen ließen. Nun so wollte ich . . . fuhr mein Mann heraus, man kann doch keinen Augenblick auf dem Lande allein seynes ist doch eben keine Zeit um zu schmausen, da so viele arme Menschen Hunger leiden, und ich weis nicht, was den Leuten ankömmt; es sind ja erst vierzehn Tage, daß sie uns besuchet haben. Und ich bin auch nicht im Stande, stimmet? ich ihm grämlich bei), einen Besuch anzunehmen, indem ich noch in meinem ersten Neglige und wahrhastig außer Stande bin, diesen Mittag einen Braten zu schassen. Indessen, und da die Gäste schon vor dem Thore und zwei? Meilen gefahren waren, mußten »vir doch die Antwort sagen lassen: es sollte uns viele Ehre sepn. Nun wider die böse Laune, 243 Nun! sagte mein Wann, das wird eine recht schone Gesellschaft seyn; ich bin nicht im Stande drey Worte zu sprechen, und du . . « O! antwortete ich ihm, hier ist nichts zn thnn, als wir müssen bepde eine Rolle spielen; ich will die allerliebste Fran und du sollst den allerliebsten Mann agiren; wir wollen sehen . . . Indem Angenvlick kamen nnsre Gaste ans dem Platz gefahren, und wir machten den Anfang nnsrer Rolle so vorlreflich, daß die guten Leute ganz entzückt darüber wurden. Die rührendsten Versicherungen der Freude über ihre Ankunft, die zärtlichsten Umarmungen, die schmeichelhaftesten Liebkosungen, folgten einander ganz ungezwungen; und mein Mann, der durch diesen poßierlichen Einfall fortgerissen wurde, gab mir nichts nach. Wir lachten beyde über unsre Nolle« von ganzem Herzen, und nnsre Gaste, die dieses Lachen für lauter Zeichen der Freude über ihre Ankunft dankbar annahmen, drückten ihre Zufriedenheit mit gleicher Lebhaftigkeit aus, und ehe «eme Viertelstunde vorüber gieng, waren wir alle so aufgeräumt, als wenn wir uns recht zum Vergnügen bey einander versammlet hätten. Der Mangel des Bratens wurde leicht ersetzt; das Neglige fand Bey fall, und der Tag tief uns in dem Tone so forr, daß wir uns am Abend nicht scheiden konnten. Es war als wenn sich ans einmal ein ganz neuer Geist unfter bemeisterr harre, und was erst blos Rolls war, hatte sich dergestalt in Natur verwandelt, daß wir würklich alles dasjenige fühlten, was wir Anfangs nur spielen wollten. Was dnukt Ihüen, liebste Freundin! von diesem Mittel, sich in eine gute Laune, die wir so selten in uns- rer Gewalt haben, zn versetzen? Sollte es nicht zn dieser Zeit, wo man oft so verdrüßlich empfangen und so kaltsiiinig entlassen wird, eine öffentliche Bekanntmachsnz verdienen? Die ganze Kunst scheinet nnr darin." zn bestehen, daß man seine Freunde erst ausgeräumt und erkennt O 2 lich 244 Ein gutes Mittel wider die bose Laune. tich macht; und wird dieses gleich Anfangs durch eine glückliche Verstellung erzwungen: so können wir selbst nicht niianfgeranmt und unerkeuntlich bleiben, sondern müssen nach einer ganz natürlichen Harmonie mit einstimmen. Wir vergessen sodann das Mittel und schmecken nnr die Süßigkeiten des Erfolgs. Mein Vater, ein tiefsinniger Mann, der seine Hans- rechnnngen niemals nachsähe, aber dagegen den Lauf der Cometcn desto genauer zu berechnen fachte, den alle fünfhundert Hofnarren des Königs von Monomotapa nicht zum Lachen gebracht haben würden, pflegte sich alle Tage einmal in seinen Lehnstuhl zu setzen, und so lange mit dem Munde zu lachen, bis er würklich von Herzen lachen und seiner Lnnge eine wohlthätige Erschütterung geben konnte. Hier war also noch ein andrer Grund der veränderten Laune; und ich glaube, wenn man ans Muth- willen oder aus Ueberlegnng sein Gesicht eine Zeitlang vor dem Spiegel zu freundschaftlichen Zügen übte, es würde diese Bewegung der Lachemuskeln auch eine glückliche Mitwürknng auf unser Herz hervorbringen. Doch Sie können ohne dieses Mittel vergnügt seyn; aber wir armen geplagten Hausfrauen mit unfern grämlichen Männern müssen bisweilen unsre Zuflucht zur Kunst nehmen, um die Falten zu verziehen, welche sich wider unser» Willen zu Runzeln aufwerfen wollen. Leben Sie indessen wohl, und vergessen uns tragicomischen Landr lente nicht. Ich bin Amalia. . . l.V Dm alr. Gcckord. sollte man Wied, erneur. 245 I.V. Den alten Geckorden sollte man wieder erncuren. ???an rühmt es zwar unfern großen Vorfahren nach, daß sie zum Zeitvertreibe vieles auf vertraute Gesellschaf- tcn und brüderliches Trinken gehalten, und darin» die gan^e Wollust politischer Begeisterungen und kühner Verschwörungen genossen hatten; auch redet man nie von ihren Töchtern, ohne sich Prinzeßinnen vorzustellen, die in einsamen Nachdenken, in anhaltenden Vorstellungen und treuer Liebe im hohen Styl ihre Feyerabende zugebracht hatten. Allein man mag ihnen ihr Trinken, ihre Verschwörungen und ihre Abentheuer noch so hoch anrechnen: so bleibt es doch noch immer ein Räthfel, wie sie ohne Kartenspiel, ohne die jetzt so sehr zur Mode gewordene Lectüre, ohne Schauspiel und ohne Zeitungen, die eine Zeit wie die andre, so vergnügt hinbringen können? Die Antwort, welche man insgemein hierauf höret, daß sie sich mehr mit dem Haushalt abgegeben hatten, auch er- findsamer an schlauen Streichen, kühner in satyrischen Bildern, kraftiger im Scherzen, reicher an kurzweiligen Erzählungen, und überhaupt gesunder und hungriger zur Freude gewesen waren, löset den Knoten nicht; die Arbeit reicht nicht immer zn; das Vademecum wird erschöpft ; die Laune schlaft ein, wie meine Leser vom Handwerke, welche eine Gesellschaft damit zn unterhalten versuchen, selbst gestehen werden; und dreyhundert fünf und sechzig Tage, worunter hundert Feyertage waren, welche unsre Vorfahren bey ihrer mehrern Arbeit mit muntern Scherzen und lachenden Freuden ohne Karrenspiel, ohne Lectüre, ohne Zeitungen und ohne Schauspiele zugebracht haben, zeigen eineil solchen ungeheuren Raum von Zeit, Q z daß 246 Dcu alten G ecke norden daß obige Mittel, so blos genommen, nicht hingereicht haben können, solchen ans eine angenehme Art auszufüllen. Und dann ist wiederum noch die Frage, woher nnsre Vorfahren so gesund, so hungrig, so aufgelegt zur Freude gewesen, und worinn die große Kunst bestanden, mit deren Hülse sie die Langeweite aus ihren Gesellschaften verbannet haben? Die Geschichte, welche die Handlungen eines Jahrhunderts in eine halbstündige Erzählung zusammen drangt, und die ganze Welt als immer geschäftig darstellet, tauscht den Kenner hier nicht; die heroischen Tugenden waren so wenig wie die tändelnden unsers Jahrhunderts der Laugeuweile allein gewachsen. Sie mußten also ein eigenes verlohrenes Mittel haben, wodurch sie den frohen Scherz erzeugten, und ihre Feyer- siunden auf eine vergnügte Art zubrachten. Da ich unlängst der Ursache, des von dem Herzoge von Eleve gestifteten Geckordens nachdachte: so fiel mir ein, daß unsre Vorfahren sich vielfaltig Rollen oder Charaktere erwählt, und solche bev Gelegenheit gespielet hatten. Gewiß ist es wenigstens, daß wenn eine Gesellschaft von Freunden zusammen kömmt, worunter jeder ein lustiges Amt zu verwalten, oder eine komische Figur zu machen hat, ein lärmender Ton der Freude sich geschwind verbreite und ziemlich erhalte. Ich erinnere mich einer Gesellschaft, worinn vor zehn Jahren der eine ,iur ein eiuzigesmal zum Paugloß, und eine Dame zur Mademoiselle Kunigunde gestimmet wurde, und sobald die bepdeu jetzt wieder zusammen kommen: so bringt ein sreundschaftliches: camwom va Uauglols? und ein sanftes: ell A>IgcisivoileIIe, ll taut ns VL PZS llleu, taut uans b) I'lu- kautria O^ouncnls, Nourrilons cl'^ppuwn, Lukans legitimes clu veuaralzls Uera von-tams: ä laus k'oux tirclrikoux, Uuusli^nos. kuvsnta?, Uoetvs par natura, par Leccars et par Rawol, ^Imanaclis vioux et uouvaaux, prakens alzsens et ä veuir: Salut, Ul- lliolles, Oucats, UortuAaikes, kacodus, ecus at au- trcs »1 S. lNemviroo pour kcrvir s IMistsire cks la f^ts sa? Istnix, par Nr. Du Dilti c>r. D. ll. rag. d) Dapinaur ist ein Provinzialwort; und nuch cincnr deutsche» Ausdruck von gleicher Art soviel als Spliß oder abgerissenes Stück von einem steuerbaren Hofe. Die samtliche» Splisse mache» also ein ganzes aus; und man konnte die in der ganze» Welt zerstreute» Gecken rvohl als Splisse der grüßten Gesellschaft ansehen. sollte man wieder erneuren. 249 tios trlczucclanclgiues. Lcavoir kgikans cjve Iisut er pnlllgot Leißuenr /)s /-? lilvecpm Ouc et I?gir cle I^snAres gisut eu clelir cle Ks trouver eu I'cVIKem- blas cle nas LoKuelus et zimgbles kluksus cle l'Iu- Fguterie Ovauuoike et le recouuaisgut cgpgkle cls parrer le (lksperau cle trois couleurs, et Ig cVIgrolte cle Kalle paur gvoir eu eux toutes !es gllexrell'e!, cle ^Igckaires, kiuelles Kglgutikeg kgrclielle kuKksuce et expsrieuce cles cleus cjui paurroieul etre rerzulkes g uu^i^nou cie cgkeret, guroit gnlll rec^u et cauverl kg cgbaclis cluclir tükgperou, pris eu wglu Ig celebrs IVIgrotte et pratelie cl' obkerver et kauleuir I» clite Kalle g laute klu, voulaut g ce kujet etre empgpgcpiete et. »ukcrlt gu uombre lles euksus cle uotrv tre» reclou» tsble k)gme et Ulere, stteuclu Ig cjugllte cl'Kamms cpie parte le clit Lei-ueur, Ig cpcelle eit toistours sc- campgAuee cle Kalle — g ces cgules etc. Solche und eine Menge andrer Bruderschaften, welche ihre geistlichen und weltlichen Beschäftigungen und dabey ihre freudigen Erqnickungen hatten, mußten noth- wendig die Gesellschaften mehr begeistern und erhöhen, als unsre Literaturdiscurse, worinn ein kleiner unbekannter neuer Autor oft zum Helden in einer Standrede beim Hammelbraten gemacht werden muß. Das Frauenzimmer hatte vcrmnthlich auch seine Mittel, um die Freude nicht einschlafen zu lassen. Die Schöppenstühle der Liebe, wohin die zärtlichen Streitigkeiten Ziim Urtheil geschickt wurden, lassen wenigstens vermuthen, daß man sich auf eine überaus sinnreiche und Q 5 an- e) .seikn 6e ^oliraäamur clans Ic«, v:e§ äes celedres poedez ?ro- ven<;enux. 8. 1575. 26. bat u>l6 davon noch einen aufbehalten: linaleinend voyantl c^ue ceste ezueKion ettnit trautte et ciiMcile I'envoiei-end aux ciames iUllI'ri-68 tenkm:» cour 6'innc,ui- !t ?ierre- scn et tt Li^ne, t^n'e^vib conr S.: ouverte j)!eine ej'jmmttr-. tolles Den alten Geckenoeden angenehme Art vergnüget Habs; wie man denn auch sagen muß, daß die wahre Galanterie oder der Adel zärtlicher Empfindungen, welcher unfts Vorfahren im dreizehnten Jahrhunderte beseelte, mit nuter die Vorbilder gehörte, nach welchen sich Pctrarch bildete. Mau kann die Zärtlichkeit nicht höher nnd kräftiger ausdrücken, wie es die damaligen Dichter thaten; und das Kolorit ist noch so bezaubernd, ihre Sprache hat einen solchen Sil- bcrton, daß man noch nach fünfhundert Iahren davon entzücket wird. Zum Beyspiel will ich nur eine einzige Strophe aus einem Gedichte des böhmischen Königs Wenzel anführen: Neckt clksm eine Note lliu tick us ir Nlolori Im, Weuns Ii lles kuellen loutves ßert, Lus bot Ii mir ?luker kuell'eo roteu lVIoorl. Lrvas is kein IVlgmz ^er Werlte Wuuire empk-MIonkst, Das ill eiu vvikt ickl vvss Zevvekrt 80 kelkeborucies Grolles. tick äer lisken Stunä ! elt umour äs luench Lea. s) sean kiiostrsitiimns I. c. S. 46. sollte man wieder erneuren. 25z Man muß sich aber wohl hüten, daß man die Freude geschlossener Gesellschaften nicht mit der allgemeinen verwechsele. Die zünftige Geckheit war von ganz andrer Beschaffenheit, als die nnzünftige, oder ungeschlossene; zur letztern Art gehören die sogenannten Narren- und Eselsfesie, welche, weil sie an keine Ordensregeln gebunden waren, bald verwilderten. Die Geckordeu und Nar- renfcste, ohnerachtet sie Du llllllior zusammengefügt hat, haben gar nichts mit einander gemein I.VI. Den Staat mit einer Pyramide verglichen. Eine erbauliche Betrachtung. ^in Staat laßt sich am besten mit einer Pyramide vergleichen, die alsdann schön ist, wenn sie ihr gehöriges Verhältniß hat, unten auf einem guten Grunde ruht, und nach der Spitze zu immer dergestalt abnimmt, daß das Unterste das Oberste völlig, aber auch mit der mindesten Beschwerde tragt. Um solches recht deutlich zu machen, wollen wir jetzt miteinander betrachten: erstlich die Spitze, hernach die Mitte, und zuletzt den Grund. Die Spitze ist besonders fehlerhaft, wenn sie oben zu dicke ist; oder um sogleich die Anwendung hievon zu machen, wenn die Landesherrliche Familie sich zu sehr vermehrt, wenn alle Prinzen heyrathen, und alle Prinzeßinnen Aussieuren erfordern, und solchergestalt die Bevölkerung oben stärker geht als unten. Sie ist fehlerhaft, wenn sich alle Kräfte nach dem Kopfe ziehen, und den untern Theil machtlos lassen; sie ist endlich fehlerhaft, wenn der Kopf zittert, und die Kräfte, Sie sich hinaus ziehen sollten, in der Mitte stocken. Nach 254 Den Staat mit einer Pyramide verglichen. Nach Die sc!:: Grundsatz? sollte man mevncn, daß ein geistlicher Staat, dessen Fürst nicht Heyrachel, darf, allemal der beste seyn müßte, weil hier der Kopf durch keine Ausstellten, Wittwenfltze und Apanagen zu sehr vergrös- sert werden kann. Allein da leider dergleichen Köpfe sehr oft mit gefahrlichen Kröpfen heimgesucht werden, die sich bisweilen so sehr ausdehnen, daß sie die ganze Pyramide durch ihre Schwere umstürzen: so laßt sich solches nicht mit Gewißheit behaupten. Wir wollen uns also nur zur Mitte wenden. Nach dem stärksten Pyramidalischen Verhaltniß folgt auf Eins Zwey, und so bekömmt der Schaft eine Unförmlichkeit, wenn oben dieses Verhaltniß überschritten wird, und die hohe Dienerschaft sich oben am Halskragen zu sehr vermehret; der Schaft bekömmt einen Bauch, wenn zu viel neue Edelleute gemacht werden, oder der unbegütcrte Adel sich zu stark in die Bedienungen drängt, darauf heyrathet und eine Menge Kinder zeugt, die niemals wieder zum Pfluge zurückkehren, sondern, wo sie nicht todt geschossen werden, lauter Auswüchse werden, die von der Wurzel leben, ohne dem Stamme wiederum einigen Saft mitzu- theilen; sie bekömmt zuletzt unten einen Bruch, und leider ist dieses jetzt das allgemeine Staatsübel, wenn der Wehrstand, er sey nun vom Leder oder von der Feder, besonders wo demselben das Heyrathen erlaubt wird, mit Weidern und Kindern den Nehrstand überwiegt; und eine Menge kleiner und mittelmäßiger Bediente sich wie das Ungeziefer anhangen. Auch hierinn, sollte man sagen, hätte der geistliche Staat einen Vorzug, wo der nene Adel verachtet, die jünger» Söhne und Töchter des Alten mit Präbenden versorgt, und vom Heyrathen abgehalten, die Höhesten Bedienungen mit Geistlichen besetzt, und alle Maasregnln genommen werden, daß der dem Pfluge entzogene Stand sich. Den Staat mit einer Pyramide vergliche!:. 255 sich, wie billig, nicht zu sehr zur Lust des Staats vermehre, und jeder Fürstliche Rath wiederum sechs andere Ruthe und sechs künftige Räthinueü zeuge. Allein auch hier müssen wir mit jenem alten hepdnischen Sittenlch- rer ausrufen: Ildchus umMsZiuiii, überall zerbrochene Töpfe! Von dem Grunde brauchen wir weiter nichts zu sagen, als daß solcher nicht leicht zu zahlreich, nicht zu stark und nicht leicht zu gut gefugt seyu könne; und daß, wo es hieran ermangelt, wo sich hier eine Lücke bei? der andern zeigt, und der eine Stein geborsten, der andere verwittert, und der dritte gestohlen ist, die ganze Pyramide nothweudig zusammenfallen müsse. Das merkwürdigste Key dieser Vergleichung ist, daß die Natur gerade nach den Regeln arbeitet, welche diese Pyramidalische Einrichtung erfordert. Denn man wird wahrnehmen, daß im großen Durchschnitt die menschliche Pyramide immer nach der Spitze zu am ersten abnehme und verdorre. Je höher hinauf, je mehr schwächliche Gesundheiten und Uebel; die Fürstlichen Söhne verderben sich früh, damit ihre Kinder dem Staate nicht zur Last fallen; die jungen Edel- leute folgen einem so großen Exempel, und man sagt überhaupt, große Männer erziehen schlechte Kinder. Mit Macht drängt sich Gesundheit, Fleiß und Stärke unmer von unten auf gegen die Höhe; diese eisernen Tugenden des untern Theils der Pyramide schieben täglich eine Menge zum Schafte hinaus, welche dort absterben und wie verdorrcte Zweige herunter fallen; die Hauptstädte werden immer von dem dauerhasten Wugstande bevölkert, in der Handlung zählt man immer mehr gewordene als erzeugte Reiche; und selbst von den Gelehrten will man angemerkt haben, daß die vom geringsten Herkommen, in ihrer Jugend den mehrsien Fleiß, als Männer die wahre Dauer Zur Arbeit, und am seltensten den Fehler der Hypochondrie haben. Die- 2^6 Den Staat mit einer Pyramide verglichen. Diejenigen haben der Natur gemäs gearbeitet, die dem Menschen erlanbt haben, dem Heyrathen durch ein Gelübde zu entsagen; vorausgesetzt, daß keiner zu diesem Gelübde gelassen werde, der zum Grunde der Pyramide gehört, oder billig zn dessen Verstärkung gebraucht werden kann; und das ist auch mehrmalen heilsamlich verordnet worden. Man mag dagegen so vieles einwenden wie man will: so ist doch offenbar, daß wenn die Fürstlichen, Gräflichen, Adliche» und andrer guter Leute Kinder sich wie die Geringen vermehreten, die Pyramide oben so dick wie unten werden, und der Schaft seinen Grund tief in die Erde drücken würde; oder wir müßten eine andre politische Einrichtung haben, nach welcher die jüngern Kinder, Stand und Wappen ablegen, und sich dem Gewerbe oder Ackerbau ergeben könnten. Der Militairstaud ist zwar freylich ein großer Abnehmer dieser Kinder. Allein da auch dieser immer mehr und mehr heyrathet, und ein Osficier, wie billig, nur Officiere zeugt: so wird die Aussicht immer schlimmer; und der unterste Theil der Pyramide, der jener weichen muß, wird gar ausgehe», wenn ihm der Soldat, der Weib und Kinder hat, heimlich oder öffentlich die-Nahrung zu entziehen gezwungen wird. 'Dieser letzte Bruchschade ist unheilbar; und doch wird er so wenig erkannt, daß man sogar hie und da dem Soldaten ein Handwerk frey zu treiben erlaubt. In den Morgenländern, wo man nur Verschnittene zu den höchsten Posten zieht, hat man ebenfalls gefühlt, daß die Pyramide ihr Verhaltniß verlieren, und der Kopf oder Kropf zn groß werden würbe, wofern man nicht der gar zn starken Vermehrung des unfruchtbaren oder un- sieuerbaren Standes der Menschen vorbeugte. Mau ist aber in der Wahl der Mittel unstreitig unglücklicher gewesen. Nur der Deutsche, der heute aus dem Bäcker einen Rathsherrn, und übers Jahr aus dem Rathsherrn wieder- Das 1'lv und lüontrn der Wochenmarkte. 257 wiederum einen Bäcker macht, hat den vernünftigsten Weg erwählt, die vielen Auswüchse des Schafts zu verhindern, und den Grund seiner Pyramide durch Ehre und Arbeit zu verstärken I.VII. Das I'io und Lontra der Wochenmarkte. 3?un gut! Ihre Wochenmärkte, liebster Freund, mögen alles liefern, was sich der Mensch zum Wohlleben nur wünschen kann; sie mögen sowohl wegen der Menge und Schönheit aller Arten von genießbaren Geschöpfen, als wegen des Gewühls der Käufer und Verkäufer die beste Augenweide für den Bürger und Philosophen ftyn; sie mögen den Fleiß auf einige Meilen weit um die Städte verbreiten, den Gartenbau vorzüglich heben, dem Land- manne sein tägliches baares Geld und dem Bürger die glückliche Bequemlichkeit verschaffen, sein Handwerk ungestört fortsetzen zu können; sie mögen endlich die glücklichste Art des Zwischenhandels unter dem Landmanne und Bürger seyn; ich will dieses alles von ganzen Herzen einräumen; auch Ihre hohe Begeisterung, womit Sie mir die auf Ihrem Wochenmarkte hervorstratenden Melonen, die, im stillen Vertrauen auf ihr Verdienst und auf den Beyfall der Kenner, minder glänzenden Pfirschen, die vollgewachsenen und mit ihren goldnen Kernen spielenden Trauben, die fleischigten und noch unberührten Pflaumen, die reifen und sich frtywillig öffnenden Feigen und andre Reizungen geschildert haben, soll bey nur nicht verlohreu seyn; ich will Ihnen mit der lebhaftesten und dankbarsten Empfindung zugestehen, daß die Figuren auf Ihrem so fleißig ausgearbeiteten Kücheustücke, ein dnf- Mösiu'L phant, Il.Theil N tendes 258 Das Ui'.d Lomra tendes Kolorit, ein markigtes Fleisch, einen schwellenden Umriß und die glücklichste Anordnung Huben; die Hund des Griechischen Mädchens, welches die Erstlinge seines Gartens aus seinem schönen geflochtenen Körbchen durbietet, soll so schön sepn, wie sie Guido Reni immer nur hatte malen können, und die hochgeschürzte Bäuerin, welche ihre Krunrköpse im Hintergründe feil bietet, dem Flandrischen Raphael Ehre machen können . . . Aber . . . nun was für ein Aber? werden Sie vielleicht fragen — aber dabey keine Satyre auf uns arme Landstädter, welche diesen großen und gerechten Vorzug der Hauptstädte entbehren müssen; oder ich fahre auf in meiner crhöheten Empfindung, »ud male Ihnen mit eben so fetter Farbe, obgleich mit einem hartem Pinsel ein Stück daneben, was Sie auf eine nicht so sauste Art rühren soll. Mit Schrecken sehe ich es an, wie die Weiber Ihrer guten Laubleute alle Tage, die Gotr werden läßt, zur Stadt laufen, und keine andre Seligkeit kennen, als dort die Zeit zu verlaufen. Die Haushaltung entbehret ihren Fleiß, das Gesinde mit den Kindern ihre Aufsicht, und das Haus ist leer von allem, was eine rechtschaffene Hausmutter für sich haben muß. Den Morgen verplaudern sie unter Weges oder auf dem Markte, und den Nachmittag sitzen sie in den Schlupfwinkeln vor den Stadtthoren und lernen Kaffee, Thee, Mnscatwein, und der Himmel weis, wie viel mehr süße Naschereyen kosten. Ein Theil des gelöseten Geldes ist schon für Bändchen und Blümchen in der Stadt verfplit- tert, und hier wird ein guter Theil des Uebcrrestes vernaschet, der Mann aber des Abends mit Lügen, wie schlecht der Preist gewesen, und wie man die Waare halb umsonst habe hingeben müssen, berichtet- Von kleinen Betrügerepen gehen sie bald zu größern über, und zuletzt entzieh» sie der Haushaltung alles, was nur verkäuflich ist, um ihre Eitelkeit und Gewohnheit zu befriedigen. Das- der Wochenmärktc. 