Druckschrift 
2 (1804) Patriotische Phantasien, Th. 2
Entstehung
Seite
47
Einzelbild herunterladen
 

Die lobenswürdige Kokette oder :c. 47

Durch alles fragen, loben und bedanren, wobey ich ihmzuletzt mit einem nnempfindsamen Blicke sagte-, er wärewohl in seinen jüngern Iahren ein hübscher Kerl gewesen,und ihm darauf einen Dukaten in die Hand drückte, undeinen Scheffel Roggen zu geben befahl, setzte ich denMann in eine solche Entzückung, daß er mir mit einemEifer, den ich an einem Prinzen Unverschämtheit genannthaben würde, auf die Hand fiel, und solche küssete, cheich sie wegziehen konnre. Fy! werden Sie sagen, sichvon einem Bettler die Hand küffen zu lassen! Ja nun!es ist geschehen, und die Erinnerung macht mich nicht roth.

Zwanzigmal gebe ich aber armen Frauensleuten einigeGroschen, ohne in die Versuchung zu geratheu, mit ihnenein bischen zu wimmern und zu seufzen, und ihnen Thrä-nen der Dankbarkeit abzulocken. Mein Mann legt die-ses als die offenbarste Probe meiner Koketterie aus, undich weiß selbst nicht, was ich dazu sagen soll, daß micheine männlicheThräne mehr rührt, als tausend weibliche.Es sei) aber Koketterie oder geläuterte Eitelkeit, wie Siedas Mitleiden wohl eher genannt haben: so bin ich der-gestalt darauf gekommen, daß ich alles Geld, was ich mirersparen kann, zu Befriedigung dieser meiner Fantasie an-wende, und selbst eine große Prinzeßin nicht betrauerthabe, nm mir dafür das süße Schauspiel der empfindlich-sten Dankbarkeit von sechs Armen zu verschaffen.

Doch verschmähe ich auch das Vergnügen nicht, bis-weilen einem Dutzend armer Hexen eine dankbare Rüh-rung abzujagen, und mich daran zu ergötzen. Vor achtTagen kam mein Kammermädchen ganz außer Odem ge-laufen und rief: Gnädige Frau, Gnädige Frau!Nun, Charlotte ? Ja ans dem Boden! Nun wasdenn auf dem Boden? Da da liegt noch eine ganzeKammer voll Flachs und die armen Leute haben nichts zuspinnen, weil leider auch der Flachs im vorigen Jahrenicht gerathen. In meinem Leben habe ich keine ange,

neh-