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VI.
Die liebenswürdige Kokette oder Schreiben einerDame vom Lande.
dachen Sie nicht, mein Schatz, wenn ich Ihnen sage,daß ich im Ernst anfange, kokett zn werden. Seit ei-nem halben Jahre, daß ich jetzt wieder ans dem bändebin, und taglich eine Menge von Armen und Elenden se-he, thue ich fast nichts, als Herzen rühren, Thranen er-wecken , entzücken und bezaubern. Den will ich einmalrecht heulen lassen, sagte ich gestern zu meinem Manne,der gar nicht wußte, was ich wollte, und flog auf denPlatz, um einen alten armen Mann, der kümmerlich nachmeinem Fenster sah, selbst zn sprechen. Ich hörte ihmrecht freundschaftlich zn, fragte nach allen kleinen Um-standen, die ihn drückten, beklagte ihn bey jeder Stufeseines Unglücks, gab ihm erst etwas für seine Frau,dann für seine Kinder, und befahl zuletzt meinen Leuten,ihm zwei) Scheffel Roggen und ein Glas Brandtewein zirgeben. Hier hatten Sie sehen sollen, wie dein gutenKerl die Thranen in feurigen Kugeln von den Wangenherunter rollten; er sieng an zn schluchzen, und nie habeich ftie feinste Liebeserklärung mit solcher heimlichen Wol-lust genossen, als die Dankbarkeit dieses Greises.
Wie er weggieng, kam ein andrer mit Einem Arme.Guter Freund, sagte ich zu ihm, wo habt ihr euren EinenArm gelassen? Hier lies ich ihm seine Heldenthaten er-zählen, wie er unter dem Herzog Ferdinand gefochten,wie er im Felde acht Tage lang oft nichts als Kartoffelnans der Asche gegessen, und doch niemals so sehr gehun-gert hatte, als jetzt. Ich fragte ihn nach allem, was ervon dem Herzoge wußte, und freuete mich, daß seineAn-zen immer heiterer wurden, je mehr er von ihm sprach.
Durch