259 Dasjenige Mädchen, das zu Hause keine Anführung hat, läuft mit, sobald es taufen kann, und gleicht bald einer schlechten Cnrrentmünze, die einmal glänzt, dann roch wird, und zuletzt für den schlechten innern Werth verschmolzen wird. Sie läuft von Hans zu Hans, von Hand zu Hand, verkauft und wird verkaust, und verliert ihre Unschuld, ohne derselben froh zu werden. Die mitschuldige Mutter unterrichtet sie in der Frechheit, und diese Brut ist es, welche dem Staate einst Mütter und Wirthiunen liefern soll. Vielleicht sind unter Hunderten fünft, die so viel Früchte zu Markte bringen, daß es die Reift und der Zeit verlohnt; die Menge der übrigen aber, welche Butter, Eper, Milch, Obst, Kienholz und dergleichen bringt, hat für alle feine Mühe und Versäum- niß täglich nicht zween Groschen reinen Gewinnstes; und um diesen Preist sollten sich die Landlente auf zwey Meilen der bürgerlichen Bequemlichkeit aufopfern? zu diesem Preiste sollen Mütter und Kinder Märktläuftrinnen werden ; und Väter und Söhne täglich die Landstraßen belaufen, zu Hanfe keine Verpflegung finden und in den Schenken hangen bleiben? Nein, mein Freund! diese Forderung der Bürger in kleinen Städten ist zu hart; die Aufopferung ist zu groß für den Staat; und das Wohlleben aller Städte bezahlt das Verderben so vieler Landlente nicht. Ich sage nichts vom der großen Verwöhnung der Dienstboten in den Städten, welche durch die Bequemlichkeit der Märkte von aller harten Arbeit zurückgebracht und bloße Zimmerputzerinnen werden. Gleichwohl verdient sie auch eine Betrachtung. Aus den Städten sollreu geschickte Mütter aufs Land kommen. In dieser Absicht dienten die Töchter der Landleute ehedem gern in den Städten. Allein da, wo die Köchiu alles vom Wocheumarkre holet, vermehrt sich ein weichliches faules Zwittergeschlecht von Gesinde, das dem Bürger zum Weibe nicht gut genug ist, nnd der Laud- R 2 manu 266 Das I'l-0 und (Doiitra mann nicht gebrauchen kann, zuletzt aber, wenn es, wie die Drohne, aus dem Korbe gestoßen wird, dem Staate zur Last fällt. Sehen Sie dagegen nnsre alte einfältige Verfassung an! Der Landmann kommt nur mit Fudern zur Stadt, und bringt im Großen, was er zn verkaufen hat. Seine Weiber und Kinder kommen nicht anders dahin, als an Sonn- und Fepertagen, wenn sie ohnedem komme» muffen. An diesen Tagen bringen sie ihre Kleinigkeiten mir, und wenn sie sich dann auch einmal von dem Gewinn etwas zu gute thun: so sind der Sonn- und Fevertage doch zu wenig, um ein beständiges Jucken in ihren Füßen zu unterbalten. Die Werkeltage über sitze» sie zu Hanse, spinnen ihr Garn, weben ihr Linnen, oder kneten ihre Butter ein, und bringen dann auf einmal die Frucht ihrer Arbeit zur Stadt; erhalten die Bezahlung nicht bey Kleinigkeiten, sondern in beträchtliche» Summen, welche nichr so durch die Finger fallen. Ihre Kinder genießen der elterlichen Aufsicht, der Mann hat feine Pflege nach der Arbeit, das Gesinde wird ordentlich gehalten, und die Kleidung wird nicht in Wind und Wetter auf der Heerstraße verdorben. Der Bürger hat zwar hiebey die Bequemlichkeit nicht sich täglich zu versorgen, und bloß vom Markte zu leben. Allein er ist gewohnt seinen Vorrath zu machen, und er ißt sich dort eben so satt, als andere, so bloß für einen Tag einkaufen. Da er sich, wie es in kleinen Städten insgemein die Nothdurft erfordert, selbst mit dem Acker- und Gartenbau, wie auch mit der Viehzucht abzugeben weiß: so zieht er harte Kinder, und verwöhnt die ihm dienenden Töchter der Landwirthe nicht; diese können immer wieder von der Stadtwirthfchaft zur Landwirthfchast übergehen und ihre erworbene Kenntnisse borten ausbreiten. Die Reinigkeit der Sitten wird nicht durch die marktgängige Frepheit verdorben, und die Zwischenräume der der Wochenmärkte. 261 der Zeit werden nicht so eitel als an solchen Orten zugebracht, wo die Magd weiter nichts zu thun hat, als was den Tag über gebraucht wird, vom nächsten Markte zu holen. . . So würde ich Ihnen antworten, und dieses in Rons- seauischer Manier übertreiben, wann Sie mir mit Satv- ren begegnen wollten. Bleiben Sie aber bep dem Gemälde ihrer Gemächlichkeit stehen: so will ich Ihre Behauptung, in Ansehung der großen Städte, wo sich ein eignes, von dem Landbaner nnterschiedncs Geschlecht, von dem Verkauf seiner Garteufrüchte ernähren kann, gelten lassen. Nur den wahren Landmann müssen Sie nicht reizen wollen, einen Marktlänfer abzugeben. Es ist genug, daß er nach seiner Gelegenheit seinen Ueberfluß zur Stadt führet; aber mit Holz auf Karren und Efeln, mit Obst in Körben, und mit andern Kleinigkeiten mag ich ihn und sein Weib dort nicht so oft sehen. ^shr Vorwurf, welchen Sie unferm berühmten Landsmann«.' abgeborgct haben, und der beissend genug also lautet: II kaut pour «')- kouruir, sinli hu'uv Irsditsnt s)ui crsirxlroit cl'uri blocus I'sppsreil ekkr-iisat, liewplir ckes IVlsAS?ius, et eoiUre I-> klilriius ?oric>er lur cles Areuiers I'Lkpoir rle la Ouibiie, wird mich nicht irre machen. Bey der letzten Thenrung haben wir es erfahren, wie glücklich diejenigen Länder sind, worinn die Haushaltungen nicht vom Markte, fondern vom eignen Boden zehren. Im vorigen Jahrhun- Nachschrift. R z derr 262 Nachschrift. dort stieg bep einer dreitägigen Sperrnng das Brodt in Paris auf einen zehnfachen Preist; zu Münster hingegen blieb es im letztern Kriege während einer viermonatlichen Sperrung und Belagerung im Preiste unverändert; und es war den letzten Tag nicht theurer als den ersten; Jene Theurnng, und die noch schlimmere Furcht, welche leicht zu lliwrduiingen führet, wird alle One treffen, welche chi sehr ans die Wochenmärkre rechnen, und sich blos von einen? Tag zum andern versorgen; anstatt daß alle diejenigen, ivowider ihre Satpre gerichtet ist, sich von einer Erndre zur andern noch ziemlich durchdringen werden. Der Mißwachs in den letzten? Iahren ist in Westphalen so groß wie anderwärts, aber die Roth lange nicht so arg gewesen, und niemand aus Hunger gestorben, welches wir blos jenen Privathanshaltungsmagazinen zuzuschreiben haben. Alle Projette, welche mau anderwärts, um sich wider eine Hungersnot!) zu verwahren, in der Roth gemacht und auch nachher wieder vergessen hat, müssen mir das Wort reden. Ein öffentliches Magazin für alle ist iveit beschwerlicher zu unterhalten, als ein Privatmagazin, das jeder für sich hat, mit eigner Mühe gegen den Wurm und die Betrüger bewahrt, und zur Zeit der Noch auch noch für einen armen Nebenmenschen mit hinreicht. Aber durch die Wochenmärkte werden die Leute von dieser Einsammlung abgewöhnt. Wenn ein Ort belagert werden soll, pflegt man diejenigen heranszuweisen, die sich nicht auf eine bestimmte Zeit selbst aus ihren? eignen Vorrath ernähren können. Dieses sollte die Regel für alle Staaten seyn. Alle Einwohner müßten ihre Magazine auf ein Jahr gefüllet haben ; und diejenigen, welche dazu nicht im Stande wären, in einer eignen Rolle stehe«?, für welche ein bestimmtes öffentliches Magazin, zu dessen Unterhaltung und Verzinsung ihnen eine besondre monatliche und verhält- ruß- Johann seyd doch so gut. 26z nißmaßige Steuer auferleget werden wüßte, von den Brandteweinsbrennern unterhalten würde, so wie solches in diesen Blattern schon einmal vorgeschlagen worden. Z^IX. Johann seyd doch so gut! Johann! Nun wo bleibt der Kerl? So fort, laust mir zu dem verfluchten Schuster, und sagt ihm, wo er mir die Stiefeln nicht in Zeit von zwei) Stunden ins Haus lieferte: so sollte er fünfzig Stockprügel haben; und dn eben so viel, wenn du nicht laufst, was du kannst... Ja, Herr Hauptmann, sagteIohann, und gieng ohne eine Nerve mehr als gewöhnlich, anzustrengen. Allein indem er noch so gieng, rief der Hauptmann: I o? h a n n l bringt mir doch etwas Tobak mit. Recht gern, versetzte dieser, und gieng etwas eilfertiger zu seinem Hute. In dem Augenblick, da er aus dem Hause gehen wollte, kam ihm der Herr nach und sagte mit einem sehr freundschaftlichen Tone, Johann, ihr könntet mir wohl einen rechten Gefallen thun, wenn ihr zu meiner Frauen (diese war auf einem nahgelegenen Landgute,)^hinaus liefet und ihr sagtet, daß ich diesen Mittag einige gute Freunde mitbringen würde; ihr müsset aber, wie ihr wisset, in der Stunde wiederum hier ftpn. Wer lief freudiger als Johann ? In weniger als einer Stunde waren alle Austrage verrichtet, ohuerachtet das Landgut beyuahe eine Stunde von der Stadt lag; und der Hauptmann sah mitVerwunderung seinenDiener noch eher, als er ihn erwartet hatte, zurück kommen, ihn seinen Bericht mit Freuden abstatten, nach einer kleinen Lobeserhebung von feinem Herrn, verschiedene Ledürf- R 4 nisse, 264 Johann seyd doch so gut. nisse, welche die Frau Hauptmäunin verlangt hatte, wiederum heraustragen, de» Mittag unverdrossen aufwarten, den Nachmittag seine Geschäfte thun, und in der Nacht zu Fuße neben seines Herrn Pferde nach der Stadt traben; anstatt daß er sonst gerade nur dasjenige that, was er thun mußte, sy oft ihm sein Herr ohne Vorrede: Johann thue das, sagte. Der Oberste, welcher mit von der Gesellschaft gewesen war und die Unvcrdrossenheit des jungen Menschen bewunderte, bat den Hauptmann inständig, ihm diesen Bedienren zu überlassen; lange hätte er gewünscht, einen solchen Kerl zu haben, alles Gefinde, was er hätte, wäre träge und faul, und man müßte den Leuten alles, was sie thun sollten, ins Maul stopfen, ohnerachtct er doch mepnte, daß sie es besser bey ihm hätten, als sonst irgendwo in der ganzen Stadt, und daß er ihnen den Lohn noch kürzlich verbessert hätte. .. Von Herzen gern, sagte der Hauptmann, allein der Hr. Oberst müssen mir einen von den ihrigen wieder Übersassen, weil ich sogleich keinen andern habe. . . Gut, derWechsel wurde vollzogen; Johann kam bey dem Herrn Obersten, und Peter, ein siockischer Maulaffe, bey den Hauptmann. Kaum waren acht Tage vorüber: so führte der Oberste seine vorige Klage, und Johann, dem er doch seinen Lohn verbessert hatte, war nicht besser, als die übrigen. Peter hingegen wollte sich für den Hauptmann, der, ob er gleich bisweilen mit Stockprügeln drohete, allemal zu rechter Zeit ein gutes Wort gab, zu Tode laufen. Ich weiß nicht, wie sie es in aller Welt anfangen, sagte der Oberste zu ihm, daß ihre Leute Ihnen so gut dienen; ich gebe den Meinigen einen bessernLohn, sie haben mehrere Freyheit und weniger Arbeit als bey Ihnen, sie erhalten überdem so viel Spielgelder, und doch ... O, er« Johann seyd doch so gur. 265 O, erwiederte der Hauptmann, daran siegt es alles nicht. Der Mcnsth ist ein wunderliches Thier; sein Körper steht unter unsrer Fuchtel, aber seine Seele nicht. Wir können diese zwar auch nach unsern Gefallen regieren, aber dann wird sie immer enger und kleiner, »nd man kann einem nicht befehlen, Witz und Verstand zu haben. Dieses sind Eigenschaften, welche wir in andern auf mancherlei) Zlrt erwecken, nähren und unterhalten müssen. Wenn ich zn meinem Koch sage: schaffe mir eine Pastete: so schasset er mir eine: dergleichen ich ihm alle Jahre eine mit allen Ungewirtern in die Küche schicke. Sage ich aber: Mein guter Kock, macht mir doch einmal eine Pastete, so wie die Frau Obristin gerne ißt, und so, daß wir bcpde Ehre davon haben; so können Sie glauben, der König hat sie nicht besser. Meiner Frau geht es mit ihrem Cammermädchen eben so. Ist die Hexe übler Laune: so sitzt meiner Frau das Zeug ordentlich und steif, aber nicht ein bischen gefällig; Sie sieht ans, wie eine Schuldigkeit il> p>.,ris uslurulikius. Meine Frau, die dieses weis, versäumet es daher nie, ihr, so oft sie ein wenig glänzen will, schon früh Morgens ein gutes Gesicht zu machen, sie ihre liebe Lisette zn nennen, und ihr alles bittweisc zu befehlen. Und dann lacht gewiß aus jeder Schleife, die sie ihr anlegt, eine Grazie. Dieses hindert aber nicht, daß sie nicht bisweilen, wenn meine Frau im Nachtzeuge bleiben will, das dumme Thier zum Henker schickt, und ihr sogleich das Haus zu räumen bestehlt, wenn sie es nicht besser verdient. Nein; dieses muß auch sepn, man muß zu rechter Zeit das Böse mit den. Guten abwechseln lassen, wenn jedes die gehörige Empfindung erregen soll. Ey zum Henker, versetzte der Oberste, wer kann mit den Menschen solche Capriolcn machen? Ich befehle meinen Leuten trocken und gut, was sie thun sollen, bezahle sie richtig, gebe ihnen was sich gebühret, auch noch wohl R 5 zu 266 Johann styd doch so gut. zu Zeiten ein mehrcrs, und mehr kann ich nicht thnn; ich habe andre Sachen zu bedenken, als mich mit dergleichen Kleinigkeiten abzugeben, und... Aber Herr Oberst! ivie macht es unser König? Dem einen schreibt er: Mein Herr General, dem andern: mein lieber Herr General, dem dritten: mein lieber Freund; den einen versichert er bepm Schlüsse seiner Gnade, den andern umarmt er, den dritten umarmt er von ganzem Herzen; bisweilen befiehlt er trocken, bisweilen gnadig, bisweilen gar freundschaftlich und zärtlich. Alles dieses thut er, um seinen Generalen neuen Epfer, schärfere Einsichten, muchigere Unternehmungen und gleichsam eine besondere Seele einzuflößen. Jeder ist schuldig ihm zu dienen, jeder hat seinen Sold richtig, auch noch wohl eine gute Verbesserung. Allein um Verstand, Zutrauen »lud Liebe im höchsten Grade zu erwecken, um alle Kräfte in Bewegung zu bringen, macht er es wie eine schlaue Klss -te, die ihres Liebhabers Beutel rein ausfegen will. Die hitzigen Liebhaber opfern Gut und Blut aus, und so will die Welt, so mein Koch regieret seyn ... Der Oberste schüttelte den Kopf; Johann gieng seilten steifen Gang und thal seine Pflicht; Peter ließ seinen Hut nach der neuesten Mode fassen, und that was er immer konnte. Dabey aber aß der Hauptmann allezeit gute Pasteten, und die Frau Hauptmäimn war ganz allerliebst gekleidet. 267 IX. Nachricht von einer einheimischen, beständigen und wohlfeilen Schaubühne. Endlich bin ich mit meiner hiesigen Schauspielergesellschafe fertig. Die 12 armen Waisenkinder, die ich mir vor zehn Iahren von unserm Fürsten dazu ansgebeten habe, sollen diesen Winter zum erstenmal öffentlich erscheinen und für Geld spielen," und wie ich hoffe, alles in Entzückung setzen. Einige unter ihnen singen dabey vortrefflich und fast alle tanzen gut. Es hat freilich Mühe und Arbeit gekostet, sie zu dieser Vollkommenheit zu bringen. Ich hoffe aber dem Staate einen wesentiichen Dienst auf ewig geleistet zu haben. Es sind schon viele Mütter bey mir gewesen, die mir ihre Kinder in gleicher Absicht anbieten, und der Geist dieser Anstalt kann sich nie wieder verlieren, so lange die Menschen ihr Vergnügen lieben. Einer von ihnen ist bey dem Fürsten alsHostakey im Dienste; ein andrer nährt sich alö Maler; noch einer ist Kupferstecher, nnd alle haben ein Handwerk dabey gelernt, wovon sie zur Roth ihr Brodt haben können und zum Theil auch suchen sollen. Die Mädchen sind geschickt in allerlei) Arten von Arbeit, daß sich ein jeder in sie verliebt, und sie sind so gut erzogen, so fest in ihren Grundsätzen, daß ich in der Folge weniger für sie, als für andrer ehrlicher Leute Töchter, besorgt bin. Anfangs hielt es etwas schwer sie zu formen. Allein wie sie nur acht Tage ans eine feine Art gekleidet gewesen waren, brauchte ich einem widerspenstigen nnr die Kleider ausziehen und ihm sein voriges Gewand wieder anlegen zn lassen: so ließen sie sich alle zu allem leiten. Eines das lange nicht gut thun wollte, schickte ich ins Waisenhaus zurück. Es grämte sich aber dort so lange, daß ich endlich für sein Leben besorgt wurde, und es wieder in 268 Nachricht von einer einheimischen in meine Erziehung nahm: jetzt ist es das beste; und überhaupt machte ich sie zu Prinzen und Prinzessinnen aus meiner kleinen Schnlbühne, nachdem sie sich wohl verhalten hatten. Dadurch brachte ich sie zu einem erstaunlichen Wetteifer gegen einander. Ich glaube, daß dieses die erste und einzige Anstalt in dieser Art in der ganzen Welt ist. Zwar sieht man in Amsterdam eine Prinzeßin auf der Schaubühne, welche des Tages über Aepfel aus dem Markte verkaufen soll; und samtliche Schauspieler leben dort nicht blos von der Luhne, sondern von ihrem Handel oder von ihrem Handwerk. Auch ist mir nicht unbekannt, daß die französischen Schauspieler an vielen Orten zugleich Sprach- oder Tanzmeister abgeben; und das Frauenzimmer einen kleinen Handel mit allerhand französischen Putzwaaren treibe. Der Gedanke, daß eine Schauspielcrgesellschafr nicht blos von der Bühne leben soll, ist also gar nicht neu. Aber kein Fürst hat doch nc ch den Einfall gehabt, sich auf diese Art eine eigne, sich zum Theil selbst ernährende und das Geld im Lande verzehrende Gesellschaft zu bilden. Die ehemalige Bühne im Stifte zu St. Cpr muß aus einem andern Gesichtspunkt betrachtet werden. Gleichwohl ist es offenbar, daß keine Stadt in Deutschland so groß und volkreich sey, um eine ziehende Gesellschaft, die sich blos von ihren Vorstellungen unterhalten will, lange bey sich ernähren zu können; es ist offenbar, daß selbst in London und Paris O verschiedene Schauspieler Mühe haben, sich ein hinlängliches Auskommen zu erwerben, so groß auch das Glück ist, was bisweilen ein und der andre Liebling der komischen Muse macht ; es ») An bchden Ortcn ist die Einnahme zwar sehr groß; aber die ImpreMwi ziehen das Geld und bedingen manche Prinzeßin oft so genau, daß sie, wenn sie nicht andre Zuflüsse hatte, gewiß nichts für die Zukunft crndten und sich für das Alter einen bequemem Sitz bereiten konnte. Garrick, dieser beständigen und wohlfeilen Schaubühne. 269 es ist offenbar, daß eine Gesellschaft, welche nicht allein alles im Staate frey hat, sondern noch überdem viele Tausende an Besoldungen, es sep nun ans der Schatoulle oder ans einer andern Sparcasse genießt, manchem anstößig ftp. Die Sache selbst, daß einige Einwohner einer Stadt, sie mögen sich nnn von der Feder oder vom Leder nähren, sich zur Bühne geschickt machen, und für einen mäßigen jährl. Nebengewinnst ihren Mitbürgern etwa die ÄLoche zwepmal das Vergnügen eines Schauspiels geben sollen, beruht also auf einem richtigen ökonomischen Grunde, und das Aepfelweib, was zu Amsterdam die Princeßin vorstellet, verdient um deswillen nicht belacht, sondern bewundert zu werden. Man werfe mir nicht ein, daß Leute dieser Art schwerlich die feine und anständige Lebensart, den Geschmack und den Ausdruck und alle die Talente erreichen werden, welche zu einer guten Vorstellung erfordert werden. Corregio, dieser große Mahler, dieser Fürst der Grazie ser große Schauspieler, dieser Stolz der englischen Nation, der «in so gro- stcö Vermögen mit der Bühne ermorden; aber auch zugleich ein Hauptun? teruehmer der Bühne in Drunstaue ist, rvird von jenen gedrückten Echan- spiclern also angeredet: Illinle nor, rstz» Lonnes, oll Larrick! tlloll etoape; stlly Leimes, ss tVlansser, oi montt'rous tllspe Ly royal pzrenc conttirure ll'L-^uire, 1°o wllac ^rear purpute clicl rllv toul stpire? Kor wirk reue rotte ro lliznitzr rlle ttaze. In zroretutl tente ot tuest a Zen'rous aze, Vcstiote tavvrs klorv^ll vpnn rllee in a rille Lnllnvwn betöre; rv trvetl rli): purte anll prille, 1°o rrick rlle public, linll become tupreme: VVere rlle tote vbsetis vt rkz- teltltll tclleme. — Itasr rllou e'er erven zrounZ xenius llue rewsill'l ltosr rllou nor rarster pinck'll anll Zrip'll ir ksrll? — Siehe 'tlrestirearsti by Zir tiieotsz Kipstots !Z»>d 2/v Nachricht von einer einheimischen, Grazie und des Kolorits, starb, wie bekannt, an einem hitzigen Fieber, nachdem er zu Parma die Bezahlung für ein Gemälde in Kupfermünze empfangen, und solche vier Meilen in der größten Hitze zu Fuße nach Hanfe getragen hatte. Ohnfehlbar bediente steh Corregio hiezu eines Quersacks, lind wandelte also mit seinem Bündel die Landstraße; wer wird aber um deswillen dem Manne Geschmack, Ausdruck und Genie absprechen? Garrick ist gewiß kein Mann von feiner Lebensart; und man sollte ihn ausserhalb der Bühne für dumm und wahnsinnig halten. Dem ungeachtet ist er der mächtigste im Ausdruck, und der Mann der sich in alle Formen bildet. Der Firniß einer guten Lebensart ist bald erreicht, wo Empfindung und Macht vereinigt sind; und ich getraue mir fast zu behaupten, daß die eigentlich? feine Lebensart der Kunst mehr schädlich als voriheilhast ftp. Es sind inehreu- theils hohle Figuren mit einer erschürften Seele, die keine Muskel anstrengen und keine Nerve spannen wollen; welche nach dem Rath des Riccoboni sich in der scheinbaren Hitze einer großen Leidenschaft bcy kaltem Blute waren, und aus Besorgniß ihre zarte Lunge zu verderben, kein Gewitter im Busen tragen, vielweniger aber solches nach Gefallen donnern und schweigen lassen können; und dies ist doch die kräftige Manier Garricks. Ueberhaupt aber ist es auch in diesem Verstände wahr, daß das Kleid den Mann mache, oder daß sobald eine Person ihre theatralische Kleidung anzieht und auf der Bühne erscheinet, eine ganz neue Seele in ihren Körper fahre, und die größte Blödigkeit sich oft in die anständigste Dreistigkeit verwandle. Eine theatralische Erziehung wird aber durchaus er fordert; und wenn eine Person diese zugleich mit erhalten hat: so mag sie hernach Blumen, Handschuh oder Aepftl verkaufen; es schadet solches ihren Talenten nicht. Und hierauf ist der Plan von meinem neuen Sparta gegründet. beständigen und wohlfeilen Schaubühne. 271 det. Wie viele Wittweii, die heimlich nach Meede seufzen, wie viele Männer, die des Morgens etwa zwey Snppliqnen zu machen, oder zehn Barte abzunehmen haben, wie viele Frauen die keinen Flachs zum Spinnen haben, wie viele Mädchen, die keine Gelegenheit wissen, ihren Eltern etwas zu erwerben, könnten hier aus solche Weise sich in dreycn Abendstunden eine angenehme Bey- hülfe erwerben, wenn sie diese Erziehung gehabt hätten? Und wie beruhigend würde es für den Patrioten sein,, wenn er mit dem Gelde, was er solchergestalt seinem Ver gnügeir aufopferte, zugleich eine redliche Familie ernährte ! Die Kleidungsstücke, welche eine solche Gesellschaft gebraucht, ließen sich bey einer so sparsamen Einrichtung mit der Zeit leicht erübrigen und anschaffen, besonders wenn die Einnahme keinem Manne, der wiederum davon leben will, sondern einem öffentlichen Bedienten für eine geringe Zulage anvertraust würde? Die erste Auslage für meine Anstalt har der Fürst gechan, und ich halte sie besser angewendet, als irgend eine andre die zu einem Feuerwerke oder zu einer andern Art von Lustbarkeit verwendet wird. Die Bühne erhält das Waisenhaus und genießt dafür fo viel, als es billiger Weife erwarten kann; und alle diejenigen, welche aus dieser Anstalc ein sittliches Verderben fürchten, sind verdammt; die Grabschrift der Mistris Pritchard, welche ihr im vorigen Jahre in der Westmünster Abtep, an der Seite Shakefpears und Händeln gegenüber, auf Kosten einiger Patrioten errichtet wurde, täglich drepmal zu lesen. Sie ist folgende : klar coivic: Voiri lisll ov'rz- cllsmri ta plesls, Uvvss usturö's chctsles drsstWci wild lz.ilura's «zslö. L'sn v-vlieu lisr Uowers sullsili'c! llick Oulv lkoro to kuck Norfocüou -^vrauAkt, 1'kät, if lko procepls kiil'cl, tk' Lxowj'lo luugkt. >v. VV'lteiienci. 1^. 1^. Hoffentlich sollen alle meine Madchen ein gleiches Denkmaal verdienen. Die Hogartsche Linie der Schönheit sollte noch weiter angewandt werden. Es ist der Wellenlinie wie ander» neuen Erscheinungen gegangen, die eine kurze Zeit alle schöne Gesellschafren in Aufmerksamkeit und Bewunderung setzen, und dann den Philosophen zur fernern Betrachtung heimfallen. Zu bewundern ist es jedoch, daß keiner der letzter» darauf gefallen ist, ihre Wahrheit und Richtigkeit zu erweisen. Hogarth war ein guter Handwerker, der mit der Mütze unter dem Arme seine Stücke verkaufte, und sich um die Theorie seines durch die Erfahrung gefundenen Sa;- zes nicht bekümmerte; aber der Philosoph mit der Pelzmütze auf dem Haupte hatte billig tiefer in die Sache ein dringen sollen. Die Wellenlinie ist die Linie der Schönheit, aber nicht anders, als wenn ste zugleich ein Minimum ist. Die Zirkellinie ist unter einer gleichen Bedingung die Linie des Reitzes. Beydes löset stch hiedurch in sollte noch weiter angewandt werden. 27z in eine ganz simple Wahrheit auf. Die Zirkellinie ist die größte Abweichung von der geraden, oder der Linie der Noch. Wo die Natur oder der nachahmende Künstler den allergrößten Abweg wählt, und diesen durch die größte Menge der Würkungen bezahlt: da muß nothwen- dig alles zusammen seyn, was mau mit Rechte fordern kann. Es ist folglich auch theoretisch richtig, daß die Zirkellinie die Linie des Reitzes fey. Gleichwie aber Rheinwein auf die Dauer besser schmeckt, als Champagner; und simple Schönheiten langer gefallen, als hohe Reitzungen: so würden wir sehr übel daran seyn, wenn die Natur oder der Künstler uns lauter Reitze zu bewundern gäbe. In dieser Absicht ist also die Wellenlinie, oder die sanfteste Abweichung von dem Wege der Roth, wenn sie zugleich ein Minimum ist, schön. Man macht insgemein den Einwurf: Die Säule fey schön, ob sie gleich keine Wellenlinie habe. Allein sie ist eigentlich nicht schön, sondern erhaben. Das Erhabne aber ist der größte Reichthnm unter der Gestalt des Noth- weudigen, welches letztere durch die gerade Linie bezeichnet wird. Die größte und dickste Säule, die sich jemand als ein Minimum denken kann, ist auch der höchste Grad des Erhabnen. Da der Mensch zn schwach war, ein solches Minimum hervorzubringen: so ließ er die Sänle oben grünen, und ihre Blätter oder vielmehr Zweige sich unter der Last in einen Zirkel winden, um ihr den Anblick der größten Stärke zu geben, woraus hernach die Fabel von den AcanthuSblättern entstanden. Bey dem allen wird aber die wahre oder scheinbare Einheit als eine uothwendige Eigenschaft des Naturoder Kunstwerks vorausgesetzt. Zwey gerade Linien, die aus einander fließen, werden als zwey nnd nicht als Eins gedacht. Die gerade Linie, der Winkel und oas Viereck haben, für sich genommen, insgemein den Fehler für das Auge, daß sie als Bestimmmigsstücke zu einem Mosers NYklzx>!!,Thiil. Stösi 274 Das natürliche Recht größern Ganzen angesehen werden. In ihrer weitem Anwendung zeigt sich erst, ob die geraden Linien, woraus sie bestehen, als bloße Linien der Noch, die ihre Rechte da haben, wo alle Schönheit unschicklich seyn würde, ihren Platz finden; oder ob sie schon einem großen Ueberflusse die Gestalt des Nothwcndigen geben, und solchergestalt zu dem Erhabenen würken. Wenn Batteux auf die Nachahmung der schönen Natur dringt: so ist es nicht überflüßig, die Regeln feibst zu studiren, nach welcher die schone Natur handelt, und hier würde die Lehre von jener Linie den besten Grundsatz an die Hand geben. I.XII. Das natürliche Recht der ersten Mühle. Eine Rede, auf einem neuen Dorfe in Jamalen gehalten. e ^ch verlange weiter nichts, meine Freunde und Mitbürger, als daß ihr mich höret; ihr könnt dann noch immer machen, was ihr wollt. Die Mühle, welche ich hier angelegt habe, kostet mir mein ganzes Vermögen. So oft wir zusammen kamen, so sagtet ihr: O, wenn wir doch auch eine Mühle haben mochten; sie war euer einziger Wunsch ; und nun, da ich solche angelegt, da ihr täglich mit Freuden zugesehen habt, wie der Bau von Zeit zu Zeit fortgieng; da ihr mich tausendmal eurer ewigen Dankbarkeit versichert habt; da ich mein ganzes Vermögen dazu verwendet, und auf diese eure Dankbarkeit, auf den allgemeine» Wunsch, und auf die offenbarste Billigkeit mehr, als ans ein königliches Privilegium oder auf einen schriftlichen Contrakt gerechnet habe; nun sage ich, wollet der ersten Mühle. wollet ihr meinem Nachbarn nicht verbieten, noch eine Mühle anzulegen? er darf sich des Modells, das ich mit vielen Kosten angeschafft, und der Bauleute, die ich mit großen Belohnungen aus England herüber gezogen habe, zu seinem Bau bedienen, und öffentlich sagen, daß er, nachdem er solchergestalt mindre Unkosten gehabt, als ich, wohlfeiler mahlen wolle? Ihr wollet es nicht unbillig finden, daß ich auf diese Weise in meinem besten Ver- trauen, was ich öffentlich durch meinen Bau zu erkennen gegeben habe, und was ihr durch euren öffentlichen Le»- fall immerfort unterhalten habt, auf das Schandlichste hintergangen werde? Ihr wollet behaupten, daß ein jeder die Frepheit habe, auf dem Seinigen zu thun, was er wolle; daß ich kein Zwangrecht erlangt habe; und daß ein andrer sich eben der Frepheit bedienen könne, deren ich mich bedient habe? Ihr wollet es zum Gefetze machen, daß die Anlegung einer Mühle zu den freyen und will- kührlichen Handlungen gehöre, die, so lange ihr euch eurer Frevheit nicht begeben habt, keinem verwehret werden könne? . . . O meine lieben Freunde, bedenket wohl was ihr thut; Ihr habt noch eine Kirche, viele Brücken, verschiedene Heerstraßen, einen Canai, eine Wasserleitung — ihr habt noch eine Brauerei), ein Wirthshaus, eine Schönfärberei) und viele andre kostbare Anlagen uöthig, ehe ihr in den Stand kommt, dasjenige, was euch die Natur hier beschert hat, auf das Beste zu nutzen, eurer Händearbeit die gehörige Vollkommenheit zu geben, und euch nur einigermaßen zu einem Staate zu bilden. Wer wird es aber wagen, dergleichen ans feine Kosten aufzuführen, wenn ihr ilnn auf gleiche Art begegnen woller? Wer wird die Kirche amuen, wenn jeder seine Stube zur Capelle machen will? Wer wird den Bau einer Brücke oder Heerstraße wagen, wenn ihr, sobald solches geschehen, einem andern gestatten wollet, neben der Brücke nur ein Fährschiff zu S 2 halten, 276 Das natürliche Recht halten, oder, so oft er kann, den Zoll auf der Heerstraße zu verfahren? Wer wird die kostbare Wasserleitung, die von jenem Berge über eine Stunde Weges hieher gehen müßte, anlegen, wenn ihr diese Unternehmung, die jetzt einem jeden freysteht, sobald sie vollführet ist, andern nicht verbieten woller? Bedenkt es wohl, sage ich noch einmal, was ihr thnt; nichts ist jetzt freyer und willkühr- licher, als die Anlegung einer Post zu unfern benachbarten Colvnien. Tausend wünschen sie, und tausend können es versuchen, niemand wehrt es ihnen; aber, meine Freunde, wenn einmal ein Patriot die Anstalt und Einrichtung dazu gemacht hat: so erwartet er von eurer Vernunft, von eurer Billigkeit, von eurer Dankbarkeit, und von eurem großen Interesse, daß ihr es nach ihm allen andern verbieten sollet. Denkt er nicht daran, sich über seine Post ein Privilegium zu erwerben, oder vorher einen Eon- rrakt mit euch zu errichten: so werden doch die Ursachen, woraus sich das Privilegium, wenn es anders bestehen soll, gründen müßte, nachher eben so würksam ftyn, wie sie vorher gewesen seyn würden. Und wer verdient denn den größten Dank, der Mißtrauische, der sich von euch Brief und Siegel vorher geben laßt, oder der Großmn- thige, der auf eure Dankbarkeit und Billigkeit mit völligem Vertrauen rechnet? Es ist die Natur gemeinnütziger und kostbarer Unternehmungen, welche ein Patriot öffentlich unternimmt und ausführet, daß sie ihr Privilegium von sich selbst mit sich führen, und alle andere von gleichen Unternehmungen so lange ausschließen, bis die gemeine Nothdnrft eine Veränderung erfordert. Das Urtheil über diese Veränderung gebührt euch, meine versammleten Mitbürger, nicht aber einem Privatmanne, der nach dem erstem eine gleiche oder ähnliche Anstalt machen will. Eben diese Unternehmung, die zuerst einem jeden offen stund, steht also dem zwcyten nicht mehr offen; die erste Besitzergreifung ent- schei- der ersten Mühle. 277 scheidet hier wie in andern Fallen; und es ist c-n Eingriff in euer ttrcheil, eine Beleidig, ig eurer Majestäts, echte, und eine Beschimpfung der Ratio:.alvernunst und Dankbarkeit, zu behaupten: daß dasjenige, was dem erstern in diesen Fallen freigestanden, dein andern ebenfalls un- verwehrt seyn nsüsse. Die Richter wurden freylich, wenn eine solche Sache vor sie gebracht wurde, aus andre Grunde verfallen müssen, weil sie mit euch keine gleiche Befugnisse haben, Privilegien zu ertheilen oder einzuschränken ; sondern nach wirklich ertheilren oder erlangten Privilegien ihr Urtheil abmessen müssen. Aber wer von euch wird eine Sache zur richterlichen Erkenntniß bringen, die ihrer Natur nach nicht dahin gehören kann? Der Himmel behüte mich zu sagen, daß nun, sobald die Post angelegt, keiner zu Fuße oder zu Pferde gehen solle, ohne sich derselben zu bedienen; oder daß ein jeder durchaus das Qnellwaffer kaufen solle, was durch die Wasserleitung in die Stadt kommen wird. Ich zwinge niemand auf meine Mühle zu kommen, und derjenige, der die Kirche anlegen will, soll nicht fordern, daß ich durchaus hineinkommen und ihm die Miethe für den Platz bezahlen soll. Nein, meine Freunde, diese sträfliche Absicht habe ich nicht. Jeder von euch mag sich so gut behelfen, wie er sich be- holftn hat, ehe Mühle, Kirche und Wasserleitung angelegt worden; das Wasser der Quelle am Berge mag unverkauft bleiben, wenn uns der Himmel noch eine spätere Quelle mitten in der Stadt beschert. Ich fordere nur das Recht, daß keiner nach mir eine mit der meinigen ähnliche Anstalt ohne eure gemeine Bewilligung anlegen soll; ich verlange nur, daß es nicht in eines jeden freyen Willkühr stehen soll, das zu thun, was ich gethan habe. Diese einzige Einschränkung ist alles, was ich fordere, und mit Recht zu fordern glaube. Es ist das Recht, was die Natur in solchen Fällen dem Erstern gegeben hat; es ist glcichsam das Recht der Erstgeburt. S z Euer 27 8 Daö natürliche Recht Euer Urtheil ist allezeit frei). Wenn die Bevölkerung sich vermehrt, wenn der Staat sich vergrößert, weuu der Handel zunimmt und die Umstände eine Erweiterung der vorhandenen Anstalten erfordern: so beruhet das Maas der Erweiterung bei) euch. Ihr könnt eine zweyte Mühle zulassen, noch ein Wirthshaus, noch eine Schönfärberei) bewilligen, zehn Straßen und Brücken für eine genehmigen, mehrere Posten, mehrere Wasserleitungen und mehrere Kirchen oder Capellen zulassen, nachdem ihr solches dem gemeinen Wesen nützlich findet. Nur in eurer oder eurer Repräsentanten Hand muß diese Erlaubnis; nnver- rückt bleiben; nicht aber ans der freuen Willkühr eines jeden Mitbürgers, oder auf dem Ausspruch eines bloßen Richters beruhen. Ihr könnet zuletzt, wenn unsere Kolonie so blühend wird, daß man ihre Bedürfnisse nicht mehr abmessen kann, die vollkommenste natürliche Frey- heit wieder herstellen und jede Anlage wieder willkührlich machen; aber ob und wann diese Frcyheit eintreten soll, muß eurer Ueberlegung, eurem hohen Ermessen vorbehalten se,)n. Glaubt ihr, daß ich des Mnlders ans meine Mühle zuviel nehme; findet ihr, daß der Mann, der die Wasserleitung anlegen wird, den Epmer zu theuer verkaufe; oder daß das Postgeld zn hoch gesetzet werde: so wehret euch niemand, jede Anstalten, wodurch dieser Gottlosigkeit Einhalt geschehen kann, zu wählen, zu begünstigen und ausführen zu lassen; aber Euer muß diese Obererkenntniß bleiben; und ohne deren Vorgang muß niemand befugt seyn, seine Willkühr in ein Recht zu verwandeln, und nach diesem sich ohne Anfrage und Bewilligung eben dasjenige anzumaßen, was der erste ohne Anfrage und Bewilligung mit vielen Kosten, aus bloßem Vertrauen auf die öffentliche Dankbarkeit und Billigkeit angeleget hat. Noch der ersten Mühle. 279 Noch eins, meine Freunde; gesetzt, ihr hättet die Mühle auf gemeine Kosten ungelegt, und ein jeder hätte das Seinige dazu beygetragen, würdet ihr wohl in diesem Falle einem von euren Mitbürgern gestatten, ohne eure Erlanbniß noch eine zweyte anzulegen? Nein, das würdet ihr nicht thun; ihr würdet euch dagegen aus eben den Gründen setzen, woraus ich mich darüber beklage. Was ist aber besser, und mehr zu begünstigen, daß Privatmänner dergleichen gemeinnütze Anstalten auf ihre Gefahr und Rechnung übernehmen, als daß alles und alles aus gemeinem Beytrage, der im Anfange unsrer Colonie noch sehr schwach und gar nicht aufzubringen war, kost- splitterlich ausgeführct werde? Euer Wunsch war gestern noch, einen geschickten Wundarzt zu haben. Gesetzt, es wagte einer aus Europa sich hieher, er käme ohne Ruf und ohne Besoldung, er rechnete gewiß darauf, daß kein andrer in unsrer Colonie wäre, und auch wahrscheinlich nicht kommen würde, so lange er nur allein dort leben könnte; würdet ihr nicht in der Folge aus Dankbarkeit und Billigkeit einem zweyten Wnndarzte so lange die Praxin verbieten, als ihr mit dem ersten znfrieden wäret? Gleichwohl hat der erste kein ander ausschließliches Privilegium, als das ihm das gemeine Beste, die öffentliche Dankbarkeit und eure billige Ueberlegung gewähret.. . Die Gemeine erkannte hierauf für Recht, daß keine neue Mühle ohne ihre Bewilligung angelegt, und der Protest, welchen der Zweyte darüber angefangen, aufgehoben werden sollte. Sie behielt sich auch das Recht vor, nach Beschaffenheit der Umstände Erweiterungen oder Einschränkungen zu machen, und überließ dieses in der Folge ihrer Obrigkeit. ,,, , 28O Von der Landesherrlichen Befttgttip IftXM. Von der Landesherrlichen Befugniß bey Anle- gung neuer Mühlen. ^)nr Zeit, >vie noch gar keine Muhle im Lande war., konnte jeder das Recht haben, eine anzulegen; und man wurde demjenigen, der sich zum gemeinen Besten mit einer so schweren Unternehmung beladen hätte, gewiß eine oft fentliche Danksagung schuldig gewesen seyn. Wie aber die erste Mühle vorhanden war, mußte sich dieses Recht nothwendig ändern und die vorige Frepheit aufhören. Denn derjenige, der zuerst den BMl derselben vor aller Welt Augen ohne Widerspruch übernommen, würde sich nie damit abgegeben haben, wenn er nicht darauf gerechnet hätte, daß seine Nachbaren, so viele deren zur Mühle kommen konnten, ihr Getreide bey ihm mablen lassen, und ihn dadurch entschädigen würden. Billig handhabet also der Landesherr den ersten Müller, nnd versaget allen andern die Erlanbniß, dergleichen zum Nachtheil des erstem zu erbauen. Billig versagt er auch andern die Erlanbniß, eine Muhle für sich zu haben. Denn die gemeine Mühle würde so wenig wie die Kirchspielskirche bestehen, wenn jeder seine eigne Capelle und Mühle haben wollte. Mit großer Billigkeit legt man folglich auch dem Landesherrn das Recht Hey, Mühlen zu bewilligen und nicht zu bewilligen, weil ans den Fall, da dieses nicht wäre, der erste Müller sich entweder durch eilten ursprünglichen Vergleich, der aber selten vorhanden ist, oder durch ein natürliches Baunrecht, was man jedoch nicht angenommen hak, gegen andre würde schützen müssen. Ob aber gleich solchergestalt das Recht, eine Mühle zu erlauben oder zu verbieten, der höchsten Obrigkeit zusteht: so braucht darum die Mühlengcrechtigkeit eben kein Regal zu bey Anlegung neuer Mühlen. 281 zn sei)!!. Ein jeder Unterthan, der einmal dergleichen besitzt, hat die Vermuthung für sich, daß er der erste gewesen, der seines Orts der gemeinen Nothdurft zn statten gekommen, und entweder eine ausdrückliche oder stillschweigende Erlanbiiiß dazu erlangt habe. Der bloße rechtmäßige Privatbesitz schützt ihn bey der Mühle, wie bey jedem andern Theile seines Eigenthums; er selbst muß aber wünschen, daß das Recht Mühten zn erbauen, der Landcsobrigkeit vorbehalten bleibe, damit nicht ein jeder »m und neben ihm sich nun eben der Freyheit bedienen möge, deren er sich selbst bedienet hat; und damit er nicht genöthiget werde, gegen jeden neuen Muhlenbau einen kostbaren Prozeß zu führen. Von der bandesobrigkeit ist nicht zu vermuthcn, daß sie mehrere Mühlen, als nöthig sind, erlauben werde. Mehrere Mühlen an einem Orte, wo eine zureichend ist, sind dem Staate zur Last, weil ihr Unterhalt doch immer auf die eine oder andre Art von der Gemeinheit getragen werden muß, und jeder Müller leben will. Jedoch ist die Frage: was nöthig und nicht nöthig sey? immer schwer zu entscheiden. Mancher Müller hat nie genug, und wollte wohl, daß die Mahlgenossen, welche eine Tagereise von ihm entfernet sind, zu ihm kommen sollten; ein andrer wünscht um deswillen, der einzige Müller zu seyn, damit alle nothwendig zu seiner Mühle kommen möchten, und er sie nach seiner Bescheidenheit behandeln könnte; noch ein andrer, der im Besitz der ersten Mühle ist, will der spätem Bevölkerung nichts nachgeben, und immer ein natürliches Bannrecht behaupten; die mehr- sien aber sind diejenigen, welche des Winters alles bestreiten können, des Sommers aber ihre Mahlgäste gehen lassen müssen. Diese sperren sich immer gegen alle neue Mühlen, welche ihnen im Winter Abbruch chun können, wenn sie gleich des Sommers unentbehrlich sind. S 5 Hier 282 Von der Landesherrlichen Bcfugniß Hl'«' wird nothwendig die Landesherrliche höchste Einsicht und ein billiges Ermessen erfordert; wofern nicht das gemeine Beste widerrechtlich leiden soll. Eine richterliche Entscheidung würde zu beschwerlich und weitlänstig seyn. Jene höchste Einsicht muß aber iu keine Willkühr ausarten; und nichts scheint hier billiger zu seyn, als daß, wenn eine Beschwerde vorkömmt, daß die vorhandene Mühle nicht mehr zureiche: 1) Die Familien, welche ihrer Lage nach zu einer Mühle gehen, oder worüber die Roth ein Zwangrecht ausübet, gezahlet; hicrnächst 2) Auf jede Mühle nach dem Maaß ihres Wassers und ihrer Mablgänge eine sichere und zureichende Anzahl von Familien gerechnet, und wann sich findet, daß die essie Mühle nicht zureiche, und ein beträchtlicher Uebcrschnß von Mahlgästen sey, denen nicht geholfen werden könne; z) Dem ersten Müller, wenn er seine Mühle erweitern oder eine andre zureichende Anstalt machen kann, der Vorzug gelassen; oder, wo dieses Bedenken haben sollte, wie es denn bisweilen gut seyn kann, daß zwep Müller mn den Vorzug arbeiten müssen. 4) Eine zweyte Mühle unter einer zum Vortheil der ersten gemachten Einschränkung der Mahlgänge, zugelassen werde. Eine Landesherrschaft, welche sich in ihren Bewilligungen nach diesen Grundsätzen richtet, wird solche allemal rechtfertigen können. Der Widerspruch des ersten Müllers, wenn er auch bey einer mindern Bevölkerung einmal deu Bcyfall erhalten hätte und darauf sein Bannrecht gründen wollte, wird sie so wenig als die Habsucht desselben irre machen; und niemand kann verlangen, daß sie von ihrem Vorfahren eine weitere Rechenschaft gebe, als obige Grundsätze mir sich bringen. Bey bey Anlegung neuer Mühlen. 2Zz Bey dem allen laßt sich aber doch auch das Recht eine Mühle zu haben, als ein Regal der muern C lasse betrachten. Gesetzt, die erste Mühle soll jetzt angelegt werden, und es erbietet sich einer ans der Gemeinheit unter der Bedingung dazu, wenn ihm die Gemeinheit das Kamm- uud Wellenholz aus ihrem Walde schenken, ihm mit Fuhren zu Hülse kommen, den Mühlenteich auswerfen, und sich verpflichten wolle, bey keinem andern als bey ihm mahlen zu lassen; so wird die Gemeinheit ganz natürlicher Weise antworten: Warum soll denn unser Nachbar diesen Vortheil haben? Warum sollen wir dem Holz schenken, Fuhren leisten und Teiche auswerfen? Besser ist es, wir gönnen diesen Vortheil nnserm Pfarrer. unserm Vogte oder unserm Küster, und behalten dafür ein, was wir diesen sonst an Besoldungen reichen müssen. — Diese Antwort scheint mir eben so natürlich zu seyn, wie die Forderung desjenigen Privatmannes, der sich zuerst mit dem Bau abgeben wollte. Und so könnte es ganz bequem zugehen, daß die erste Mühle ein Anhang eines gemeinen Amts würde. Es sind zu viele Mühlen mit der Gerichtsbarkeit verknüpft; zu viele Mühlen, welche der Kirchen gehören ; zu viele, welche mit einem von einer höhern Befugnisse zeugenden Zwange berechtiget sind; zu viele, welche Kamm- und Wellenholj aus dem gemeinen Walde erhalten; zu viele, welche ein Recht auf eine gemeine Hülfe bey Bau und Besserung haben: um nicht den Schluß zu machen, daß nicht sehr oft die erste Einrichtung ans die jetzt gedachte Art gemachet worden. Finden sich gleich auch viele solche Mühlen in Privathänden: so finden sich auch so viele Spuren alter zersplitterter Gerichtsbarkeiten und Aemter, daß man auch die Mühle für einen solchen Splitter ansehen kann. Die Mühle eines Eigenbehörigen kann ans der Gutsherrlichkeit entstanden seyn, und die Gutsherrlichkeit ist gewiß auch ein Splitter der Carolingischcn Gerichtsbarkeit; so sehr sie auch jetzt 284. Für die warmen Stuben der Landleute. jetzt einem Privatrcchte ähnlich sieht, und ohnerachtet es leider so weit gekommen ist, daß ein Leibeigner Gutsherr eines andern Leibeignen, seyn kann. Selchergestalt muß man aber das Wert Regal in dem allgemeinsten Verstände nehmen, wo es jede Befug- niß oder jedes Vorrecht eines öffentlichen Amts bedeuten kann. I.XIV. Für die warmen Stuben der Landleute. ^s gehört mit unter die läufigen Anmerkungen unserer heutigen philosophischen Oekonomen und Aerzte, daß der Landmanu des Winters zu warm sitze, und in seinen engen Stuben sich bis zum Ersticken wärme; und ein Arzr, der jeden scheinbaren Umstand zu fassen, und nach demselben Brod und Wasser, Bier und Wein, Fleisch und Gemüse, mit gleicher Annehmlichkeit zu preisen und zu verachten weis, giebt den warmen Stuben, wie leicht zu gedenken, manche Schuld, die sie vielleicht verdient, und auch nicht verdient haben mögen, wie wir allerseits dahin gestellet seyn lassen müssen. Indessen laßt sich doch auch noch manches zu ihrem Vortheile sagen, das immer noch einige Aufmerksamkeit verdient. Ein Mensch, der des Sommers in der Hitze arbeitet, und oft in einen! Tage mehr Schweiß vergießt, als ein Gelehrter in einem Monate, würde dem Ansehen nach den langen Winter nicht durchdauern, wenn er alsdenn nicht bisweilen in eben der Maaße schwitzte, wie im Sommer. Der Russe kriecht in einen warmen Backofen; die nordischen Völker hatten vordem viele Heisse Badstubcn; sie haben spater dicke Federbetten und zuletzt warme Stuben Zuge- Für die warmen Stuben der Landleute. 2 FL zugelegt; sie haben zuerst die Nothwenbigkeit der Hemde von Leinewand eingesehen. Dieses einstimmige Berfah- ren der nordischen Völler, welches nicht durch Bücher und Leitungen, sondern durch eine überall würkende Be- dürfniß und Erfahrung erzengt worden, macht es sehr wahrscheinlich, daß ein Mann aus den nördlichen Gegenden, der des Sommers sein Brod in dem stärksten Schweiste gewinnet, des Winters nicht mit dem Maaße der Warme zukommen könne, womit müßige Leute, und ein Thcil Bürger in den Städten, die das ganze Jahr durch in der Werkstätte sitzen, sich billig befriedigen. Die Natur entlediget sich von sehr vielen Uebeln durch den Schweiß; und sie wählt diesen Weg gewiß fünfmal mehr als jeden andern. Auch diese scheinet also jener Erfahrung das Wort zu reden, und mit ihr einzn nmmen. Ich gebe es zu, daß Jtaliäner sich des Winters mit einem Sonnenkamine und mit einer dünnen Bettdecke behelfen können; allein der Jtaliäner ist ganz anders gemacht wie der nördliche Deutsche; der fleischichter, blutreicher und weicher ist, als jener, und die Arbeit nicht so trocken verrichten kann, als ein festhäutigcr, nervichter und geschmeidiger Südländer. Ohnstreitig erfordert die Natur andre Körper in kalten als in warmen Ländern; aber eben deswegen erfordern auch beyde eine ganz unterschiedene Diär, und die heisscn Badstuben und Backofen, oder die dicken Federbetten und warmen Stuben der Landlente mögen mit allem Scheine Rechtens darunter gezählet werden. Ich glaube auch bemerkt zu haben, daß unter allen Gelehrten die Prediger immer eine wärmere Stube lieber haben, als andre; welches ebenfalls eine Bedürfniß zu seyn scheint, die sich auf ihre stärkere Canzclarbeit gründet. Es ist nöthig, dergleichen Anmerkungen zu sammlen, damit der Landmann nicht durch eine Landesordnung angewiesen werde, sein Wohnzimmer nach einem gestempel ten 286 Für die warmen Stuben der Landlcute. ten Thermometer zu Hitzen, und sein Bette mit einem tap- mäßigen Zeugnisse des Collegii Medici zu schützen. Die Vorsorge der Obrigkeiten gründet sich nicht edier, als ans die Erhaltung der Unterrhanen, und ihr Einkommen ist nicht sicherer, als wenn es aus Sachen gelegt wird, die zur unentbehrlichen Bedürfniß gehören. In einer gewissen Coincsifchen Provinz ist es Lothweise bestimmt, was jede Person des Tages essen muß; der Hausvater muß solches bey einer schweren Leibesstrafe jedem zuwä- gen, und zwar auf einer Waage, die alle Monat, damit sie recht richtig geht, gestempelt wird; der Kayfer empfängt zur Steuer nichts mehr, als den Betrag desjenigen, was die Uuterthanen vordem mehr verfressen haben ; hiebey verliert kenntlich der Nnterthan nicht allein nichts, sondern er wird auch munter und gesunder, und sparet überdcm, was er vorhin an Aerzte und Arzeneyen gewandt hatte; folglich ist hier das billigste und richtigste plus, was jemals ein Chinesischer Cammeralist erfunden hat. Eine gleiche Vorsorge könnte nun auch die warmen Stuben unsrer Landleute bey dem immerwahrenden Geschren über Holzmangel tressen, wenn man nicht in Zeiten bewiese, daß sie zur Gesundheit in kalten Ländern unentbehrlich wären, besonders für Leute, die des Winters den Tag über in Frost und Schnee leben, und ihre Ausdünstungen des Abends und des Nachts verrichten müssen. Die Kälte ist das größte Stärkungsmittel, und wohlfeiler als Stahl, China und Wein; diese giebt den von einer zu großen Wärme erschlafften Nerven ihren natürlichen Ton wieder, und der Russe, der aus dem heis- sen Backofen in den Schnee kriecht, und sich wohl dabey befindet, giebt uns das beste Muster zur Nachahmung. ZL.XV. 28? I.XV. Also ist es rathsamer, die Wege zu sticken, als neu zu machen? Vo angenehm es auch ist, auf schönen und bequemen Wegen zn rollen; und so vieles dadurch an Fuhrwerk ersparet und an der Fracht gewonnen wird: so läßt sich doch auch noch manches zur Entschuldigung solcher Lander sagen, deren Einwohner für die Bequemlichkeit derDurch- reisenden minder sorgen, und die der gütigen Natur den größten Theil der Vorsorge für ihre Heerstraßen überlassen. Ueberhaupt glaube ich, die Regel dahin fassen zu müssen, daß mau keine Wege ohne Roth für Heerstraßen erklären, und selbige immer nur von einer Jahrszeit zur andern flicken, nicht aber, wie man zu reden pflegt, aus dem Grunde bessern, oder wohl gar ihre ganze Natur zer» stören müsse. Gegen die erste Regel wird sehr oft verstoßen. Insgemein glaubt ein Richter oder Beamter, er leiste dem Staat einen wichtigen Dienst, wenn er einen Land - oder Dorfweg zur Zoll- oder Heerstraße adelt, und das Amt oder die Gemeinheit zu dessen Unterhaltung nöthiget. In der That ist dieses aber eine neue Schätzung, welche er dem lasttragenden Unterthan aufbürdet, und es ist nicht unmöglich, ein kleines Land dermaßen mit Heerwegen zu belegen, daß dessen Einwohner keine andre Schätzung, als deren Unterhaltung tragen können. Giebt man gleich oft dem einen Kirchspiele das andre zu Hülfe: so ist es doch immer eine neue Last für das Ganze, und ein Landesherr, welcher wichtigere Gegenstände der öffentlichen Wohlfarth zn bestreiten hat, thut wohl, wenn er auch hier das Gesetz der Sparsamkeit empfiehlt, und nicht mehr Heerstraßen verstattet, als die höchste Roth erfordert; wenn er seinen Gerichten befiehlt, die Lermnthnng wider 288 Also ist es rathsamer, die Wege zu sticken wider die Heerstraßen zu fassen, und nicht eher eine Gemeinde damit beschweren zu tasten, als bis es deutlich erwiesen oder von der Roth erfordert wird. Die andre Regel wird aber noch öfterer verletzt. Man glaubt, es zeuge nichts herrlicher von der guten Polizei) eines Staats, als prachtige steinerne Brücken und Master, kostbare Straßen und glänzende Mcilenzeigcr; nichts mache einem Lande mehr Ehre, als dergleichen große und gen einnützige Unternehmungen, , und der Schriftsteller dünket sich schon groß, der mit der Feder den Anschlag dazu gegeben hat. Es verhalt sich aber mit da.ser Art des Luxus, wie mit jeder andern; sie ist schön, vortrefflich und bewundernswürdig, wo sie mit Recht zu Hanse gehört; aber da, wo die Roth nach Brodte geht, weiter nichts, als ein glänzendes Elend. Da wo der Zoll einer einzigen Brücke, so wie in London , des Jahrs 50,000 Thaler aufbringt, lassen sich ganz andre Anstalten machen, als in Landern, wo der ganze Zoll nicht zureicht, das Zollhaus zu unterHaltens Uusre Vorfahren, welche steh von der getreuen Nütur allein leiten und durch keine falsche Theorie irre machen ließen, stickten ihre Wege im Frühjahre und im Herbst, und forderten weiter nichts, als daß diese ihre Besserung in dem ordentliche» Laufe der Zufalle, von der einen Jahreszeit bis zur andern danren sollte. Sie rechneten auf Hitze und Frost, als die wohlfeilsten Mittel zur Wege- bessernng, und richteten ihre Frachten wohl gar so ein, daß sie solche nicht anders, als in der besten Jahreszeit zu - und abführeten. Bei) dieser Rechnung füllcteu sie die ausgefahruen Stelleu mit dem nächsten dem besten Sande, auch wohl mit Wasen, Stroh und Quecken, und wenn er von neuem ausgespühlt oder ausgefahren wurde: so wiederholten sie !ii der Geschwindigkeit ihre vorige Besserung, und reichten im ganzen Jahre mit der Arbeit von wenig Tagen zu dem nothwendigsten hin. Wir als nm zu machen. 289 Wir Nenern hingegen , wir wollen nicht anders als für die Ewigkeit schreiben und arbeiten; wir wollen griechische und römische Werte auf den Dör ern, und prächtige Bandstraßen in solchen Gegenden haben, wo sie oen damit beschwerten Anwohnern nicht weiter dienen, als um ihr Brodl darauf zu betteln. Wir verachten die Euren der alten Aerzte, die immer nur der Natur zu Hülfe kamen, und glauben, die heroischen Mittel sepn in jedem Falle die besten. Freplich find sie die besten, wo Gefahr ans dein Verzuge haftet, und wagen iiölhig ist; freylich ist ein Paliast besser als eine Strohhütte; aber doch, wenn er ans einem Bauernhofe sieht, und von demselben in Dach und Fach erhalten werden muß, mag er auch leicht für ein ewiges Denkmal der Unbesonnenheit gelten. Und eben das laßt sich von jenen großen Heerstraßen denken, welche durch abgelegene und mit dem Zolle in kein Verhältnis; zn bringende Gegenden augelegt werden. Die Sommer- und Wiurerhülfe, welche jeder Weg umsonst hat, sollte nicht ganz außer Berracht fallen. Wer den Sommer einheitzt, verbraucht mehr Holz, als wer sich blos für Kalte schü.gt; und derjenige, der Wege macht, welche fo wenig von der Hitze als vom Froste ihre natürliche Hülfe nehmen, sondern durch ihre eigne Anlage bestehen müssen, bauet kostbarer als er nöthig hat, und begehet eine Thorheit, sobald ihm diese unnöthige Ausgabe auf einer andern Seite zur Last fallt. Gesetzt aber auch, die erste Anlage werde aus einer besondern Fundgrube gemacht, und diejenigen drcyßig tausend Thaler, welche eine Meile guten Weges ohne Fuhren und Materialien kostet, fanden sich ohne merkliche Beschwerde des Landes; ein Fall, der sich doch seltener > eignen wird: so hat es doch insgemein wiederum eine ! ganz andre Beschaffenheit mit der Unterhaltung eines knnstmäßig gebaueten und eines von der Natur gewiese.- nen Weges. Dieser wird wie jede Etrohhütre geflickt, Mbscrsph.mr. U, Th-il. T wenn 29O Also ist cö rathsamer, dic Wege zu sticken wenn jener wie ein Pallast unterhalten werden muß. Hier werden kunstmäßige Hände, gelehrte Aufseher und viele Dinge erfordert, welche nicht anders, als mit schwerem baarsm Gelve angcschasset und bezahlet werden können, wenn disHütts mit dem nächsten Lehm, mit selbst gebauc tem Stroh und einer nnerfahrnen Hand bey Feycrabein den ausgeflickct werden kann. Die Erhaltung eines sol. chen künstlichen Weges ist also eine ewige Last für das Land, und diese zu den Zinsen des angelegten Capitals gerechnet, eine solche Beschwerde, welche immer nur we- nige Lander tragen können. Nur wenige Länder werden solche mit den zu solchem Ende eingeführten Wegegeldern bestreiten. Da wo der Weg nach einer Hauptstadt, oder nach einem großen Handlnngsorte führet, wirst die große Cousumtion und der Handel endlich die Kosten noch wohl ab; und der Lupus trägt seinen redlichen Antheil mit. Wo aber diese Stützen fehlen, nud alles ans die Nothdurst fällt: da wird die Erfahrung bald zeigen, daß die Fuhrleute aller ihrer Flüche und Versprechungen unbeachtet, in der schönen Jahrszeit, wenn die mchrsten Frachten gehen, diejenigen Wege einschlagen, wo ihnen Frost und Hitze zu statten kommen, und höchstens in den drepen oder vier schlechten Monaten des Jahrs nnsre Weghänser besuchen, welche davon schlecht bestehen werden. Und überhaupt wird die Nahrung im Lande, welche von den Frachrsuh- ren entsteht, sich sehr vermindern, wenn die mit Weggeldern beschwerten Wege solchergestalt zur besten Zeit, und wenn der Zug am stärksten ist, auf das sorgfältigste vermieden werden. Die Freunde des Anbaues und der Bevölkerung, welch? sich freuen, wenn sie durch abgesetzte Heerstraßen einen TheilHeide unbefahren erhalten, und aufs Ungewisse zu einem bessern Gebrauch bestimmen können, sollten billig die Rechnung erst ziehen, ob die Unterhaltung eines küust- als neu zu machen? 291 künstlichen Weges nicht mehr wegnehme, als das neue Urbare aufbringe; und dann würden sie gewiß finden, daß selbiger der Bevölkerung und dem Anbaue nicht so sehr zu statten komme, als sie glauben, so lange die durch jene vermehrten Frohndicnste den Ertrag der neugewonnenen Läudcreyen übersteiget. Es ist daher noch so ganz unräthlich nicht, wenn in einigen Gegenden, wo nichts als Heide ist, breite Striche zu den Wegen ungebauet liegen bleiben, damit man die Spur desto öfterer versez- zen, und sich von der Unterhaltung eines eignen Weges befreyen könne. Man laßt hier der Sonne und dem Frost ihre natürliche Würknng, und sparet sich für die Aufopferung eines gernigen unergiebigen Raums unzählige Frohndicnste. Bey dem allen räume ich aber gern ein, daß da, wo es geschehen kann, und in allem Betracht mir Recht geschieht, die schönen Wege einem Laude zur grösftru Ehre gereichen, als die prächtigsten Schlösser, welche oft zu nichts weiter dienen, als den Kontrast zu vergrössern. Ein Fürst kann gar keine edlere Art der Verschwendung, da doch etwas zum Glänze des Hofes geschehen muß, wählen, als die Verschönerung der Heerstraßen; und ich ziehe solche allem andern Aufwände, selbst demjenigen vor, welchen Schauspiele, Maikressen und Jagden erfordern. Nur wünsche ich nicht, daß man das gemeine Beste für einen englischen Garren halten, alles große im kleinen nachahmen, und Brücken und Wege auf gemeine Kosten und zum Druck der Unterthanen anlegen möge, wo sie mit der Handlung und dem Interesse des Staacs in keinem Verhältnisse stehen, und für ein belustigtes Auge zehntausend mit Thränen erfüllen. s_VVI 2Y2 Es ist Mhsamcr dic Wege 1 XVI. Un>gckcs?lt: es ist räthsamcr die Wege zu dessen i als auszuflickciu Mein Herr! ^lDie verlangen meine Anmerkungen über das vorige Stück? Wohlan hier sind sie, so wie mir die theils angenehme, theils traurige Erfahrungen meiner neuliehen -Reise selbige an die Hand geben H. Die erste Regel nnfers Lobredners der schlechten Wege, nicht ohne Roth Feldwege für Heerstraßen zn erkla- reu und solche nicht gründlich zu bessern, sondern nur zu flicken, begreife ich so gut als solche an sich außer allem Zweifel ist. Doch daß sehr oft gegen selbige Verstössen werde, ist mir bis daher unbekannt gewesen. Ich wenigstens habe ans meinen vielfältigen Reisen auch selbst da, wo man bauete und flickte, diesen Verstoß nie wahrgenommen. Konnte nun auch der Herr Verfasser die Regel selbst nicht ganz weglassen; so deucht es mir doch billiger, wenn das oft des Verstoßes zu einem gar seltenen Fall wäre herunter gesetzet worden. Ich wende mich also zn seiner zwoten Regel. In einem Lande, wo die Finanzen des Landesherrn und der Unterkhanen gleich kümmerlich; welchem kein fremdes Fuhrwerk kommt und zollet; oder da, wo die Heerstraßen gar keine oder doch nur solche Dörfer berühren, welche keine Wagen und Pferde halten , mithin es diesen gleichgültig, ob die Wege gut oder schlxcht: da ist es freplich genug, Wege zu flicken, ja mehr als erforderlich. ->) Dieser Aussatz ist r>o» einem ungenannten Verfasser, der aber liier mit eiuge nickt wirb, weil man bevbe Pattheuen höre» muß, um richtig Zu urtl,'essen. zu bessern, als auszuflicken. lich. Solitc aber auch die Roth, die hier nach Brodte gehet, wohl anders ratheu lassen? Giebt es aber Länder iu nnserm allgemeiueu Vater- lande, denn ich halte es meinem Patriotismus viel zu entehrend, als mit uuferm Autor die Uuterthaueii des ganzen Deutschlaudes das Lrod gntentheils au den Heerstraßen erbetteln Zu lassen; giebt es, sage ich, solche Länder, deren Einwohner ihre erbaneten Früchte verfahren und sonstige Gewerbe vermittelst der Heerstraßen treiben: so erniedrige ich solche nicht zum Bettelstab. Ich preise sie vielmehr glücklich, wenn gründlich erbanere Wege ihnen jetzt den Vortheil einer geringer» Anspannung, weniger Zeit zur Reise, weniger Abnutzung des Geschirrs, die Bequemlichkeit in jeder Jahrszeit zu reisen, und die Besreynng der Furcht ja Lebensgefahr auf denen Heer siraßen darbieten, auf welchen sie sonst die Flickarbeit zittern machte. Und wenn, wie ich so wenig als meine hiesigen Freunde ans unfern Reisen innerhalb Deutschland bemerkt zn haben uns erinner», auf keinem dergleichen erbaneten Wege mehr Pracht angewandt worden, als wegen des Grund und Bodens und zu solider Erhaltung derselben erforderlich gewesen, so begreife ich nicht, wie solche mir Billigkeit zum Luxus zu rechnen. Ich behaupte es allerdings, daß gute Wege in einem Lande, wo nicht alles kodt oder schläft, recht zutreffende Verrichtungen, nnd für Fremde das erste Kennzeichen der Weisheit des Regenten oder der Polizei) seines Landes sind. Wie! auch die Brücken, Meilenzeiger? :c. :c, freplich für geflickte Wege sehr unschicklich, aber auch für diese nur Hirngespinnste! Da wo man hingegen den Rath unsers Schriftstellers nicht befolget, wo man die öffentlichen Heerstraßen nicht blos flickt, sondern es zuträglicher hält, solche z» allen Jahrszeiten fahrbar zu erhalten, da sind Brücken allerdings nothwendig. Man hat es mir Hey meinen Erkundigungen allemal als die erste Regel bey An- T Z legung 294 Es ist rüthsamer die Wcge legung eines immer guten Weges angegeben, daß dem Wasser von allen Seiten der Heerstraße ein frcpcr Abzug gegeben werden müsse; und da man in allen diesen Ländern, nach dem einstimmigen Resultat meiner Nachrichten, ans dem durch Erfahrungen bestätigten Grundsatz: daß es bey einer ordentlichen Vorrichtung vortheilhafter, einmal zu bauen, als ohne eine Wegebessernng zu beschaffen, ewig zu flicken; es sich vorgefetzet hatte, für die Ewigkeit zu bauen: so ist mir an den von mir befahrncn Heerstrußen nichts prächtig, nichts glänzend erschienen. Ich fand es vielmehr röchst vernünftig und angemessen, über Flüsse große Brücken, über Bäche kleinere, und über die Seiten- oder Abzugsgraben noch geringere zu erblicken k>), solche nach Maaßgabe des Verhältnisses mit höhern oder niedrigem, oder mit gar keinen Geländern versehen, und da, wo es mit Steinen wohlfeiler als mit Holz zu bauen, solche maßiv wahrzunehmen. Wenn ich endlich hieben erwog, daß der Unterthan mit einer Last von einigen Jahren (die vielleicht so groß nicht seyn mag, als ste sich oft ans Hörsagen oder aus sonstigen Ursachen hinter dem Schreibtische malet) sich und seine Nachkommen auf ewig vom Wegbau befrepete, ihn und sie bey einer geringer» jährlichen Verwendung, zumal wenn sie noch geringer als Flickarbeit seyn sollte, die außer allem vernünftigen Zweifel gesetzte Vorkheile einer immer gleich fahrbaren Heerstraße auf ewig verschaffte; Wenn ich nun noch bedachte, daß die Fundgrube zur ersten Anlage und Unterhaltung der Wege, welche ich jedoch nicht mit dem Herrn Verfasser für jede Meile zu bestimmen vermag, den Unterthan manchen Groschen finden lassen, und viele sonst müßige Hände des Staats beschäftiget und in Nahrung t>1 Der Herr Verfasser hatte es an seinem Gegner getadelt, daß er eine gar zu bekannte Regel vorausgeschickt hatte. Hier hatte er sich seiner eigne» Kritik erinnern sotten. Anmerkung der Herauögevcrin. zu bessern, als auszuflicken. 295 rung gesetzet: dann erschien mir diese kurze Last vielmehr als eine ewige Wohlthat für die Unterchanen. Hin und wieder erblickte ich zu meinem großen Vergnügen auch Meilenzeiger. Man hatte darum die Obersachsen jedoch mit mehrcr Einschränkung nachgeahmer. Ich erfuhr, daß solche für eine Meile höchstens auf zehn Thaler kämen. Gesetzt nun auch, sie gehören nicht zum wesentlichen der Heerstraßen: soll denn ein großer Herr gar nichts thun, um das Publikum zu obligiren? Und sollte ihm der segnende Dank des vernünftigen und empfindsamen Reisenden diesen geringen Aufwand nicht hundertfältig belohnen? Aber unsere Vorfahren'. (O ewiges Steckenpferd uns- rer heutigen Schläfrigkeit!) Wahrhaftig sie waren thäti- ger, als man es ihnen nur zu oft abzusprechen bemühet ist. Sie thaten gewiß mehr als blos flicken. Ihre Heerstraßen zeugen noch jetzo davon in den vielfältigen, selbst da, wo man jetzt flickt, vorhandenen Ruinen. Nur ihre neuere Nachkommen flicken und flicken, bis sie die ganze Natur jener Wege zerstöret, und durch den nächsten den besten Sand oder Koth, Wasen, Stroh und Quecken, das sonst noch erträgliche Terrain zu grundlosen Morasten und Fluch auspressenden Mordwegeu nmschassen. Sehr oft habe ich es erfahren, daß natürliche Schlaglöcher weniger gefährlich zu passiren, als die geflickten Wege, die ich alsdann lieber gekünstelte Mordgrnben betitelt hätte. Ich halte es für überflüßig, das fehlerhafte der von Frost und Hitze hergenommncn Wegebessernngsmittcl weit- läuftig zu zeigen. Wer Wege, die geflickt werden, kennet, und dieKinberjahre zurück geleget, um von dep Ungewißheit, auch selbst uusrer sogenannten beständigen Iahrszei- ten, Erfahrungen zu fammlen, der wird jene willkührliche Besserung nie anpreisen, es sep denn, daß er es wage, den Rath hinzuzufügen: Unsere Frachten wie die Alten so einzurichten, daß wir sie nur in T 4 der 296 Es ist rathsaincr d:c Wcge der besten Iahrszeit ab - und zuführten. Soll eine Heerstraße nun zu allen Zeiten fahrbar seyn' so erfordert solche Aufsicht, mithin Kosten. Woher dann aber die Kosten dieser für die Ewigkeit angestellten Aufsicht, dieser Unterhaltung, so unbeträchtlich sie auch gegen das immerwährende Flicken seyn mag? Ist dazu ei» Weggeld gut nnd rathfam, wird-nicht der llnrerthau dadurch auf eine neue Art gedrückt, und wird denn solches zum Endzwecke hinreichen? Ich würde zweifelhast bei) dieser Frage gewesen seyn, wenn nicht einige Tage zuvor, als ich sie mir in einem ge- w sseu bände bei) der wirklichen Abfordcruug zweyer Gro- scheu für die Befahrung einer Meile neuerbauten Weges, auszuwerfen Gelegenheit hatte, mir ein Zufall alle Ke- denklichkeiten derselben auf einmal aufgelöfct hakte. Auf einer nicht zur Heerstraße geadelten, sondern sehr alten großen Route, trafen in einem Wirthshause verschiedene Fuhrleute mit mir zusammen. Sie zahlten eben wie ich ins Haus trat, für jedes Pferd, welches sie zur Zurück- legung eines noch nicht gar zu schlechteil Weges von drei) Stunden zum Vorspann dingen müssen, emen Gulden, nicht ohne Ausstoßung vieler Flüche und Verwünschungen des Ungemachs und der Kosten, welche ihnen die mit dem nächst gelegenen Sande, Wasen, Stroh und Quecken ausgebesserten Wege veranlasset hatten. Mit einer heitern Miene setzten sie das! Gottlob! in einigen Tagen treffen wir endlich aufbessere Wege, hinzu; wie geru zahlen wir da unfern Groschen und noch mehr! Dies machte mich aufmerksam, und sie versicherten mich, daß allein die Kosten des Vorspanns auf den geflickten Wegen, das Weg geld, so sie auf gründlich gebesserten Heerstraßen zahlen müßten, bep weitem überträfe, nicht zu gedenken, daß sie in einem Tage auf neuen Wegen zwo Tagereifen schlechter Wege zurücklegten, nnd also auf den erster» auch außer zu bessern, als auszuflicken. 297 außer der Zeit die kalben Zehrungskosten ersparten. Der Herr schaue nur, fügte der eine hinzu: An einem Dorfe lief vordem eine gewisse alte große Heerstraße hinaus; man hatte sie hier endlich mit Steinen, Koth, Holz und Dneeken auch für die besten Jahrszeiten zu einem fürchterlichen Mordwege geflicket, und nicht selten habe ich zwei,, dren und mehr Thaler aezahlet, um nur Zwei), drey oder mehr Pferde, und das nur noch ans großer Gefälligkeit der Einwohner des Dorfs, zum Vorspann zu erhalten, und meine Fuhr mit halsbrechender Arbeit in halben Tagen chngefähr drcp viertel Stunde vorwärts zu schleppen. Vordem passirte ich diese Straße mit Furcht und Zittern. Seit einigen Iahren ist sie neu erbauet und mit einer ansehnlichen Abkürzung von diesem Dorfe weggelegt worden. Nun befahre ich sie mit Freuden, fröhlich und singend entrichte ich mein Weggeld, denn es ersparet mir Kummer, Kosten und Zeit, und segnend preise ich dafür den guten Herrn und sein Land. Ich bin ungern weitlänftig: allein folgende Geschichte scheinet mir zugleich für die Erwartungen der von unserin Herrn Verfasser vielleicht nie selbst versuchten Winterhülfe zu entscheidend, als solche ganz mit Stillschweigen übergehen zu können; sie ist aus dem Munde eines andern meiner Fuhrleute. Im vorigen Winter war er nämlich ans einer öffentlichen Landstraße, ohngefähr hundert Schritte vor einem gewissen Dorfe, im Kothe stecken geblieben, zu einer Zeit, wo das angepriesene wohlfeilste Mittel, der Frost, zwar angefangen zu bessern, doch noch nicht völlig so gebauet hatte, daß es seine Pferde und Wagen tragen wollen. Auch selbst die im Dorfe erkaufte Hülfe hatte ihn nicht vor Eintritt der Nacht loshelfen können. Er hatte also im Dorfe übernachtet, oder vielmehr in bitterer Kälte seinen im frepen Dreck gesteckten Wagen bewachet, da indes der zufällige Wegbaner seinen Wagen des Morgens so stark eingemauert, daß er T ? ihn 29Z Es ist rathst.mcr die Wege ihn mit unsäglicher Mühe und Kosten loshauen lassen müssen, bis er endlich Nachmittags ins Dorf gekommen, und gerade vier und zwanzig Stunden zugebracht, um hundert Schritt Weges zurückzulegen, welche ihm, wie er noch mit Seufzen bedauerte, mehr gekostet, als ihm vielleicht fünfzig Meilen guten Weges an Weggelde nicht würben gekostet haben. Durch diese Erzählungen schon etwas bestimmter für das Weggeld, benahmen mir die Nachrichten, die ich einige Tage darauf der treuherzigen Höflichkeit einiger der Männer, die mir das Weggeld abforderten, zu verdanken halte, alle noch übrige Zweifel. Sie stimmten alle dar- inn übcrein, daß das Geld, was sie höben, blos zu Unterhaltung der Wege angewandt würde; daß alle vernünftige Reisende solches mit vielem Vergnügen erlegten; daß die Unrerthanen, welche die Last des Baues getragen, sich aber gar nicht zu beschweren hätten, indem sie mit halber sonstigen Anspannung und Zeit, ihre Produkte frei) verfahren konnten. Nun zahlte ich mein Weggeld mit Freuden, und segnete mit meinen neuliehen Frachtlenten die guten Landesherren, in deren Lande ich meine Scherbe zum gemeinen Besten mit einzulegen die Gelegenheit fand. Und wenn es denn auch besser wäre, gar kein Weggeld zu zahlen, dachte ich, ist es denn nicht auch eben so billig, bey dem Genuß eines allgemeinen Vorrheils auch gemeinschaftliche Beyhülfe zu leisten? Gute Wege erhalten sich nicht selbst; sie erfordern also wo nicht kunstn'.aßige Hände und gelehrte Aufseher, doch eine stete und vernünftige Aufsicht; diese halte ich aber in den Händen verständiger Leute immer klügerund vortheilhaster, als in den Händen der Lehmklecker, Flicker und Schmierer. Und nur dann erst, wenn die vernünftige Unterhaltungskosten das Weggeld überstiegen, dürfte vom Landesherr» ein Mehrers verlangt werden können. Hätte zu bessern, als auszuflicken. 299 Hätte unser Schriftsteller meine Frachtfahrer reden gehört: fo wurde ihm vielleicht die Sorge, daß die erbauten Wege des Weggeldcs wegen, aller Flüche und Versprechungen der Fuhrleute ohnerachtet, verfahren werden, weniger Kummer verursachen. Doch es geschehe ! Soll denn alles Gute desfalls unterbleiben, weil es gemißbrauchet werden kann? Die Freunde des Anbaues und der Bevölkerung, welche sich freuen, wenn in Heiden durch die sogenannte Absetzung der Wege, Land zur Culrur gewonnen wird, müssen wahrlich sehr seichte Begriffe von Heiden, Cnltur und Bevölkerung haben, oder der Herr Verfasser verstehet solche nicht recht. Es giebt aber auch Heiden und Moore, die der Fleiß zum besten Ueterlande umschaffen könnte; sie bleiben aber immer öde und unnütz, blos weil man sie als jene Wege behandelt, der Sonne und dem Froste allein überlasset, und übrigens kernen Handschlag zu ihrem Besten verwendet. Würden dergleichen Wüste- neyen, besonders wenn sie in der Nahe wohlbevölkertsr Dörfer oder gar Städte liegen, mithin die Herbcpschaft fnng des Mistes möglich, beackert, oder gewönne auch nur die Hude und Weide durch die Einschränkung des willkührliehcn Fahrens; würden, sage ich, dergleichen Wüsteneyen zur Cnltur oder mehrer Nutzbarkeit durch die mit dem Bau verknüpfte Einschränkung der Wege gebracht: so getraute ich mir zu behaupten, daß Hey dieser wie Hey allen Arten der Industrie im Ganzen gewonnen , und der Erbauung der Wege ein neues Verdienst aufgehen müßte. lIvVIl. ZO0 i,xvir. Erinnerung des Altflickers zum vorige!: Stück. Aufmerksame Leser und Kenner werden es vielfältig bemerkt haben, daß ich mich sehr oft einer Art der Rede bediene, welche Deklamation genannt wird. Es giebt verschiedene kleine alltägliche und auch sonderbare Wahrheiten, die man nicht interessant machen kann, ohne sie ans diese Weise aufzustützen. So wie aber diese Art des Vortrags auf der einen Seite ihre eignen Privilegien hat: so würde es ans Seiten der Leser sehr unbillig gehandelt sepn, wenn sie dasjenige, was Deklamation ist, für eine strengere Art der Rede, und z. E. die Gründe, so gegen die Wochenmärktc vorgebracht worden, für richterliche Entschcidungsgründe halten wollten. Die Deklamation ist ein gutes Mittel, gewissen kleinen veruach- käßigten Wahrheiten eine solche Große und Gestalt zu geben, daß der Richter be» Abfassung des Urtheils sie nicht übersehen möge. Hätte der Verfasser des obigen Aufsatzes ein gleiches bemerkt: so würde er die Gründe für das Flicken der Wege nicht so gar ernstlich genommen haben. Seinerseits hat er große und auffallende Wahrheiten vorzutragen, welche sich jedem Auge frei) darstellen und ohne Kunst einleuchten. Dieses hatte der Altflicker nicht, und gleichwohl hatte er doch auch etwas zu sagen, was nach Beschaffenheit der Umstände, insbesondere aber des Bodens, worauf er flickt und schreibt, sicher richtig ist, wenn es auch in der Sphäre des Patriotismus, worinn der Herr Widerleget' die Wege zu übersehen hat, ganz anders aussehen sollte. Das Beste wird wohl sepn, den Streit in der Güte dahin abzurhun, daß Krücken vortreffliche Maschinen bleiben sollen, wenn es gleich besser ist, sie gar nicht nöthig zu haben. l.XVIIl. ZO1 IXVM. Wie viel braucht mair, um zu lebeit? Was braucht IN an, um zu leben; ist zwar eine alte, aber auch noch nie völlig beantwortete Frage. Ein Thorschrciber, dem der Fürst jährlich hundert Thaler gab, stellte einmal nnterthänigst vor: Es sey unmöglich, bey den gegenwärtigen thcuren und verschwendrischen Zeilen von hundert Thalcrn zu leben; er Hache eine Frau und sechs Kinder; wenn er auf jede Person auch nur jährlich Zwanzig Thaler rechne, und so viel bewilligte man doch wohl zum Unterhalte eines Fündlings, so wäre es offenbar, daß er damit nicht auslangen könnte; er muffe also nothwendig ein Betrüger werden, oder als ein ehrlicher Mann verhungern . . . Der Fürst ließ sich endlich bewegen, demselben jährlich drephundert Thaler zu geben, ohnerachtet die Accise an dem Thore, wo der Thorschreiber stand, nicht völlig tausend Thaler des Jahrs einbrachte, und der Schreiber solchergestalt über dreyßig Procent von der Einnahme er hielt. Wer war froher als der Thorschreiber? Seine Frau, welche bisher nur Kontuschen getragen, legte sich eine Adrienne zu, die Töchter wurden lviacleiavllallos geheißen, und die Söhne mußten als Kinder eines großen Fürstlichen Bedienten zum Stndiren angehalten werden. Kaum aber hatte diese Veränderung einige Jahre besinn- den: so war der Thvrschreiber in Schulden, und stellte abermals vor: Es sey schlechterdings unmöglich, daß er mit dem ihm gnädigst bewilligten Gchalr auskommen könnte. Höchst - dieselben würden gnädigst erwegen, daß, wenn er nnr einigermaßen Stan deSmäßtg leben sollte, auch ZO2 Wie viel braucht mau, um zu leben? der sparsamste Bediente von seinem Stande damit nicht ausreichen könnte. Der Unterricht seiner Kinder, welche doch nach ihrem Stande stndi- reu müßten, nehme wenigstens das dritte Theil seines Gehalts weg, und da der älteste bald auf die Universität müßte: so würde dieser allein den Ueberrest seines Gehalts verzehren.... Der Fürst legte hieraus seinen Ministern die Frage vor: ob er keinem seiner Bedienten eine Zulage geben könnte, ohne zugleich eine Standeserhvhung zu veranlassen? Die Minister antworteten: Es wäre natürlich, daß ein Mann, der viertausend Thaler jährlicher Besoldung hätte, mehr verzehren müßte, als ein andrer, der nur zweytauscnd erhielte, und daß derjenige, der vierhundert Thaler erhielte, sich höher achtete als ein andrer, der nur die Hälfte bekäme. Die Folge hievon wäre, daß diejenigen, so große Besoldungen hätten, eben so wenig leben könnten, als die andern, so geringere hätten; und wenn Ihro Fürstl. Durchlaucht Dero eigenen Eammeretat nachsehen zu lassen geruhen wollten: so würde sich finden, daß Höchstdieselben eben wohl nicht Standesmäßig leben könnten. Es wären in dem Fürstlichen Hause so viele Prinzen und Prinzeßinnen, so viele Apanagen, so viele hohe und niedrige Bediente . . . Der Thorschreiber wurde nun zwar hierauf in Gnaden beschieden, daß wenn er von dem Dienste nicht leben könnte, es ihm frey stehen sollte, einen bessern zu suche». Allein der Fürst war dadurch doch nicht beruhiget, und glaubte immer noch, daß seine Minister der Frage kein Genüge gerhan, wenigstens die Quelle des Nebels uimt recht aufgedeckt hätten. Er wandte sich also an seinen alten längst aus dem Dienste getretenen Canzler, der vorhin Wie viel braucht man, um zu leben? zvz bin feines Großvaters einziger gehcintter Rath, Cammer.' Präsident und Secretarius gewesen war, und bat denselben, ihm seine Meynnng hierüber zu entdecken. Dieser versetzte mit wenigen Worten: Euer Fürstl. Durchlaucht Herr Großvater hielten wenige und gute Bediente; sie forderten von denselben Arbeit und Treue, und verließen sich auf beydes. Ihr Herr Vater liebte eine andre Ordnung; es wurden so manche Departements gemacht, als Sachen waren; dazu kam ein Oberdepartement, um alle die andern Departements zu beachten; zu jedem wurden ein paar Rache, ein paar Secretan'en und verschiedene Unter^ bediente nothwendig erfordert; diese Departements forderten sodann besondere Zimmer, Archive, Acten, Rechnungen und Berichte; die Mitglieder derselben beeiferten sich um die Wette, um die Sachen in die schönste Ordnung zu bringen ; sie erfanden die deutlichsten Formulare, Rubriken, Tabellen und hundert andre Dinge, wozu immer mehr und mehr Hände, immer mehr und mehr Papier, immer mehr und mehr geschickte Leute erfordert wurden. Der Thorschreiber dienst wurde zu einer Wissenschaft, und der Untervogt mußte einen zierlichen Bericht zu erstatten im Stande seyn. Eure Fürstl. Durchlaucht waren zu dieser Orb. nung erzogen; Sie verbesserten dieselbe noch in vielen wesentlichen Stücken, und ich gieng als ein alter Mann mit dem vergnügten, aber auch traurigen Anblick ans Dero Diensien, daß meine Arbeit unter fünfzig Personen vertheilet wurde. Indessen habe ich mir neulich den Eeneraletat von der jetzigen Einnahme vorzeigen lassen, und gefunden, daß Höchstbieselben jetzt jährlich zehntausend Thalcr mehr, wie der Herr Großvater, einzm nehmen, aber auch funfzigtausend Thaler mehr für die Dienerschaft auszugeben haben, als wie ich Canzlsr Mit zc?4 Wie viel braucht mau, um zu leben V mit einer Besoldung von fünfhundert Thalern mar, und eine» Schreiber hatte, dem hundert Thaler in Gnaden gereichet wurden .... Aber, sagte der Fürst, es ist doch nicht möglich, daß ich etwas von dem allen einschrauben kann. Ein Milirair departement ist unentbehrlich, weil es mit Leuten befeyl seyn muß, welche das lVIillmii-c! ans dem Grunde verstehen. Das Cammcrdepartement erfordert unstreitig feine eignen Leute, und diejenigen, so dabey stehen, haben alle Hände voll zu thuu; ohne ein Justizdepartemeut bann kein Land bestehen, wie vielen Ungerechtigkeiten würden sonst meine armen Unterthanen nicht ausgesetzt seyn? Das geistliche Departement läßt sich mir dein weltlichen gar nicht vereinigen ; und die Regierungssachen erfordern wahrlich auch geschickte Männer, damit alles in der Ordnung und der Friede mit den Nachbaren erhalten werde. Das Hos- departement ist in allen Ländern von den übrigen getrennet; der Stall, die Küche, der Keller, die Capelle, das Theater, die Jagd, die Hofgebäude, die Gärren, die Lustbarkeiten — wollen durchaus besondre Leute, und ein Marschallamt; der geringste Edelmann in mecnem Laude hat ja seinen Secrecair, Obcrverwalrer, Unterverwalter oder Koruschreiber, seinen Haushofmeister, seinen Cammerdiener, seinen besondern Braten- Pasteten- und Snp- penkoch, seinen Haushalrungsgegenschreiber, seinen Kut scher, Postillon und Vorreuter, seine Jager, Bediente, Läufer, . . . Wie will ich dann mein Ansehen unter diesen behaupten, wenn ich mich wie mein Großvater mit einem Canzler begnügte, und die Departements dagegen eingehen ließe? Dieses ist auch meine Meynnng nicht, versetzte der Canzler, ich habe weiter nichts sagen wollen, als daß ein Fürst wider die schöne Ordnung und wider das viele Sim- plisiciren, welches sich unter der Dienerschaft immer mehr und Wie viel braucht man, um zu leben? ZvI «nd mehr ausbreitet, auf seiner Hut sepn müsse. Eine große Bibliothek kann und muß nach den Wissenschaften geordnet werden. Man wühlt billig für jede Klasse ein besondres Repvsttorium, und in dem Bücherverzeichniß eine besondre Rubrik. Wenn man aber dieses bey einer kleinen Bibliothek thnn will: so kömmt unter jeder Rubrik und in jedes Repositorium oft nur ein einziges Werk; und es wird auf diese Art viel Papier, viel Holz und Raum verschwendet. Eben so geht es auch mit den Departements, mit den vielen bcsondern Rechnungen, Etats und Berichten; diese vermehren die Arbeit, aber nicht die Einnahme, und ein Fürst, der alles selbst sehen, lesen und wissen will, ist in »teilten Augen ein Mann, der, um einen Fuchs zu saugen, mit zehntausend Uuterthaneu ein Treibjagen anstellet. Ich dächte, man ließe dem Fuchs ein Huhn und stellte das Treibjagen ein. Stille, mein lieber Canzler, schloß der Fürst, die Ordnung, die Ordnung ist eine so schöne, so nothwendige, so wichtige Sache . . . und ein Fuchs ist für die armen Hühner ein so schädliches Thier. Doch um auf uusre vorige Frage zu kommen und von der Sache recht aus dem Grunde unterrichtet zu seyn, wollen wir durch unser Intelligenzblatt einen Preist von 50 Ducaten für die beste Ausführung über die Aufgabe bekannt machen lassen: Wie viel braucht Man, um zu leben? — Mosers phank. N. Theil. y k.XIX. ZO6 Schreibett einer Mutter ZIXIX. Schreibett einer Mutter an einen philosophischen Kmdcrlchrer. I)?it einem Worte, ich mag Ihr ganzes Geschwätz von der Erziehung meiner Kinder nicht mehr hören. Die Grunde für die Tugend sind gut, und meine Mädchen sotten sie auch fassen. Aber die Erfahrung lehrt mich, nicht alles ans Gründe und Erkenntniß der Pflichten ankommen z» lassen. Die Natnr hat uns Empfindungen und Leidenschaften gegeben, welche sowohl bey kleinen als großen Kindern zu nutzen sind; und ich sehe gar nicht ein, warum ich meine Mädchen nicht eben so gut durch ein: Was werden die Leute davon sagen? als durch eine Vorhaltung ihrer Pflichten znm Guten leiten soll. Wenn wir aufrichtig reden wollen: so müssen wir gestehen, daß bep jedem Menschen die Empfindung der Ehre am stärksten unter allen würke, und daß die Ehre, eine ehrliche Frau zu sepn und dafür gehalten zu werden, mehr Gutes thne, als die Pflicht, es zu sepn. Wenn mein ältestes Mädchen, was jetzt l6 Jahr alt ist, einen zärtlichen, obgleich noch sehr unschuldigen Blick auf einen jungen Menschen schießen läßt, so renne ich ihr, sobald ich sie allein fassen kann, mit einigen Sarcasmen zu Leibe. Da ist sie eine verliebte Thörin, der junge Mensch ein Lasse, der noch kaum der Ruthe entronnen ist; da frage ich sie: was diese und jene, so ihren zärtlichen Blick wahrgenommen, wohl von ihr gedacht habe, und in welchen Ruf sie sich fetzen werde, wenn sie schon so früh geschmeidig werde? — Auf diese Weife suche ich ihre ganze Ehrbegierde zu reißen; und wenn es denn auch Zeit ist: so halte ich ihr ihre Pflichten vor. Ich verlasse mich aber in der That mehr auf meine Sarcasmen, und auf ihre Empfindungen von Ehre, als auf die Wür- kung an anm philosophischen Kinderlchrcr. 307 kimg der übrigen Sittenlehren. Jede ehrliche Hausmutter wird Ihnen hieben sagen, daß ich auf diese Art mehr ausrichte, und das zarte Alter meiner Kinder glücklicher zum wahren Alter der Ueberlegung durchführe, als alle die Hofmeister und Hofmeisterinncn, welche die Fürstlicheit Prinzen und Prinzeßinnen mir kalten Vorstellungen ans der Religion und Sittenlehre unterhalten, und in diesem Jahrhundert eben nicht viel Ehre eingelegt haben. Die große Mühe, den Kindern von allem deutliche Begriffe zu gebe», kann ich noch weniger billigen, so strenge auch unsre Neuer» in dieser ihrer Forderung sind. Ei» deutlicher Begriff kömmt mir gerade so vor, wie eine Ha- bersuppe, worin» man Wasser und Grütze, Butter und Salz völlig von einander unterscheiden kann. Aber cm dunkler Begriff ist wie ein Pudding von Miß Samsoe, worin» die Masse vortrefflich schmeckt, ohnerachtet man nur eine kleine Vermnthung von allen einzelnen Ingredienzen bekömmt. Jene würket Ekel, und dieser gleitet oft mit so vieler Wollust herunter, daß die Vorstellungen des Leibarztes nichts dagegen vermögen. Die ganze philosophische Moral scheinet mir eine solche Habersuppe z» seyn, und es nimmt mich gar nicht Wunder, daß Menschen, die blos durch deutliche Begriffe gcführet werden, bep jedem Pudding gegen ihre Ueberzeugung handeln. Einer unsrer großen Philosophen hat das Ueberge- wicht der dunklen Begriffe über die deutlichen aus eine» solchen Pudding gegründet; und da es uuwidersprechlich ist, daß eine größere Summe von Ingredienzen mächtiger würkt, als wenigere, und daß jene nothwendig minder deutlich geschmeckt werden können, als diese : so sehe ich gar nicht ein, warum man bey Erziehung der Kinder blos die Habermoral gebrauchen solle. Deutliche Begriffe Helsen überdem allemal die Ent- schuldigungen erleichtern» Wenn ich mein Mädchen vor U s einem ZO8 Schreiben einer Mutter einem üblen Ruf zittern mache und ihre ganze Ehrbegierde dadurch in Flammen setze: so stürmen eine Menge von Begriffen und Folgen auf ihre Seele, welche sie mächtig dahin reisten. Erklare ich ihr aber die Bestandrhcile des üblen Rufs, sage ihr, woraus das Publikum, was den bösen Ruf giebt, bestehe; aus wie vielen alten Weibern dasselbe zusammengesetzt sey, wo die Grunze zwischen dem Wahren und Falschen liege, und was wir für einen Werth auf das Urrheil des gemeinen Haufens zu legen haben: so wird sie meine Warnung zerlegen, Stückweise ausein- ander setzen, und mir zeigen, daß ich offenbar Unrecht habe; besonders, wo ich blos eine unschnldige Handlung an ihr getadelt habe; und das ist durchaus der gewöhnlichste Fall, worinn sich eine Mutter befindet. Die unschuldige Handlung, welche die nächste Stufe oder Gelegenheit zu einer bösen ist, muß schon mit einer üblen Ver- mnthlmg verfolgt und bestraft werden, um die Kinder vorsichtig zu machen. Ein junges Mädchen, das mit einer Mannsperson einsam und allein geht, kann sich mit ihm von Lugend und Religion unterhalten. Eine Mutter:.geht aber allemal sicherer, wenn sie ihnen eine schlimmere Materie unterschiebt und ihre Tochter mit keiner Entschuldigung höret. Man solle dem Kinde, sagen Sie weiter, gar keine Unwahrheit, gar keine falsche Gründe sagen; dagegen habe ich nichts. Ist es aber nicht auch eine Unwahrheit, wenn man bittere Arzneyen in Süßigkeiten verbirgt und einem Kinde die Pillen verguldet? Ist es nicht allemal eine Unwahrheit, wenn.ich dem Kinde die Gefahr zu fallen oder zu ersaufen lebhafter und größer vormale, wie sie wirklich ist, oder ihm das Zahnausreißen zum Vergnügen mache? Meine Mutter sagte mir hundertmal: Kind, laß die junge Katze gehen, es ist ein falsches Thier, sie beißet oder kratzet dich. Ich antwortete allemal: ach nein Mama, es ist ein sanftes, poßirliches und allerliebstes Thier, an einen philosophischen Kinderlehrer. 309 Thier, sie beißt mich nicht, sie streichelt mich mir. Wenn aber meine Tante mit einem erschrockenem und vielbedeutendem Gesichte rief: Madchen, laß die Katze gehen, ihre Haare sind giftig; flugs jagte ich sie weg, besähe meine Hände, und wenn iinr das geringste rvthe Fleckchen daran war: so glaubte ich schon vergiftet zu sepn. Meine Tante sagte eine Unwahrheit, aber diese rettete mir vielleicht ein Auge, welches eine böse Katze einer kleinen Verwandtin von mir auskratzte. Dieses heißt jedem Alter seine Gründe, die es fassen kann, anpassen, und das moralische Spielzeug oder die Wicgenmährcheu da gebrauchen, Ivo es vergeblich seyn würde, von Pflichten, deren Verbindlichkeit ein Kind nie mit der gehörigen Stärke fühlt, zu reden. Alles, was Sie mir von dem Unterricht des Verstandes und der Besserung des Willens sagen, verwerfe ich nicht: nur müssen Sie den letzten nicht blos vom ersteu abhängen lassen. Besuchen Sie alle Hansmütter auf dem Lande, und bemerken die Art, wie sie ihre Kinder erziehen. Keine einzige unter ihnen wird sich geradezu darum bemühen, ihren Kindern einen Begriff von der Moralitat freper Handlungen zu geben. Jede wird nach einem praktischen Gefühl die Hauptleidenschaft ihres Kindes zu seiner Besserung gebrauchen, und ihm blos den unmittelbare!» Schaden vormalen, den es von einer bösen Handlung hat. Diesen Weg hat sie die treue Erfahrung gelehrt; der unmittelbare Schade, sollte er auch in einer guten Züchtigung bestehen, würfet näher und schärfer, als der entfernte, der durch Schlüsse herbeygeholt wird. In allen unfern Handlungen liegt zwar ein Schluß zum Grunde, aber es ist falsch, daß wir ihn allemal selbst machen. Der glückliche Mensch wird leichter und schneller geführt, als durch kalte Ucbcrlegungen. Die Leidenschaft, diese edle Gabe Gottes, führet ihn sicherer, als die aufgeklärteste Vernunft; und Leidenschaften geben Fertigkeiten, U z welche Zio Uebev die Erziehung der Kinder welche zur Zeit der Versuchnng treuer aushalten, als das Urtheil, was nach Gründen gefallet werden soll. Vielleicht übertreibe ich die Sache auf der einen Seite, aber Sie übertreiben sie gewiß auch auf der andern. Doch ich habe Ihnen heute genug gesagt, daher will ich das übrige ein andermal nachholen. I.XX. lieber die Erziehung der Kinder auf dem Lande. ^Hch weis nicht, was unserm Herrn Caittor in den Kopf kommt. Alle Inngen und Mädchen sotten lesen und schreiben lerne:;; dabei) predigt er ihnen einen Catechismns, der ist so dick wie mein Gesangbuch, und wenn er von der Rinderzucht'spricht: so sagt er weiter nichts, als wie glücklich die Kinder sind, die nicht wie die Heiden aufwachsen, sondern lesen und schreiben und ans alle Fragen antworten können. Nun soll mich zwar der Himmel wohl dafür bewahren, daß ich nnsern Herrn Cantor meistern sollte. Allein ich fühle doch, daß die Kinder mehr zur Handarbeit angeführt und dazu von Jugend aus gewöhnet werden müßten; ich fühle, daß das viele Buchstabircn und Schnl- gehen unsere Jugend vom Spinnrocken zieht, und daß ietzt kein einziger Junge mehr im Kirchspiele ftp, der täglich drey Strümpfe knütten kann, da sie es m meiner Jugend doch alle konnten. Ich habe nun mein achtzigstes Jahr erreicht, und kann sagen, daß ich die Welt von hinten und von vorn gesehen habe. Allein unter allen, die mit mir aufgewachsen sind, war kein einziger, der schreiben lernte. Man sähe dies als eme.Art von bürgerlicher Be- auf dem Lande. Beschäftigung au, die blos in den Städten und von Leuten, die keinen Ackerbau und keine Viehzucht hätten, getrieben werden mußte. Das Lesen, wie mir mein Vater sagte, wäre erst in seiner Jugend unter den Laudierten Mode geworden; und dieser hätte es noch wohl von seinem Vater gehört, daß in seiner Kindheit das ganze Jahr hindurch nur drei, Gesänge in der Kirche wären gesungen worden, welche ein jeder ans dem Kopfe gewußt hätte. Darauf wäre erst ein kleines Gefangbuch gekommen; dem sey ein etwas dickeres gefolgt, bis es endlich zu feiner Zeit zu einer ganzen Dicke angeschwollen sep. Was ist aber von allem die Folge gewesen? Unsre Kinder haben min- drc Lust, Fertigkeit und Dauer zur Handarbeit erhalten; sie haben geglaubt, wenn sie schreiben, lesen und auf alle Fragen antworten könnten: Do waren sie besser, als diejenigen wäre», die dreh Strumpfe im Tage knütteten. . ... ' In der That aber sehe ich doch eigentlich nicht, was das Schreiben einem Ackermann sonderlich nütze. Wenn er weis, wie viel Glas Branteweiu oder wie viel Krüge Bier durch einen Strich an der Tafel bezeichnet werden; wenn er die große Erfindung des Kerbstocks, wovon unser Weyer letzthin geschrieben hat, kennet; und wenn er endlich drey Kreuzer zum Wahrzeichen malen kann: so hat er meines Ermessens alles, was er von dieser Seite gebraucht. Mir sind wenigstens ganze Jahre vorbei) gegangen, ohne daß ich einmal Dinte im Haufe gehabt habe. Wenn ich etwas an meinen Procnrator zn schreiben hatte, so sagte ich es dem Cantor; und im übrigen konnte ich mich mit einem Stückchen Kreide und einem Kerbstock be- helfen. Das Lesen kömmt mir blos in der Kirche zu statten, und würde überflüßig seyn, wenn wir das ganze Jahr hindurch einerlei) Gesänge hätten. Wozu nützt es also, daß man unsern Kindern statt des Flegels die Feder in die Hand giebt, und sie bis ins sechszehnte oder achtzehnte Jahr mit solchen Tändeleycn, die fein Brod geben, !! 4 herum- zi2 Zufallige Gedanken herumführt? Ihre Knochen bekommen keine Härte, und ihre Nerven keine Starke; und wie manchen versucht nicht eben fein Lesen und Schreiben nach Amsterdam oder nach Ostindien zu gehen, und dort eine Gelegenheit zu suchen, um seinen vaterlichen Acker zu meiden? — — Was die Mädchen betrifft, o ich mochte keines hepra- then, das lesen und schreiben kann. Wissen ste das, so wissen sie auch .... I.XXI. Zufällige Gedanken bey Durchlefung alter Bruchregister. Äic Strafgesetze und Strafrcgister dienen ungemein, den Charakter einer Nation in gewissen Zeitpunkten zu bestimmen. Man gehe ein Straf-, oder wie wir sprechen, B r u eh registe r von hundert Jahren durch: so wird man mit Vergnügen bemerken, wie gewisse Verbrechen zn einer Zeit sehr hanfig vorkommen, die sich z» einer andern ganz verlohren habe»; nicht sowohl weil der Mensch tugendhafter geworden, denn sonst würde ein sol' ches Register gegen Rousseau beweisen, daß die Wissenschaften die Menschen frömmer gemacht hatten; sondern weil die Leidenschaften einen feiner» Weg zum Ausbruche genommen haben. i In dem Register des Osnabrückischen Amts Fürstenau von den Jahren 1550 bis 1600 sind im Durchschnitte jahrlich rso blutige Schlagerepen, oder wie es heißt Blutru n n e n und zwey Todtschlage, oder nach der damaligen Sprache, Ne dd er sch l äg e, bestraft, und diese Zeugnisse einer Wildheit nehmen immer mehr und mehr ab, so daß sie in den nenern Zeiten, ohncrachtct sich die bcy Durchlesung alter Bruchrcgistcr. z i z die Einwohner gewiß dreyfach vermehret l oben, nicht den zwanzigsten Tbeil der alren Zahl ausmachen. Von dem Nedd erschlage heißt es immer nur schlechthin: 1532. Vor einen Nedderschlag tor Boet- fertigung X Mark. Vor einen Doetfchlag X Mark. Vor einen Nedderschlag selv syfte tor Boetferdigung XX Mark. 1541 Wurden bald ?Mk. bald 6Mk. dafür berechnet. 1544 Bald 8, bald 9, bald 20 Thaler. 1560 Wegen eines Nedderschlages vor ein Wehrgeld i o Thaler. 1561 Vor ein Wehrgeld tor Begnadigung sines Halses 85 Thalcr. 1562 Vor einen Nedderschlag z 2 Thlr. Vor eine verbrochene Halssirafe 4 5 Thlr. 1566 Wegen eines Nedderschlages so billig höchstnö- thig zu bestrafen - - icooThlr. 1568 Vor einen Nedderschlag selb dritte, jeder 6 Thl. 1570 Steht mehrmalcn anstatt W e h rg e ld, F a h r- geld. 1571 N. N. Dat he ut tornigen und hastigen Mode syner Tochter mit der Exen dat Been terschlög davon sc stars - - 71 Thlr. 1575 Vor cinWehrgeld und das Land wieder zu kaufen, bald 7, bald 35, bald 20, bald 18 Thlr. 1579 Vor ein Wehrgeld 2 8 Thlr. 1597 Vor Wehrgeld einmal 28, und einmal 2 z Thlr. und nach dieser Zeit verlieret sich das Wehrgeld ganz, entweder weil die Todtschlage seltener geworden, oder doch die Strafe dafür am Amte nicht mehr berechnet worden. Diebereyen oder nach damaliger Redensart, D live talle, finden sich wenig, vermuthlich weit noch wenig geringe Nebenwohner in: Lande gednlder wurden, und wenn sie sich fanden, wurden sie scharf bestraft, als z. E. u 5 i;z2. Zufällige Gedanken 1532. N.N. Dat he eene unrechteGoes ankleef 7 Mk. (Der Ausdruck zeigt, daß mau sogar dir Worte geschonet, und einen Gausedieb keinen Gänscdieb hei? Heu wollen.) woraus man wohl schließen mag, daß die Begriffe von Ehre, welche nach der damaligen Sitte durch Nedderschla- ge und blutige Wunden eher erhöhet als erniedriget wurden, höher als jetzt gewesen. Vielleicht ist dieses auch die Ursache, warum wenige Scheltungen oder trockene Schlage, Dufschlage (wovon wir noch das Wort Düfken haben), vorkommen, nnd warum die unterlassene Anmeldung eines verbistertc» Rindes im Jahr 1579 mit 6 Thlr.; und der Hehler gcstohlner Sachen immer scharf bestraft worden. Der Begriff von Ehre würkte auch allem Ansehen nach mit ein, wenn gebrochene Gelübde mehrmalcu sehr hoch und gebrochene Wi li- kühren beständig geahndet wurden. Daraus, daß im Jahr 1542 Heinrich Schräge dafür Dat he moetwilligcr Wpse ohne Wegerung gcborlicker Rechten Vyant geworden, um -2 Goldst. bestraft wurde, läßt sich auch wohl noch vermnthen, daß jedem freycn Menschen das Recht, die Gesellschaft, welche ihm nicht zu gebührlichen Rechte verhelfen wollte, zu verlassen, und in den natürlichen Zustand des Krieges zurückzutreten, auch damals, nachdem durch den Landfrieden von 1521. alle Fehde ausgehoben war, noch zugestanden habe. Boy dem Rüge - oder Bruchgerichte durfte aber doch niemand in seiner eignen Sache selbst ohne Erlaubniß sprechen; wo er nicht das Nrtheil N. N. Dat he im Gerichte ane Vorsprachen gekallet z Mark, hören wollte, welches eine gute Vorsicht sowohl für den Verklagten, der sich im Epfer leicht vergißt oder zu heftig bey Durchlest'.-'.g alter Bruchregister. ZiJ kig ausdrückt, als für den Beamten, der sonst viel un- uöthigcsZmg anhören muß, gewesen zu seyn scheinet. Bey dem allen sind doch dieBmchfälle noch nichtsehr vervielfältiget, und der bestraften Arten von Verbrechen sehr wenig in Vergleichung der neuem Zeiten. Das inehrste ist anfänglich Blutronne, Niederschlag, Friede- brnch und Gewalt; so wie sich aber in dem, für die deutsche Polizey merkwürdigen sechszehnten Jahrhundert, die Neichspolizeygefetze vermehren: so häufen sich auch die Strafen, von wuchcrlichcn Kornzinsen, heiligen Bieren, dreitägigen Kindelbieren, Gastgcboteu, so Gntsetznugcn (wird die jetzige Kistenfüllunge seyn), genannt werden, und dergleichen. Durchgehends herrscht aber eine grössere Streng? als jetzt. Man war auch minder zärtlich und verschmähete im Jahr ,6oo. den Stcrbfall von Leuten, so damals an der Pest gestorben waren, nicht; auch sogar die Sagüner oder Zigeuner wurden 1532 mit Gelde bestraft, weilen sie ohne Geleit ins Land gekommen waren. Die arabische Zahl tritt in der Rechnung vom Jahr 1594. statt der römischen ein; nachdem jedoch die erste- re eine Zeit von zo Jahren mehrmalen schon ains Iloem« gebraucht worden. Gegen das Jahr 1572. vermehrten sich die hochdeutschen Ausdrücke: in der Sediskarenz von 1574. kommen auch schon hochdeutsche Rubriken auf, und gegen 1590. verliert sich das plattdeutsche fast gänzlich. Dergleichen Bemerkungen können dienen, die Aufrichtigkeit alter Register zu prüfen, und sie von neuem oder veränderten zu unterscheiden. Zl6 I.XXII. Vom Glücksspiele am Abend der heiligen drei) Konige. ^s heißt in den Statuten der Stadt Bockholt im Mün- sterschen: Allen Bürgeren, Jnwoners, Kindern und Knappet is von olderInsettunge des gemeinen Rades verboed- den, bat nemand Doebelen, Crucemun- ten, off einig Spill spellen fall, dar men Geld med-' de wyunen off verleercn mach, uppe geinen Steeden cfft Tiden, buiteu osste binnen Bockholt, nitgesegt Schan ktafelle, Worttafelu, Bozeln, offt derglicken, ock nitgesegt alle Nyjahr 6 Ave n- de, und der H. dre K vnig e Av eu d e, war dat dan geschege mit Vrölickhcpdeu in Gesterpen, in Gescllschappen in ein loencn Becken mit twen Dobbelstepnen, de mesteOgen to werpen S. N u n ning in IVIooum. IVIoualk. S. 280. Der Geist dieses Gesetzes, der menschlichen Tborheit zweymal im Jahr einen fröhlichen Ausbruch zu gönnen, damit sie keine böse Gährung im Körper veranlaffe, ist merkwürdig, und hat vielleicht mehr gewürkt, als die Strenge unsrcr heutigen Gesetze, welche den menschlichen Leidenschaften gar keinen Spielraum verstatten. Selbst den Ordensgeistlichen erlaubten unsre billigen und praktischen Vorfahren, in gleicher Absicht eigne Feste. S. OiclV. LdicsVtW, unter dem Worte: /s/n /o/Q'. Jetzt ist nur noch der König von England, der zur Urkunde jener alten Gewohnheit ans H. drey Könige Abend mit den Großen seines Hofes Würfel spielt; wovon der Vortheil für die Armen ist. Man schließt aber leicht aus der Vergleichimg dieser Ceremonie mit den Bockholtischen Statu- Die Ehre nach dem Tode. zi? Statuten, daß es eine allgemeine deutsche Gewohnheit gewesen, auf Heil, drep Könige Abend Glücksspiele zu spielen, oder sich etwas mehr zu erlauben, als die Gesetze sonst gestatteten. Z^XXIII. Die Ehre nach dem Tode. ^)ie Zeit, mein Sohn, daß ich aus der Welt scheiden muß, nähere sieh nun mit jedem Tage; ich fühle, daß ich keinem weiter nützlich seyn kann, und stehe andern, die das Werk frischer augreisen können, nur im Wege. Bereite dich also nur in Zeiten, deinen Vater, der dich so sehr geliebt hat, zu verlieren; versprich mir aber vorher, daß du mir nach meinem Tode ein Denkmal in uns- rer Kirche aufrichten lassen wollest, wodurch mein Andenken noch auf einige Zeit dem Staate, dem ich gedient habe, erhalten werde. Ich weis zwar wohl, daß die heulige Welt über dergleichen Dinge spottet. Laß dich aber dadurch nicht abhalten, meine letzte Bitte zu erfüllen. In dem vorigen Jahrhundert, worinu ich gehöhten bin, wurde jedem verdienten Mann ein solches Eh- rengedächrniß errichtet, und ich glaube es auch verdient zu haben. Die Sitte der damaligen Zeit gefällt mir überhaupt besser, als die jetzige, und ich sehe es als eine höchstschädliche Neuerung an, daß man den verdienten wie den unverdienten Manne ganz in aller Stille verscharret, und oft den einen so wenig als den andern mit einem Stein bedeckt, der seinen Namen der Nachwelt meldet. Wenigstens scheint mir diese Neuerung eine große Epogue in der Geschichte der menschlichen Den- kungs- Z18 Die Ehre nach dem Tode. knngsart zu machen, und mehrew'Aufmerksamkeit zu verdienen, als man insgemein darauf wendet. Die Zeit, welche ich gelebt habe, hat mir diese Veränderung mit ihren Ursachen leicht entdeckt, und ich kann, sie dir mit wenigem sagen. Vordem arbeitete ein jeder für seinen Nachruhm, jetzt für den Tag, den ihm der Himmel giebt. Unbekümmert um den Tadel, wie um den Ruhm der spatern Zeiten, genießt er was er findet, verzehrt was er hat, und dient, um genießen und verzehren zu können. Der Glanz eines kurzen Tages hat mehrern Reiz für ihn, als der größte Dank des spatesten Jahrhunderts, und das Glück mit Sechsen fahren zu können, ist ihm köstlicher, als die Ehre eines marmornen Denkmals. Das ist die kurze Geschichte, und nun erwege: ob die Sitte der vorigen oder der jetzigen Zeiten, die beste sey? In Heyden Fallen kömmt es auf die Befriedigung einer Ehrbegicrde an. Aber die erstere Art der Befriedigung ist dem Staate unstreitig weit nachtheiliger, als die letztere. Erstere führt zu fortwahrenden Verschwendungen, großen Besoldungen, schädlichen Zerstreuungen, und eine i sittlichen Verderben; anstatt daß die letztere nichts als eine wahre Größe im Leben und einen maßigen Aufwand nach dem Tode erfordert. Sicher würkt auch die Ehre, bey der Nachwelt in einem gesegneten Andenken zu seyn, starker, als ein Stern, Band oder Tittel, womit ein kleiner Fürst oft einen noch kleinern Diener beschenkt. Wir sehen es an den Gelehrten, welchen man die Pedanterey für ihren Nachruhm zu arbeiten, verzeihet; wie vieles opfern ldiese von ihrer Ruhe, von ihrer Gesundheit und von ihrem Vermögen nicht auf, um durch ein unsterbliches Werk ihren Namen auf die Nachwelt zu bringen? Keine Ehrbegierde ist durch das ganze Leben fo dauerhaft und anstrengend als diese, und keiner von ihnen würde so gerren, so fleißig und so schwer Die Ehre nach dem Tode. z 19 schwer für irgend eine Besoldung oder Belohnung arbeiten , als sie für das Lob der Zukunft thun. Kein Augenblick geht ihnen ungenutzt vorüber, und alles, was .andre den Lustbarkeiten aufopfern, das wenden sie nüt dein größten Geitzs für einen guten Nachruhm an. Jedem ist es nicht gegeben, sich durch gelehrte Werke zu verewigen. Es würde auch gewiß nicht gut seyn, wenn die Ruhmbegierde alle Menschen nöthigte, diese Bahn zu laufen. Für diese nun, die gleichwohl auch ihre Verdienste haben, die dem Staate vielleicht wichtigere Dienste leisten, und demselben keine mindere Opfer bringen als Gelehrte, sollte jeder Staat durch ein Denkmal sorgen: so wie die Griechen und Romer thaten, und noch jetzt verschiedene empfindsame Nationen, obwohl selten thnn. Fallt diese Art von Ehrgeitz ganz: so ist zu besorgen, daß auch die Großen dieser Erden gegen das Lob oder den Tadel der künstigen Geschichte gleichgültig seyn werden. Bisher ist es noch immer ein großer Bewegungsgrund für manchen Helden und Fürsten gewesen, sein Andenken von dem Fluche der Zukunft und dem Brandmal der Nachwelt zu befreyen. Wenigstens haben solche Fürsien, die sich durch einige Thaten im Andenken erhalten werden, immer gewünscht, solches unbefleckt zu erhalten, und in dieser Absicht manches unterlassen, was sie sich sonst wohl erlaubt haben würden. Vordem starb kein Mann von Ansehen, ohne nicht wenigstens eine Leichenpredigt zu erhalten. Sind dieselben gleich gemißbranchet worden: so war doch die Absicht, welche man anfänglich dabcy hatte, groß und wichtig, und man hätte solche unter einer Staatscensur immer erreichen können, wenn wir nicht zu früh hierinn nachgegeben hätten. Allein so haben wir eins mit dem andern aus der Welt heraus satyrisirt, und nur Ludwig der XV. hat das Glück gehabt, daß ihm in einer Leichen- predigt die Wahrheit nachgesagt worden- Billig sollte uns Z2o Vorschlag zum bessern Unterhalt uns diese französische Mode wieder dahin bringen, wo wir vor hundert Iahren waren; und hiezu, mein Sohn, laß mich das Exempel geben. Laß mir eine Leichenpre- digt halten, und errichte mir ein Denkmal, so wie meinem Urgroßvater errichtet worden . . . ZIXXIV. Vorschlag zum bessern Unterhalt des Reichs- Kammergerichts. ^a man jetzt in England mit dem großen Entwürfe umgeht, alles dcntfehe Linnen, was dort hinkommt, mit einer solchen Auflage zu beschweren, daß es endlich ganz zurück bleiben, und dem Schottischen und Irischen Linnen weichen soll; in Deutschland aber, wo die heilsame Institz immer die große Nationalangelegenheit bleibt, man sich noch nicht über die Mittel vereinigen können, wie das Heil. Rom. Reichs Kammergcrichte, von dessen Nothwendigkeit jeder rechtschaffene Mann überzeugt ist, in seiner gehörigen Vollständigkeit zu erhalten, und billiger Weise zu bezahlen sep: so wäre es wohl unter allen Vorschlägen, die seit der Zeit, daß jeder Staat einige Proicktenmacher als noihwendigeRäthe angenommen hat, geheckt sind, nicht der schlechteste, wenn sich die edle deutsche Nation nnrer der allerhöchsten Genehmigung ihres Oberhaupts dahin vereinigte, daß in allen Häfen und Anfnrten unsers werthen Vaterlandes, so wie auf allen Eränzpässen, nach der niederländischen Seite, ebenfalls ein verhältnißmäßiger Zoll auf alle englische Wollenwaa ren gelegt, und dieser-zum Unterhalt für Hochbesagtes Reichsgericht angewandt würde- Man des Ncichskammergmchts. z 21 Man rechnet in England, daß für drey Millionen und dreymal hundert tausend Pf. Sterling Wollenwaaren in Deutschland und in Norden abgesetzt werden. Wahrscheinlich kömmt davon für eine Million Pf. St. zu uns. Wenn wir einen Impost von z 5 pro C.; als so viel die deutschen Linnen jetzt in England würklich bezahlen, darauf legten: so würde dieses jährlich schon mehr als zwey Millionen Thaler betragen, und mit einer solchen Summe könnte man gewiß so viel Affcssores besolden, als unsere Prozeßsucht erfordert und nörhig sepn würde, um alle Prozesse jedesmal in einer Zeit von drey Jahren zu Ende zu bringen. Vielleicht reichte auch der zehnte Theik schon hin, das Erforderliche zu bestreiten. Bis dahin sind alle englische Waaren in Deutschland Zollfrei) eingegangen, weil dessen einzelne Stände den Häfen und Städten, wodurch solche in ihre Länder kommen, nicht gestatten können und wollen, solche zu ihrem Nachtheil zu beschweren; die letztern auch mehrern Vor- rheil dabei) gesunden, wenn sie fein viele ausländische Waaren dem armen Vaterlande zuschicken können, als wenn sie durch Auflagen die Zufuhr verhindert hätten; und diese Verfassung wird immer so bleiben müssen, so lange des Heil. Rom. Reichs Fürsten für dergleichen Auflagen nicht eine gemeinschaftliche Casse, dessen Einnahme jedem Stande in seinem Verhältnisse zu gute kömmt, errichten. Diese aber kann in der That zu keiner bessern Absicht errichtet werden, als zu dem Vorgedachten großen Zwecke, woran Haupt und Gliedern insgemein gelegen, und mit welchem die edle deutsche Freyheit stehen oder fallen muß. Zwar wird man einwenden, daß bey einem solchen Impost alle englische Waaren gar bald gänzlich zurück bleiben, und unsre deutschen Fabriken, welche bereits würklich den englischen in vielen Arten von Waaren gleich kommen, den Markt allein haben würben. Allein ohne Nlbscrspham, II. The»l, R zu Z 2 2 Vorschlag zum bessern Unterhalt zu gedenken, daß wir so wie hier oben bereits gezeiget, keine Auflage von z; pro E. zu machen gebrauchen, sondern mit dem zehnten Theil zukommen können, und daß hierdurch die englischen Manufakturen vermnthlich nicht ganz zurück gehalten werden dürften: so wird zu der Zeit, wenn wir erst so glücklich seyn werden, die fremden Wollenwaaren ganzlich entbehren zu können, sich noch allemal ein patriotisches Projekt wieder finden, wodurch dieses willus in der zu errichtenden Reichskasse ersetzet werden kann; und vielleicht sind wir zu der Zeit gar so glücklich, daß mittlerweile alle unsre alten Prozesse ab- gethan, und die neuen mit weniger» Kosten dnrchgebracht werden können. Außerdem aber werden noch immer so viel amerikanische Produkte ans den noch unbeschwerten englischen Cvlonien zu uns kommen, woran wir uns er holen können, daß kein gänzlicher Ausfall eher zu befürchten , als bis alle unsre Heiden den schönsten Toback trage», und unsre Berge mit Mahagonpeichen bewachsen seyn werden. Und gegen diese Zeit denke ich, sind wir so reich, daß wir auch Flotten in der See haben, und uns den Unterhalt für das Kammergericht von den zinsbaren Inseln einschicken lassen können. Ueberhaupt aber würde die deutsche Handlung und Mannfaktur ein ganz neues Leben bekommen, wenn dieselbe durch gemeinschaftliche Auflagen zum allgemeinen Reichsbcsten regieret werden konnte. Es ist kein Reich jetzt in der Welt, was nicht in solcher Absicht ein gewisses System hat, nach welchem Aus- und Einfuhr nach den inner» Bedürfnissen des Staats entweder gehindert oder gehoben wird. Deutschland allein ist ein offnes Reich, was von allen seinen Nachbaren durch die Handlung geplündert wird, und in welcbem das Interesse aller Seehafen mit dem Interesse des inner» Landes auf das offenbarste streitet. Kein einzelner Staat kann hierin» dcö RcichöüMmergmchts. 3-3 inn für sich eine große Aendernng machen, ohne weiter etwas zu thun, als den Handel, der bisher den Weg durch seine Straßen genommen, seinen lautenden Nachbaren zuzuwenden. Was ans der Elbe zu sehr beschweret werden würde, liefe in die Weser, und was hier nicht ohne Abgabe eingehen könnte, würde die Emse suchen, oder durch die Niederlande zu uns kommen, ja wohl gar, so wie jetzt schon würklich geschieht, den Weg über Triette »ach Sachsen suchen. Die Franzosen, welche höchstens nnsre rohen Produkte einlassen, und solche jetzt aus vielen hieher nicht gehörige» Ursachen theurer, als wir selbst nutzen können, nehmen nichts aus Deutschland, woran die Hand etwas beträchtliches gewonnen hat, wir hingegen sehr viele Sachen, woran die Hand unendlich verdienet hat, von ihnen. Wir lassen solche frep ein, weil wir sie nach unsrer mißhelligen Verfassung nicht beschweren können; und seitdem diese alten Erbfeinde deutscher Nation sich in unsre Erbfreunde verwandelt haben, können wir sicher darauf rechnen, daß sie unsre Fabriken nicht aufkommen lassen werden, wenigstens diejenigen nicht, woran wir mehr als Salz und Brod gewinnen könnten. Schweden erhält, vermöge seiner Zollregister, fast wenig oder nichts mehr von allem, was wir ehedem dahin gesandt haben. Dännemark macht es nicht viel besser, und"' Nußlands Zölle sind so hoch und strenge, daß sie mir der Zeit, wenn erst alles selbst im Lande gemacht werden kann, nichts mehr von uns nehmen können, und Pohlen . .. Deutschland aber allein hat kein gemeinschaftliches Interesse, wodurch seine Seehafen mit dem inner» Lande zu einem Zwecke gestimmt und gebracht werden könnten. Dessen Zollwesen steht noch auf denselben Grundsätzen, worauf es vor 500 Jahren, wie alle seine Nachbarn noch von seinen Kaufleuten abhängig waren, gestanden hat; und in jeder Capitulation wird es, in Rücksicht auf seinen würklichen Zustand mit dem besten Grunde, sonst L 2 aber Z 24 Von den! öffentlichen Credit, aber wnhrlich ohne Rücksicht ans die Handlung wiederholet, daß lein neuer Zoll angelegt, kein alter erhöbet, und somir das werthe Vaterland allen wachsamen Nationen zum beständigen Raube gelassen werden solle. I-XXV. Voss dem bffeutlichen Credit, und dessen großem Nutzen. ^s kömmt vielen unglaublich vor, wenn man ihnen sagt, daß ein Staat, durch Schulden machen, reicher werde; und gleichwohl müssen die eifrigsten Feinde dieser Behauptung einräumen, daß England in vorigem Kriege keine 50 Millionen Ps. Sterl. würde haben aufleihen können, wenn es nicht vorher schon achtzig schuldig gewesen wäre. Sie gestehen, eine Nation, welche noch gar keine Schulden und höchstens sechs Millionen Haares Geld habe, könne unmöglich in einem Jahre 12 Millionen aufleihen, und ein Drittel davon ausserhalb Randes verwenden, ohne die ganze einheimische Cir- kulatiou zu hemmen, und dem Handel und Wandel alles baare Geld zu entziehen; sie gestehen, daß dieser Staat, wenn er erst zehn Millionen Schulden hat, weit leichter ein paar Millionen aufleihen könne, als vorhin, sobald die ausgestelleten -Obligationen in allen Zahlungen angenommen werden, und die Stelle des baareu Geldes vertreten; sie gestehen, daß England, nachdem es erst achtzig Millionen schuldig gewesen, ohne alle Mühe und ohne die geringste Stöhrung seines Handels > 2 Millionen in einem Jahre aufgeborget habe; und dennoch wollen sie nicht gestehen, daß dieses Reich dermalen, da dessen Einwohner ein Vermögen von sechs Millionen baar Geld, und dessen großem Nutzen. Z 25 Geld, und von izo Millionen Obligationen besitzen, reicher sey, als zu der Zeit, wo diese i zo Millionen noch gar nicht vorhanden, oder welches einerlei) ist, wie noch gar keine Schulden gemacht waren. So widersprechend dieses ist: so schwer hält es, diese ehrlichen Leute zu überzeugen; und wenn ihnen der Verfasser des Nrsitö clo la Liroulmiou er 6a Lrollit O, aufs deutlichste zuruft: „So oft die englische Regierung Schulden macht, und einen Theil der Steuer zur Bezahlung der Zinsen anweiset, so oft erschaffet sie aus nichts ein künstliches und neues Capital, welches vorhin gar nicht da war, und welches mit Hülse des Credits eben so nützlich, dauerhaft und sicher ist, als wenn es in klingender Münze vorhanden wäre. Laßt uns zum Beyspiele die 12 Millionen betrachten, welche die englische Regierung im Jahr 1760 aufnahm; laßt uns untersuchen, was daraus geworden? Ist es nicht wahr, daß solche größtentheils im Laude verzehrt worden? Dasjenige, was davon an dieArmeen und Höfe in Deutschland bezahlt, ist es nicht größtentheils wieder zurückgeflossen, und ist Deutschland nicht eine Wiese, wovon wir so viel Heu geerndtet, je mehr wir sie gewässert und fruchtbar gemacht haben? Fließen dieReich- thümer Deutschlandes nicht mit einander in die Cas- sen der Handeluden Nationen? . . . Aber es sep genug, daß der größte Theil der damals ausgegebenen Obligationen in den Händen der Nation selbst geblieben, und so ist es ein ausgemachter Satz, daß durch jenes Aulehn die Capitalien seiner Mitglieder damals ansehnlich vermehret worden. Will man noch eine deutlichere Probe; so frage man sich nur einmal selbst: wo die izo Millionen Pf. Sterl., welche X z Eng- c) Äwüeril-»» 17-1, Z26 Von dem öffentlichen Credit, England jetzt schuldig ist, und welche den größte» Reicht!)»»» seiner Einwohner ausmachen, jetzt seyn würden, wenn gar keine Schulden gemachet worden? Würden dessen Einwohner diese Summe an baarem Gelde vorrathig haben? Dieses ist nicht möglich, ganz Europa hat so viel Geld nicht. Würden sie den Werrh dafür an Gründen besitzen ? Das läßt sich auch schwerlich behaupten, da die Grunzen des Landes sich nicht ausdehnen lassen, und der erhöhet? Werrh der Landereyen eben eine Folge des erschaffenen Reieh- thnms, des dadurch vermehrten Handels und der dadurch zugenommenen Bevölkerung ist. Würden sie so viel mehr Schiffe, so viel mehr Waaren haben? O auch diese haben ihr Maximum, worüber man ohne Gefahr nicht herausgehen kann. Und bei) dem allen würde Geld kein Geld bleiben, wenn die izo Millionen Pf. Sterl. ans einmal in Münze verwandelt und unter die Leute gebracht würden ; die Waaren würden keinen Preis haben, wovon auf einmal für izo Millionen vorhanden wäre; und wenn die Anzahl derKanflente, welche mit so einer ungeheuren Menge von Waaren handelten, ins unendliche vermehret worden: so würde einer dem andern den Markt verderben. Wo waren also die izo Millionen? Sie waren gar nicht vorhanden, nnd die Nation um so viel armer, als sie weniger Schulden hatte ... . " so will ihnen doch dieses System nicht recht geläufig werden, und sie rücken immer mit dem Einwurfe heraus: wie es möglich sey, daß ein Mann, durch Schulden machen, reicher werden könne? Der Fehler liegt aber gewiß nicht an der Sache, son dern an der Formel, deren man sich bedienet, um sie auszudrücken, und ich bin versichert , daß die Wahrheit derselben einem jeden einleuchten werde, sobald man sie nur und dessen großen Nutzen. Z27 nur andere ausdrückt. Gesetzt, ein Kanfmann lege auf der ersten Messe, die er bezieht, sein ganzes Capital an, welches aus zehntausend Thalern bestehen soll; aus der zweyten lege er wiederum sein eignes Geld an, und erhalte für 10,000 Thaler Waaren auf Credit; auf der dritten Messe finde er für zwanzig tausend, und zuletzt, nachdem er durch eine pünktliche Bezahlung sich das voll- kommenste Zutrauen erworben, für hundert tausend Tha- lcr Credit; so wird er unstreitig immer in dem Verhältnis; gewinnen, als er mehreru Credit erhält und nützt; und wenn man dieses mit obiger Formel ausdrückt: so wird es heißen: Der Kaufmann ist um so viel reicher geworden, als er mehrere Schulden gemacht hat. O! denkt mancher, das habe ich lange gewußt, und die Gelehrten sollten sich billig schämen, dergleichen Wahrheiten, die der geringste Ladenjunge weis, so unverständlich auszudrücken. Nun frcylich das sollten sie nicht thun; sie konnten sich wohl bisweilen eine minder wichtige Mine geben; indessen ist es doch so lange nicht, daß man die Anwendung dieser, einem Kaufmann bekannten Wahrheit, auf ganze Staaten gemacht hat. Es ist noch so lange nicht, daß man auf die Gedanken gekommen ist: der Credit eines Staats lasse sich, wie der Credit eines Kaufmanns nutzen, und das Land, das blos mit seinem haaren Capital handle, könne lange dasjenige nicht leisten, was ein anders leistet, welches seinen ganzen Credit mit zum Handel nimmt. Gesetzt nun, ein Staat habe eine Million baares Geld, und neun Millionen Werth an liegenden Gründen: so wird man denselben keiner Unvorsichtigkeit beschuldigen können, wenn er bey erheischender Nothdurft an baarem Eelde und Obligationen zehn Millionen cirkuliren läßt. Gesetzt weiter, diese Obligationen cirkuliren unter seinen Einwohnern, und wenn sie auch auswärts in Zahlungen gebraucht worden, kehren durch die Bilanz der Handlung X 4 wieder Z2Z Von dem öffentlichen Credit, wieder dahin zurück: so wird er es unstreitig wagen dürfen, noch für zehn Millionen neuen Credit zu machen, und also zwanzig Millionen cirkuliren zu lassen, wenn es der Handel erfordert. Verhallen sich diese zwanzig Millionen eben so, wie die vorigen, und derHandel erheischt noch mehrere Zeichen: so wird er immer und so lange mit dieser Operation fortgehen können, als Leute sind, die dergleichen nehmen und fordern. Jede Vermehrung derselben wird ein eben so sicheres Zeichen einer zunehmenden Handlung seyn, als sicher es ein Zeichen von dem zunehmenden Gewerbe eines redlichen Kaufmanns ist, je mehr er Geld zu seiner Handlung anleiht. Es ist also klar und unwidersprechlich, daß die größte Benutzung des Credits, oder um mich nach der alcen Formel auszndrük- ken, die größte Menge von Schulden, die sicherste Probe eines zunehmenden Reichthums seyn könne. Um die Sache noch deutlicher zn machen, und sie der Anwendung näher zu bringen, wollen wir ein Dorf nehmen, daß aus ioc> Ackerhöfen bestehe, welche jährlich tausend Thaler an Steuer zu bezahlen haben sollen. Gesetzt, diese Höfe hätten Gelegenheit, wenn sie jährlich 4OOO Thaler an Zinsen aufbrächten, ein Capital von hundert tausend Thalern in Obligationen zn erschaffen, und solches loa Fabrikanten, die sich unter ihnen besetzten, wiederum anzuvertrauen, und jeden Fabrikanten damit in den Stand zu setzen, nicht allein die Zinsen richtig wiederum abführen, sondern auch eben so viel als die i Höfe, an Steuer ausbringen zu können, was würde der Erfolg hievon seyn? Unfehlbar dieser, daß die ioo> Höfe jährlich die Hälfte weniger als vorhin stenrsten, und weil sie die Zinsen richtig wieder empstengen, keinen Pfennig dabep verlöhren. Und würde man nicht sagen müssen , daß die kleine Nation von 100 Höfen durch ihre Schulden reicher geworden, als vorher? Man und dessen großen Nutzen. 329 Man wird zwar einwenden, daß die Sache in der Theorie richtiger sei), als in der Anwendung, weil hier Unglück und Betrug mit zum Anschlag gebracht werden müßten. Allein man rechne auch dagegen den Einfluß von 100 Fabrikanten auf die Kornpreiße, die Haus- und Landheuren, und andre unzählige Nebenvortheile: so wird sich eins gegen das andre leicht compensiren lassen, und so lange die Obligationes dieser kleinen Nation in allen Zahlungen als baares Geld genommen werden, kann man immer die vortheilhastcsten Schlüsse machen. QXXVI. Vorschlag zu einer Zettelbank. Ä8enn unter der besten Gnarantie und Sicherheit in der Hauptstadt des Landes eine Bank errichtet würde, worinn man sein Geld zur Sicherheit verwahren, und allenfalls auch bis zu einer bessern Gelegenheit, zwei) vom Hundert als eine Zinse davon genießen könnte; Wenn alle Depositengelder, welche bei) den Gerichten ungebraucht liegen, in diese Bank geschickt werden müßten; Wenn anstatt bey öffentlichen Versteigerungen baar Geld ins Gerichte zu bezahlen, jeder Käufer mir zu bescheinigen gebrauchte, daß er den Kaufschilling in diese Bank geliefert hätte; Wenn, so oft Gläubiger im Gerichte bezahlt werden müßten, der Richter ihnen nur die Scheine auf diese Bank zu geben brauchte, um bey derselben ihre Bezahlungen zu empfangen; Wenn alle Vormünder angewiesen würden, die Gelder ihrer Pupillen nicht über acht Tage im Hause zu haben, sondern solche bis zu einer bessern Belegung in die Bank zu liefern; X 5 Wenn ZZo Vorschlag zu einer Zettelbank. Wenn dann der Vormund, sobald er eine bessere Be- legung fände, demjenigen, der das Geld annimmt, nur den Bankschein einliefern dürfte, um das Geld selbst in Empfang zu nehmen; Wenn alle piii cai-porz nach dem Epempel der Vormünder verfahren müßten; Wenn alle öffentlichen Lassen ihre lahmliegenden Gelder dahin abgeben könnten: . . . So würde man nicht allein vieles Zählen und Wägen, sondern auch sehr viele Umschweife und Mühe, besonders auch Porto und Gerichtsgebühren ersparen, und mit mehrerer Sicherheit und Ruhe einen Taufschein als das baare Geld selbst bewahren; man würde mindern Verlust bev den Geldsorren haben, und vom Lande in die Stadt und von der Stadt aufs Land die Zahlung lieber mit Banknoten als mit baarem Gelde verrichten. Hauptsächlich aber würde man aller Wahrscheinlichkeit nach auf diese Weise immer ein großes Capital gegen einen geringen Zins in der Bank haben, und dieses zum Vortheil der Handlung nutzen können. Wenn dann von diesem Capital auf keine andre Pfänder als auf Linnen und Garn, welches Ballenweise in die Bank geliefert würde, und höchstens auch auf Wollenballen zu vier von Hundert vorgeschossen würde: So würde der einheimische Kaufmann nie zur Unzeit losschlagen dürfen; er würde sein Linnen und Garn so lange auf eigne Rechnung behalten können, bis es von außen gefordert würde; er würde nur den dritten Theil des Geldes nöthig haben, was er jetzt nöthig hat; und der Wollcnfabrikant konnte zu rechter Zeit das Nöthige ankaufen, und einen Ballen nach dem andern, so wie er die Zahlung leistete, aus der Bank ziehen. Diese Art der Anstalt, welche ich hier nur auf eine ungekünstelte Art aufzustellen bemühet bin, nennet man eine Vorschlag zu einer Zettelbank. zzr eine Zettelbank, und solche ist in allen Landern, wo das baare Geld und der Privatcredit nicht zureicht, die Unternehmungen seiner Eingesessenen zu bestreiten, jederzeit von dem größten Nutzen befunden worden. Es ist dieses die erste natürlichste, einfaltigste und sicherste Art, den Landescredit zu nutzen; das Capital, was in der Circn- lation ist, zu verdoppeln, und solches einzig und allein zum Vorrheil der Handlung zu gebrauchen. Was kann «lso einen Staat, dem es an Credit nicht ermangelt, abhalten, diesen Vorthcil sich und seinen Einwohnern zn verschaffen? Erstlich, wenn Geld und Privatcredit genug vorhanden ; Zweytenö, wenn es an einheimischem Fleiße und Gelegenheit mangelt, ein doppeltes Capital zu gebrauchen; Drittens, wenn zu befürchten ist, daß die Circu- lation mit zu vielen Geltungen (Münze und Papier sind beydes Geltungen) zu sehr überhäuft, folglich die Zinse zu niedrig fallen werde. Allein welcher Staat in Deutschland kann sich auf den ersten und dritten Grund berufen? und welcher Patriot wird nicht hoffen, daß Mittel auch Much und Fleiß erwecken werden? Wahrscheinlich würden die Scheine einer Oßnabrücki- schen Bank auch in Bremen und Holland Credit finden; und wie vieles würde nicht auch hiedurch erspart werden? Ein Kaufmann, der in Bremen zu bezahlen hat, schickt das Geld mit einem Frachtwagen hin; ein andrer, der für Linnen dort etwas zu empfangen hat, laßt dieses eben so unsicher dorther kommen, und wenn gleich auch dann und wann eine Aßignation ins Mittel tritt: so ist diese doch bisweilen unsicher, man muß sie erst aufsuchen, und sie lausen in einem zu kleinen Zirkel; wenn dagegen jeder Kauf- ZZ2 Vorschlag zu einer Zettelbank. Kaufmann in Bremen das Linnen mit Bankscheinen be- zahlen, ließe: so wurde der Bremer auch diese wieder nehmen, und anstatt leichtes Gold oder schlechte Münze für uns zu sammlen, jene Scheine zurückschicken. Eben so würde es der Hollander machen, und auch für die holländischen Wechsel, welche wir in Bremen verkauften, würden wir unsre Bezahlung in Banknoten geschwinder, leichter und wohlfeiler erhalten. Alles, was dabei) verkehren gehen könnte, wäre die jetzige Krämerey mit der Münze und dem leichten Golde, da der Kaufmann immer für fein Linnen das schlechteste Geld, was er nur gebrauchen kann, in Bezahlung nimmt, und dasjenige, was er in Bremen zu bezahlen hat, mit demjenigen, was dort am höchsten gilt, verrichtet. Allein eben dieses würde ein wesentlicher Lortheil für den Staat seyn, und der Kaufmann ersparte leicht an Porto, Proviston und auf andre Art so vieles wieder, als er auf jene Art verlohnen. Ich erinnere mich eines Fäßchcn Geldes, was vor einigen Jahren, wie die leichte Münze noch im Cours war, in der Zeit von zweyen Monaten sechsmal das hiesige Postamt paßirte, ohne jemals von dem Versender eröffnet zu seyn. Es gieng immer in Bezahlung von Hamburg nach Amsterdam, und von Amsterdam nach Hamburg. Hätte nun eine Banknote die Stelle dieses Fäßchens vertreten: wie viel Porto würde nicht seyn erspart worden? und das Geld, was in dem Fäßchen war, hätte man inzwischen weit besser nutzen können. ZZ3 I.XXVII. Das Englische Gärtchen. Ä?as das für eine Veränderung ist, meine liebe Großmama! Sollten Sie jetzt ihre kleine Bleiche, worauf Sie in Ihrer Jugend so manches schönes Stück Garn und Linnen gebleichet — sollten Sie den Obstgarten, worin» Sie, wie Sie mir oft erzahlt haben, so manche Henne mit Küchlein aufgezogen — sollten Sie das Kohlstück, worauf der große Baum mit den schönen rock,gestreiften Aepfeln stand, — suchen: nichts von dem allen würden Sie mehr finden. Ihr ganzer Krautgarten ist in Hügel und Thäler, wodurch sich unzählige krumme Wege schlängeln, verwandelt; die Hügelchen sind mit allen Sorten des schönsten wilden Gesträuches bedeckt, und auf unfern Wiesen sind keine Blumen, die sich nicht auch in jenen kleinen Tkälerchen finden. Es hat dieses meinem Manne zwar vieles gekostet, indem er einige Tausend Fuder Sand, Steine und Lehmen aus das Kohlstück bringen lassen müssen, um so etwas Schönes daraus zu machen. Aber es heißt nun auch, wenn ich es recht verstanden, eine Schrubbery, oder wie andere sprechen, ein englisches Boßkett. Ringsherum geht ein weißes Plank werk, welches so bunt gearbeitet ist, wie ein Drellmuster. und mein Mann hat eine Dornhecke müssen darum ziehen lassen, damit unsre Schweine sich nicht daran reiben möch- ten. Von dem an der Bleiche angelegten Hügel kann man jetzt zwey Kirchthürme sehen, und man sitzt dort auf einem chinesischen Cauapee, worüber sich ein Sonnen schirm mit vergoldetem Blech befindet. Gleich dadey soll jetzt auch eine chinesische Brücke, wozu mein Mann das neueste Modell aus England erhalten, angelegt, und cm eigner Fluß dazu ausgegraben werden, worinn ein halb Dutzend Schildkröten, die bereits fertig sind, zu liegen kommen Z34 Das Englische Gärtchen. kommen werden. Jenseits der Brücken, gerade da, wo der Großmama ihre Bleichhütte war, kömmt ein allerliebster kleiner gothischer Dom zu stehn, weil mein Mann Gotherich Dom heißt. Wie ich vermache, hak er diese Idee aus dem Garten zu Stove genommen, worinn der Lord Tempel so viele Tempel angelegt hat. Der Dom wird zwar nicht viel größer werden, als das Schilderhäusgen, worinn der Onkel Toby mit dem Corporal Trim (doch Sie werden dieses nicht verstehn, Sie haben den Tristram Shandy nicht gelesen) die Belagerungen in seinem Garten commandirte. Aber die gothische Arbeit daran wird doch allemal das Auge der Neugierigen an sich ziehen, und oben drauf kömmt ein Fetisch zn stehen. Kurz, Ihr gutes Eärtchen, liebe Großmama, gleichr jetzt einer bezauberten Insel, worauf man alles findet, was man nicht darauf suchet, und von dem, was man darauf suchet, nichts findet. Möchten Sie doch in Ihrem Leben noch einmal zu uns kommen, und alle diese Hexerepcn mit ansehen können.' Sie waren sonst eine so große Bewundern, der Bären und Pfauen von Tapns, womit in Ihrer Jugend die Fürstlichen Gärten geschränkt waren; was für ein Vergnügen würde es Ihnen nun nicht feyn, zu sehen, durch was für erhabene Schönheiten diese altfränkischen Sachen verdrängt worden! Sie müssen aber bald kommen; denn wir werden »och vor dem Winter nach Schevelingen reisen, um den englischen Garren zn sehen, welchen der Graf von Pentink dort auf den Sand- dünen angelegt hat. Alles was die Größe der Kunst dort aus dem elendesten Sande gemacht hat, das, denkt mein Mann, müsse auf einem guten Ackergrnnde gewiß gera- then; und er bedanret nichts mehr, als daß er die Sandhügel so mühsam anlegen muß, welche dorr die See auf- gefpüler hat. Von Schevelingen gehen wir dann vielleicht nach England, und so weiter nach China, um die große Also ist der Diensteyd nicht abzuschaffeil? große eiserne Brücke, den porcellainen Thurm von nenn Stockwerken und die berühmte Mauer in Augenschein zu nehmen, nach deren Muster mein Mann noch etwas hinten bey dem Stickbecrenbusche, wo Sie Ihre Krausemünze stehen hatten, anzulegen gedenket. Wenn Sie aber kommen, so bringen Sie uns doch etwas weißen Kohl aus der Stadt mit; denn wir haben hier kemen Platz mehr dafür. Ich bin in der ungeduldigsten Erwartung w. A nglomania Do m e n. I.XXVIII. Also ist der Diensteyd nicht abzuschaffen? Äöenn ein Zeuge dem Gefangenen unter Augen gestestet, vor dem schrecklichen Meineyd gewarnet und feierlich be- eydigt wird: so pflegt der Zeuge einen mitleidigen Blick auf den Misserhater zu werfen, und damit so viel auszudrücken: Vergicb es mir, mein Freund, daß ich die Wahrheit sagen muß, ich wollte dich gern mit dem Verlust meines Vermögens retten, aber meine Seele kann ich dir nicht aufopfern. Der Misselhater fühlet dieses, er verzeiht seinem Freunde, und trägt ihm keinen Groll nach, wenn er wieder zu seiner Freyheit gelangt; eben so geht es auch in den bürgerlichen Sachen, wenn Freund gegen Freund zeugen muß, und dieser einzige Nutzen des Eydes, wodurch so viel mehr Ruhe und Einigkeit in der bürgerlichen Gesellschaft erhalten wird, verdient in der That schon einige Betrachtung. Noch mehr aber nutzt der Diensteyd. Oft genug ist es gesagt, ein redlicher Mann würde allezeit seine Pflicht thun, er möge beeydiget seyn oder nicht; und ich bin über- ZZ 6 Also ist der Dimstcyd Uicht abzuschaffen? überzeugt, daß dieser Schluß seine Nichtigkeit habe. Allein der Diensieyd hat noch einen weit erhabnen, Nuz- zcn. Nicht selten kömmt ein Freund zum Richter, und stellt ihm seine Sache so mitleidig, so angelegen und so dringend vor, daß er alle Mühe hat, aus seinem Satze zu bleiben. Raisonnirt er mit seiner Freundschaft: so ist er gewiß verlohren wie ein Madchen, das mit der Liebe raisonnirt; und wenn der Freund von ihm für dasmal die Aufopferung seiner eignen Einsichten fordert, ihm die Möglichkeit, daß er irren könne, vorhält, ihm Gründe vorbringt, die allen Schein haben, andre Freunde zu Hülfe nimmt, und alles ausbietet, was Menschen Witz aufbringen kann: so wird er unvermerkt erschüttert werden, wenigstens mit Gründen gegen Freundschaft vergeblich kämpfen. Sobald er aber dem Freunde nur dieses sagen kann: ich sehe die Sache in meinem Gewissen so und so ein, und ich bin kraft meines Eydes verbunden, mein Gewissen zu befolgen: so wird die Unterredung ernsthast; der Freund darf keine Aufopferungen fordern, ohne sich selbst für einen unehrlichen Mann zu erklären, und der Richter hat den Vortheil einer Nonne, die mit dem Gelübde der Keuschheit alle Berhenrungen und Bemühung ihres Liebhabers vereitelt. In einem gleichen Vortheil befindet sich der Staatsmann, von dem ein Freund Entdeckungen verlangt; oder dem ein Freund Vorwürfe macht, daß er ihm nicht einen Wink von dem üblen Ausgange seiner Sache gegeben habe. Der Eyd dient ihm zur anständigen Entschuldigung, und der Freund kann sich beklagen, ohne mit Gcunde empfind- lich zu werden. Mit dem Gewissen hat es außerdem seine besondere Eigenschaft. Es ist eine dunkle Kammer, wohin man sich zurückziehen kann, ohne weiter Rechenschast zu geben. Man entweicht dadurch dem Angriffe mit Gründen, welchem man oft nichts entgegen setzen kann, weit 337 weil die Gegengründe unter dem Siegel der Verschwiegenheit liegen; und man entgeht dem Raisonniren, das zuletzt mir gar zu leicht auf die Seite einer anscheinenden Billigkeit tritt, und womit man sich selten in einer gefahrlichen Versuchung reitet. ^XXIX. Eine Hypothese zur bessern Aufklärung der alten deutschen Criminaljurisdiction. Ä3enn man alles dasjenige gelesen hat, was von der Hohen und Niedern Gerichtsbarkeit geschrieben worden: so hat man zwar frcylich sehr vieles und mehr als Herkules gethan, aber doch noch keinen so vollständigen Legriff von der Sache erlangt, daß man sich wider alle Zweifel beruhigen, und zu sich selbst sagen kann: ich sehe alles deutlich ein. Mir ist es wenigstens so gegangen; bis ich endlich nach vielen ausgebaneten und wieder eingerissenen Systemchen auf eine ganz besondere Vermuthnng gerathen, welche mir die Sache am besten aufzuklären schien, und womit ich wenigstens auf manchem dunkeln Wege Licht gefunden habe. Auf diese Vermuthnng brachte mich zuerst folgende Stelle in den Capitularien: Li cnmter>er>s gewesen, NNd das vorhin angezogene Gesetz weiter nichts sagen wolle, als daß der Graf einen solchen Missethater dem lVIillu bekannt machen solle. Auf diese Weise zeigten sich plötzlich zwep ganz mtter- schiedne Reichsblutrichter, der eine, oder der ordentliche, zum Leben, und der andre, oder der außerordentliche, zum Tode. Was mich hiebe!? gm mehrsten ftenete, war der alten deutschen CrimmalMisdictisn. 339 war dieses, baß Nils einmal das re^als et laocnlaro irr- «Zlciam, was der Kapscr den Bischöfen über ihre Leute verliehen, ein höchstes Gericht, aber nicht zum Blutvergießen, sondern zur Erhaltung des Verbrechers gewesen, und daß alle die Kritiken, welche darüber, daß die Kirche Blutgerichte angenommen hatte, gemachet worden, auf einmal zerfielen, und weiter nichts bewiesen, als daß die guten Leute das Costume der Carolingischen Zeiten nicht verstanden hatten. Nun dachte ich, die Deutschen haben vordem wohl Sendeboten la- cito Lorttcuarii uama all morlem iroczuo all ü'oenatom Warn arnltccnllam sut arkres rollllenllas vcl rnanciriia cor»- llomnetur. Loll illa in praekoutia coivitis (lcilicot ti actio civilis all compolitionoin pscunisillam iullituta kua- rit) vol lnilloriim nallroi-rnu ( kcüicct li all paerrarn cri- ininalorn gZinir) rernitlarUur; schien mir durch die eingeschobene Parenthese ganz harmonisch, und andre ahnliche nicht der mindesten Schwierigkeit unterworfen. Aber, dachte ich, die Sendgrafen, woraus eine barbarische Latinitat entweder Zent- oder Cent- und I 2 bey Z4O Eine Hypothese zur bessern Aufklärung Hey den Etymologisien wohl gar Synodalgrafen gemacht, sind in Westphalen gar nicht bekannt; und es müssen doch auch dort wohl ausserordentliche Richter gewesen seyn, welche Zu Haut und Haar gerichtet, und diejenigen, welche entweder das Wehrgeld nicht bezahlen oder nicht annehmen wollen, zur ausserordentlichen Strafe gezogen haben. Dies war unmöglich zu läugnen; allein was konnten die westphälischen Frey grasen (ccmnws Uber-) in der That und bep ihrem Ursprünge anders styn, als Sendgrafen? Frey oder fray heißt im Holländischen noch ausserordentlich; im Deutschen dasjenige, was von der Regel abweicht ; und da der Sendgraf der luclex extraorclinarius vel irre^ularis war, weil der ordentliche Nichter nicht anders, als auf die Erhaltung und Genugthuung erkannte; so konnte ihm der Name Kreygras aus einem andern Gesichtspunkte mit dem vollkommensten Rechte, und um so viel mehr, beigelegt werden, weil Frais - oder freisliche Obrigkeit in der Dhat auch nur so viel, als das uksicium extraorcüiuirinw, was zu Haut nnd Haar richtet, bezeichnet, die sogenannte Malefi zische aber gerade der Gegensatz von der Benefizischen ist, welche das Blut verschonet und die Verbrecher zn Gelde richtet. Bey dem allen schien mir doch das System zu witzig, wenn ich es plötzlich in die Carolingischen Zeiten legen wollte. Wenn Carl diesen Unterschied zuerst erfunden hatte: so würde er sich deutlicher darüber ausgedrückt haben. Es mußte also entweder zu seiner Zeit eine ganz bekannte Sache seyn, daß die höchste Obrigkeit lediglich zur Erhaltung (scl cowpolitioriem civilem) richtete, oder es ist eine Chimäre. Kaum hatte ich diesen Einwurf gemacht: so sähe ich auf einmal die Stelle beym 5acitus: Uicet spricl couciliuiu iiccusimo sjtiaglis et clilcrimerr capitis iuteuclere IN einem ganz neuen Lichte der alten deutschen Crinu'naljurisdiction. 341 Richte 6); so schloß ich, über eines freyen Menschen Leben konnte anch bey den alten Deutschen nur in der Nationalversammlung (und daS ist Mit der prseloutia im- jiorstciris oder mit dem IVIIsic» porlnnulls prsokviiliss ro- xiittz locuwteueuto einerley) geurtheilct werden, folglich hatte der ordentliche Richter eines Bezirks lediglich auf bürgerliche Eenugthunng zu erkennen, besonders da alle Verbrechen, welche nicht fray oder freislich gemacht waren, mit Gelde gelöset werden konnten. Der ordcntli che Richter war der liebenswürdige, der wohlthalige Vater und Erhalter seines Volks. Die Bischöfe übernahmen diese Gerichtsbarkeit mit so vielem Vergnügen als Anstände, und die Freystädte waren die glücklichen Mittel, dem Verbrecher nach damaligen Costume zur bürgerlichen Genugthuunss zu verhelfen, nicht aber der Bestrafung zu entziehen, und sie vertraten die Stelle des sichern Geleits. So mögen auch die mosaischen Frcystätte nur gegen den Blntrichter, nicht aber gegen denErhaltuugs- richter, der dem Thäter eine Geldstrafe oder ein ander -Opfer auflegte, gedienet haben. Ein besonderer Fall blieb aber doch, wie es scheinet, noch übrig, ob er gleich sehr selten vorfallen mochte, ivorinn auch der Graf ((lowos) einen Verbrecher zur Todesstrafe verdammen konnte. Dies geschähe, wann derselbe auf der That ergriffen und ihm als ein überwundener Missethater ins Gericht geliefert wurde. Ein solcher genoß der Wohlthat nicht sich mit Gelde lösen zu können, obgleich es denn überhaupt scheinet, daß nur diejenigen dazu gelassen wurden, welche geflüchtet waren, oder sich auf die Seite gemacht hatten, und nicht wieder zurückgekommen sepn würden, wenn man ihnen nicht ein sicheres Geleit und die Lösung des Verbrechens zugestanden Z) z haben r) Dahin kämm auch die Römer: hie impolkerum lie capite civis Nomsni in'iaicu popuN cognotceretur. I. 6> it. äe vnj;. Zur. 342 Eine Hypothese zur bessern Aufklärung haben würbe. Die Gesetze hatten jedoch das Flüchten begünstiget, und überall Freystatte, Friedensortc nnd heilige Säulen angelegt, wohin dem Uebelthäter so wenig der Richter, als der Racher, folgen durfte, um dem ersten die gesetzmäßige Wohlrhat des Lösegeldes zu verschaffen. Daß nun aber der Graf einen überwundenen und ihm eingelieferten Verbrecher mit der Leib - und Lebensstrafe belegen konnte, war eine so große Sache nicht. Diejenigen, so ihn ergriffen nnd überwunden hatten, waren befugt gewesen, sich selbst Recht zu schaffen. Lieferten sie ihn statt dessen nun dem Richter: so hatte er nicht viel zu urtheilcn, sondern eigentlich nur die ihm aufgetragene Privarrache zu vollziehen; er lieh gleichsam das Schwcrdt der Gerechtigkeit oder seinen Henker, denen, die, um sicher zu gehen, ihr eigen Schwerdt nicht brauchen und das Henkeramt nicht selbst übernehmen wollten. Nach dieser Voraussetzung sieht man nun leicht ein, daß: Erstlich des Grafen Blutrichteramt nach demVer- hältniß abnehmen mußte, als durch den Verfall der Münze, durch die Vermehrung des Geldes, und durch die anwachsende Menge nnangescssencr und flüchtigerMen- scheu, anstatt des Lösegeldes fast lauter Leib- und Lebensstrafen eingeführet werden mußten; ferner Zweytens daß dagegen das Ansehen des Sendgrafen nach dem Maaße steigen mnßte, als er jeden Verbrecher an Haut und Haar verfolgen konnte, ohne zu erwarten, ob derselbe sich vor dem Grafen (Lczmito) mit Gelds lösen wolle; und endlich Drittens daß wie Carl der Große gewisse Verbrechen, als zum Exempel, den Abfall zum Heydenthum, den Kirchenranb und andre, aus ganz guten Ursachen für unabloLlich erklärte, mithin der Sendgraf in diesen Fällen, ebenfalls die Erketmmiß des ordentlichen Richters der alten deutschen Criminaljurisdiction. 34z ters unerwartet, gleich aufs Blut richtete, daraus leicht die Fabel entstehen rönnen, daß Carl der Große zu Bestrafung jener Verbrechen besondre geheime Gerichte in Westphalen angeordnet habe. Durch die bloße Erklärung : daß ein Verbrechen nicht mehr mit Gelde gclöset werden sollte, konnte er feinen Endzweck erreichen. Demi darauf gründete sich das Nichteramt des Send - oder Fraygrafen ohne Mittel; und daß ein solcher Richter von den Sachsen, die jedes Verbrechen lösen zu lassen gewohnt waren, als grausam und erschrecklich angesehen werden mußte; daß ihr Haß sich ans die Rechnung dieser Richter sehr beschäftiget; und zuletzt jene Fabel ausgeheckt hat, geht aus der Sache selbst hervor. Es ist übrigens gewiß, daß die Sendgrafen (dtilli) sowohl ihre gebotene als ungebetene Gerichte gehalten haben; und höchstwahrscheinlich, daß das erstere das Vehinge- rieht und das letztere die Obersala in Westphalen genannt worden. An diesem allen würde uns aber wenig gelegen seyn, wenn man nicht auch noch in der heutigen Praxis davon einigen Nutzen ziehen könnte; und dieser besteht darinn, daß es mit den Grafen oder Erhaltungsrichtern, so wie die Münze, gesunken, und das Wehrgeld lächerlich geworden , zum Conkurs gekommen, wenigstens ihre ganze Verlassenschast durch eine Auktion zerstreut und daraus ein und andre lstocies juriLikictiouis , welche jetzt als Patrimunial besessen wird, in Privathände gekommen sei), ohne daß es die Reichssendgrafen, deren Befngniß nachher an die Landesherrn gekommen, der Mühe werth achteten, diese altfränkischen Stücke an sich zu bringen. Ein Stück daraus ist gewiß die Blut r 0 n n e, welche sich hie und da, ohne die geringste Bepmischung andrer Arten von Gerichtsbarkeiten, in Privathänden befindet. Diese, in so fern sie mit einem von Alters her fest A 4 stehen- z 44 Eine Hypothese zur bessern Aufklärung stehenden Gelde bestraft oder gelöset wird, ist das hauptsächlichste Stück, was von dem ehemaligen Blutbann des Grafens oder Erhaltungsrichters dermalen noch übrig ist. Es erhellet dieses ziemlich deutlich ans einem Vergleich mit Navensperg cla 1497. und zwar aus folgenden Worten: Auch als wir bepde Herrn und Fürsten von Osnabrück und von Eülich vorgenandt Gowgerichte haben eins in des andern Landen, nämlich wir Conrat vorge- meldt zu Sorgholzhaufen und Halle, und wir Wilhelm vorgemeldet zu Buer; so denn die Gowgerichte in Blutrunnen gegen einander bestehen blieben, lassen wir es von bey- den Seiten dabey, und mit dem Blutrunnen im Dorfe zu Dissen zu halten wie vordem, also, daß bcp- derseits Beamte solche zusammen zu theilen. Worin» meines Ermessens so viel gesagt wird: Daß, nachdem die Verbrechen, worüber der Gow- graf ehedem zu Gelde gerichtet, nunmehro an Leib und Leben, und blos die blutigen Wunden nur noch mir Gelde gelöset würden, man wegen des erstem die Bcfugniß völlig aufheben, und solche auf die letzter» einschränken wollte. In den Vergleichsentwürfen über einen ähnlichen Fall mit Münster, wollte man Münsterfcher Seits die Worte haben: Daß Münster des Gowgerichts sonder Insperrnng gebrauchen und alle Todtschläge und Blutrunnen zu strafen haben sollte. S. dm O.nakcnb. Entwurf lle 1568. Ofnabrückscher Seits hingegen fetzte man: Daß Münster den Blutrunn , so zum Gowgcricht gehöret, unbekrott solle gebrauchen als bisher. Alten!?. Entwurf >) Di- Instrumente waren ein zwehfusuger Quadrant vom jungem Eisson mit holländischen Fernröhren, eine Uhr mit cuifacher Pendnlstauge von dem Göttingischcn Bauherrn Kampe, und einem vortrefflichen hslläudi- sehen Fernrohr, welches ihm der Herr Iagdrath von Hicuuber nmgctheilt hatte. der Stadt Oßnabrück. Z59 demjenigen gegen Osten abliegt, der über Sr. Königs. Majestät Sternwarte zu Rühmend geht. Von diesem liegt der Greenwichische i Minute 19 Secnnden westlich ab, folglich der Oßnabrückische vom Greenwichische» z i Minuten 48 Secnnden. Ferner ist der Greenwichische von dem Parisischen 9 Minuten 16 Secnnden gegen Westen entfernt, also der Oßnabrückische von dem Parisischen 22 Minuten Z2 Secnnden in Zeit Wird dieser letztere Zeitunterschied in Grade des Ae- qnators verwandelt: so ergiebt sich, daß Oßnabrück 2; Grade z8 Minuten östlich von Paris abliegt. Setzt man nun mit dem Hrn. de l'Isle und d'Anoille die Insul 20 Grade westlich von Paris, so wird die Lange der Stadt von besagter Insul angerechnet, 25 Grade z8 Minuten betragen. Herr Prof. Lichtenberg hat nachwarts, weil die Richtigkeit seiner Rechnung von der Richtigkeit der Tafeln für die Jupiters - Trabanten abhieng, noch verschiedene zu gleicher Zeit angestellte Beobachtungen, insbesondere des Herrn Prof. Röhls zu Greifswalde, und anderer, die ihm der große Astronom Herr Vernonlli freundschaftlich mitgctheilet hat, mit den seinigen verglichen, jedoch sich nicht genöthiget gesehen, etwas in seiner Rechnung zu andern. Indessen muß man doch hier nur den Grund des höchstwahrscheinlichen annehmen, weil man selbst in Berlin, wo ein König!. Observatorium ist, wo Manpertuis, Prof. Kies, de la Lande und Lew nonlli observirt, und Gelegenheiten gehabt haben, eine Menge von Finsternissen der Sonne, des Mondes, der Jupiters - Trabanten, ja selbst Durchgänge der Venus Z 4 durch i) Herr N> hat diesen Unterschied nachher auf 2U 50" bestimmt. S. dir Göttnilstschrn Mz> v. 3. Febr. 1777. »> l6> z6o Das abgeschaffte Herkommen. durch die Sonne zu Hülfe zu nehmen, noch in Absicht der Lunge dieser Stadt auf 4z Secnndcn in Zeit ungewiß ist. Herr Prof. Mayer zu Greifswald fetzte anfangs die Lange dieses Orts auf 45 Minuten 25 Strunden; und nachher Herr Wargentin auf 45/ 8". Bey der großen Sonnenfiusierniß im Jahr 1764 schmolz sie auf 45^ Z"; »ud im Jahr 1765 auf 44^ 5L". Jetzt 1774 hat sie Herr de la Lande gar zu 4^ 46" herunter gefetzt. Die vollkommenste Gewißheit ist also, da sie au jenen großen Orten unter den günstigsten Umständen fehlt, auch wohl Hey uns nicht zu erreichen, wo man in der Eile ein Observatorium aufgeführt, und nicht so viele und so große Beobachtungen anstellen konnte. Die Abweichung der Magnetnadel hiefelbst hat er mit einer 7 Zoll laugen Nadel gemessen, und dieselbe 17 Grade 25 Minuten gegen Westen befunden. ZÖXXXIV. Das abgeschaffte .Herkommen» Eine lehrreiche Geschichte. Nicht weit von der Burg zu Holte wohnten vor lieben langen Jahren ein Paar frommer Hausleute, welche den edlen Herrn daselbst für ihren gnädigen Gutsherrn erkannten, und ihm, so wie es das Herkommen mit sich brachte, getreu und redlich dienten. Ihre emsige Tochter, ein frisches schlankes Mädchen, hatte ihres Gleichen unter allen zu dieser Burg gehörigen Leuten ''Eine lehrreiche Geschichte. z6l Leuten nicht, und wenn sie jährlich auf der Hofsprache >'), welche die Herrschaft damals noch mit ihrer Gegenwart zn beehren pflegte, tanzte, so hatte man schwören sollen, es sei) niemals ein Holzschnh an ihre Fuße gekommen. Ihre Stimme war so rein und klingend, daß man es allemal auf der Burg hören konnte, wenn sie unten im Sündern >) mit den Nachtigallen wetteiferte; und die Hausarbeit gieng ihr so leicht von der Hand, daß der guten Mutter das Herz lachte, wenn sie ihr liebes Kind die Drösche wenden sah. Lange hatte der Sohn des alten Burgherrn, ein junger Herr, der jetzt die Jahre der Knapschaft angetreten hatte, und mit Vergnügen der Zeit entgegen sähe, da er auf Ebenthcuer reifen sollte, die schöne Sylika, so war der Name der Dirne, insgeheim bewundert, und manchen Abend das Fenster in dem dicken Thurm auf der Burg geöffnet, um sich an ihrer Stimme bcy stiller Abendzeit zn ergötzen. Oft hatte er schon seiner gnadigen Frau Mutter angelegen, sie zu sich auf die Burg zn nehmen, und im Perlcnsticken lind Haarflechten unterweisen z« lassen, und dermaleinst ein geschicktes Hofmadchen, denn der Titel Cammerjungfer war derozeit noch nicht üblich, daraus zu erziehen. Allein da die Eltern ihr einziges Kind nicht gern missen, und noch weniger die Anerbin ihres Hofes zn falschen Hoffnungen und gewissen Thorheiren verwöhnet haben wollten: so hatte der alte Burg« Z 5 hcrr K) So wird dcr Versammlungstag der hvfhörigen Leute im Stifte Osnabrück genannt. I? Sündern ist ein beträchtliches Gehöls, was in Absicht dcr Viehweide offen oder genicin, aber waS daS Holz betritt, davon gesondert oder einem Herrn zuständig ist. 362 Das abgeschaffte Herkommen. Herr, ein Mann, der zwar manchen Biedermann ritten- lieh erschlagen, nnd manche» Bürger gebrandschatzet, bech niemals einem frommen Ackersmann das mindeste Leid zngefüget hatte, steh allezeit dagegen gesetzet, so est sein Sohn den Beyfall der gnädigen Frau Mntter erschmeichelt hatte. Denn damals richtete sich der Haushalt noch nach den Befehlen des Herrn. Endlich aber wagte er es dcch, den Gegenstand seiner jugendlichen Wünsche, da er sie ans grüner Heide allein fand, um einen Kuß anzusprechen, und vielleicht hatte sie ihm solchen in aller Unschuld nicht verwehrt, wenigstens hat man nicht gehört, daß sie ein saures Gesicht dam gemacht; wenn nicht die Mutter, welche hinter der Hecke stand, aufs eifrigste ihrer Tochter zugerufen hätte: Kind! thue es nicht, es möchte eine Pflicht daraus werden. Mutter und Tochter wußten damals noch nicht, was wir jetzt wissen, daß ein Kuß aus Pflicht gegeben, niemals fo strenge als ein andrer Hofdicust gefordert werde. Ihr Wahn war also leicht und um so vielmehr zu entschuldigen , da sie von Jugend ans in dem Glauben erzogen waren, daß derjenige, der seinen Hof mit einer neuen Pflicht belübe, ewig auf demselben spulen gehen müßte; ein Glaube, der ihnen jederzeit mehrere Dienste, als alle Gründe, womit die geringen Leute selten recht umzugehen wissen, geleistet hatte. Der junge Herr erbot sich indeß gegen die Mutter Hey ritterlichen Ehren, ihrer Tochter den Kuß so insgeheim zu geben, daß niemals ein Zeuge darüber geführet werden könnte. Er versprach in allem Ernst, weder seinem Herrn Vater noch seiner Frau Mutter das mindeste davon Eine lehrreiche Geschichte. z6z davon zn sagen, und versicherte, daß der Kuß solchergestalt niemals ins Lagerbuch geschrieben werden sollte. Allein die Mutter beharrete auf ihrem Sinn, und meyute endlich: sie müßte wenigstens vorder ihren Mann darüber zu Rathe ziehen. Das Madchen aliein sagte nichts; und man weis bis ans diese Stunde nicht, ob sie nicht gern gewünscht hätte, ihren Hof mit dieser Pflicht zn beladen. Wie sie des Abends zu Hause kamen, und einmüthig beym Heerde saßen, erzählte die Mutter der Syilka ihrem Mann den ganzen Vorfall. Sie ließen beyde ihre Gedanken lange darüber gehen; endlich aber sagte der Alte, ein Mann von vieler Erfahrung: Die Sache betrifft nicht blos mich, sondern alle zur Burg gehörige Leure. m) Mit den gutshcrrlichen Flur - oder L agcrbüchern. welche gegen dir Mitte des vorigen Jahrhunderts Mode wurde», und rvojlp in dem gegenwärtigen schön groß Papier genommen worden, ist es emc eigne Sache: ich gctrane mir zu sagen, daß kein einziges richtig seyu könne i weil man zur Zeit, wie sie aufkamen, z. E. sagte: Riub- gcld, Schweinegeld, Dicnstgeld, und kein Gutsherr dieses zu Buche schreiben konnte, ohne sich mit seine- eignen Hand zu schlagen, gleichwohl aber auch ohne Verletzung seines Pflichtigen nicht schreiben durfte: ein Rind oder dafür 4 Thaler, ein Schwein oder dafür 2 Tha» kr. ein wöchentlicher Spanndienst oder dafür 10 Wal«. Jeder setze sich hier an die Steile des EutSherrn und schreibe! und sehe dann zu, ob er nicht seine eigne Auslegung für die Wahrheit niederschreibe. Ganz anders verhalt es sich mit dem Beweise durch laugjährige Register. Diese bezeugen lediglich das factum vcl pr-iestirum, und die Auslegung schleicht sich auch so leicht nicht ein, oder man achtet nicht darauf. Der l. 7. L. sie probat., »ach welchem es für die gemeine Freiheit schädlich gehalten wird, daß ein Mann den andern zu seinem Schuldner schreiben kaun, ist für die ganze Menschheit wichtig. Das abgeschaffte Herkomme». Lento. Wenn der Glitshen' einmal das Recht hat, einen Kuß von unserm Mädchen zn fordern; so wird er es mit der Zeit von allen begehren. Es ist also am besten, ich trage es dem ganzen Hofe vor; und was dieser beschließt, das soll geschehen. Früh wie die Sonne aufgieng , eilte der Alte zum Meyerhofe, und erhielt sogleich von dem Redemeyer, daß eine Hossprache angesaget wnrde. Ihr Männer vom Hofe, fieng hierauf der beredete Nedcmeyer seine Rede gegen die versammleten Hofesgenossen an: Ihr wißt, wie oft ich das Unglück beklagt habe, daß alle nnsre Pflichten jetzt nach dem Herkommen benrtheilet werden. In den ältesten Zeiten, wie ich von meinen Vorfahren gehöret habe, war es nicht also; sondern die Genossen eines Hofes hatten alle nach ihrem unterschiedenen Verhältnisse ") einerlei) Pflichten, welche auf einer Tafel °), so hinter dem Altar hieng, beschrieben waren. Man wußte von keinem Lagcrbuche und von keinem Besitze, sondern richtete sich lediglich nach dieser öffentlichen und ») DiescS war daS sicherste Mittel, de» Dauern gegen die Aufbiirdung neuer Pflichten zu sichern. Migni nosirorum knivuut Vullschuld; aligui liiini" 6ia äebita, g'.ia? vnigariter vöcantur Holfschuld: Heist eS in verschiedenen alten Urkunden. Hier wird die Schuld als eine sichere einförmige und bekannte Sache vornuSgescht; und ein Monarch, der die Pflichten in jedem Dorfe einförmig machte, Wörde das gemeine Eigcn- thum auf ewig versichern ; uud vielen Prozesse» dabcy zuvorkommen. „) Die Tafeln in den Kirchen, worauf die Psiichtcu der Gerichtöuntcr- thanen beschrieben waren, waren ehedem hausig; und man musi die alten Deutschen bewundern, welche die Erfahrung zu dieser Vorsicht geleitet hat. Eine lehrreiche Geschichte. 365 und geheiligten Urkunde. Und man sagt, daß im Anfange mit Fleiß die Pflichten in jedem Hofe gleichförmig gemacht morden, nm den geringen Mann gegen alle einzelne Aufbürduugen zu versichern. Zu dieser Zeit machte man sich kein Bedenken daraus, der gnadigen Herrschaft ein Fuder Wein aus dem Nheingau zu holen, oder ihr den Heenvaagcn bis auf die ronkalischen Gefilde zu fahren. Denn wir waren durch jene öffentliche Urkunde sicher, daß alles dasjenige, was einer über die durchgängig gleiche Pflicht leistete, in Ewigkeit eine Gefälligkeit bleiben würde. Und wer von uns wollte sich auch noch wegern, einem so braven Herrn, als unser alter Gutsherr ist, nicht alles aufzuopfern, was in seinem Vermögen wäre, wenn es ohne Folge geschehen könnte? Allein seitdem mau angefangen hat, lediglich darauf zu sehen, was der Gutsherr bei) jedem hergebracht hat; seitdem unsere Psiichren nicht mehr hinterm Altar in nns- rer Baucrkirche, sondern in Tüchern beschrieben stehen, welche vor hundert Jahren niemand gekannt hat: seit dieser Zeit, sage ich euch, hat sich das Unglück über uns arme Hoshönge Leute wie eine Flut ausgebreitet. Wir dürfen unserm Gutsherrn, so gern wir auch wollten, nichts zu Gefallen thnn; wir können seine Gnade durch unfern besten Willen nicht verdienen: wir haben dagegen von ihm auch keine zu hoffen; und so wird die natürliche Bewegung der Erkenntlichkeit in uns erstickt; wir müssen alle Augenblick grobe Tölpel heißen, und sind es vielleicht auch aus Nothwcndigkeit, weil wir kein Ep bringen können, das nicht gleich angeschrieben wird. Es ist also auch nicht rathsam, daß eure Tochter drin jungen Herrn einen Kuß »erstatte. Denn wenn derselbe auch nicht angeschrieben und in Gegenwart einiger Zeugen gegeben wird: so haben die verwünschte» Rechtsgclchrten einen z66 Das abgeschaffte Herkommen. rinen Epd erfunden, womit sie uns .innen Leuten gleich auf den Leib fallen. Das Mädchen kann den empfangenen Kuß nicht abschwören; und dann heißt es, der Gutsherr ist im Besitz l>); und Besitz entscheidet jetzt alles; da doch ebedem weder der Besitz noch der Epd gegen die öffentlich bekannten Hofesrechte zngelaffen wurde. Ein anders wäre, wenn unsre gnädige Herrschaft die Pflichten, welche ans jedem Hofe gehen, von neuem öffeut.ich beschreiben, und auf steinernen Tafeln in der Kirche wieder aufhangen lassen wollte. Alsdann möchten sie so viel Küsse, so viel Hühner und Eper verlangen, als sie nur wollten. Mit Freuden sollten unsre Töchter sie hinbringen; wir wollten ihnen dienen, so oft sie es nöthig hätten, und sie würden sich auch ihrer Seits gegen uns mitleidig beweisen, wenn wir einmal nicht im Stande wären, unsre Pflicht zu leisten. Kaum hatte die versammlere Menge dem Rcdemeyer ihren Boyfall gegeben : so gieng der Vater der Sylika nach Hause, um seiner Frauen die Mepnung des Hofes bekannt zu machen; und diese brachte es durch ihre schöne Tochter dahin, daß das Herkommen ganz abgc- p) Ter Besitz ist immer das arme elende Nvthmitrel, worauf die römischen Rcchtsgelcdrten verfallen, wenn sie sied um die vaterländischen Rechte nicht bekümmern; es ist aber auch ein gefährliches Mittel, besonders wo der Eich einzelne u Leuten angetragen werden kann. Dieses ist wiederum ein unverzeihlicher Fehl.r unsrer Praxis. Einem einzelnen Manne, der zu einer Tilde od e einem Hofe gehört, muß nie iiber Gilde - ov.r Hvfesgerechtsamc der End angetragen werden können; sondern er „mg der ganzen Gtlde deferirt werden, die sich per 8>n6icum vertheidigt, und die Männer selbst Met, der.» Ehi> hiernachst für ab. verbindlich senn soll Eine lehrreiche Geschichte. Z67 abgefchaffet, und die Tafel in der Kirche wieder aufge? hanget wurde. Seitdem hat man zwar in dieser Gegend oft im Finster,! einen Kuß gehört; aber niemals geglaubt, daß es eine Spurerei) der Sylika sei); und ihre Nachkommen wissen es ihr noch jeizt Dank, daß keine Mutter über die Hecke rufen könne: Thue es nicht, es wird eine Pflicht daraus. Ende des zweyten Theils ü.' ' ^ Ni ^ ' -> nl c^. v/i '' ^ . NN/ ntt t^? N'/N.ni !'.! NN ^ n/^"1n' Ii??-i'^ i ö -tzü(i ^?"^V,..^-M;n-'N.^ ! v ..!/' „- !. -.--> '. '..^: sinnm^^-chn^ u u^-'./n: tt"-' n di! "n) I'NNN^'N ' ---.6 .in _ ^ FiNu ' -- "-' '. ..^ ' n/ln i - '. n - ^ n. . , ': .n /n ^ ,ö! i) Z?! kt5 ! y s'.'?: -:-).,,' .) ?' lk P cr> O O cv co Q. o Z) NZ w